18.06.2012

ÖSTERREICHWiener Schnauze

Mit unbedachten Äußerungen und gezielten Indiskretionen bringt Finanzministerin Maria Fekter Europas Politiker gegen sich auf. Die Österreicher sind gnädiger.
Erinnert sich noch jemand an Josef Klaus? An Fred Sinowatz, an Alfred Gusenbauer? Und wie viele Deutsche, wie viele Europäer wüssten auf Anhieb zu sagen, wie der derzeitige österreichische Bundeskanzler heißt?
Die meisten Österreicher schmerzt es, dass die Schönheit ihres Landes weltweit gepriesen und seine Künstler gefeiert werden - sich für seine führenden politischen Repräsentanten aber eigentlich niemand interessiert. Nur zwei Nachkriegspolitiker haben über Österreich hinaus bleibenden Eindruck hinterlassen: der Wiener Sozialist Bruno Kreisky, gestorben 1990, und der Kärntner Rechtspopulist Jörg Haider, tödlich verunglückt 2008.
Nun aber, seit Beginn der Euro-Krise, hat sich eine Figur aus der blassen Riege der Wiener Volksvertreter gelöst, die auch auf europäischer Bühne wahrgenommen wird. Es ist, erfrischend bunt nach Jahrzehnten fader Männerpolitik, eine Frau: Maria Theresia Fekter, 56, Unternehmerin, promovierte Juristin, langjährige Abgeordnete der Österreichischen Volkspartei, von 2008 bis 2010 Innen-, seither Finanzministerin.
Die schmückenden Attribute, die sich Fekter seit ihren Anfängen als Gemeinderätin im oberösterreichischen Attnang-Puchheim erworben hat, zeugen vom steilen Aufstieg einer Karrierepolitikerin - und von der hämischen Kreativität ihrer Landsleute. Als "Doberfrau", als "Maria ohne Gnaden" und als "Abschiebeministerin" titulierten Zeitungen und Kollegen die Innenministerin Fekter; "Austro-Thatcher" und "Alpen-Domina" wird sie genannt, seit sie Finanzministerin ist. Ihr meistzitierter Beiname - "Schotter-Mitzi" - geht auf ihre Herkunft als Tochter eines Kies- werk-Unternehmers zurück.
Sollte unter Europas Politikern, Finanzhändlern und Währungsspekulanten jemand noch nicht von ihr gehört haben - seit vorigem Montag weiß auch der Letz-
te, wer Maria Fekter ist: Da sprach sie in den ORF-Spätnachrichten einen Satz aus, der Stunden später von Tokio über Hongkong und Frankfurt bis an die Wall Street um die Erde ging. Auf die Frage, ob auch Italien demnächst unter den europäischen Rettungsschirm schlüpfen müsse, antwortete sie: "Es kann natürlich sein, dass es in Hinblick auf die hohen Zinsen, die Italien zahlt, zu Hilfsunterstützungen kommen kann."
Ministerpräsident Mario Monti war so wütend, dass er am Dienstagmorgen eigens eine Pressekonferenz einberief. Es sei "gänzlich unpassend, dass Exponenten von EU-Regierungen andere EU-Länder ins Gerede bringen", sagte er. Einen Tag später waren die Zinsen für italienische Staatsanleihen von 5,86 auf 6,10 Prozent gestiegen.
Monti ist nicht der Erste, den die Österreicherin so gegen sich aufbrachte. Jüngst hielt sie dem neuen französischen Präsidenten François Hollande vor, seine finanzpolitischen Vorschläge seien "Unsinn und Rezepte von vorgestern", schon Ende März hatte sie Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker schwer verärgert.
Damals waren die Finanzminister der Euro-Gruppe in Kopenhagen zusammengekommen, um den Rettungsschirm aufzustocken. Nach dem Beschluss verließ Fekter den Saal. Kurz darauf sah Juncker, der sitzen geblieben war, auf dem iPad eines Mitarbeiters, dass die Kollegin die draußen wartenden Journalisten bereits informiert hatte.
"Wie ich sehe, hat die Euro-Gruppe eine neue Sprecherin", sagte er sarkastisch in die Runde. Fekter, inzwischen zurückgekehrt, dementierte: Das sei sie nicht gewesen. Juncker zeigte ihr das iPad mit der Agenturmeldung.
Fekter darauf: "Ich habe doch nur wiederholt, was Wolfgang vor der Sitzung vertreten hat." Juncker war fassungslos: Es sei doch wohl ein Unterschied, ob ein Minister (gemeint war Schäuble) vorher seine nationale Position vertrete oder jemand den formalen Beschluss aller Minister ausplaudere. "Ich mach mich doch nicht zum Idioten", schimpfte er - und sagte zum ersten Mal als Chef der Euro-Gruppe eine Pressekonferenz ab.
Dreist griff Fekter für die Erklärung von Junckers Empörung später zu einer Indiskretion: Der Euro-Gruppen-Chef habe an jenem Tag wegen eines Nierenleidens heftige Schmerzen gehabt. Das führte zu ungläubigem Staunen in Brüssel - zu einem Karriereknick Fekters in Wien führte es nicht. Im Gegenteil: Als sie am Tag nach ihrem Italien-Interview gefragt wurde, wie sie denn darauf komme, dass Rom vielleicht auch unter den Rettungsschirm müsse, tat sie unwissend wie ein paar Monate zuvor in Kopenhagen: Das habe sie so nie gesagt.
Die Österreicher, von ihren farblosen Politikern enttäuscht, sind erstaunlich gnädig mit ihrer lauten und schillernden Finanzministerin. In ihrer eigenen Partei, berichtet der Wiener "Kurier", habe sie geradezu einen "Fanclub - unter jenen schwarzen Kern-Truppen, die es ,den Sozis zeigen wollen'".
Als die Ministerin vergangene Woche bei einer Diskussionsrunde des Wiener Wirtschaftsmagazins "Format" versehentlich als "Herr Fekter" eingeladen wurde, nahm sie den Ball gern auf: "Ich bin der einzige Mann in dieser Regierung." Und als man sie fragte, ob sie nicht Kanzlerin werden wolle, antwortete sie: "Wenn ich mir den Gestaltungsspielraum des Kanzlers und des Vizekanzlers anschaue, bin ich lieber Finanzministerin."
Der Name des Kanzlers? Werner Faymann.
(*) Bei den Salzburger Festspielen 2009.
Von Christoph Schult und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 25/2012
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