10.02.1997

DIPLOMATIEAchtung für den Feind

Wenn die Deutschen sich für die Sache der Palästinenser interessieren, trägt ein Mann dafür besondere Verantwortung: Abdallah Frangi, Arafats Vertreter in Bonn, macht PR für die PLO. Nun denkt er an Rückkehr in die Heimat. Von Karen Andresen
Die Stimmung im Amtszimmer des Radolfzeller Oberbürgermeisters ist so feierlich, als gelte es auch hier in der deutschen Provinz Frieden zu schließen mit Abdallah Frangi und dessen Chef im fernen Gaza, Jassir Arafat.
Mehr als vier Stunden lang ist Arafats Mann in Bonn, begleitet von einem Troß deutscher Sicherheitskräfte, über vereiste Straßen vom Rhein an den Bodensee gefahren. Im Radolfzeller Rathaus soll er sich in das Goldene Buch eintragen und anschließend über die Friedensaussichten in Nahost berichten.
Der Besuch des Palästinensers sei eine "große Ehre" für die Stadt, lobt Oberbürgermeister Günter Neurohr, er kröne das kulturelle Angebot Radolfzells. Frangi verbeugt sich mit einem Lächeln, ein bißchen geschmeichelt, ein bißchen belustigt.
Es ist noch nicht lange her, da wurde der PLO-Mann von der offiziellen Politik lieber gemieden. Seit aber Israelis und Palästinenser die Oslo-Verträge abgeschlossen haben, gibt es kaum noch eine Organisation, die sich nicht mit dem Quasi-Botschafter schmücken will.
Mal ist es eine Deutsch-Israelische Gesellschaft, die den palästinensischen Generaldelegierten - so Frangis offizielle Bonner Amtsbezeichnung - hören will, mal die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung in München, die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik oder die Arbeitsgruppe Außenpolitik der CDU in Bonn.
Der enge Vertraute Arafats, der auch dem Zentralkomitee der Palästinenserorganisation Fatah angehört, ist schlau genug, seine gewachsene Bedeutung nicht triumphierend zur Schau zu stellen: Äußerste Diskretion zählt, neben geduldiger Hartnäckigkeit, zu den Qualitäten des Palästinensers mit Wohnsitzen in Gaza am Mittelmeer und im rheinischen Meckenheim.
Dort, vor den Toren Bonns, wohnt er mit seiner deutschen Ehefrau Benita und seinen zwei erwachsenen Kindern in einem Bungalow, der sich von dem deutscher Nachbarn vor allem dadurch unterscheidet, daß im Wohnzimmer außer vom Hausherrn gemalten Aquarellen auch ein großes Foto von Palästinenserchef Arafat hängt, handschriftlich Gattin Benita gewidmet und der Befreiung Jerusalems.
Auch sonst erinnert Frangi, der anstelle der Kufija, des Palästinensertuches, am liebsten eine schwarze Baskenmütze trägt, in seinem Habitus eher an einen westeuropäischen Intellektuellen als an einen nahöstlichen Befreiungskämpfer.
Dabei hatte der 1943 in Beerscheba im heutigen Israel als Sohn eines Großgrundbesitzers geborene Frangi zunächst mit jenen sympathisiert, die gegen Israel kämpften. Als Kind in Gaza, wohin die Familie 1948 geflohen war, bewunderte er die Mitglieder der Kommandos, die Anschläge in Israel vorbereiteten. "Diese heimlichen Gespräche, das ist die Atmosphäre, in der ich groß geworden bin."
Sein älterer Bruder Mohammed, der später zusammen mit Jassir Arafat die Fatah gründete, war damals schon mit Freunden verdeckt politisch aktiv. Stolz ließ sich der Junge von den Älteren als Kurier einspannen. In der Unterhose transportierte er deren Botschaften.
1956 besetzten die Israelis im Suez-Krieg für kurze Zeit den Gaza-Streifen. Die Frangis verließen ihr Haus, um irgendwo draußen auf den Feldern zu übernachten. Als der 13jährige Abdallah am nächsten Tag zurückkehrte, fand er mehr als zehn Leichen im häuslichen Hof. "Das war mein erster Schock."
Die Familie beschloß, erneut zu fliehen. Zu Fuß durchquerte sie die Sinai-Wüste. Ihr Ziel war Kairo. Von dort ging Abdallah Frangi 1962 zum Medizinstudium nach Deutschland.
An der Frankfurter Universität debattierte er nächtelang mit seinen Kommilitonen über die Befreiung der Dritten Welt, über Kuba, Algerien und Vietnam. Als die Israelis im Juni 1967 Ost-Jerusalem, das Westjordanland und den Gaza-Streifen eroberten, reiste der 23jährige mit "Ché Guevara und Ho Tschi-minh im Kopf" zur Partisanen-Ausbildung nach Algier.
Etwa 140 Palästinenser waren damals in die algerische Hauptstadt gekommen. Leute aus allen Teilen der Welt, "die viel über Revolutionen nachgedacht und zahlreiche Flugblätter geschrieben haben" (Frangi). Doch die Phantasien, die in den Studentenkneipen bei einem Glas Bier immer so heldenhaft endeten, hatten mit den realen Bedingungen in Algier wenig zu tun: Wie sollte die Ausbildung aussehen, woher erhielten sie Waffen, wie kam man überhaupt nach Palästina? Entmutigt reisten viele schon nach zwei, drei Tagen wieder ab.
Frangi blieb. Am 20. Juli schickte ihn die Fatah-Spitze ins Westjordanland. Von Syrien aus reiste er zusammen mit fünf anderen palästinensischen Studenten aus Deutschland in das israelisch besetzte Gebiet. Die sechs waren militärisch kaum ausgebildet, und was genau sie anstellen sollten, wußten sie auch nicht.
Einheimische mußten den Ortsunkundigen den Weg nach Hebron zeigen, wo sie auf neue Befehle warten wollten. Ihre Waffen hatten sie derweil versteckt.
Das israelische Militär wurde schnell auf die sechs aufmerksam, am zweiten Tag bereits saßen sie bei Hebron im Gefängnis. Was dann folgte, glich eher einem Kurs in israelischer Geschichte als landläufigen Verhören.
Die Soldaten, die Frangi vernahmen, waren Emigranten aus Europa, fast 20 Jahre älter als er. Und sie redeten deutsch mit ihm. Aus Verhören wurden lange Gespräche über Emigration und Vertreibung, Verfolgung und Befreiung.
Sein bis dahin festgefügtes Feindbild bekam einen ersten Riß. "Damals", sagt er, "habe ich einen tiefen Einblick in die israelische Gesellschaft bekommen."
Nach sechs Monaten ließen ihn die Israelis wieder laufen. Das Geld für das Ticket nach Frankfurt schickte der Vater, der den Sohn zuvor im Gefängnis besucht und bitter gerüffelt hatte: "Ich habe dich nach Deutschland geschickt, damit du mit dem weißen Kittel zurückkommst, und jetzt kommst du mit der Waffe. Was willst du ausrichten, was drei arabische Armeen nicht geschafft haben?"
Damals in Hebron begann für ihn "die zweite Phase meines Lebens", wie er heute sagt. "Der bewaffnete Kampf war für mich nicht mehr der richtige Weg."
Anstatt zwischen Hebron und Nablus mit der Kalaschnikow herumzulaufen, wollte er nun an die öffentliche Meinung in Europa appellieren, "Public Relations machen, soviel ich kann".
Wieder zurück in Deutschland, informierte sich Frangi über Antisemitismus und Judenverfolgung. Und er redete mit jüdischen Kommilitonen. "Bei uns war eine Begegnung mit einem Juden fast ein Verrat."
Heute spricht er bei seinen Vorträgen zum Nahostkonflikt wie selbstverständlich auch über die europäische Vorgeschichte der Entstehung Israels. Über die Affäre um den jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus etwa, der in Frankreich zu Unrecht wegen Landesverrats verurteilt wurde. Oder über den Wiener Publizisten Theodor Herzl, der mit seinem berühmten Buch "Der Judenstaat" den politischen Zionismus in Europa begründet hat.
Am liebsten würde er jetzt auch Hebräisch lernen. "Ich möchte gern mal in diese Köpfe reinkommen, ohne Vermittler."
Bei seinen Zuhörern, das weiß Frangi natürlich, kommt er damit gut an. "Sie sind sehr tolerant", sagt ein Mann in Radolfzell nach dem Vortrag begeistert.
Doch die Versuche des Palästinensers, Israel und die Israelis differenzierter als in den alten Feind-Klischees zu sehen, sind mehr als ein PR-Gag für vom schlechten Gewissen geplagte Deutsche, die mit der Historie des eigenen Landes hadern. Denn in der blutigen Konfrontation zwischen Israelis und Palästinensern hat es noch eine zweite Episode gegeben, die, ähnlich dem Hebron-Abenteuer 1967, so etwas wie ein Schlüsselereignis im Leben des Abdallah Frangi darstellt.
Das war ausgerechnet 1982, als die israelische Regierung unter Menachem Begin und Verteidigungsminister Ariel Scharon nach dem Einmarsch in den Libanon auch die libanesische Hauptstadt Beirut bombardieren ließ, um die PLO aus dem Nachbarland zu vertreiben.
Während sich die arabischen Regierungen zurückhielten und in den arabischen Staaten "nicht eine einzige Demonstration für die Palästinenser" stattfand, gingen in dem "Land, das wir bekämpften", hunderttausend Israelis auf die Straße - die bei weitem größte Demonstration gegen den Libanon-Feldzug weltweit.
Es muß ein Schock gewesen sein für einen wie Frangi, der mit dem Glauben an die arabische Solidarität aufgewachsen war. Nicht nur, daß sich die vielbeschworene arabische Unterstützung für die Palästinenser wieder einmal als Fata Morgana erwiesen hatte.
Mitten im Krieg entstand bei ihm auch noch so etwas wie Achtung für den Feind. Täglich habe er mit Arafat telefoniert, erinnert er sich. "Wir haben das als eine positive Entwicklung in Israel gesehen."
Zu Beginn der achtziger Jahre war in Israels Parteien allerdings kaum jemand bereit, die PLO als Vertretung der Palästinenser anzuerkennen. Und die wiederum beharrte in ihrer Charta auf der Zerstörung Israels.
In Bonn standen Frangi und die PLO unter Terrorismusverdacht, seit palästinensische Kommandos in den siebziger Jahren mit Flugzeugentführungen und Bombenattentaten Angst und Schrecken verbreiteten.
Nur vorsichtig distanzierte sich Frangi öffentlich von den Überfällen, die er "spektakuläre Aktionen" nannte, ausgeführt von Leuten, die die PLO nicht unter Kontrolle hatte.
Damals mußte Frangi nicht nur Racheakte des israelischen Geheimdienstes fürchten, sondern auch Mordanschläge PLO-Abtrünniger. Vier seiner Freunde wurden von PLO-Dissidenten aus dem Kreis des ehemaligen Arafat-Gefährten Abu Nidal ermordet.
Der Mann, den die anderen immer noch für einen Terroristen hielten und der sich selbst vor Terror fürchten mußte, hatte ein Büro im Haus der Arabischen Liga und war Leiter eines eingetragenen Vereins, der sich "Informationsstelle Palästina" nannte. Unermüdlich produzierte er Broschüren und Faltblätter - Propagandamaterial für einen Staat, den nicht einmal alle arabischen Regierungen wirklich wollten.
Die arabischen Botschafter immerhin luden den Palästinenser mit dem algerischen Paß regelmäßig zu ihren Empfängen ein. Ansonsten mußte sich der Arafat-Vertraute mit Hinterzimmern zufriedengeben.
Im Auswärtigen Amt behauptete man, nicht einmal seine Telefonnummer zu kennen. Weiter als bis zur Ebene der Referenten durfte er nicht vorgelassen werden.
Insgeheim hielt sich Außenamtschef Hans-Dietrich Genscher allerdings nicht an diese Restriktion. Genscher traf den PLO-Mann regelmäßig, und eine Ausrede hatte der damalige FDP-Vorsitzende auch parat: "Wenn ich mit Ihnen spreche, habe ich immer den Hut der Liberalen auf."
Viele in Bonn aber zogen es vor, den Palästinenser ganz zu übersehen. "Es gab Politiker, denen ich vor Oslo nie guten Tag gesagt habe, und sie haben mich auch nicht gegrüßt", sagt Frangi.
1979 gelang es ihm, ein Treffen zwischen Arafat, dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky und Willy Brandt mit zu arrangieren.
Inzwischen war Arafat viermal in Deutschland. Und auf den Bildern von den Aufwartungen am Rhein, die der Bonner PLO-Mann stapelweise gesammelt hat, ist im Hintergrund immer ein strahlender Abdallah Frangi zu sehen - wie ein Vater, dem es gelungen ist, ein besonders eigenwilliges Kind endlich erfolgreich unter die Haube zu bringen. Seit der ersten Arafat-Visite 1993 in Bonn hängt vor Frangis Vertretung auch die palästinensische Fahne.
Die inzwischen im eigenen Haus untergebrachte Repräsentanz erlebte allerdings noch einen herben Rückschlag: Im Golfkrieg um die Befreiung Kuweits hatte die PLO auf den irakischen Diktator Saddam Hussein gesetzt. Die reichen Öl-Potentaten rächten sich, indem sie die finanzielle Unterstützung für die Palästinenser zusammenstrichen. Von den einstmals 29 Bonner Mitarbeitern sind nur noch 6 dabei.
Nun aber ist Arafats Irrweg fast schon wieder vergessen. "Die Europäer", sagt Frangi begeistert, "reden in ihrer Mehrheit heute von einem palästinensischen Staat."
Seinen Optimismus wird ihm auch die neue israelische Regierung nicht nehmen. Nur um den Preis der "Selbstzerfleischung" könne Israel heute wieder zurück hinter Oslo. Und diesen Preis, sagt er, wolle wohl auch der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu nicht zahlen.
Und was ist mit den Palästinensern, will ein Zuhörer in Radolfzell wissen. Ob die nicht enttäuscht seien, daß alles so langsam vorangehe? Also, antwortet Frangi da fast beschwörend, man dürfe sich bloß "nicht in eine Phase der Resignation schubsen lassen".
Schließlich hätten sie Erfolge vorzuweisen: die palästinensischen Briefmarken und die palästinensischen Pässe, die palästinensische Fahne und die palästinensischen Polizisten. Irgendwann werde auch der palästinensische Staat Wirklichkeit werden, mit einem Außenminister in Palästina und einem richtigen Botschafter in Bonn.
Er selbst, sagt Frangi, werde dann zurückkehren nach Gaza: "Wenn die Palästinenser einen Staat haben, ist die Arbeit hier uninteressant."
* Oben: 1979 mit PLO-Chef Jassir Arafat, dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky und SPD-Chef Willy Brandt in Wien; unten: 1967 in Algier.
Von Karen Andresen

DER SPIEGEL 7/1997
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