18.06.2012

UMWELTMenü der Grausamkeiten

Auf dem Gipfel in Rio will sich Brasilien als Öko-Musterland präsentieren. Doch der Raubbau im Amazonasgebiet schreitet voran. Naturschützer werden von Mordkommandos bedroht.
Ihre kugelsichere Weste hat sie abgelegt; auch die Elitesoldaten zu ihrem Schutz sind abgezogen. Dafür musste Nilcilene Miguel de Lima, 45, den Behörden versprechen, dass sie ihren Aufenthaltsort geheim hält und nicht in ihre Heimat im brasilianischen Amazonasurwald zurückkehrt. Denn dort wartet ein Auftragskiller auf sie.
Umgerechnet 8000 Euro hat eine Mafia aus Holzhändlern und Rinderzüchtern auf ihren Kopf ausgesetzt. Denn sie ist Präsidentin von Deus Proverà, einer Vereinigung von Bauern und Kautschukzapfern im Süden des Bundesstaats Amazonas, dort, wo sich Holzfäller und Umweltschützer bekriegen. Und sie hatte es gewagt, die illegale Abholzung anzuzeigen.
300 Familien hatte die Regierung vor fünf Jahren im Urwald angesiedelt, sie betreiben eines von 21 Projekten zur nachhaltigen Bewirtschaftung des Amazonasgebiets. Die Bauern zapfen Kautschuk aus Gummibäumen, sammeln Paranüsse und bauen Ananas, Bananen und Maniok an. "Wir sind die Wächter des Waldes", sagt Miguel de Lima. 42 Kilometer von der nächsten Bundesstraße entfernt, hausen sie ohne Strom, ohne die versprochene Schule, ohne Gesundheitsposten und ohne Polizeischutz im Urwald.
Holzhändler und Rinderzüchter machen sich die Abwesenheit des Staates zunutze. Sie teilen den Wald in Parzellen auf, fälschen die Grundbücher und vertreiben die Kleinbauern mit Waffengewalt. Dutzende Familien sind bereits geflüchtet. Ihre Äcker haben sie aufgegeben oder an die Großgrundbesitzer verkauft. "Wenn Nilcilene zurückkehrt, wird sie umgebracht", fürchtet ihr Lebensgefährte Raimundo Alexandrino de Oliveira.
Auf dem Uno-Umweltgipfel Rio+20, der diese Woche beginnt, will Gastgeber Brasilien sich als moderne, aufstrebende Öko-Nation präsentieren. Ein ganzes Paket von Projekten zum Schutz der Umwelt soll das Land als Musterbeispiel nachhaltigen Wirtschaftens ausweisen. Am Weltumwelttag trat Präsidentin Dilma Rousseff im grünen Kleid vor die Kameras und brüstete sich, die Abholzung sei auf ein historisches Minimum zurückgegangen.
Experten halten die Öko-Wende für Propaganda. "Die Regierung wird nach der Konferenz ein Menü umweltpolitischer Grausamkeiten anrichten", fürchtet die ehemalige Umweltministerin Marina Silva. "Sie baut systematisch die Umweltgesetzgebung ab, die wir in den vergangenen 24 Jahren geschaffen haben." Gemeinsam wandten sich acht große Umwelt- und Sozialorganisationen an die Öffentlichkeit. Rousseff, so ihr Vorwurf, sei verantwortlich für den "größten Rückschritt in der Umweltpolitik seit dem Ende der Militärdiktatur 1985".
Die Reform des Waldgesetzes sieht eine Amnestie für illegale Abholzer vor. Farmer im Amazonasgebiet dürfen künftig 50 statt bislang 20 Prozent ihrer Grundstücke roden. Gleichzeitig treibt die Regierung den Bau Hunderter Staudämme in der Region voran. Die Folge: Tausende Quadratkilometer werden überschwemmt, Indianerdörfer und Bauernsiedlungen müssen weichen.
Die Umweltbehörde wurde von Rousseff weitgehend entmachtet. Die Regierung will Großprojekte beschleunigen, den Bergbau in Indianerreservaten erlauben und neue Straßen bauen. Die Regulierung des Landbesitzes, das größte Problem im Amazonasgebiet, geht nur schleppend voran; illegal gegründete Farmen werden im Internet gehandelt.
Die Devisenerlöse aus dem Export von Rindfleisch und Soja sind einer der Pfeiler des brasilianischen Wirtschaftswunders. Immer wieder knickt die Präsidentin deshalb vor der mächtigen Agrarlobby ein. Dabei brauche Brasilien eigentlich gar keine neuen Weide- oder Anbauflächen, meint Ex-Ministerin Silva: "Wir könnten unsere Produktion verdoppeln, wenn wir die vorhandenen Flächen intensiver bewirtschaften."
Doch die Vernichtung des Urwalds ist billiger und lukrativer, zumal sie meist straflos bleibt. Die Zerstörung folgt dem immergleichen Zyklus: Erst schlagen Holzfäller die wertvollsten Bäume, dann reißen sie die restliche Vegetation mit Traktoren nieder oder fackeln sie ab. Sobald der Urwald zerstört ist, säen sie Gras aus, und bald darauf trotten die ersten Rinder zwischen den Baumstümpfen. Auch Sojafarmen dringen in einige Regionen des Amazonasgebiets vor.
Wer sich den Ranchern in den Weg stellt, riskiert sein Leben. 29 Menschen wurden im vergangenen Jahr in Brasilien wegen Landstreitigkeiten umgebracht. "Die Verbrechen werden nicht geahndet", klagt Francineide Lourenço von der kirchlichen Hilfsorganisation Comissão Pastoral da Terra in Manaus. Greenpeace-Mitarbeiter sind im Urwald nur in gepanzerten Geländewagen unterwegs.
Allein im Bundesstaat Amazonas haben im vergangenen Jahr 49 Umweltaktivisten und Kleinbauern Morddrohungen erhalten. Drei von ihnen hat die Regierung bewaffneten Begleitschutz gewährt, darunter Miguel de Lima.
Besucher empfängt die zierliche Frau in einem Haus über tausend Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Sie nimmt Beruhigungsmittel, beim Erzählen steigen ihr Tränen der Wut in die Augen. "Die haben mein Grundstück niedergebrannt", sagt sie und zeigt Fotos von den verkohlten Resten ihres Hauses.
Vor einem Jahr flüchtete sie aus der Region, nachdem ein Pistolero ihr aufgelauert hatte. Die Regierung gewährte ihr eine bewaffnete Eskorte der Força Nacional, einer Sondereingreiftruppe aus Militär und Polizei. Im November kehrte sie, geschützt von neun Soldaten, zurück. Tag und Nacht trug sie eine kugelsichere Weste. "Wir schießen in den Kopf", drohte die Mafia daraufhin.
Die Rinderfarmen waren in ihrer Abwesenheit nahe an ihre Siedlung herangerückt. Rancher riegelten die Wege mit Zäunen ab und zerstörten die Gummibäume.
Doch Miguel de Lima ließ sich nicht einschüchtern. Ihre Eltern waren Gummizapfer, sie stammt aus derselben Gegend wie Chico Mendes. Der Umweltaktivist und Kautschukzapfer war 1988 von zwei Farmern ermordet worden, vier Jahre vor dem ersten Uno-Umweltgipfel in Rio. Sein Tod löste eine weltweite Kampagne gegen die Abholzung aus, seine Mörder sind inzwischen wieder auf freiem Fuß.
Im April wurde Dinhana Nink erschossen, eine Bekannte von Miguel de Lima. "Sie betrieb eine kleine Bar, die als Informationsbörse diente, und kannte die Pläne und Routen der Holzfäller und Farmer", sagt Miguel de Lima. "Sie wollte sie anzeigen." Ninks Mörder kamen im Morgengrauen; als ihr Vater sie Stunden später fand, wischte ihr kleiner Sohn das Blut von der Brust seiner Mutter.
Wenige Tage nach Ninks Tod postierte sich ein bewaffneter Mann mit Motorrad vor Miguel de Limas Unterschlupf. Ihre Leibwächter bekamen es mit der Angst zu tun und zwangen sie, die Region zu verlassen. "Die Holzhändler haben zur Feier einen Ochsen geschlachtet", erzählt Miguel de Lima.
Der Raubbau geht unterdessen ungebremst weiter. Rinderfarmen stoßen weiter in den Süden des Bundesstaats Amazonas vor, Sojalaster donnern über die Bundesstraße BR-364, das Endstück der berühmten Transamazônica. Die Regierung hat die Trasse bis ins nahe Peru finanziert, sie verbindet Brasilien mit den Häfen der Pazifikküste.
Rinderfarmen und Brachland säumen die Straße; nur die verkohlten Skelette der Paranussbäume erinnern daran, dass hier einmal Regenwald stand. Die Provinzhauptstadt Porto Velho am Rio Madeira, einem Zufluss des Amazonas, war einst ein verschlafenes Urwaldnest; jetzt stauen sich nachts die Geländewagen der Farmersöhne vor der Broadway Bar, dem örtlichen Nachtclub.
Am Stadtrand erstrecken sich endlose Arbeitercamps: Zuwanderer aus ganz Brasilien sind nach Porto Velho geströmt, sie helfen beim Bau der Staudämme Santo Antônio und Jirau, zweier riesiger Wasserkraftwerke. Tausende Hektar Urwald und Brachland am Rio Madeira werden in den kommenden Jahren überflutet.
In Vista Alegre, wenige Kilometer vor Miguel de Limas Siedlung, kommen die Holzlaster im Viertelstundenrhythmus aus dem Wald, mit bewaffneter Motorradeskorte. Über Amateurfunk kündigen sie ihre Ladungen an.
In illegalen Sägewerken am Stadtrand werden die Stämme zu Brettern verarbeitet, die Reste verfaulen im Schlamm. "Das Holz wird mit gefälschten Papieren ausgestattet und in den Süden transportiert", sagt Miguel de Lima. In der Millionenmetropole São Paulo enden die Urwaldriesen als Bauholz.
Auf Miguel de Limas Grundstück vergammeln unterdessen die Bananen, Unkraut wuchert über den verkohlten Resten ihrer Hütte.
Amnesty International hat eine weltweite Kampagne für Miguel de Lima gestartet, täglich gehen beim Gouverneur in Manaus Protestbriefe aus der ganzen Welt ein. Sie träumt von ihrer Rückkehr, so oft wie möglich telefoniert sie mit ihren Mitstreitern im Urwald.
Die hoffen unterdessen auf Hilfe aus dem fernen Norwegen: Die Regierung in Oslo hat eine Milliarde Dollar für den "Amazonasfonds" zum Schutz des Urwalds bereitgestellt. Auf dem Uno-Gipfel in Rio wird die Ölnation das Projekt als Modell für die nachhaltige Rettung des Amazonasurwalds präsentieren.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 25/2012
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