18.06.2012

ENGLANDGute Touristen

Nach chaotischer Vorbereitung sieht Trainer Roy Hodgson sein Team in der Außenseiterrolle. Ist das Understate ment nur Kalkül, um erstmals nach 1966 Großes zu erreichen?
Am dritten Tag der EM saß Englands Nationaltrainer in den Katakomben der Donbass Arena in Donezk auf dem Podium; Roy Hodgson sah aus wie ein Abgeordneter der Tories im Unterhaus, grau die Föhnfrisur und blass die Haut, als er die Frage aller Fragen beantworten musste: Ein Reporter wollte von ihm wissen, ob England überhaupt noch eine große Fußballnation sei. Es wurde sehr still im Raum.
Hodgson holte Luft, dann antwortete er mit einem Grinsen im Gesicht: "Nun, mir ist durchaus bewusst, dass wir seit der WM '66 nichts mehr gewonnen haben, daran muss mich keiner erinnern, daran habe ich auch schon das eine oder andere Mal gedacht. Wie gut wir sind, als Nation? Das werden wir auf dem Platz zeigen."
Und das sah dann so aus: Am vierten Tag des Turniers mauerte sich England zu einem 1:1 gegen Frankreich, am achten Tag gewann das Team 3:2 gegen Schweden. Nach dem Schlusspfiff in Kiew stapfte Trainer Hodgson mit einer Hand in der Hosentasche vor die Fan-Kurve und verbeugte sich, dann spendete er den Verlierern Trost.
Damit konnte niemand rechnen.
Die Engländer beanspruchen für sich, den Fußball erfunden zu haben, und die Schmach, nur einen großen Titel errungen zu haben, nagt schwer an ihrer Seele. Aber nun sind die "Three Lions" zum ersten Mal ohne das Gelöbnis zu einer Europameisterschaft gereist, alles andere als der Titelgewinn sei Verrat an ihrer Herkunft.
Denn eigentlich kann es auch diesmal nichts werden mit dem Pokal, das hatte sich früh abgezeichnet. Die Vorbereitung des Teams hätte auch als Seifenoper bei der BBC laufen können.
Alles begann im Herbst 2011 damit, dass John Terry, Innenverteidiger beim FC Chelsea, den Bruder von Rio Ferdinand, Innenverteidiger bei Manchester United, rassistisch beleidigt haben soll. Der englische Verband setzte Terry als Kapitän der Nationalmannschaft ab, worauf der damalige Trainer, der Italiener Fabio Capello, zurücktrat. Es war Mitte Februar, und England stand ohne Teammanager da.
Der Neue sollte unbedingt aus England kommen. Es gab aber nur vier englische Trainer in der heimischen Premier League, und alle - Spieler, Funktionäre, Journalisten, Fans - schienen sich einig: Die Wahl könne nur auf Harry Redknapp fallen, der Tottenham Hotspur zu einer Spitzenmannschaft geformt hatte. Ein Haudegen. Einer, der so englisch ist wie Franz Beckenbauer bayerisch.
Drei Monate ließ sich der Verband mit der Suche Zeit, obwohl die Zeit drängte, und dann wurde es überraschenderweise doch nichts mit dem Wunschkandidaten. Es kam stattdessen Hodgson, der mit Redknapp kaum mehr als das Geburtsjahr gemein hat: 1947. Hodgson spricht sechs Sprachen, liest Stefan Zweig und mag guten Wein. Er gilt nicht gerade als visionärer Trainer, eher als einer, der ein trockenes, technokratisches Regime führt.
Dass sich die Football Association für ihn entschied, hat zwei Gründe: Der englische Verband ist klamm, Hodgson war billig. Redknapp hätte man aus seinem Vertrag in Tottenham rauskaufen müssen, Hodgson war ohne Ablöse von West Bromwich Albion zu haben. Außerdem bringt er internationale Erfahrung mit. Hodgson war schon Nationaltrainer der Schweiz, der Vereinigten Arabischen Emirate und von Finnland.
In England ist Fußball immer Teil der "Lad"-Kultur, für Kerle, die gern ein Pint im Pub trinken und Männer sehen wollen auf dem Platz, keine Schöngeister. Und so überschütteten Londons Boulevardzeitungen Hodgson am Tag nach seiner Ernennung mit Spott. Für die "Daily Mail" ist er ein "Mann des Mittelmaßes", der auch noch "wie eine Eule" aussehe. Die "Sun" machte sich über Hodgsons Sprachfehler lustig und nannte ihn "Woy".
Manch einer vermutet hinter der Personalie sogar Kalkül. "Es war ein cleverer Schachzug, sich für Hodgson zu entscheiden und nicht für den Mann des Volkes", sagt Jonathan Grix, Professor für Sportpolitik an der Universität in Birmingham. "Das ist eine Strategie des Verbands, um die Erwartungen zu senken."
Dem Neuen blieben sechs Wochen, um sein Team auf die Europameisterschaft vorzubereiten. Fünf Kandidaten für die Stammelf fielen verletzt aus, darunter Mittelfeldstratege Frank Lampard vom FC Chelsea. Das Trainingslager in Málaga sagte Hodgson im letzten Moment ab; es sei wichtiger, meinte er, dass sich seine Spieler ausruhten. Stürmer Wayne Rooney nutzte die freien Tage für einen Kurztrip nach Las Vegas.
Es ist der wahrscheinlich schwächste Kader, den England jemals zu einem Turnier geschickt hat. Das ist der Fluch der Premier League, der kommerziellsten Liga der Welt. Die Clubs gehören russischen Oligarchen, arabischen Scheichs, indischen Hühnerbaronen und amerikanischen Hedgefonds-Managern, und in dem milliardenschweren Betrieb herrscht ein gnadenloser Konkurrenzkampf um die begehrten Arbeitsplätze.
In keiner europäischen Liga stehen mehr Ausländer unter Vertrag, in der abgelaufenen Saison war nur jeder dritte Profi ein Engländer, die meisten Nationalspieler zählen nicht zu den Leistungsträgern in ihrem Verein. Der dritte Torwart der Engländer spielte zuletzt bei Cheltenham Town - in der vierten Liga.
Während der EM sind die Engländer in Krakau stationiert, der heimlichen Hauptstadt des Turniers, weil hier auch die Holländer und die Italiener ihr Basislager aufgeschlagen haben. Auf dem Marktplatz mit Marienkirche und Tuchhallen treffen sich die Fans, sie ziehen durch die Bars, Straßencafés und Stripclubs, singen, grölen, Pferdekutschen rumpeln durch die Gassen, Touristen und Einwohner feiern gemeinsam Freiluftgottesdienste. Zu jeder vollen Stunde hallt ein Trompetensignal über die Dächer.
Die englische Mannschaft wohnt von all dem Trubel nur einen Abwurf entfernt, mitten im Zentrum, von morgens früh bis spät in die Nacht lungern Autogrammjäger und Fotografen vor dem Hotel Stary herum, sie werden auf Distanz gehalten von Absperrgittern und Polizisten mit Gewehr. Zur Ruhe kommt man unter diesen Umständen schlecht. Hodgsons Idee war das Hotel nicht, Capello hatte es noch so entschieden.
Vor zwei Jahren in Südafrika hatte das Team ein Quartier in der Einöde gewählt, was auch nicht besser war, weil die Abgeschiedenheit zu Lagerkoller führte. In Krakau, sagt der Sprecher des englischen Verbands, versuchten nun alle, "gute Touristen" zu sein.
Aber selbst das kriegen die Engländer nicht richtig hin. Als Hodgson und sechs Spieler Auschwitz und Birkenau besuchten, ließen sie die Gedenkstätte räumen, bevor sie aus dem Bus stiegen, schweigend ihre Runde drehten, betroffen guckten und eine Kerze anzündeten. Die italienischen Spieler hatten sich zwei Tage zuvor einfach unter die anderen Besucher gemischt.
Der einzige Spieler, der fast immer grüßt, winkt und Autogramme schreibt, ist ausgerechnet John Terry. Eine Woche nach der EM muss er sich vor Gericht wegen seiner Pöbelei verantworten, die er bestreitet. Er sagt zu der ganzen Sache natürlich kein Wort, und er äußert sich auch nicht zu Rio Ferdinand, dem prominenten Abwesenden, dem Phantom der englischen Euro-Oper.
Obwohl Ferdinand 81-mal für die Three Lions gespielt hat, nominierte Hodgson ihn nicht, aus "fußballerischen Gründen", wie er sagt. Das nimmt ihm allerdings niemand ab. Jeder vermutet, Hodgson wolle nur den Betriebsfrieden sichern.
An diesem Dienstag, dem zwölften Tag des Turniers, spielt England gegen Gastgeber Ukraine. Dann darf auch Wayne Rooney wieder stürmen, der die ersten zwei Spiele gesperrt war. Rooney ist Hodgsons Trumpf, der letzte Mann von Weltklasse. Schon ein Unentschieden reicht zum Einzug ins Viertelfinale.
Dass die Reise für das Team danach noch weitergehen könnte, glauben indes nur unerschütterliche Optimisten. Zu oft haben die Engländer im entscheidenden Moment die Nerven verloren. Zwischen 1990 und 2006 traten sie sechsmal zum Elfmeterschießen an, fünfmal scheiterten sie.
Auch Englands polnischer Platzwart in Krakau kennt diese Dramen offenbar, die auf der Insel fester Bestandteil der Fußballfolklore sind. Einmal ließ er den Elfmeterpunkt auf dem Trainingsfeld einfach weg.
Roy Hodgson, das war später zu hören, war nicht amüsiert.
Von Maik Grossekathöfer

DER SPIEGEL 25/2012
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