18.06.2012

Schwindsüchtig

Aus Angst vor einem Auseinanderbrechen der Währungsunion ziehen Bankkunden aus den Peripherieländern Einlagen ab.
Als Erste ergriffen die Reichen die Flucht. Bald nachdem sich in Griechenland vor zwei Jahren erstmals die Angst vor dem finanziellen Kollaps ausbreitete, mehrten sich Berichte über wohlhabende Griechen, die ihr Geld ins Ausland schafften. Fort, ehe der griechische Fiskus sie vielleicht doch einmal zur Kasse bittet! Raus aus einem Land, das womöglich in Kürze harte Euro durch weiche Drachmen ersetzt!
Längst holen aber auch Lehrer, Rentner und Gemüsehändler ihr Geld von der Bank. Weil mehr Menschen auf Gehalt verzichten müssen oder arbeitslos sind und den Lebensunterhalt aus ihren Reserven bestreiten müssen; aber auch aus Angst, dass ihre Ersparnisse bei einer Umstellung auf die Drachme dramatisch an Wert verlieren. Seit Anfang 2010 ist Griechenlands Geldhäusern ein Drittel ihrer Einlagen abhandengekommen.
Diese Erosion der Banken hat Folgen. "Ohne einen gewissen Bodensatz an Einlagen fällt den Banken die langfristige Kreditvergabe schwer", sagt Uwe Burkert, Leiter des Kredit-Research bei der Landesbank Baden-Württemberg. Sie sind auf kurzfristige Mittel angewiesen, die sie zuletzt nur noch dank der Rettungspakete der Troika von der EZB bekamen.
Vor der Parlamentswahl vom Sonntag erreichte der Mittelabfluss aus den Banken eine neue Dimension. Bis zu 900 Millionen Euro täglich trugen besorgte Sparer vergangene Woche aus den heimischen Kreditinstituten, heißt es in Bankenkreisen. "Zuletzt dürfte sich der Einlagenrückgang beschleunigt haben, das ist auch daran abzulesen, dass der Bargeldumlauf deutlich zugenommen hat", erklärt Volkswirt Christoph Weil von der Commerzbank. Binnen zwei Jahren hat sich der Bargeldumlauf verdoppelt, ein Zeichen, dass die Bürger Geld unter der Matratze horten.
Und das nicht nur in Griechenland. "Es gibt in allen Peripherieländern Mittelabflüsse", sagt Weil. Die Ankündigung Madrids, vom Euro-Rettungsfonds bis zu hundert Milliarden Euro Hilfen für die Banken zu erbitten, scheint daran nichts geändert zu haben. Besonders ausländische Kunden fliehen. Die Citigroup rechnet vor, seit Mitte 2011 hätten Ausländer von spanischen und italienischen Konten je hundert Milliarden Euro abgezogen.
"Bankkunden in Spanien wollen eine glaubwürdige Perspektive, dass das Land im Euro bleibt. Sonst ziehen sie ihr Geld ab", sagt Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats der Bundesregierung. Die Citigroup erwartet, dass Ausländer aus Italien und Spanien jeweils weitere 200 Milliarden Einlagen und Anleihen abziehen werden. Beschleunigen könnte sich die Flucht, wenn Bilder von Menschenschlangen vor griechischen Banken über die Bildschirme gehen. Wer oder was aber könnte einen solchen Bank-Run stoppen?
Eine Staatsgarantie für Bankeinlagen, wie sie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück nach der Lehman-Pleite 2008 abgaben, dürfte aus dem Mund des spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy wenig glaubhaft wirken, das Land hat selbst Mühe, sich zu finanzieren.
Bleibt die Notenbank als Kreditgeber der letzten Instanz, sie könnte versuchen, mit Liquiditätshilfen für die Kreditinstitute die Lage zu beruhigen. Die EZB darf allerdings nur solventen Banken gegen ausreichende Sicherheiten Geld geben. Bofinger ist deshalb der Ansicht, die europäischen Banken müssten vor allem schnell mit mehr Kapital ausgestattet werden, am besten direkt aus dem europäischen Rettungsfonds. Bisher lehnen Brüssel und Berlin das ab.
Von Martin Hesse

DER SPIEGEL 25/2012
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