10.02.1997

PSYCHOLOGIEFalsche Fabeln vom Guru

Berühmt wurde er als Anwalt sanfter Erziehung und weiser Märchendeuter. Nun zeigt ein Biograph den Bestseller-Autor Bruno Bettelheim als sadistischen Machtspieler, der seine Karriere auf Lügen und Hochstapelei gründete.
Seelenloser hätte der Seelendoktor seinen Abgang nicht inszenieren können: Barbiturate und etwas Whiskey im Magen, eine Plastiktüte überm Kopf, so machte Bruno Bettelheim seinem Leben ein Ende.
Der Schock, den die Nachricht im März 1990 auslöste, traf Kollegen wie Leser des weltweit geachteten Kinderpsychologen schwer: Der Erzvater einfühlsamer Pädagogik, ein zäher KZ-Überlebender und Emigrant, der in Bestsellern wie "Der Weg aus dem Labyrinth" oder "Kinder brauchen Märchen" immer wieder um Verständnis fürs schwierige Kind geworben hatte - wie konnte ausgerechnet dieses vielbewunderte Vorbild zum verzweifelten Selbstmörder werden?
Rascher als erwartet kam Aufklärung. Wenige Wochen nach Bettelheims tristem Tod meldeten sich - erst zaghaft, dann offen - Menschen, die einst in seiner "Orthogenic School" in Chicago gelebt hatten, und berichteten Erschreckendes.
"Unbeherrscht" und "unberechenbar" sei ihr Ersatz-Daddy gewesen; hinter den Mauern des Heims, das sein Direktor als Oase für verängstigte Seelen schilderte, habe sich eine "Welt à la Orwell" verborgen. Nicht selten habe Bettelheim, der in Büchern vehement jede Körperstrafe ablehnte, regelrecht drauflosgeprügelt (SPIEGEL 37/1990).
Die unglaublichen Vorwürfe brachten Bettelheim-Fans aus der Fassung. Nur zu gern akzeptierten daher viele, was die französische Journalistin Nina Sutton, 51, vergangenes Jahr in einer ersten großen, inzwischen auf deutsch erschienenen Biographie erklärte: Auch der scheinbare "Heilige" Bettelheim sei ein "Mensch mit all seinen kleinen Lügen und großen Wutausbrüchen" gewesen*.
Seit er damals in Wien den eigenen Vater an Syphilis zugrunde gehen sah, erst recht seit seiner monatelangen Lagerhaft in Dachau und Buchenwald hätten ihn Depressionen verfolgt - begreiflich, so Sutton, daß das "immense klinische Einfühlungsvermögen" des Psychotherapeuten mitunter ausgesetzt, ja daß er seine Schützlinge bisweilen "ein wenig vernachlässigt" habe. Aus Liebe zum Kind konnte der jüdische Überlebenskünstler, der anderen mit Wonne Geschenke machte, schon mal - nach eigenen Worten - den "großen bösen Wolf" spielen. Aber ein paar solcher Flecke machten Bettelheims Bild noch lange nicht schwarz.
Doch die Schatten sind offenbar länger, als Nina Sutton hofft. Bettelheims zweiter Biograph, der New Yorker Autor Richard Pollak, wohnte als Kind nur Minuten von Bettelheims berühmtem Institut entfernt, sein Bruder besuchte von 1943 bis 1948 die Orthogenic School, bis er im Familienurlaub tödlich verunglückte.
Als Pollak eines Tages auch bei Bettelheim vorsprach, um mehr über den toten Bruder zu erfahren, bekam er statt Teilnahme und Auskunft zu hören, der kleine Stephen habe gewiß, von den Eltern stets verschwiegen, Selbstmord verübt - was nach Lage der Dinge ausgeschlossen war. Pollak wurde mißtrauisch.
Zwar hat er sich bei seinen Recherchen um Verständnis bemüht. Er notiert, daß "Dr. B", wie Pfleger und Insassen der Orthogenic School ihren Leiter nannten, schon einmal eigenhändig Kamillentee kochte, wenn einem Kind übel war, oder märchenhafte Weihnachtsfeiern organisierte. Aber im Zentrum seines bestürzenden Buches steht dann doch ein anderer Bettelheim, ein geltungssüchtiger Patriarch und zwanghafter Hochstapler*.
Daß im angeblichen Paradies für Schwererziehbare die Privatpost zensiert wurde, daß Widerspenstige zu hören bekamen, sie würden, wenn sie weiter renitent blieben, ins Irrenhaus wandern, daß nachts die quietschenden Kreppsohlen des Direktors manche Kinder in ihren Betten erschauern ließen - all das notiert Pollak ohne viel Beiwerk. Er berichtet von Faustschlägen und Hieben aufs nackte Hinterteil; ein 20jähriges Mädchen peitschte der wütende Übervater mit dem eigenen Gürtel aus. Aber Gewaltexzesse sind für den Biographen nur traurige Symptome einer Emigranten-Existenz, die aus frühen Lügen nie mehr zur Wahrheit zurückfand.
Bettelheim hatte sich und seine zweite Frau Trude seit seiner Flucht über den Atlantik 1939 mit recht erfolgreichen Kursen in seinem Studienfach Kunstgeschichte am Rockford College in Illinois ernährt. Auf Anfrage der Direktorin verfaßte er 1942 einen Lebenslauf, der ihn zum veritablen Supermann aufwertete: Nicht nur für Kunstgeschichte, auch für Philosophie und Psychologie brüstete er sich, daheim in Wien Doktorprüfungen mit Bestnote absolviert und manches Seminar abgehalten zu haben.
In Archäologie und Theatergeschichte sei er beschlagen, an Wiens Kunstgewerbeschule habe er in Holz und Ton modelliert. Die Finessen der Musik seien ihm von Zwölftonmeister Arnold Schönberg persönlich erklärt worden, und als "Mitglied eines Verbands von Berufspsychologen und Erziehern, der sich um die Entwicklungsprobleme von Kindern und Heranwachsenden kümmerte", habe er selbstredend auch Psychologie gelehrt.
Seine Gaben als Seelenkundler hatte Bettelheim schon in einem Aufsatz angewandt, der als Bilanz seiner KZ-Erfahrungen gemeint war: Unter dem Profi-Titel "Individual- und Massenverhalten in extremen Situationen" führte er darin Mitgefangene von Dachau und Buchenwald als Wesen vor, die durch den Lagerzwang in frühkindliche Verhaltensmuster zurückgefallen waren. Die These, mit statistisch aussehenden Zahlen garniert, klang plausibel und erregte in den USA, wo vom Innern der NS-Terrormaschinerie noch kaum Genaues bekannt war, sofort Aufsehen.
Die Begeisterung über Bettelheims grenzenlose Bildung, sein Lehrtalent und seinen psychologischen Scharfblick fegte beim Pädagogik-Dekan der Universität von Chicago alle Zweifel beiseite: Dieser Mann und niemand sonst könnte die heruntergekommene Orthogenic School für Problemkinder wieder in Schwung bringen. Sogar ein wenig bitten lassen durfte er sich, als er 1944 seinen neuen Job als Kinderpsychologe antrat, erzählte Bettelheim später gern voll Stolz.
Nun mußte der Großbürgersohn, der in Wahrheit neben dem Kunstgeschichtsstudium ein paar Semester die Hochschule für Welthandel besucht hatte, bevor er zwölf lange Jahre, von 1926 bis 1938, die väterliche Holzhandelsfirma leitete, seiner ins Gloriose frisierten Vita nachleben. Doch die Umstellung auf Psychoanalyse - damals in den USA ein neumodisches Spezialfach - gelang Bettelheim im Nu.
Als Erzieherinnen heuerte er vorzugsweise blutjunge Mädchen aus der US-Provinz an, die zu ihm, dem alteuropäischen Bildungsbürger, genauso aufblickten wie die Studenten in den Uni-Kursen. Logisch, daß jede einzelne der "counselors" zuerst beim Chef eine private Analyse durchmachen mußte, so daß er, dem keine Kommission in die Karten guckte, bald zum Guru einer willigen Herde von Anbeterinnen avanciert war. Er konnte sie nach Wunsch Überstunden machen lassen oder im Dialog drangsalieren, bis sie in Tränen ausbrachen - trotzdem verehrten sie hernach in ihm den allwissenden Seelenführer.
Heilerfolge vorzuweisen war für Bettelheim, so zeigt Biograph Pollak, schon darum leicht, weil niemand seine Diagnosen prüfte. Da er die tatsächliche Heilungsquote ins Fabelhafte aufstockte, ging bald der Geldsegen vieler Sponsoren auf das ehemals klägliche Uni-Anhängsel Orthogenic School nieder. Mit unermüdlicher Fabulierkunst schaffte es der Therapeut von eigenen Gnaden, öffentlich als Autismus-Experte, von Eichmann persönlich verhörter Widerstandskämpfer und gar als direkter Freud-Adept gefeiert zu werden: ein Mann, um dessen Vorträge sich jeder reißen mußte.
Zwar sahen Bettelheims publikumswirksame Behauptungen einander meist verdächtig ähnlich: Einmal wurden Eltern, besonders Mütter, als Hauptschuldige am Leiden ihrer autistischen Kinder gebrandmarkt und wie KZ-Kapos abgeurteilt. Das andere Mal schleuderte der Seelenkenner aller Klassen ausgerechnet Juden den Vorwurf entgegen, sie seien dank ihrer ins Infantile weisenden "Ghetto-Mentalität" am Antisemitismus selber schuld. Doch sogar wenn er seine gebannten Hörer so unvermittelt direkt angriff, wirkte er originell: Wie wenig Forschung hinter den steilen Thesen steckte, kümmerte ja niemanden.
Nicht einmal in Bettelheims letzten Jahren, als er die Schule längst willigen Helfern überlassen hatte, wagten Kollegen, die Legende des "Helden unserer Zeit" (wie die renommierte Zeitschrift new republic ihn nannte) anzutasten. Viel zu gründlich hatte sich der kleine Mann mit den dicken Brillengläsern in seinem Lebensbau verschanzt, viel zu riskant wäre es gewesen, dieser "autoritären Persönlichkeit mit antiautoritärer Botschaft" (so ein hellsichtiger Kollege) zu widersprechen.
Als der alte Selbsterfinder, nach dem Tod seiner Trude bitter geworden, in der Sackgasse seines glücklosen Ruhms verendet war, fanden Kollegen in einem seiner letzten Aufsätze einen Hinweis. Mit diesem Erinnerungsfetzen faßt nun auch Richard Pollak sein Buch zusammen.
Wegweisend, so sagte Bettelheim ohne weitere Deutung, seien für ihn in seiner Wiener Zeit zwei Werke der Philosophen Theodor Lessing und Hans Vaihinger gewesen, die heute nur noch wenige kennen. Auch Bettelheim hat sie wohl kaum ganz gelesen. Aber ihre Titel lassen aufhorchen: "Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" und "Die Philosophie des Als-Ob".
Johannes Saltzwedel
* Nina Sutton: "Bruno Bettelheim". Aus dem Französischen von Brigitte Große. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 624 Seiten; 68 Mark. * Richard Pollak: "The Creation of Dr. B. A Biography of Bruno Bettelheim". Simon & Schuster, New York; 480 Seiten; 28 Dollar.
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 7/1997
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