18.06.2012

FAVORITENFußball im Futur

Mittelfeldstratege Xavi Hernández ist Motor des spanischen Teams. Der Routinier aus Barcelona sieht seine Aufgabe darin, andere in Szene zu setzen, er selbst muss nicht glänzen.
In den begrünten Hang unterhalb des Mannschaftshotels haben die Gastgeber ihnen ein paar Stierattrappen gestellt, wie man sie von der Weinbrandwerbung am Rande spanischer Schnellstraßen kennt. Und auch bei der Arbeit können sich Spaniens Weltmeister im pommerschen Dorf Gniewino, knapp 70 Kilometer nordwestlich von Danzig, wie zu Hause fühlen.
Zum Trainingsbeginn bläst eine marschierende Garde einen zünftigen Paso doble, dann wird auf dem Rasen das Kurzpassspiel nach Art des FC Barcelona gepflegt. Wenn dabei nichts mehr vorangeht, alle Wege versperrt sind, gilt die bekannte Grundwahrheit: Xavi Hernández ist immer anspielbar.
Mit dieser Lebensregel des spanischen Fußballs sind sie zur EM gereist. Xavi, 32, zuletzt oft von gereizten Achillessehnen und Muskelproblemen geplagt, ist wieder erster Ansprechpartner für Trainer Vicente del Bosque, er ist der Chef im Mittelfeld und der Stratege wie schon unter der Befehlsgewalt des früheren Nationaltrainers Luis Aragonés. Wie kein Zweiter beherrscht und verkörpert Xavi den Stil der spanischen Auswahl.
Und mehr noch als zuletzt in seinem Leib-und-Magen-Verein FC Barcelona ist der kleine Katalane bei "La Roja", der roten Elf des krisengeplagten Landes, Organisator und Ordnungsmacht.
Jetzt rennt der "Herr der Präzisionspässe", wie ihn die Website des Verbands ehrfürchtig nennt, auf dem Trainingsplatz ein paar Schritte nach links, als der Ball aus der Abwehr gespielt wird, und dreht seinen Körper in Erwartung des Passes bereits ein wenig zum Spielfeldrand hin, wo gleich die Post abgehen soll. Wie auf ein Signal macht sich dort der Außenverteidiger Jordi Alba im Affenzahn auf den Weg, ohne Ball, die Linie entlang. Und schon stößt Xavi die Kugel elegant mit dem Außenrist weiter in jenen Raum, den sogleich Alba besetzt - gerade als der Ball seinen Weg kreuzt.
Genau so hat der brasilianische Verteidiger Dani Alves seinen Teamkameraden vom FC Barcelona beschrieben: Xavi mache das Spiel nicht dadurch schnell, dass er selbst schnell laufe, sondern indem er die Mitspieler zwinge, in bestimmte Räume zu rennen. Xavi, folgerte Alves, "spielt in der Zukunft".
Die Kunst der Antizipation, sagt auch Trainer del Bosque, mache den Unterschied aus zwischen bloßer Technik und Talent - dazu gehöre Spielintelligenz. Xavi, wahlweise als Motor, Metronom oder Gehirn der spanischen Mannschaft beschrieben, löst mit unscheinbar wirkenden Bewegungen ganze Handlungsketten auf dem Spielfeld aus. Er ist eher unaufdringlich präsent und setzt die spektakulären Dribbler und Sprinter in Szene. Er beliefert sie, sie glänzen.
Auf den richtigen Moment kommt es an. So findet beim FC Barcelona Lionel Messi oft schon ein wenig Unordnung in der gegnerischen Abwehr vor, wenn Xavis Ballservice kommt, und so werden auch Andrés Iniesta oder Fernando Torres im Nationalteam bedient: Mit dem Ball liegt auch gleich der Freiraum für ihre Tempoläufe bereit. Zumeist bejubelt das Publikum dann diese Spieler, die mit attraktiven Einzelaktionen begeistern. Xavi kennt anscheinend keinen Neid. Er sei ein "solidarischer Spieler", meint er.
Sein früherer Trainer Joan Vilà sieht in ihm den "genetischen Abdruck" des Barcelona-Fußballs. Dabei wurde sein Wert in der Öffentlichkeit so richtig erst nach dem EM-Triumph 2008 erkannt, im Finale gegen Deutschland spielte er den Pass zum Siegtor durch Torres.
Der Römer Daniele De Rossi, selbst ein Stratege und bei der EM für Italien überraschend als Abwehrchef eingesetzt, bekannte dieser Tage, er liebe Xavis Spiel. Auch gegen Italien, beim mühsamen Turnierauftakt der Spanier, sah der bescheidene Antistar aus Katalonien manchmal Räume, bevor sie sich geöffnet hatten.
Der Weltmeister wankte, lag 0:1 zurück, der Rasen war stumpf, und der Kombinationsfluss stockte. Da war es Xavi, der den Rhythmus veränderte, indem er noch schneller, noch härter abspielte, so riss er die Mannschaft mit. Er eroberte den Ball für den sehenswerten Ausgleichstreffer, als er in einen schlecht temperierten Pass der Italiener sprintete, knapp vor seinem Widersacher Andrea Pirlo die Kugel erreichte. Dann sicherte er sie blitzartig mit einem Rückpass zu Sergio Busquets, um sie umgehend zurückzubekommen und geistesgegenwärtig zu Iniesta zu tragen. Darauf fiel das Traumtor von Cesc Fàbregas, mitten hinein in das Chaos, das Xavi bei den Italienern angerichtet hatte.
Das ist sein Spiel. Er verteidigt den Ball und greift gleichzeitig an. Sein Vater Joaquim, der früher eine Fußballschule im katalanischen Terrassa betrieb, erklärte das einmal so: "Man kann Xavi den Ball nicht wegnehmen, weil er ihn bereits weitergespielt hat."
Auch für das Führungstor beim 4:0-Sieg gegen Irland war der Mann mit der größten Spielübersicht der Ausgangspunkt: Xavi eröffnete den Spielzug, den Torres abschloss. Bei seiner Ballbehandlung erhält selbst ein Rückpass noch eine ästhetische Note.
So wurde der 1,70 Meter große Mann mit dem wachen Blick dreimal Sieger der Champions League und sechsmal spanischer Meister. Nach dem Abschlusstraining im Stadion von Danzig umarmt er in den Katakomben ein paar Journalisten, er weiß, dass sie ihn mögen, und er genießt es. "Bona feina", gutes Arbeiten, wünscht er schon mal auf Katalanisch.
Lange haben sie ihn in Barcelona an Pep Guardiola gemessen, seinem späteren Trainer und seinem Vorgänger im zentralen Mittelfeld, aus diesem Schatten kam er scheinbar nicht heraus. Als "Scheibenwischer" verspotteten sie ihn, weil er angeblich den Ball nur nach rechts und links weiterleitete und nicht mit Risiko nach vorn. "Jetzt respektiert mich die ganze Welt", sagte er nun der Zeitung "La Vanguardia". Doch wenn die Karriere irgendwann ende, werde er die Popularität nicht vermissen. "Meine Eltern haben mich mein ganzes Leben lang Bescheidenheit gelehrt."
Heute gibt es eine Facebook-Seite seiner Fans, die nach seinem Spezialtrick benannt ist, der "Pelopina". Dabei dreht er sich mit dem Ball am Fuß um sich selbst, manchmal um 360 Grad, und die Gegner laufen ins Leere. Gegen Irland war eine Sonderausfertigung zu sehen: eine halbe Drehung nach links, eine halbe nach rechts.
Leidenschaftlich verteidigt der Stratege im Danziger Stadion das geschmeidige Spielsystem des Trainers del Bosque. Während die Niederländer debattierten, ob van Persie stürmen soll oder Huntelaar, Deutschland nach Klose oder Gomez fragte, leistete sich Spanien zeitweise ein Angriffsspiel ohne Torjäger.
Vor Xavi waren anfangs gegen Italien und in der Schlussphase gegen Irland bloß weitere drei Mittelfeldakteure aufgestellt, kleine, wendige Dribbler. Sie sollen dichte Abwehrketten mit ihrer Handlungsschnelligkeit aufreißen, nicht mit Kraft und hohen Flanken. Xavi spricht von "mentaler Geschwindigkeit".
Außerdem birgt diese Formation die Perspektive, mit nur einer Einwechslung, nämlich der eines klassischen Stürmers wie Fernando Torres, das Spiel schlagartig zu verändern - es ist, als wechselte das Orchester mitten im Satz Tempo und Tonart.
Vor allem erinnert del Bosques System an das des FC Barcelona. Xavi sagt, er sei vor allem ein "Lehrling der Schule Barças", sonst sei er im Grunde nichts.
"La Masía", die Nachwuchsschmiede, sei eine Schule des Lebens. Dort lernte er, mannschaftsdienlich zu denken. "Du musst dein Ego dominieren", sagt Xavi. Nach den Eigenschaften des idealen Fußballers gefragt, nennt er die Begriffe leidenschaftlich, solidarisch, altruistisch und das Wort Empathie. So könnte er auch sich selbst beschreiben.
Auf dem Platz erwies er sich früh als "Schnellster im Kopf", wie Coach Vilà erzählte, der Ende der siebziger Jahre bei Barça mit Johan Cruyff gespielt hatte. Ausbilder Carles Rexach lehrte bereits in der Jugend, den Ball mit einem "halben Kontakt" weiterzuleiten, mit einer so flüchtigen Berührung, dass man sie nicht als eine ganze wahrnimmt. Das wurde beim "Rondo" geübt, dem Spiel im Kreis, das die Engländer "Piggy in the Middle" nennen: Die Spieler in der Mitte des Zirkels müssen so lange dem Ball nachjagen, bis sie ihn endlich erwischen. Xavi empfand das als demütigend, und genau das stachelte ihn an.
"Je mehr ich arbeite, desto mehr Glück habe ich", behauptete sein früherer Nationalcoach Aragonés. Xavi leuchtete das ein.
Mit elf Jahren spielte er schon bei Barça und bekam erstmals eine Prämie - umgerechnet 23,50 Euro, davon kaufte er seiner Mutter einen Toaster. Mit sechs hatte ihn der Vater bereits in seiner Fußballschule mitmachen lassen. Es fiel auf, dass er als Einziger kein Tor schießen wollte. Xavi blieb nahe bei seinem Torwart. "Wenn wir vorn den Ball verlieren, ist sonst der Torwart ganz allein", erwiderte er auf die entsprechende Frage des Vaters.
Irgendwie, sagt Xavi Hernández, habe er immer schon "an die anderen" gedacht. Bis er 13 war, teilte er sich mit der jüngeren Schwester ein Stockbett. Als der Großvater starb, zog er ins Zimmer der Großmutter. So war die Großmutter nicht so allein, meinte er. Sie habe ihn stets ermahnt, "ein guter Mensch" zu sein, erzählte er kürzlich dem Reporter von "El País".
Inzwischen bildet er selbst Kinder aus, im Kurzpassspiel und in den Regeln von Fairness und Anstand. In Katalonien hat er ein Fußballcamp, das der Vater und der ältere Bruder Oscar mitorganisieren. "Campus Xavi" expandiert dieses Jahr, erstmals gibt es Kurse in Florida.
Beim Sommercamp in der Heimat nahe Banyoles kann der Chef diesmal wohl nicht selbst dabei sein. Die Trainingswoche für die 6- bis 15-Jährigen geht vom 24. bis 30. Juni, das ist die Finalwoche der EM. Xavi hat versprochen, dass ihn alle Teilnehmer später treffen dürfen.
(*) Vorn: Lionel Messi, Gerard Piqué, hinten: Andrés Iniesta, Carles Puyol, David Villa, am 10. Januar 2011 nach der Verleihung des Ballon d'Or an Messi.
Von Jörg Kramer

DER SPIEGEL 25/2012
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