10.02.1997

Der Mann im Rollstuhl

Wolfgang Schäuble will sich - und den Deutschen - beweisen, daß ein Querschnittsgelähmter Kanzler werden kann.
Gern dösen Fotografen und Fernsehleute auf dem Balkon des Bonner Plenarsaals vor sich hin. Doch kaum kommt Wolfgang Schäuble hereingerollt, legen sie blitzartig die Kameras an.
Schäuble weiß, worauf die "Spitzbuben" von der Presse lauern, wenn er die Rampe hinabfährt zu seinem Platz unten in der vordersten Reihe: Würde er sich verbremsen und mit dem Rollstuhl umkippen, gingen die Bilder vom gestürzten Kanzlerkandidaten um die Welt. Diese Fotos, ahnt er, "würde ich für den Rest meiner Tage nicht los".
Für den Realisten Schäuble gibt es nur eine Strategie: Er macht sein Leben im Rollstuhl so öffentlich wie möglich, um die Gerüchte, das ständig drohende Tuscheln über seine Behinderung möglichst von vornherein zu unterbinden.
Er muß jede Frage beantwortet haben, noch bevor sie sich der Wähler überhaupt stellt. Nur mit dem unentwegten Tabubruch kann er die Deutschen, hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Beklemmung, aber dauernd neugierig, überzeugen, daß sich sein Dasein als Querschnittsgelähmter allenfalls marginal vom richtigen Leben unterscheidet.
Nur wenn die Nation das Gefühl hat, wirklich alles zu wissen, nimmt sie den Rollstuhl eines Tages womöglich kaum noch wahr. Der Fraktionschef der Union will beweisen, daß ein Politiker nicht viel mehr braucht zum Erfolg als Kopf und Arme.
Kühl kalkuliert gibt er daher immer wieder Privates preis. Mal muß sich seine Ehefrau für Fotografen in den Rollstuhl hocken, mal der brigitte berichten, wie es sich mit einem Rollstuhlfahrer lebt.
Und minutiös schildert Schäuble, wie er sich morgens, ohne Hilfe, fertig für den Tag macht, wie ihn eine Krankengymnastin täglich beturnt, damit die Muskeln seiner Beine nicht schrumpfen. Für die Kamera fährt er mit dem Aufzug, der ihn daheim in Gengenbach die Treppe emportransportiert.
Der Mann, der Emotionen für lästig hält und ungerührt beobachtet, wie sich bei seinen Auftritten die Augen ringsum mit Tränen füllen, bedient den Voyeurismus ungerührt auch mit Intimstem. Der Verlust der Sexualität, eröffnet er etwa in seiner Biographie "Politik als Lebensaufgabe", sei "für einen Zwanzigjährigen einschneidender als für einen Fünfzigjährigen". Dennoch müßten "Querschnittsgelähmte nicht unter allen Umständen völlig auf Sexualität verzichten".
Den letzten seiner kalkulierten Tabubrüche beging Schäuble in der Hamburger Illustrierten stern. "Ein Krüppel als Kanzler?" fragte er da Anfang Januar ungeniert vom Titelblatt - "Ja, die Frage muß man stellen!"
Beantwortet hat er sie allerdings nicht, aus einem einfachen Grund: Den Nachweis, ob er fit genug ist für das Kanzleramt, zumal in Krisenzeiten, ist nicht theoretisch, sondern nur durch den Versuch selbst zu klären. Noch nie hat ein Mann, der vom dritten Brustwirbel abwärts gelähmt ist, die Regierungsgeschäfte eines Landes geführt.
Akute gesundheitliche Probleme jedenfalls hat der Fraktionschef nicht. Gelegentlich bescheren ihm Entsorgungsprobleme eine fiebrige Entzündung, die mit Antibiotika bekämpft werden muß. Auch längeres Sitzen strengt Schäuble an.
Doch die Bonner Geschäfte erledigt er ohne Probleme. Er ist autoritär, ungeduldig, barsch, zuweilen zynisch, jederzeit wach und "im Kopf schneller als die restlichen Kanzlerkandidaten zusammen", wie ein CDU-Abgeordneter ehrfürchtig sagt.
Schäubles Handicap kommt im Alltag bestenfalls als Jux vor. So mußten Parteifreunde beklommen mit anhören, wie er Otto Graf Lambsdorff, der als 18jähriger ein Bein im Krieg verlor, nach einer gelungenen Koalitionsverhandlung zurief: "Wir Krüppel müssen doch zusammenhalten."
Dennoch gibt es gesundheitliche Unwägbarkeiten bei einem mutmaßlichen Kanzler Schäuble. Als Fraktionschef genießt er einen Rhythmus, der Zeit läßt zum Regenerieren. Zwischen den Bonner Sitzungswochen findet er immer wieder Ruhe oder kann mit seinem per Armkraft angetriebenen Rennrollstuhl über Land fahren. Im Kanzleramt dagegen erwartet ihn Dauerstreß, jede Woche sieben Tage.
Daher steht eines schon mal fest: Mit Schäuble als Kanzler würde sich der Regierungsstil drastisch ändern. Vertraute glauben sogar, daß Schäuble sein Handicap nutzen würde, um sich unwichtigen Schnickschnack und lästige Schranzen vom Hals zu halten. Wenn er schon den Nachteil durch den Rollstuhl habe, ließ er wissen, "dann will ich auch die Vorteile davon haben".

DER SPIEGEL 7/1997
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