10.02.1997

GEFLÜGELTrockenkot und tote Hühner

In Mecklenburg soll mit 800 000 Tieren Europas größte Legebatterie entstehen. Tierschützer und Anwohner sind entsetzt.
Neubukow im Kreis Bad Doberan war bisher ein Ort wie viele andere in Mecklenburg. Die Wende hat der 747 Jahre alten Kleinstadt moderne Supermärkte beschert, das Chinarestaurant "Hong Kong Garden" und das Fitneßstudio "Herz intakt".
Die touristischen Attraktionen erschöpfen sich mit einer alten Windmühle, der Dorfkirche und der Heinrich-Schliemann-Gedenkstätte gleich gegenüber. An den Pfarrerssohn, der vor bald 130 Jahren Troja zu entdecken auszog, erinnert auch das Eiscafé "Troja", wo Eis mit Schokoladensoße noch "Neger-Eis" heißt.
Die bescheidene Ost-Idylle wird derzeit durch das neueste Bauprojekt in der Gemeinde getrübt. "Das ist eine Riesensauerei. In den alten Bundesländern wird so etwas nicht mehr genehmigt, und wir werden hier regelrecht zugeschissen", erregt sich Gerd Hapke, der auf dem Wochenmarkt heiße Erbsensuppe verkauft.
Er meint: Zugeschissen von Hühnern, die schon bald vor den Toren der Stadt in Europas größter Legebatterie neben 200 Millionen Eiern pro Jahr auch Zigtausende Tonnen an Kot ausscheiden werden. So jedenfalls haben es Stadtverwaltung und die Mecklenburger Frischei GmbH & Co. Farmanlagen KG vereinbart.
Gegen die geplante Eierfabrik nehmen sich die Ställe des mittlerweile in Deutschland zwangsweise in den Ruhestand versetzten niedersächsischen "Hühnerbarons" Anton Pohlmann geradezu mickrig aus: In elf Meter hohen und 127 Meter langen Stallungen werden auf acht Etagen insgesamt 792 960 Legehennen hocken, jeweils fünf in einem Käfig. Üblich sind in Deutschland Anlagen mit höchstens 120 000 Tieren. Jedes Huhn wird während der 60 Wochen, die es hier verbringen soll, eine Fläche zur Verfügung haben, die kleiner ist als eine SPIEGEL-Seite.
Mehr als 20 europäische Tierschutzorganisationen von "Animal Peace" bis zum "Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung e. V." laufen seit Monaten gemeinsam mit einer Neubukower Bürgerinitiative Sturm gegen die Frischei-Pläne. Als Gesellschafter der ostdeutschen Firma stehen im Handelsregister alte Bekannte und Geschäftspartner des wegen Verstoßes gegen das Tierschutz- und Arzneimittelgesetz verurteilten Hühnerbarons Pohlmann: Paul Schockemöhle, ehemaliger Springreiter, Immobilienunternehmer und Gesellschafter der Landwirtschaftlichen Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft mbH. Sein Bruder Alwin hatte unter dem Firmennamen Eifrisch Teile der Pohlmann-Betriebe Anfang 1996 übernommen. Gestern Eifrisch - heute Frischei. Paul Schockemöhle bestreitet jede Beteiligung an der Mecklenburger Firma, aus der er 1993 ausgeschieden sein will.
Für die ganze Region sind die Belastungen nach den Berechnungen der Gegner enorm. Allein um die jährlich 20 000 Tonnen Trockenkot auszubringen, wäre eine Fläche von mindestens 6000 Hektar notwendig, rechnet der Hamburger Anwalt Peter Mohr vor, der die Bürgerinitiative und die umliegenden Gemeinden vertritt. Die Investoren wollen den Mist von zehn Landwirten und einem Lohnunternehmer abfahren lassen. Wo dieser seine stinkende Ladung ablädt, ist ungeklärt. Außerdem sind 1,8 Millionen nicht verwertbare Eier und rund 50 000 Tiere zu entsorgen, die laut einem von den Investoren in Auftrag gegebenen Gutachten ihr Leben vorzeitig aushauchen werden.
Selbst dieses Auftragsgutachten spricht von einer "Beeinträchtigung des Grundwasserhaushaltes durch großflächige Versiegelung" und von "nachhaltigen Beeinträchtigungen von geschützten Biotopen". Die Lärm- und Geruchsbelästigung liege aber im Rahmen des Erträglichen, die "Keimbelastung wird nach etwa 500 m wieder die Größenordnung der natürlichen Belastung erreichen" - ein Wert, den Rechtsanwalt Mohr anzweifelt: "Für eine Größenordnung wie in Neubukow gibt es überhaupt keine Werte; so etwas hat sich der Gesetzgeber offensichtlich gar nicht vorstellen können."
Mohr befürchtet nicht nur "Ammoniakimmissionen in bisher unbekanntem Ausmaß", sondern auch eine "seuchenhafte Ausbreitung von Infektionskrankheiten" aufgrund der Keime, die aus den Ställen und Kotlagern entweichen. Vor allem Kinder könnten schwere Gesundheitsschäden davontragen. Auch die Auswirkungen auf das Grundwasser durch den hohen Stickstoffeintrag seien nicht berücksichtigt.
Für den Fremdenverkehr im Hinterland der Ostsee wäre das Projekt ein schwerer Rückschlag. Der Förderverein "Mulsower Landschaft" versucht gerade, für die weite, naturnahe Landschaft, Rückzugsgebiet für Graureiher, Kraniche und Dutzende anderer seltener Vogelarten, einen sanften Tourismus aufzubauen. Sylke Gläwe vom Förderverein fürchtet, wenn die Super-Legebatterie in Betrieb geht, "dann stinkt's bis zur Ostsee".
Schon jetzt riecht es in und um Neubukow an manchen Tagen streng, vor allem im Sommer. Denn in Neubukow steht bereits eine Fabrik für Schlachthähnchen mit einer Million Tieren - Überbleibsel des "Kombinats industrielle Mast" aus DDR-Zeiten. Die Mecklenburger Broiler-Farm GmbH gehört auch der Mecklenburger Frischei.
Trotz der hohen Belastungen für Menschen und Landschaft durch die Broilerproduktion hat die Stadt Neubukow dem Bau der neuen Eieranlage vor zweieinhalb Jahren zugestimmt. Die 85 versprochenen Arbeitsplätze - mittlerweile ist nur noch von 65 die Rede - wogen in einer Region mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit schwerer als alle gesundheitlichen, tier- und umweltschützerischen Bedenken.
Letzte Hoffnung setzen die Frischei-Gegner auf das Staatliche Amt für Umwelt und Natur in Rostock. Das prüft derzeit, ob die Luft in Neubukow in Zukunft nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz überhaupt noch statthaft ist.

DER SPIEGEL 7/1997
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