27.01.1997

BESTATTUNGENNägel in der Asche

Krematorien sind wahre Dreckschleudern. Nun soll der Mensch umweltgerecht entsorgt werden.
Auch Deutschlands Bestattungsunternehmer gehen mit der Zeit. Die einen verbrennen die Toten im "Umweltschutzsarg", einem besseren Pappkarton, andere schwören auf den sogenannten Magnesit-Griff, der, beidseitig am Holzsarg angebracht, "wie ein Turbo" bei der Einäscherung wirke. Und wieder andere empfehlen die Fünf-Liter-Urne aus abgelagerter Borke - mit garantiert flotter Fäulnis.
Noch macht im deutschen Bestattungswesen jeder, was er will. Es fehlt an den entsprechenden Vorschriften für eine ökologisch einwandfreie letzte Ruhe. Vor allem die Feuerbestatter sind einigermaßen ratlos. Das heute noch gültige "Reichsgesetz über Feuerbestattungen" stammt immerhin aus dem Jahre 1934.
Das aber soll nun geändert werden. Im kommenden Monat will das Bundesumweltministerium eine Novelle vorlegen, die auch noch den einschlägigen Euro-Normen folgen wird. "Mit Beklemmung", so einer der Gesetzestexter, wurde ein Jahr lang ausgetüftelt, welche Schadstoffe des "homogenen Inputs" (Fachjargon) künftig herausgefiltert werden müssen.
Der Mensch als Müll? Seit Jahren schon steigt der Anteil der Feuerbestattungen. 1995 wurden von insgesamt 884 588 Verstorbenen 316 524 Tote eingeäschert.
Zu den peinlich verschwiegenen Tatsachen zählt, daß der Weg ins Jenseits im Diesseits Dreck erzeugt. Umweltpolitiker, die sonst jedem Milli- und Nanogramm in der Abluft nachspüren, schweigen zu diesem Thema. Kein Greenpeace-Kämpfer kettet sich an Krematorienschlote. Allenfalls wird darüber gestritten, was das kleinere Übel ist: Grundwasserverschmutzung durch "Ahnenbrühe" oder Luftverschmutzung durch Dioxine aus den Verbrennungsöfen.
Tatsächlich sind Krematorien wahre Dreckschleudern. Die 120 deutschen Verbrennungsinstitute pusten etwa 140mal mehr Dioxine und Furane in die Luft, als die "Technische Anleitung Luft" erlaubt; der jährliche Quecksilber-Ausstoß nur eines einzigen größeren Krematoriums ist mit 14 Kilogramm etwa so hoch wie die Quecksilber-Abgabe im Abwasser des Chemiegiganten Bayer.
Theoretisch könnten Krematorien nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz für Müllverbrennungsanlagen betrieben werden. Nur "müßten wir den Menschen dann regelrecht auseinanderschrauben", um die Schadstoffe getrennt zu entsorgen, erklärt Jürgen Jakobs vom Bundesumweltministerium.
Zahnfüllungen aus Amalgam, Medikamentenreste, Prothesen, Herzschrittmacher - das zählt alles zum Sondermüll. In einem Krematorium in Zürich wurden während der 75 Minuten dauernden Einäscherung einer 85jährigen Frau 6,75 Gramm Quecksilber freigesetzt, der Inhalt von drei Fieberthermometern. Eigentlich dürfen die sieben Verbrennungsöfen des Zürcher Krematoriums nicht mehr als ein Gramm pro Stunde produzieren.
Die geplante Bonner Verordnung bemüht sich um einen pietätvollen Mittelweg: Amalgamfüllungen sollen auch künftig mitverbrannt werden. Dafür müssen Herzschrittmacher entfernt werden, zumal sie in der Hitze implodieren. Silikonbusen wiederum schmelzen weiterhin im Ofen. Strenge Mülltrennung gibt es bei Nägeln, Schrauben und Drähten, etwa aus Hüft- oder Kniegelenken. Sie müssen nach der Verbrennung mit Magneten aus der Asche gezogen werden.
"Das reicht natürlich nicht", findet Manfred Zagar von der Arbeitsgemeinschaft kommunaler Friedhofsverwaltungen. Notwendig seien vor allem spezielle Filter, die allerdings in den zumeist veralteten Krematorien kaum noch eingebaut werden könnten: "Wenn man da jetzt Filter reinsetzt", meint Ulrich Doose vom Deutschen Städtetag, "ist das so, als ob man in ein Auto von 1912 einen Katalysator einbauen will."
Selbst neue Filteranlagen führen nicht automatisch zu einer geringeren Belastung der Umwelt. Um etwa den Ausstoß des Seveso-Gifts Dioxin zu reduzieren, bedarf es hoher Temperaturen. Der Bundesrat will der geplanten Verordnung nur zustimmen, wenn eine Verbrennungstemperatur von 850 Grad vorgeschrieben wird.
Doch das macht Rest-Europa nicht mit. Auch in den meisten Nachbarländern sind die Krematorien für solche Hitzegrade nicht ausgelegt.
Umweltfreundlicher sollen schließlich auch die Begleitutensilien der Toten werden. Wegfallen werden modische Accessoires wie aufplattierte Palmzweige auf dem Sarg oder verschnörkelte Metallgriffe. Der heißgeliebte Teddy, das Jagdgewehr oder die Krücken dürfen ebenfalls nicht mehr beigefügt werden. Die Leichname sollen möglichst im Jutehemdchen und in chlorfreier Baumwollhose auf Ökokissen ruhen.
Das Auswärtige Amt stoppte allerdings den Plan des Berliner Umweltamtes, bei Kollegen im europäischen Umland nachzuforschen, wie man es denn andernorts mit den ökologisch vertretbaren Totenkleidern halte.
Begründung: Die deutsche Vergangenheit erlaube es nicht, im Ausland nach Verbrennungsmethoden zu fragen.
[Grafiktext]
Der Mensch - die wichtigsten medizinischen Ersatzteile
[GrafiktextEnde]
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Der Mensch - die wichtigsten medizinischen Ersatzteile
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DER SPIEGEL 5/1997
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