18.06.2012

KUNSTModerne Antike

Jeff Koons lässt sich in Frankfurt am Main mit einer Doppelschau würdigen. Der Künstler will beweisen, dass er es mit allen aufnehmen kann: mit den Bildhauern des Hellenismus und mit dem eigenen pornografischen Frühwerk.
Das Atelier von Jeff Koons sieht aus wie eine große Garage. Flach und harmlos breitet es sich im unteren, an dieser Stelle etwas trostlosen Teil von Manhattan aus. Drinnen bahnt sich eine Krise an. Koons droht unterzugehen, zumindest optisch.
Eine Fotografin will Porträts von ihm machen. Koons nimmt sich Zeit, Bilder sind ihm wichtig. Er kommt auf die Idee, sich hinter den giftgrünen, muskulösen Oberkörper einer seiner "Hulk"-Skulpturen zu stellen. Sein eigener Kopf soll hinter den Comic-Schultern hervorragen. Auf Fotos wirkt Koons ja immer wie jemand, der zu einem Spaß aufgelegt ist.
Doch ohne Hocker oder Kiste oder irgendetwas anderes, worauf er sich stellen kann, verschwindet er hinter seiner eigenen Kunst. Das scheint ihn zu ärgern. Vielleicht stört ihn auch nur, dass seine Mitarbeiter das Problem noch nicht erkannt haben.
Sein suchender Blick und einige geflüsterte Worte reichen. Koons ist gut darin, Befehle zu erteilen und sie wie Bitten klingen zu lassen. Irgendjemand bringt nach ein, zwei Minuten - also nach einer Ewigkeit - Holzklötze.
Etwa hundert Angestellte sind für ihn tätig. Sie setzen die Ideen ihres Chefs am Computer in digitale Vorlagen um. Und sie sind es, die diese Entwürfe mit dem Pinsel auf Leinwände übertragen oder sie in Skulpturen verwandeln. Ein enormer Aufwand.
Seine Werke aber erwecken stets den Eindruck, Kunst sei etwas Unkompliziertes. Genau das hat ihn zu einem der berühmtesten Künstler der Welt gemacht. Seinen Ruhm will er nun noch steigern.
In Europa hat er in diesem Sommer gleich zwei große Auftritte. Eine Ausstellung hat im Mai in Basel begonnen und ist im Grunde eine Retrospektive. In Frankfurt startet in dieser Woche eine Doppelschau mit über 90 Werken. Eine gigantische Inszenierung.
Der eine Teil der Schau findet in der Kunsthalle Schirn statt. Dort lässt sich der Amerikaner als Maler würdigen - oder zumindest als jemand, der eindrucksvolle Gemälde herstellen lässt. Der andere Teil wird im Liebieghaus zu sehen sein, einem Museum für Skulpturen von der Antike bis ins 19. Jahrhundert. Es hat Koons gereizt, hier seine eigene Bildhauerei unterzubringen. Er reduziert Kunst gern auf Schlüsselreize - und er mag es, wenn die Kunstgeschichte die Wirkung seiner Werke, die im Grunde alle bewusste Geschmacklosigkeiten sind, verstärkt.
Die zwar kopflose, ansonsten aber sehr erotische Porzellanfigur einer Frau in der Badewanne hat er beispielsweise vor ein Renaissance-Werk aus dem Museum gestellt: vor ein Altar-Relief von Andrea della Robbia. Das Material ist ähnlich, die blau-weiße Glasur auch. Die Motive aber stoßen sich gegenseitig ab.
Zum ersten Mal präsentiert Koons in Frankfurt auch Gemälde und Plastiken seiner neuen Serie "Antiquity". Er hat sich oft von der Kunst der Vergangenheit inspirieren lassen, von Barock und Rokoko. Nun ist er in der Antike angekommen. Und wenn er über Praxiteles, den bedeutenden Bildhauer des 4. Jahrhunderts vor Christus, spricht, hört sich das an, als redete er von einem Freund.
Im Zuge seiner eigenen Renaissance, seiner Wiederentdeckung der Antike, hat Koons etwa die Figur des Diskuswerfers neu erfunden. Der Körper ist klassisch, die Oberfläche - metallisch und blau - ist es nicht. Sobald sich der Betrachter im Raum bewegt, verändern sich die Spiegelungen des Lichts auf den Muskeln. Koons gefällt das. So simpel, so effektvoll.
Auf der Leinwand stellt sich sein Spiel mit antiken Mythen und Schönheitsidealen unter anderem so dar: Eine kaum bekleidete Frau küsst einen aufblasbaren Gummi-Affen und sitzt dabei auf einem aufblasbaren Kunststoff-Delphin. Die übergroßen Bilder dieser Reihe sind fotorealistisch und doch seltsam künstlich, fast surreal.
Es sind Gemälde, die an diesem Tag in seinem Atelier in New York noch entstehen. An den vielen Leinwänden arbeiten mehrere Leute gleichzeitig, manchmal malen sie ein bis zwei Jahre und haben doch nie genug Zeit. Jeder Strich, jede Nuance muss stimmen, jeder gestaltete Quadratmillimeter muss Koons gefallen.
Koons ist jetzt 57 Jahre alt, er wollte von Beginn seiner Karriere an mehr Star als Künstler sein. Er hat viel Geld investiert in die Strahlkraft seiner Kunst, in ihre perfekte Verarbeitung, in sanft schimmernde oder extrem glänzende Oberflächen. Ein früher Klassiker aus den achtziger Jahren ist die Porzellanfigur in Gold und Weiß, die Michael Jackson mit seinem Schimpansen Bubbles darstellt. Oft ist die Rede davon, dass Künstler die angeblich tote Malerei wiederbelebt haben. Dabei war das Genre der gegenständlichen Skulptur noch toter, aber Koons war ihr einziger Retter weit und breit.
Anfang der Neunziger überraschte er die Welt mit Bildern und Objekten der Serie "Made in Heaven", einer Art autobiografischem Porno. Nicht zum ersten Mal war er sein eigener Hauptdarsteller, doch dieses Mal zog er sich aus.
Er posierte, und seine damalige Geliebte Cicciolina, eine nach Italien übergesiedelte Ungarin, Politikerin im römischen Parlament und außerdem Ex-Pornodarstellerin, posierte mit. Koons ist in der amerikanischen Provinz aufgewachsen, er entstammt der Mittelschicht, und er weiß genau, wie man dieses Milieu sowohl schockieren als auch faszinieren kann.
Cicciolina und er haben geheiratet, sie bekamen einen Sohn, den sie Ludwig nannten und als ihre "biologische Skulptur" vorstellten. Sie ließen sich scheiden, führten einen langen Rosenkrieg. In der Kunstgeschichte sind sie aber nicht mehr voneinander zu trennen. Koons' Weltruhm basiert auf dem riesigen Konvolut von "Made in Heaven", auf all diesen Darstellungen von Küssen und Kopulationen.
Seine Frankfurter Serie "Antiquity" ist nun auch der Versuch, an alte Zeiten anzuknüpfen. Zwar haben die Bilder diesmal nichts Pornografisches, sie sind höchstens erotisch, aber die Hauptfigur seiner Werke erinnert an Cicciolina, derselbe Unterwäsche-Look, dieselbe Frisur, allerdings sind die Haare diesmal schwarz statt blond.
Jedes einzelne Werk dieser Serie soll zeigen, dass er es mit seinem eigenen Frühwerk ebenso wie mit der Antike aufnehmen kann, dass er beides wie neu aussehen lassen kann. Und dass er immer noch das größte Ego der Kunstwelt besitzt, dass er sogar ein ästhetisches Über-Ego ist. Fast jeder kennt seine Werke, sie
sind beinahe so berühmt wie Bilder von Andy Warhol.
Sein Lieblingsthema ist die menschliche DNA, die Geschichte der Menschheit, überhaupt die ganze Sache mit der Fortpflanzung, das Große und Ganze eben. "Das biologische Narrativ", so nennt er es. Er glaube an nichts, außer an die Verbreitung von Genen - und daran, dass wir trotz der Biologie, die in uns eingeschrieben ist, immer die Freiheit hätten, uns zu entscheiden, wer wir sind und was wir wollen. Auch seine Thesen klingen surreal.
Jeder junge Künstler entwickle seine eigene Ikonografie, das sagt Koons ebenfalls. Bei ihm sei das einst gewesen wie bei einem Auto, das man bei kaltem Wetter zu starten versuche, man probiere und probiere, und irgendwann springe der Motor an.
Gezündet hat es dann an der Kunstschule. Ein Professor zeigte die Abbildung eines Aktes von Edouard Manet, die legendäre "Olympia". Koons habe durch diese Ikone des Impressionismus erkannt, so schildert er es, dass in der Darstellung von Nacktheit alles an Themen enthalten sein könne: Soziologie, Philosophie, Theologie, sogar Physik und vieles mehr.
Dann folgt wieder der typische Koons-Slang: "Alles an mir öffnete sich, ich erkannte, ich könnte Teil von etwas sein, was phantastisch ist, absolut phantastisch."
Der junge Künstler beschloss, eine neue Ikonografie des Begehrens zu entwickeln. Duchamp, der Dadaist, wurde eine Inspiration. Die Venus von Willendorf, diese kleine, 25 000 Jahre alte Urfigur der Fruchtbarkeit, eine andere.
Er selbst stellte fabrikneue Staubsauger aus, wie sie sich die Hausfrauen seiner Kindheit wünschten, er zeigte schließlich Cicciolina. Die Begierden der Mittelschicht eben. Inzwischen hat er sogar die Willendorf-Venus auf seine Weise interpretiert, als imposant große "Balloon Venus" in buntem Metall.
Heute ist er, gemessen an Auktionsergebnissen, der teuerste lebende Künstler der Welt. Vor ein paar Jahren brachte eine Riesenblume 25,8 Millionen Dollar ein. Auch da verkörpert er den Traum der Mittelschicht, er hat es geschafft, er ist der Kunst gewordene Ehrgeiz.
Einer seiner wichtigsten Förderer und Sammler lebt in Athen, es ist der griechisch-zypriotische Industrielle Dakis Joannou. Koons nennt ihn einen Freund, er hat auch dessen jüngste Yacht gestaltet, hat ihr einen - sehr auffälligen - Tarnanstrich verpasst. Dass dieses Boot "Guilty", also "Schuldig", heiße, sei Teil von Joannous Selbstironie. Der habe schon einmal eine Yacht "Donald Duck" getauft.
Die ganze "Antiquity"-Serie ist also seine Verneigung vor sich selbst, aber auch vor Griechenland, dieser alten Hochkultur, die vor mehr als 2000 Jahren schon einmal für immer untergegangen zu sein schien. Koons liebt Griechenland, er fährt im Sommer gern dorthin, nur nicht dieses Jahr, wegen der anstehenden Geburt seines achten Kindes.
Viel mag er zu diesem Land, zu seinen aktuellen Problemen nicht sagen. Koons lebt in der Gegenwart, aber noch mehr in der Ewigkeit der Kunst. Seine Skulpturen sind vorsichtshalber so konstruiert, dass sie wahrscheinlich auch in ein paar Jahrtausenden noch fabrikfrisch wirken.
Vor 20 Jahren, in seinen strahlenden Made-in-Heaven-Jahren, schuf Koons aus Blumen einen zwölf Meter hohen Schoßhund und stellte ihn ins hessische Arolsen. Es wurde die Kunstsensation des Sommers 1992. Manche verstanden die Aktion als Versuch, der zeitgleich laufenden Documenta in Kassel Konkurrenz zu machen.
Im Documenta-Jahr 2012 ist er wieder in der Gegend.
Koons streitet gar nicht ab, alles mitbedacht zu haben. Er sagt, er möge die Vorstellung, dass viele Leute aus der Kunstwelt in Europa sein werden. Erst zur Documenta in Kassel, dann zur Kunstmesse in Basel. Ganz kurz wirkt es so, als lächle er.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 25/2012
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