18.06.2012

ARCHÄOLOGIEHort auf dem Acker

Ein Schatzfund aus Niedersachsen gibt Rätsel auf. Trieben die Ur-Germanen Handel bis ins 5500 Kilometer entfernte Indus-Tal?
Als einer der größten Förderer vaterländischer Altertümer unter Deutschlands Staatsmännern hat sich der siebte Kanzler der Bundesrepublik, Gerhard Schröder, hervorgetan. Die Scherbenzunft ist voller Lob für den Cohiba rauchenden SPD-Veteranen.
Denn es war Schröder, der mit Wladimir Putin den Plan einer Ostsee-Pipeline durchboxte, um russisches Erdgas nach Westeuropa zu pumpen. Zu diesem Zweck musste von Lubmin bis hinter Bremen eine 440 Kilometer lange und bis zu 30 Meter breite Trasse geschaffen werden.
Ergebnis: ein Feuerwerk an urzeitlichen Entdeckungen. Die schönste gelang in der Gemarkung Gessel: 117 Goldteile lagen dicht gestapelt in einem verrotteten Leinentuch. Alter des Verstecks: etwa 3300 Jahre.
1,8 Kilogramm wiegt der Fund aus dem Acker: ein wenig Geschmeide, überwiegend jedoch aus Drahtspiralen bestehend. Jeweils zehn davon sind zu einer Kette verbunden. Schmuck ist dies nicht, sondern eine urtümliche Barrenform.
Als Niedersachsens Wissenschaftministerin Johanna Wanka (CDU) den Schatz im Februar der Presse vorstellte, stieg die Verblüffung noch. Der Rohstoff, erklärte sie, stamme aus einer Mine in Zentralasien. Das habe eine Prüfung an der Universität Hannover ergeben.
"Über 20 Spurenelemente wurden von uns massenspektrometrisch untersucht und so der Fingerabdruck des Metalls ermittelt", erklärt der Chemiker Robert Lehmann. "Die Goldader muss über Jahrmillionen tief in den Bergen Kasachstans, Afghanistans oder Usbekistans entstanden sein."
Seitdem wähnt sich Niedersachsen im Besitz eines "Jahrhundertfunds" (Wanka). Kaufleute hätten einst den ganzen Kontinent mit Luxusgütern durchquert, meint der zuständige Landesarchäologe Henning Haßmann: "Reisen von 10 000 Kilometer waren gar nichts."
Er vermutet, dass das Gold von Gessel zuerst von Karawanen ins nahe Indus-Tal geschafft wurde, wo bis etwa 1800 vor Christus eine riesige Flusskultur blühte. Von dort sei die Ware per Schiff nach Mesopotamien und hernach irgendwie ins nordische Tiefland gelangt.
Nur stimmt all das auch? Nicht jeder mag Lehmanns Goldanalyse trauen. Der Mann besitze zwar tolle Messgeräte, sei aber "unerfahren", heißt es. Der Tübinger Archäometallurge Ernst Pernicka - anerkannt durch seine bahnbrechenden Metalluntersuchungen an der Himmelsscheibe von Nebra - nennt die Befunde "hoch spekulativ".
Weil über den frühen Bergbau in Zentralasien fast nichts bekannt ist, konnte Lehmann den Hortfund nur mit einigen skythischen Goldmünzen vergleichen. Aus derlei dünnen Fakten so schwergewichtige Thesen zu folgern sei "ziemlich mutig", urteilt auch Gregor Borg von der Universität Halle, ein Fachmann für Goldlagerstätten.
Der Geschmähte bleibt indes bei seiner Ansicht. Er verweist auf seinen erstklassigen Maschinenpark. Mit diesen Apparaten könne er auch "konfokale Weißlichtmikroskopien und Laser-Ablations-ICP-Massenspektrometrien" durchführen: "Wir zählen sogar einzelne Atome."
Wer hat da recht?
Die Asien-Connection mutet zwar kühn an, könnte aber stimmen. Belege dafür, dass die menschliche Gier bereits vor über 3000 Jahren zu einem globalisierten Geschacher führte, gibt es reichlich. Das Klappstuhl-Design der alten Ägypter gelangte bis nach Schweden, und prunkvolle Spondylus-Muscheln aus dem Mittelmeer schafften es bis nach Bayern.
Und immer wieder Metalle: Zinn, Kupfer, Gold und Silber schleppten die Fernhändler in Rucksäcken oder auf Ochsenkarren quer über den Kontinent. Der Alpenläufer Ötzi zockte wahrscheinlich mit Kupfer und Feuerstein und wurde dabei ermordet.
Aber reichten die weitgespannten Handelsnetze der Kaufleute schon im 2. vorchristlichen Jahrtausend bis zu den weit abgelegenen Bergwerken in Zentralasien? Gelohnt hätte es sich. Vom Altai bis zum Aralsee zieht sich ein gewaltiger Gold-Zinn-Gürtel. Aber auch in Armenien wurde erst kürzlich eine vorgeschichtliche Goldmine entdeckt. Es ist die größte im ganzen Kaukasus.
Der Mythos der Argonauten, die durchs Schwarze Meer segeln, um das Goldene Vlies zu stehlen - hier könnte er seinen Ursprung haben.
Ob der Hort von der Waterkant wirklich aus der fernen Steppe stammt, bleibt dagegen vorerst strittig. Für den 13. Juli hat Lehmann seine Kritiker nach Hannover gebeten, um ihnen Details seiner Forschung vorzulegen. "Es wird eine geschlossene Tagung", sagt er.
Niemand soll im Streit ums prähistorische Gold sein Gesicht verlieren.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 25/2012
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