20.01.1997

STARSBöser Mond und gute Mondin

Martina Gedeck, hoch gelobt für Kino- und Fernsehrollen, spielt diesen Samstag im ZDF „Die Kriminalpsychologin“. Ein weiblicher „Fitz“?
Die Figur des grimmigen Seelendoktors - der Krimizuschauer kann sie nicht vergessen. Sie rumort noch in den Tiefen des flüchtigen TV-Gedächtnisses, eine Ahnung vom Himmel großer Fernsehkunst, der eine perfekte Hölle war.
Die Rede ist von "Fitz", dem von Robbie Coltrane verkörperten schweren Helden der famosen englischen Serie, diesem Caliban in den Sozialwüsten von Manchester. "Für alle Fälle Fitz" war ein Fernseh-Höhepunkt des vergangenen Jahres, vor allem aber eine schwarze Messe mit gestochen scharfen Dialogen und einer zutiefst pessimistischen Botschaft: Die Polizei samt ihrem Psychojäger ist nur wenig besser als die Verbrecher, die kleine Differenz hat eigentlich den Namen Moral nicht verdient.
Wenn die promovierte "Kriminalpsychologin" Lea Katz auf dem Bildschirm erscheint - an diesem Samstag um 20.15 Uhr im ZDF -, kann man schon nach wenigen Szenen bemerken, wie fern die perfide Welt des britischen Albion ist.
"Ich bin nicht von der Polizei. Ich bin Ärztin. Du brauchst keine Angst zu haben", lautet das sozialtherapeutische Fürchtedich-nicht, mit dem sich die Berliner Psychologin Katz einem blutverschmierten, mit einem Messer bewaffneten Mädchen nähert.
Die Polizei hat die Seelenhelferin kommen lassen - verstörte Kinder, die sich in einem Klo verbarrikadieren, sind Frauensache. Außerdem, so stellt sich später heraus, hat der diensttuende Kommissar an der schönen Lea bei einem früheren Einsatz Feuer gefangen.
Wie vorauszusehen, tut die Psychologin ihr mildtätiges Werk. Die deutsche Seelendame - das Kind im Arm - singt, was deutsche Menschen so singen, wenn sie Kinder beruhigen:
"Der Mond ist aufgegangen". Die gute Mondin deckt so endgültig das böse Mondgesicht "Fitz" ab. So sieht hierzulande also das Fernsehen die Psychologin: als mütterliche Not-Helferin, wenn Polizisten nichts zu ballern haben.
Dabei ist das ZDF-Spiel keineswegs zahm oder zimperlich. Gezeigt wird das Schicksal eines weiblichen Kaspar Hauser. Das sprachunkundige Kind, das wegen seines immerzu gestammelten "Uma, Uma" auch so mit Namen genannt wird, hat ein schreckliches Schicksal hinter sich. Von einer bösen Ziehmutter, die erstochen aufgefunden wird, ist das Mädchen wie ein Tier und isoliert von der Umwelt großgezogen worden.
In dem einsamen Haus finden die Psychologin und der ermittelnde Kommissar die Folterwerkzeuge, mit denen Uma gequält wurde: ein Stuhl mit Exkrementenschüssel, auf dem das Kind den Tag verbringen mußte, ein Bett mit Fesselvorrichtungen für die Nacht.
Die Hauser-Geschichte, so stellt sich heraus, ist ein fieses Komplott, geschmiedet von ehrpusseligen Großeltern, welche einst die leicht geistig behinderte Uma als uneheliche Tochter einer 13jährigen und eines doppelt so alten Mannes in die brutale Pflege gegeben hatten.
Der Zuschauer wohnt in diesem Film, den der amerikanische TV-Autor Steve Brown ("Columbo") geschrieben und der Berliner Regie-Profi und Grimme-Preisträger Konrad Sabrautzky inszeniert hat, einem klassischen "Whodunit" bei, einer Suche nach dem Täter, aber nicht nach Motiven - da schrumpft das Terrain für die Psychologin auf das Zeigen von Fürsorglichkeit zusammen.
Martina Gedeck, derzeit Shooting-Star der deutschen Kinokomödie ("Stadtgespräch", "Rossini") und Darstellerin der Lea Katz, leidet sichtbar unter dem Mangel an Dimensionen: Ihr fehlt in der "Kriminalpsychologin" das böse Gegenüber, das Abseitige.
Die perverse Ziehmutter ist tot - an wem soll die Gedeck ihre darstellerischen Fähigkeiten auslassen? Sie, die einst als bucklige Hoferbin "Hölleisengretl" zwischen Stolz, Haß, Liebe und Verzweiflung aufs irritierendste hin und her springen durfte, muß sich also an deutscher Sozialtherapeutenmentalität abarbeiten: bloß noch gußeiserne Gretl ohne Hölle.
"Fitz", den Grobian, hatte das Buch in eine Kollegenschar voller spannender Konstellationen gestellt. Für die liebe Lea bleiben nur eine fades Techtelmechtel mit dem Kollegen (Thomas Anzenhofer) und eine verkorkste Beziehung zu ihrem vielweiberischen Ex-Mann.
Der Star Gedeck hat keine allzu guten Drehbuchsterne. Doch das ZDF-Stück geht nicht vollständig unter: Die 13jährige Luise Helm spielt die Kaspar Hauserin Uma hinreißend glaubhaft, verschreckt und linkisch, mit einer Aura der Unnahbarkeit.
Sind die Gene oder Familie und Gesellschaft dafür verantwortlich, daß jemand zum Verbrecher wird? fragt sich Lea in einer Szene, als sie vor Studenten doziert. Bei solcher Alternative gibt es keine Freiheit, also kein Böses, nur Opfer.
Folgerichtig sind in deutschen Fernsehlanden, wo man mit den Seelenabgründen von Schurken seit je ungern Umgang pflegt, am Ende die Opfer schauspielerisch die Sieger. Psychologen mit investigativem Mumm müssen nach England auswandern.
* Mit Thomas Anzenhofer.

DER SPIEGEL 4/1997
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