27.01.1997

WÄHRUNGAuslaufmodell D-Mark

Der Dollar steigt und steigt, die Mark verliert in atemberaubendem Tempo an Wert: Viele Anleger schichten aus Angst vor dem Euro ihr Kapital um. Das führt zu Turbulenzen auf den Devisenmärkten - doch die Industrie profitiert.
Wilhelm Hankel hat es kommen sehen. Seit Jahren warnt der Frankfurter Ökonom vor der Europäischen Währungsunion. Eine massive Kapitalflucht, so Hankel, sei dann unausweichlich.
Jetzt scheint sie zu beginnen. Zwei Jahre vor der geplanten Einführung des Einheitsgeldes am 1. Januar 1999 hat die Mark zum Tiefflug angesetzt.
Während der Dollar weltweit an Glanz gewinnt, geraten die europäischen Währungen in zunehmend heftigere Turbulenzen. Für den Maastricht-Kritiker Hankel ist das ein "Menetekel", für die deutsche Industrie ein Segen.
Seit Jahresbeginn verliert das deutsche Geld in atemberaubendem Tempo an Wert, gegenüber dem Dollar beträgt der Verlust in knapp vier Wochen über fünf Prozent. Am Mittwoch vergangener Woche stieg der Greenback auf 1,64 Mark, den höchsten Stand seit 31 Monaten.
Schwächer wurde die sonst stets so harte Mark auch gegenüber dem britischen Pfund. Vergangene Woche wurde es zeitweilig mit mehr als 2,70 Mark gehandelt. In nur zwölf Monaten gewann das Pfund damit 20 Prozent an Wert.
Mittlerweile steht sogar die italienische Lira, traditionell eine Schwachwährung, vergleichsweise gut da. Am Mittwoch senkte die Zentralbank in Rom den Diskontsatz - dennoch legte die ohnehin schon kräftig aufgewertete Lira an den Devisenmärkten am selben Tag nochmals zu.
Geht es nun, zu ihrem 50. Geburtstag, mit der D-Mark bergab? "Der einstige Glanz verblaßt", schreibt die zeit. "Wann kommt der Fahrstuhl zum Halten?" fragt Ökonom Hankel.
So eindeutig sehen das nicht alle Experten. Lange Zeit galt die Mark als überbewertet - mit fatalen Folgen für den deutschen Export. Selbst jetzt ist der Dollar, an der Kaufkraft gemessen, mehr wert, als er an den Devisenmärkten kostet.
Was den Währungshütern Sorge macht, ist die Geschwindigkeit der Entwicklung. "So kann das nicht weitergehen", sagt Ernst Welteke. Der Chef der hessischen Landeszentralbank wartet auf eine Gegenreaktion an den Finanzmärkten.
Eingreifen können die Bundesbanker nicht. Die flaue Konjunktur verbietet es ihnen derzeit, die Zinsen hochzusetzen.
Zudem gehörte Bundesbank-Chef Hans Tietmeyer selbst zu denen, die der US-Währung auf die Sprünge halfen. Mehrfach äußerte der Notenbanker in den letzten Wochen des vergangenen Jahres seinen Wunsch nach einem "etwas stärkeren Dollar".
Ausländische Beobachter zeigten sich verblüfft. "Normalerweise entspricht es nicht der Art deutscher Zentralbanker, daß sie die D-Mark herunterreden", wunderte sich das wall street journal.
Thomas Mayer, Chefökonom der US-Investmentbank Goldman Sachs in Frankfurt, beobachtet einen grundlegenden Wandel in der Haltung der deutschen Währungshüter. Die Bundesbank nehme inzwischen Rücksicht auf die europäischen Partnerländer.
So sei die letzte Zinssenkung für Wertpapierpensionsgeschäfte im August 1996 eindeutig eine "politische Entscheidung" gewesen. Kurz zuvor war in Frankreich die Kritik an der Bundesbank aufgeflammt. Sogar Staatspräsident Jacques Chirac hatte niedrigere Zinsen zur Belebung der Konjunktur und zum Abbau der Arbeitslosigkeit gefordert.
Erstmals seit langer Zeit kommen die heimischen Unternehmen auf zahlreichen ausländischen Märkten in den Genuß von Abwertungsvorteilen. Besonders profitieren werden davon der Maschinenbau, die Großchemie und die Automobilwirtschaft. Für Daimler-Benz etwa bedeutet ein Anstieg des Dollarkurses um zehn Pfennig grob gerechnet ein Ertragsplus von 800 Millionen Mark.
Bislang schätzten Bankanalysten den Gewinnanstieg der deutschen Unternehmen im laufenden Jahr schon auf 20 Prozent, jetzt dürfte es noch mehr werden. "Wir müssen noch mal neu rechnen", sagt Wolfgang Sawazki von der WestLB.
Mit einer baldigen Trendwende an den Devisenmärkten ist nicht zu rechnen. Daß der Dollar ähnlich wie vor knapp zwei Jahren zeitweilig bis auf 1,35 Mark absinken könnte, halten Ökonomen für ausgeschlossen.
"Er ist jetzt da, wo er hingehört", sagt Holger Schmieding, Frankfurter Chefvolkswirt von Merrill Lynch. Einen Anstieg auf 1,70 Mark hält er für denkbar.
Die Fundamentaldaten sprechen für den Dollar. Die US-Wirtschaft wächst seit fast sechs Jahren und ist heute in einem weitaus besseren Zustand als die deutsche.
Mit 5,3 Prozent ist die Arbeitslosenquote gerade halb so hoch wie hierzulande. Zudem werfen Dollar-Anlagen deutlich höhere Zinsen ab.
Hinzu kommt: Die geplante Einführung des Euro drückt nachhaltig auf den Außenwert der Mark. Das ehrgeizige Vorhaben macht das deutsche Geld zu einem Auslaufmodell - eine "Währung mit Verfallsdatum" (handelsblatt).
Die aktuelle Schwäche der Mark ist eine erste "Vorauswirkung" (Hankel) der Währungsunion - die führt zu einer Umverteilung des weltweiten Sparkapitals.
Bislang war das deutsche Geld nach dem Dollar die international wichtigste Reservewährung. Notenbanken und Sparer in aller Welt haben den Gegenwert von schätzungsweise einer Billion Mark in Vermögensanlagen geparkt, die auf D-Mark lauten. Aber wie lange noch?
Nach den EU-Gipfeln von Florenz und Dublin glaubt die große Mehrheit der Akteure an den globalen Finanzmärkten fest daran, daß das europäische Einheitsgeld von 1999 an die Mark ersetzen wird - und viele haben frühzeitig begonnen, nach alternativen Parkmöglichkeiten für ihr D-Mark-Kapital zu suchen.
"Da wird umgeschichtet", sagt Rolf-Ernst Breuer, der designierte Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Neben dem Dollar ist derzeit das britische Pfund die erste Wahl der Investoren. Euro-Skeptikern gilt es als "sicherer Hafen". Die Briten müssen nicht bei der Währungsunion mitmachen, und sie werden es wohl auch nicht. Ihre Währung wird zunehmend zur Fluchtburg.
Wirtschaftliche Entwicklungen verstärken diesen Trend. Während in Deutschland die Arbeitslosigkeit weiter zunimmt, ist sie in Großbritannien gesunken und liegt heute mit 7,6 Prozent deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Bei internationalen Investoren, die neue Fabriken bauen oder Firmen kaufen, ist die Insel seit Jahren beliebt. Deutschland wird dagegen gemieden.
Anders als das Pfund konnte der Schweizer Franken bislang nicht von der Euro-Angst profitieren. Die wirtschaftlichen Aussichten der Alpenrepublik sind eher trist, mickrige Zinsen machen den eidgenössischen Kapitalmarkt zusätzlich unattraktiv.
Je näher die Europäische Währungsunion rückt, desto stärker werden ihre Auswirkungen auf die internationale Wertschätzung der Mark sein. Weitere Turbulenzen sind damit programmiert.
"Noch schweigen die Lämmer", meint Manfred Kunert, Generalbevollmächtigter der DG Bank, und prognostiziert für das laufende Jahr noch größere Wechselkursschwankungen als bisher: "Es ist schlichtweg undenkbar und erwiesenermaßen unmöglich, die Märkte langfristig ruhigzustellen, schon gar nicht, wenn ein Jahrhundertereignis wie die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion vor der Türe steht."
Derzeit glauben die Verwalter der großen Vermögen ganz offenkundig an eine große Währungsunion. Ihr Kalkül: Die Politiker werden alles tun, um den in Maastricht vereinbarten Starttermin am 1. Januar 1999 einzuhalten.
Da es wohl selbst Deutschland und Frankreich kaum schaffen werden, die Konvergenzkriterien genau zu erfüllen, müßten diese weit ausgelegt werden.
Je mehr sich abzeichnet, daß selbst Musterschüler Deutschland bei einer strengen Aufnahmeprüfung durchfallen würde, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit eines großen Teilnehmerkreises. "Jeder, der will, schlüpft in die Währungsunion", prognostiziert die süddeutsche zeitung.
Die Spekulation auf eine europäische Weichwährungsunion floriert bereits kräftig. Ihre Grundlage: Wenn Länder wie Spanien und Portugal, möglicherweise sogar Italien, dabeisein werden, dann ist eine Anlage in den Währungen dieses "Club Med" heute hoch attraktiv.
Südländische Staatsanleihen warfen bisher stets höhere Zinsen ab als deutsche, nach dem Umtausch in Euro müßte es aber überall gleiche Renditen geben. Aus den hohen Zinsen werden dann gewaltige Kursgewinne.
Aus biederen Bonds sind dadurch heiße Spekulationspapiere geworden. Wer zu Beginn des vergangenen Jahres für 100 000 Mark italienische Anleihen kaufte und sie am Jahresende wieder abstieß, konnte einen Gewinn von fast 40 000 Mark einstreichen - soviel verdienten nicht einmal die Aktionäre an der von Rekord zu Rekord eilenden Wall Street.
Massive Kapitalzuflüsse, wie sie Italien und Spanien im vergangenen Jahr erlebten, sind die Folge dieser Spekulation. Die spanische Notenbank wehrte sich bereits mit Interventionen gegen den Geldstrom.
Während an den Finanzmärkten derzeit eine regelrechte Euro-Euphorie herrscht, bleibt die Mehrheit der Deutschen nach wie vor skeptisch.
Gäbe es in nächster Zeit eine Volksabstimmung über das Projekt, ermittelte das handelsblatt, dann würde das Einheitsgeld mit knapper Mehrheit abgelehnt.
Die Mark-Schwäche trägt nicht dazu bei, die Begeisterung der Deutschen für die Währungsunion zu steigern.
Zunehmend hilflos wirken da die Versuche von Bonner Politikern, die Stimmung im Lande umzudrehen. So nannte Bundesaußenminister Klaus Kinkel die Mark eine "Dorf-Währung", die Zukunft gehöre dem Euro.
Die flapsige Bemerkung stieß bei Bundesbank-Chef Tietmeyer hörbar auf Mißfallen. Die Mark sei die "zweitwichtigste Reserve- und Anlagewährung" der Welt, belehrte er den Außenminister. Als Dorf-Währung dürfe sie daher allenfalls der betrachten, "dem die Welt ohnehin als ein Dorf erscheint".
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Wie sich die europäischen Währungen gegenüber der Mark entwickelt
haben
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DER SPIEGEL 5/1997
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