18.06.2012

DEUTSCHLANDTäglich Käsekuchen

Auf dem abgeschirmten Hotelgelände der Nationalmannschaft in Danzig steht das Weiße Zelt. Dort begegnen sich Berichterstatter und das Team des DFB. Es ist ein Ort der Floskeln, der Maskerade - und der Provinzialität.
Mit den Engländern hat ein Teil der deutschen Mannschaft Probleme, auch der Bundestrainer. Stellt ein englischer Journalist im Weißen Zelt eine Frage, beginnt er höflich mit "English please", und mitunter stürzt das die Leute auf dem Podium in Betriebsamkeit. Kopfhörer auf, Genestel und Gefummel, doch entweder sind deutsche Spieler keine gewandten Techniker, oder die Anlage für die Übersetzung ist widerspenstig. Sie finden den richtigen Kanal nicht, verstehen nichts, schauen ratlos, nehmen den Kopfhörer wieder ab.
Diese Szenen enden damit, dass der Pressesprecher der deutschen Mannschaft, Harald Stenger, der Senior dieser Veranstaltung, die Frage grob übersetzt, wenn er das nicht von vornherein getan hat. Sein hessisches Idiom ist den Spielern vertraut.
Eigentlich sind Grundkenntnisse in Englisch für diese Generation nicht mehr Nachweis von Bildung, sondern Nachweis von Alltagstauglichkeit. Aber den erbringen weder Lukas Podolski noch Bastian Schweinsteiger. Deshalb wird in den englischen Momenten im Weißen Zelt offenbar, dass die Welt dieser Mannschaft eine ganz eigene ist.
Das Weiße Zelt steht inmitten von Wiesen am Stadtrand von Danzig, Oliva heißt der Ortsteil. Das Weiße Zelt sind 1200 Quadratmeter Deutschland in Polen. Hier trifft das Team auf Journalisten, meist sind es um die hundert, dazu ein halbes Dutzend Fotografen und 25 Filmkameras. Hier entsteht das Bild von diesem Team jenseits der Spiele.
Fußball hat das Image Deutschlands so geprägt wie kaum etwas anderes in den letzten sechs Jahren. Bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland war es die fröhliche Selbstfeier der Fans, die der Nation etwas von ihrer Schwere nahm. Angestoßen hatte das die leidenschaftliche Spielweise der Mannschaft. Bei der Weltmeisterschaft 2010 kam Schönheit hinzu, die Deutschen kombinierten stürmisch und elegant und schossen eine Menge Tore. Die Welt erfreute sich an Deutschland, und das gibt es nicht so oft.
Im Weißen Zelt werden also große Fragen verhandelt, es hat für ein paar Wochen mindestens den Stellenwert der Bundespressekonferenz in Berlin. Hier wie dort werden die Dinge nicht entschieden, aber sie werden verkündet und erläutert. Neben das Fußwerk tritt die Rede, der mündliche Auftritt. Es zeigt sich der Hintergrund zum Sport, und was sich da zeigt, sind vor allem Paranoia und Provinzialität.
Der Hotel-Scout der Deutschen scheint ein Mensch zu sein, der von Weltekel befallen ist. Für die Zeit vor und während der EM hat er nur Orte ausgesucht, an denen die Spieler normalen Menschen garantiert nicht begegnen können. Im Trainingslager auf Sardinien lebte die Mannschaft mehr oder weniger auf einem eigenen Kap, im französischen Tourrettes auf einem abgeschirmten Golfgelände, in Danzig lebt sie in einem Wald. Die nächste größere Besiedlung ist ein Zoo, wo ja die Bewohner eingesperrt sind und ihren Nachbarn nicht zur Last fallen können.
Das Übungsgelände der Deutschen ist von Sichtblenden umstellt, das Training ist meist geheim, die Journalisten dürfen höchstens für eine Viertelstunde zusehen, es gibt für alles strenge Regeln. Die Spanier dagegen trainieren häufig öffentlich, das Hotel der Iren liegt mitten in Zoppot, die Spieler lümmeln am Strand, zwischen ihren Fans.
Bei den Deutschen dagegen heißt das englische Wort, das jeder versteht, Security. Polizisten, Leibwächter überall.
Im Weißen Zelt gibt es täglich Käsekuchen und nahezu täglich mittags eine Pressekonferenz. Die Atmosphäre ist geprägt von Harald Stengers jovialem Paternalismus. Er sagt den Journalisten, was zu tun und was zu lassen ist.
Zu den Pressekonferenzen kommen nur wenige Spieler gern. Selbst ein erfahrener Mann wie Miroslav Klose ist hier so nervös, dass er häufig an den Lippen schmeckt, und Per Mertesacker hat bei einem sympathischen Auftritt eingeräumt, was wegen der Verkleidung des Tisches auf dem Podium nicht zu sehen war: "Ich wackel schon mit den Füßen" - aus Verunsicherung. Er spreche "vor einer so großen Gruppe nicht so oft". Souveräne Redner dagegen: Mats Hummels, Lukas Podolski.
Das meiste, was im Weißen Zelt geäußert wird, stammt aus der Enzyklopädie der längst gesagten Sätze. Kostprobe Schweinsteiger vom Donnerstag der vergangenen Woche: "Der Gegner hatte die gleichen Voraussetzungen." - "Der zweite Sieg war enorm wichtig für das Selbstvertrauen." - "Es wird gegen Dänemark nicht einfach." Hundertmal gehört, die Floskel ist hier der Normalfall.
Beliebt ist zudem die Doppelung von "sehr". Pressekonferenz am vergangenen Freitag, es spricht Assistenztrainer Hansi Flick: "sehr, sehr gute Qualitäten" (die Mannschaft) - "sehr, sehr zufrieden" (die Trainer) - "sehr, sehr unterlegen" (Irland gegen Spanien) - "sehr, sehr gute Form" (einige Spieler) - "sehr, sehr gut" (Lahm und Podolski) - "sehr, sehr gute Defensive" (Dänemark) - "sehr, sehr gut" (Chancenauswertung der Dänen). Man wird hier zugeschüttet mit "sehr, sehr", nicht nur von Flick.
Womöglich fehlt es an Adjektiven, aber es geht auch um Euphorisierung. Auf den Punkt gebracht hat das Bundestrainer Joachim Löw: "sehr, sehr positiv". Dies könnte ein Motto für das Weiße Zelt sein, es geht uns prima, alle sind Freunde. Das ist bei der Bundespressekonferenz ähnlich, die eigene Welt wird als Idyll gemalt, als das große Positive. Aber die vielen Floskeln und der Euphorismus lassen das Bild hier wie dort auch seltsam künstlich wirken. Maskerade, unechtes Leben, Treibhaus Weißes Zelt.
Zu der Eigengesetzlichkeit dieser Welt gehören die ranschmeißerischen Fragen mancher Journalisten. Nach dem zweiten Spiel durfte der Bundestrainer folgende Sätze genießen: "Das war ein wichtiger Sieg gegen Holland, eine klasse mannschaftliche Leistung, sehen Sie noch Steigerungsmöglichkeiten gegen Dänemark?" Das ist Investigation auf den Knien, wie sie auf Journalistenschulen eher nicht gelehrt wird. Die Bundeskanzlerin würde in Tränen der Rührung ausbrechen, hörte sie einmal eine Frage wie diese.
Gibt es Kritik, trifft sie auf empfindliche Seelen. Als Mats Hummels in der Presse, auch im SPIEGEL, Sätze las, die er als wenig erbaulich empfand, rauschte er nach dem Spiel gegen Portugal beleidigt an den wartenden Journalisten vorbei und ließ keine Frage zu. Im Weißen Zelt sagte er später, er sei jemand, "der darauf reagiert". Er wünsche sich, dass zwischen Mannschaft und Journalisten eine "gute Zusammenarbeit sein sollte". Gute Zusammenarbeit heißt dann wohl: Affirmation, keine Kritik.
Bei den Spielern sind daher die TV-Interviews beliebt, die von der Pressestelle des Deutschen Fußball-Bundes geführt und auf DFB.de übertragen werden. Hier schafft man sich eine eigene Öffentlichkeit, um unbehelligt das Schönste und Beste aus der Kunstwelt hinter den Sichtblenden transportieren zu können.
Absurd wurde es, als sich DFB und Fotografen wegen der Spielerfrauen anlegten. Die Frauen reisen im selben Flugzeug wie die Journalisten zu den Spielen. Gegen Portugal war auch Lena Gercke dabei, die Verlobte von Sami Khedira. Sie trug Hot Pants in Gürtelbreite, Wedges in Turmhöhe, dazu ein Hütchen und ein Lächeln, das aus der Schule von "Germany's Next Topmodel" stammt. Es war ein imperativer Auftritt: Seht her, ich bin da! Wie gewünscht stürzten sich die Fotografen auf Gercke. Einige der anderen Frauen, die auch gern Schönheiten sind, fanden das nicht so passend. Man sah Schnuten.
Harald Stenger hat dann die Fotografen ermahnt, von den Spielerfrauen zu lassen. Beim nächsten Ausflug posierte Cathy Fischer, die Freundin von Mats Hummels, freudig an der Tür vom Flughafenbus. Die Fotografen machten ihre Bilder, jeder bekam, was er wollte, ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Lena Gercke war diesmal nicht dabei.
In einer Sache allerdings ist der DFB vollkommen offen und enorm großzügig. Jeder Journalist darf und soll immerzu über die Sponsoren berichten, was man natürlich gern tut. Aufgepasst also: Am wichtigsten ist Mercedes, Mercedes ist immer präsent, neben dem Podium steht ein neuer Mercedes, und kommt einer der Spieler zur Pressekonferenz, muss er neben dem Mercedes posieren, damit man ihn mit dem Mercedes fotografieren kann. An der Wand steht groß über einem Mercedes-Stern der Spruch "Der Pulsschlag einer neuen Generation", und listigerweise bezieht sich das auf den neuen Mercedes und die Nationalmannschaft, und schon kommt der nächste Spieler und posiert neben dem Mercedes, diesmal Mats Mercedes, nein, Mats Hummels, man kommt ganz durcheinander bei so viel Mercedes, und sie haben ja auch diesen sehr, sehr zauberhaften Flügeltüren-Mercedes hier, in einem Mercedes-Gelb, dass einem die Augen brennen, und aus dem steigt dann Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, der ein großer Freund von Mercedes ist.
Und der Käsekuchen ist von McDonald's, wirklich, umsonst für alle, ein schöner, fleischiger Käsekuchen von McDonald's, und Bierhoff wurde einmal von einem dieser Escort-Kinder in die Pressekonferenz geleitet, in diesem rot-gelben Trikot von McDonald's, wie es auch bei den Spielen geschieht, tolle Idee von McDonald's, und Nivea verschenkt Pflegecremes an die Journalisten, damit deren zarte Haut nicht so leidet unter dem ewigen Regen und der Meeresluft, und die Telekom hat, hurra, eine tolle Spendenidee, und RWE spart Energie mit der Nationalmannschaft, weshalb extra der Herr Thon von RWE in das Weiße Zelt gekommen ist, aber nicht der Olaf Thon, wie er betont, sondern ein anderer Thon, oder war der von Rewe? Rewe, das soll nicht vergessen werden, ist auch Sponsor der Nationalmannschaft. Stenger hat RWE einmal so wie Rewe ausgesprochen, und das klang fast wie ein kleiner Protest dagegen, dass er hier ständig Werbebotschaften verkünden muss. Zudem gibt es noch die Commerzbank, Sony, Adidas, Coca-Cola, Allianz, Lufthansa und Bitburger. So, komplett.
Oliver Bierhoff war leider nicht bereit, sich zur Überkommerzialisierung der Nationalmannschaft zu äußern und wie er auf die Idee kommt, den Journalisten zumuten zu wollen, über all diese Sponsoren zu berichten.
Ökonomisch zeigt sich die Nationalmannschaft hoch gerüstet, politisch eher unsicher. Als Assistenztrainer Flick gesagt hatte, die Mannschaft setze bei Freistößen von Ronaldo gleichsam den Stahlhelm auf, wurde das kurz danach auf DFB.de beschwichtigend eingeordnet. Damit ja niemand auf die Idee komme, man habe den Polen in ihrem eigenen Land eine Metapher zumuten wollen, die an die Wehrmacht erinnert. Die Paranoia ist ziemlich groß beim DFB. Polen blieb gelassen.
Aber die Spieler und Trainer müssen ja auch nicht politisch versiert sein. Sie müssen nicht Englisch beherrschen und souverän reden können. "Entscheidend is aufm Platz", um auch einmal die Enzyklopädie der längst gesagten Sätze heranzuziehen. Ohne die geht es ja kaum beim Fußball.
Spieler sind wundervoll, wenn sie gut spielen. Um etwas anderes geht es nicht. Das ist ein Standpunkt. Ein anderer: Es gibt eine Realität hinter dem großen Zauber Fußball, und die ist manchmal ziemlich klein. Das Weiße Zelt ist ein Teil dieser Realität, ein großer, wichtiger, denn viel von dem, was derzeit über die deutsche Mannschaft berichtet wird, stammt aus diesem Zelt.
Manchmal gibt es große Momente, nicht oft, aber es gibt sie, zum Beispiel nach dem Spiel gegen Holland in den Katakomben des Stadions von Charkiw, als Mario Gomez die allgemeine Künstlichkeit aufbrach. Das Weiße Zelt war auf Reisen, und Gomez redete auf der Pressekonferenz, weil er zum besten Spieler gewählt worden war. Es war eine Situation für viele sehrs, eine Situation für das Positive. Aber Gomez erzählte vor allem, wie tief ihn die Kritik an seiner Spielweise in der Begegnung gegen Portugal getroffen hatte. Selbst im Strafraum sei ihm das "immer wieder in den Kopf geschossen". Er war nicht selbstgerecht, nicht aggressiv gegenüber seinem Kritiker Mehmet Scholl, sondern nachdenklich. Es sprach: ein Mensch. ◆
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 25/2012
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