18.06.2012

Neuronen für Deutschland

ORTSTERMIN: In Berlin vermessen Forscher die Bundesbürger bei der Produktion des Nationalgefühls.
Vor den Augen der Probanden erscheint ein Judenstern, dann ein Bundesadler, dann eine schwul-lesbische Regenbogenfahne. Sie sollen per Mausklick angeben, wie positiv oder negativ sie das empfinden. Auf einer Skala von eins, sehr negativ, bis neun, sehr positiv.
Georg und Toni, 2 von knapp 50 Versuchspersonen, sitzen in einem Kellerraum der Freien Universität (FU) Berlin vor Bildschirmen und beantworten zwei Tage nach dem 1:0-Auftaktsieg gegen Portugal patriotische Fragen. "Ihr wisst's ja schon, wie das geht", sagt Stefan Schulreich, Versuchsleiter und Doktorand der Psychologie. Georg, der auf Lehramt studiert, und Toni, der sich für Landwirtschaft interessiert, haben die gleichen Tests schon vor dem Portugal-Spiel gemacht, dann haben sie sich das Spiel angeschaut, Georg beim Public Viewing in Marzahn, Toni mit Freunden in einem Hinterhof, und jetzt beantworten sie alles noch mal. "Indem wir die Probanden vor und nach dem Spiel testen, können wir den Vorher-nachher-Effekt messen", sagt Schulreich. Dauert zweimal eine Stunde. Es gibt 45 Euro für jeden Probanden.
Ein Team von Wissenschaftlern der FU möchte herausfinden, wie sich gemeinsames Fußballgucken auf das deutsche Nationalgefühl auswirkt. Proband Toni sagt: "Ich bin Deutscher, lern aber grade Türkisch."
Sind mehr deutsche Soldaten bereit, für die Heimat zu sterben, wenn Deutschland die EM gewinnt? Können die Deutschen Schwule weniger leiden, nachdem sie gemeinsam ihren Fußballern zugejubelt haben? Wenn das Wir-Gefühl von Toni und Georg nach streng wissenschaftlichen Methoden vermessen wird, geht es letztlich um solche Fragen.
Man kann jetzt auf den Straßen der Republik normale Mitbürger die schwarz-rot-goldene Flagge küssen sehen. Punks färben ihren Irokesenhaarkamm in den Landesfarben und skandieren unreine Reime wie "Portugal! Scheißegal!". Aber das sind zufällige Beobachtungen. Es fehlt an Beweisen, es mangelt dem Diskurs an Empirie, sagt die Wissenschaft.
Deswegen werden Toni und Georg spieltheoretischen Experimenten unterzogen, werden andere sogar an den Magnetresonanztomografen (MRT) angeschlossen, um den Neuronen im Gehirn zuzuschauen bei der Produktion des Deutschlandgefühls. Im Land des Holocaust, das nach bald 70 Jahren des schlechten Gewissens gerade widerwillig zum neuen Hegemon Europas werden soll, möchte man offenbar Gewissheit darüber haben, dass das auch alles harmlos ist mit dem wiedererstarkten Selbstbewusstsein. Oder ob es unerwünschte Nebenwirkungen hat, ob man nicht vielleicht das alte deutsche Monster aufweckt in den Köpfen. "Ich geb's zu", sagt Georg schüchtern, "beim Tor für die Deutschen hab ich auch mitgejubelt."
Die Idee, ein Fußballturnier als Gesellschaftsexperiment zu betrachten, kam Christian von Scheve, Juniorprofessor und einer der Architekten der Studie, bei der Lektüre von Émile Durkheim, einem Gründervater der Soziologie. Durkheim hat vor hundert Jahren die religiösen Rituale von australischen Ureinwohnern als kollektive Erlebnisse beschrieben, durch die Zusammengehörigkeitsgefühle erst entstehen. Das Totem als Zeichen des Clans wird mit Bedeutung aufgeladen und repräsentiert die gemeinschaftlichen Werte. So gesehen ist das Public Viewing während der EM ein moderner Tanz ums Totem, bei dem die Einheimischen das Symbol ihres Clans, die deutsche Flagge, mit positiven Emotionen besetzen. Der Schritt vom Ich zum Wir. Du bist Deutschland.
Die Berliner Forscher haben eine ähnliche Untersuchung schon 2010 während der Weltmeisterschaft in Südafrika durchgeführt. Freiwillige wurden vor und nach der WM an den MRT-Scanner angeschlossen, man zeigte ihnen Bilder von Angehörigen anderer Nationen, die auch WM-Teilnehmer waren, man maß die Sauerstoffverbreitung im Gehirn, schloss via Hautleitwiderstand auf ihren Erregungs-Level und beobachtete die neuronale Aktivität. Ergebnis: Die Probanden beurteilten die ausländischen Gesichter nach dem Turnier signifikant negativer als zuvor. Sie reagierten dafür deutlich positiver auf deutsche Symbole wie die Nationalfahne oder das Brandenburger Tor. Es wurde auch eine Zunahme von Ressentiments gegenüber gesellschaftlich diskriminierten Gruppen festgestellt. Kollektives Fußballschauen führt demgemäß zu leicht erhöhter Schwulenfeindlichkeit und größerer Ablehnung von Menschen mit Behinderungen.
Ist das nun schlimm oder eher ein bisschen egal? Darf man sich nicht auch freuen über den Party-Patriotismus? Soziologe Scheve findet, Sorglosigkeit sei fehl am Platz. "Man kann nicht davon ausgehen, dass das alles gefahrlos ist." Er scheint wenig angetan von der neuen nationalen Unverkrampftheit und findet im Gegenteil, "etwas mehr Verkrampftheit würde auch anderen Ländern guttun".
Versuchsleiter Schulreich hat sich übrigens das Spiel gar nicht angeschaut, sein Interesse an Fußball sei "sehr moderat". Und Proband Toni machte sich lange vor dem Abpfiff auf den Heimweg. "Ich hatte keine Fahrradlampe dabei und musste vor dem Dunkelwerden los." Vor solchen Fußballdeutschen braucht die Welt eher keine Angst zu haben.
Von Guido Mingels

DER SPIEGEL 25/2012
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