18.06.2012

ÖKONOMIEGeld und Gut

Der griechische Regisseur Alex Macheras, 33, über die neue Währung Kaereti auf der Insel Kreta
SPIEGEL: Herr Macheras, eigentlich inszenieren Sie modernes Theater. Derzeit aber propagieren Sie eine virtuelle Tauschwährung mit dem Namen Kaereti. Warum?
Macheras: Wir haben den Kaereti erschaffen, weil es hier bei uns einen Mangel an Geldfluss gab. Es gab landwirtschaftliche Produkte, es gab Dienstleistungen, aber zu wenig vom Tauschmittel Geld, also zu wenig Euro. Die Leute sind arm. Der Kaereti wurde erfunden, damit man Dienste und Produkte wieder tauschen konnte. "Kaereti" bedeutet Nutzen durch eine kleine Hilfe.
SPIEGEL: Wie funktioniert das System?
Macheras: Auf unserer Website werden die Rechnungen jedes Teilnehmers wie bei einer Bank erfasst. Ein Kaereti entspricht einem Euro. Wer etwas kauft, zahlt Kaereti auf sein Konto, wer etwas bekommt, dem schreibt man Kaereti gut. Der Kontostand des Käufers wird zugunsten des Verkäufers vermindert. Knapp 500 Leute tauschen so Waren, Dienstleistungen und Know-how.
SPIEGEL: Soll das eine neue Währung für ganz Kreta werden?
Macheras: Nein, der Kaereti ist eine regionale Ergänzung, wie bei euch die Regiowährung Chiemgauer. Er hat sich von unserem Ort Ierápetra auf die Umgebung ausgedehnt. Es gibt auch andere, ähnliche Netzwerke auf Kreta. Die Leute haben sich daran gewöhnt, also gibt es einen Bedarf.
SPIEGEL: Kann man Kaereti-Millionär werden?
Macheras: Das wäre völlig zwecklos. Der Nutzen der Tauschwährung besteht im Handel, der Kaereti verzinst sich nicht. Vom Gebrauchswert abgesehen, den man aus den Produkten und Dienstleistungen gewinnt, besteht der Sinn der Sache in der Erfahrung von Solidarität und Zugehörigkeit sowie in der Kommunikation zwischen den Menschen. Bis in die sechziger Jahre, als es auf Kreta auch nicht genügend Geldumlauf gab, war das Olivenöl eine Art Währung. Wegen seiner Haltbarkeit und des Gebrauchswerts taugte es dafür; manche haben ihre Miete damit bezahlt. Dieser "Ölstandard" kommt heute wieder in Gebrauch, übrigens auch mit Honig.

DER SPIEGEL 25/2012
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