27.01.1997

BOBBeweisstücke im Müllcontainer

Ein Minister aus Thüringen wollte sich im Glanze von Medaillen sonnen. Jetzt rächt sich, daß er Stasi-Zuträger und Dopingsünder gedeckt hat.
Andreas Trautvetter, 41, ist ein Mann, dessen Tatendrang keine Grenzen erlaubt. "Ich habe großes Verständnis für den Rechtsstaat", lautet eine pragmatische Maxime des Finanzministers von Thüringen, "aber manchmal wünsche ich ihn mir weit weg."
Mit dieser Geisteshaltung ließ sich Trautvetter, der Hoffnungen auf die Nachfolge von Ministerpräsident Bernhard Vogel hegt, auch zum Präsidenten des Thüringer Schlitten- und Bobsportverbandes wählen. Thüringen gilt als erfolgreichste Wintersportregion der Welt - was lag da näher, als den Glanz der Siege und Medaillen auch auf die eigene Person umzuleiten.
Nun aber bringt Trautvetters Forschheit im Nebenamt eine ganze Sportart in Verruf. Der ehemalige Reserve-Oberleutnant der Nationalen Volksarmee deckt wissentlich seit Monaten einen Trainer, der sich zur DDR-Zeit als eifriger Stasi-Zuträger und hochkarätiger Dopingfachmann Reputation erworben hatte.
Auch andere einschlägig belastete Trainer hatten unter Trautvetters Führung bislang nichts zu befürchten. Er setzt auf "die Leistung" altgedienter Sportprofis. Statt solche Experten zu beschäftigen, argumentiert der Christdemokrat, könne er doch "keinen Langzeitarbeitslosen einstellen, der vielleicht früher gern gerodelt ist".
Um seine umstrittenen Medaillengaranten zu behalten, hat sich Trautvetter eine sehr verengte Sichtweise zurechtgelegt. Für die Überprüfung der Vergangenheit, sagt er verquer, "will ich nicht den Lückenbüßer machen" - und seitdem er präsidiere, sei ohnehin alles gut und sauber.
Mit dieser Einstellung nahm sich Trautvetter die Stasi-Akte von Erich Enders vor. Was der ehemalige Auswahltrainer der DDR vom Armeesportklub Oberhof, der heute für den Thüringer Bobnachwuchs zuständig ist, als IM berichtet hatte, habe er "gelesen". Verwerfliches habe er nicht entdecken können.
Mit dieser verharmlosenden Einschätzung wird der Minister allein bleiben. Die über 700 Seiten der IM-Akte "Emil Müller" beschreiben, wie Enders aktiv daran beteiligt war, politisch unliebsam gewordene Sportler aus dem Leistungssport zu eliminieren. Detailliert berichtet Enders zudem über die Dopingpraxis in der DDR - wer die Anabolika ("Medikament Turinabol") nimmt, wie die Hormone wirken, wo er die Tabletten aufbewahrt: "In der Schublade in einem Kästchen."
Lange hatte die Funktionärshaltung des Augenverschließens Leuten wie Enders Ruhe beschert. Mit der aufgetauchten "Emil Müller"-Akte gerät der deutsche Bobsport nun jedoch erneut in die Bredouille: Denn jetzt scheint auch Raimund Bethge, der amtierende deutsche Bundestrainer, von seiner Dopingvergangenheit eingeholt zu werden. Enders berichtete, daß Bethge ebenso zu den Anwendern "derartiger Mittel" zähle wie DDR-Verbandstrainer Horst Hörnlein, der heute die britischen Bobfahrer coacht, und dessen Musterschüler Mark Tout im vergangenen Jahr mit Anabolikaspuren im Körper erwischt wurde.
Wegen der bisher sehr nachlässig durchgeführten Überprüfung der Thüringer Sportwelt werden sieben Jahre nach dem Mauerfall immer neue Stasi-Mitarbeiter enttarnt. So hat Karl-Heinz Anschütz, früher Rodel-Technikchef im ASK Oberhof und heute Vizepräsident des Deutschen Bob- und Schlittensportverbandes, als GMS "Heinz Martin" laut Stasi-Akten geholfen, Sportler von Westkontakten abzuhalten. Der Rodel-Olympiasieger Klaus Bonsack, später Bundestrainer in Österreich und Dopingbeauftragter des internationalen Verbandes, war als IMB "Julius" registriert. Und der ehemalige DDR-Bobverbandsarzt Wolfgang Schneider, der als "Fritz Krüger" geführt wurde, war angehalten, notfalls Medikamente einzusetzen, um Sportler an der Republikflucht zu hindern.
Nun rächt sich, daß Thüringen auf die alten Sportkader setzte. Trautvetters vollmundige Erklärung im Deutschlandfunk, daß "die Dopingpraktiken" ausgemerzt seien, wird sich wohl kaum halten lassen.
Zufällig entdeckte ein Hausmeister Ende letzten Jahres in einem schwelenden Müllcontainer beim Oberhofer Sportzentrum ein kleines Medikamentenlager. Am 26. November wurden 107 verschiedene Arzneimittel dem Thüringer Ministerium für Justiz übergeben - darunter laut Übergabeprotokoll die hormonellen Tiermastmittel Clostebol sowie Clenbuterol, mit dem sich einst auch Katrin Krabbe dopte. Im Müll fand sich zudem das Trainingsbuch eines Enders-Schützlings. Die Staatsanwaltschaft Meiningen untersucht den Fall (Aktenzeichen: 7AR 1194-96).
So kommen Oberhof und Umgebung nicht zur Ruhe. Mehrere Verfahren gegen Dopingsünder sind bei Thüringer und Berliner Staatsanwaltschaften anhängig. Ein besonders tragischer Fall ereignete sich vor neun Jahren. Damals starb der Junioren-Vizeweltmeister Jens Ränger, 22, auf der Fahrt nach Winterberg an Herzversagen. Nun wird wegen fahrlässiger Tötung gegen verantwortliche Ärzte, Trainer und Funktionäre ermittelt.

DER SPIEGEL 5/1997
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