18.06.2012

PROPAGANDAEnde einer Homestory

Der Kriegsfotograf James Nachtwey, hochdekorierter Kämpfer gegen Leid und Gewalt, fotografierte süßliche Bilder daheim beim syrischen Diktator - warum?
Seine Fotos, hat er mal gesagt, sollten der Welt von jenen erzählen, die zwischen die Fronten der großen Kriege geraten seien. Zum Beispiel dieses Bild, entstanden in Afghanistan 1996: Eine Gestalt kauert vor einem Grabstein, sie ist gehüllt in eine schmutzige Burka, eine Frau. Ihre rechte Hand hat sie auf den Stein gelegt, sie trauert um ihren Bruder. Im Hintergrund viele Grabsteine, viele Gräber. Die Kamera ist in diesem Augenblick ganz nah bei der Frau. Es ist, fernab von Voyeurismus, ein Bild voller Mitgefühl. Der Fotograf: James Nachtwey.
Oder: das Porträt eines Mannes aus Ruanda, eines Hutu, im Profil aufgenommen, formatfüllend, das Licht fällt weich auf seine rechte Gesichtshälfte, die grässlich vernarbt ist von Machetenhieben. Die Aufnahme, emblematisch für das, was in Ruanda geschah, bekam den World Press Photo Award. Der Fotograf: James Nachtwey.
Aber was ist mit folgendem Foto? Wir sehen eine Familie. Offenbar im Wohnzimmer. Man hockt auf dem Boden. Warmes Licht. Der Vater beugt sich mit dem Sohn über ein Spielzeug, die Mutter widmet sich der Tochter. Die Kinder sind sieben und acht Jahre alt. Wir sehen die Familie Assad, die syrische Präsidentenfamilie, der Vater gilt heute als Massenmörder, verantwortlich für schätzungsweise 10 000 Tote seit dem Ausbruch der Aufstände in Syrien. Davon ist auf dem Foto nichts zu sehen. Es wurde gedruckt in der amerikanischen "Vogue", kurz vor der Eskalation der Gewalt in Syrien. Der Fotograf: James Nachtwey.
Der Mann ist der wahrscheinlich höchstdekorierte Kriegsfotograf der Welt, fünffacher Preisträger der Robert-Capa-Goldmedaille, World-Press-Photo-Preisträger. Ein Dokumentarfilm über ihn wurde für einen Oscar nominiert. Nachtwey wurde unzählige Male bedroht, beschossen, mehrfach verwundet, er ist jetzt 64 Jahre alt und seit drei Jahrzehnten im Geschäft, ein Getriebener, so beschreiben ihn Kollegen, ein Mann ohne Familie, ohne Zuhause. Und ein Idol für Legionen von Fotografen.
Dieses Foto aus dem Wohnzimmer der Assads erzählt eine andere Geschichte. Es ist die Geschichte eines großen Journalisten, der auszog, den Menschen und was er aus der Welt macht, abzubilden - und der nun seine Sache und vielleicht sich selbst verraten hat.
Es beginnt im Dezember 2010. Da reist die Journalistin Joan Juliet Buck, spezialisiert auf Glamourthemen, nach Damaskus. James Nachtwey folgt ihr, nach Auskunft von Buck, im Januar 2011. Sie haben einen Termin beim Staatschef. Begleitet und unterstützt werden sie in der syrischen Hauptstadt von einem Repräsentanten von Brown Lloyd James, einer amerikanischen PR-Agentur. Wobei Brown Lloyd James nicht irgendeine Agentur ist, sondern die Adresse - für Regierungschefs, Prinzen, Staaten. Das Resultat der Reise: ein Artikel, 3213 Wörter, veröffentlicht in der amerikanischen Ausgabe der "Vogue" vom März 2011. Titel der Story: "A Rose in the Desert", eine Rose in der Wüste, gemeint ist die Präsidentengattin.
Sie sei "glamourös, jung und sehr chic - die lebhafteste und anziehendste aller First Ladys", in so einem Gin-Tonic-Tonfall beginnt der Text. Gemalt wird die perfekte "Vogue"-Ikone: Asma al-Assad, in London aufgewachsen, vielsprachig, Tochter eines Kardiologen und einer Diplomatin, erscheint als wunderbarste aller Präsidentenfrauen. Chanel-Geschmeide um den Hals, Verabredungen mit den Hollywood-Stars Brad Pitt und Angelina Jolie. Natürlich trägt sie auch Verantwortung für die Nation, leicht ist das nicht. Zum Glück aber kann sie durchs Leben gehen auf den berühmten roten Sohlen von Christian Louboutin, dem High-Heels-Gott aller "Vogue"-Leserinnen.
Wacker zählt der Text auf, was in Syrien vielleicht doch nicht ganz so prima läuft: Der Präsident wurde mit 97 Prozent der Stimmen gewählt, aber Macht sei eben erblich in dem Land, schreibt Frau Buck. Und in der Bar des Four Seasons hingen irgendwelche Hamas-Führer rum. Für einen Moment wird die Autorin nachdenklich, aber auch dieser Moment geht vorüber, schließlich hat Asma al-Assad dunkelblaugrün lackierte Fingernägel, apart.
Die Bilder, die James Nachtwey macht, passen zu diesem Sound. Das Porträt der First Lady zeigt sie über der Stadt, gehüllt in eine edle Stola, den Blick in die Ferne gerichtet, eine Rose in der Wüste. Ein solches Bild von einem Fotografen namens Nachtwey sagt: Diese Leute haben Stil, und so übel sind sie auch nicht.
Wie ausgerechnet James Nachtwey so etwas passieren konnte, ist eine ungerechte Frage, weil sie nur auf einen von vielen Beteiligten zielt. Aber Nachtwey ist eben Nachtwey, er ist eine Institution.
An eine Antwort zu gelangen, erweist sich als schwierig. Die "Vogue", um eine Stellungnahme gebeten, hat dazu lange nichts gesagt, erst vergangene Woche stellte die "Vogue"-Chefin eine kurze Erklärung ins Netz - ohne auf Details einzugehen. Der Condé-Nast-Verlag sagt dazu: nichts. Text und Bilder verschwanden von der "Vogue"-Website, stattdessen wird man zu einer Seite weitergeleitet, die ein Model zeigt, daneben den Text: "Oops - die Seite ist nicht auffindbar." Die Journalistin Joan Juliet Buck schickt lediglich eine SMS: "Schlechter Zeitpunkt für ein Gespräch."
Und auch James Nachtwey reagierte nicht auf Anfragen, weder auf die des SPIEGEL noch auf Anfragen der "Washington Post". Ein Mitarbeiter des Nachtwey-Studios sagte dem SPIEGEL, dass er nichts sagen könne, es handle sich um eine "sehr delikate Angelegenheit". Im Internet findet sich die Geschichte noch, weil ein regierungstreuer syrischer Journalist sie auf seine Präsident-Assad-Fansite gestellt hatte.
Man könnte den Spindoctor fragen. Peter Brown hat ein Büro im 13. Stock eines Hochhauses gleich am Central Park in New York. Brown ist einer der drei Chefs von Brown Lloyd James, einer Agentur für die schwierigen Fälle, Image-Politur und diskrete Erledigung garantiert. Klienten sind etwa regierungsnahe Organisationen aus Katar, Prinz Charles, die Weltbank, die City of London, die Vereinten Nationen.
Peter Brown ist Anfang 70, hager, Engländer, an den Wänden in seinem Büro hängen die Fotos seines Lebens: Peter Brown und John Lennon, Paul McCartney, Yoko Ono, George Harrison, lange Haare, Bärte, Joints. Brown, schwul und charmant, war schon der Problemlöser der Beatles. Er fädelte die komplizierte Hochzeit zwischen Yoko Ono und John Lennon ein, nebenbei organisierte er die berühmten Bed-ins der beiden für den Weltfrieden. Give Peace a Chance. Und jetzt der syrische Diktator.
Für das Einfädeln der Homestory, schreibt die "Washington Post", sollen Brown Lloyd James 25 000 US-Dollar bekommen haben. Der Beitrag der Agentur, sagt Brown, sei aber marginal gewesen. Das kann sein; andererseits gehört es zum Job eines charmanten Spindoctors, seinen Beitrag herunterzuspielen.
Brown übernimmt jedenfalls nicht die Verantwortung für diese peinliche Geschichte - und so läuft es wieder auf James Nachtwey hinaus. Vielleicht muss man sich, um ihn zu verstehen, um zu begreifen, was passiert ist, das Leben dieses Mannes vor Augen führen, eines Journalisten, der auszog, das Inferno zu zeigen.
Wahrscheinlich hat kein Nato-General, kein afrikanischer Blutsäufer in seinem Leben so viel Gewalt und Leid erlebt wie Nachtwey in drei Jahrzehnten: Zaire, Südafrika, Bosnien. Demokratische Republik Kongo, das Westjordanland, Tschetschenien. Ruanda, Somalia, Sudan, Afghanistan, die Liste ließe sich ewig fortsetzen. Er war mehr als 30 Jahre lang im Krieg, vielleicht wird man, wenn man alles gesehen hat, blind, nach innen.
Nachtwey, immer noch gutaussehend, hochgewachsen, mit markanten Gesichtszügen, ist alles andere als ein Draufgänger. Von Kollegen wird er als gentlemanlike beschrieben, keiner von den Wichtigtuern, keiner von denen, die abends saufen und nach den Huren schielen.
Im kongolesischen Goma fand Nachtwey ein Kind, das kurz vor dem Verdursten war. Statt es zu fotografieren und gleich zu vergessen, trug er es zur nächsten Versorgungsstation. "Die Jahre in den Kriegen", hat er einmal gesagt, "haben mich trauriger und einsamer gemacht."
Es heißt, Nachtwey sei müde, er befinde sich in Thailand, lebe zurückgezogen, für kaum jemanden zu erreichen. Vielleicht ist er zu müde, um auf sich selbst aufzupassen. An den Schauplätzen der vergangenen Jahre, in Tunesien, Ägypten, Libyen, haben seine Kollegen James Nachtwey vermisst - früher hätte er dort nicht gefehlt.
Die Geschichte hat noch eine traurig-ironische Note: 2010 ahnte niemand im Westen etwas vom Arabischen Frühling. Wäre in der arabischen Welt kein Aufstand ausgebrochen, hätte sich wahrscheinlich kein Mensch über Nachtweys Fotos empört. Aber die Tragik von James Nachtwey ist, dass er James Nachtwey ist.
Von Ralf Hoppe und Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 25/2012
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