10.02.1997

JAZZBekehrung in der Kaufhalle

Einen CD-Vertrag hat er sicher, auf einer Tournee tobt er sich aus: Posaunist Nils Landgren will in Deutschland neue Fans gewinnen.
Die Sache mit dem Ohrring ist für ihn dumm gelaufen, er selbst findet sie aber so komisch, daß er die Geschichte mit Vergnügen immer wieder erzählt. Auf jeden Fall, so rieten dem Posaunisten Nils Landgren Freunde, sei der Schmuck links zu tragen - rechts bedeute schwul.
Dann kam er nach Amerika und wurde zu seiner Verblüffung von etlichen hübschen jungen Männern angesprochen, die offenbar von ihm sehr angetan waren. Andere Länder, andere Sitten: In den Staaten ist angeblich das linke Ohr das warme.
Heute trägt Landgren, Jahrgang 1956, in jedem Ohr zwei silberne Ringe. Den Pferdeschwanz, der in seiner schwedischen Heimat lange Zeit eines seiner Markenzeichen war, hat er abgeschnitten. Die Haare sind kurz und ordentlich frisiert, hennarot färbt er sie auch nicht mehr. Nils Landgren kommt in die Jahre - aber offensichtlich in die besseren.
Der Schwede hat schon ein buntes Jazzer-Leben hinter sich. Nach einem Musikstudium spielte er in Jazz- und Rockbands, 1981 holte ihn dann Thad Jones als ersten Posaunisten in seine Big Band. Hin und wieder arbeitete er als Schauspieler, Tänzer, Sänger, und in Schweden wird behauptet, er hätte dort inzwischen mit jedem bekannten Musiker gespielt, Jazzer oder Nicht-Jazzer.
Den Fans, die regelmäßig zum Ostseefestival JazzBaltica pilgern, hat Landgren immer wieder bewiesen, daß er längst zur Spitzenklasse der europäischen Jazzposaunisten gehört. Doch es wäre ihm schon recht, wenn es auch andere erfahren, und dafür tut er nun etwas.
In diesem Monat tourt er mit seiner Funk Unit durch Deutschland, er wird in elf Städten spielen,von Kiel und Flensburg über Berlin und Hamburg bis Frankfurt und Oldenburg. Der Live-Kontakt zu den Fans ist wichtig, wenn ein Musiker seine Konserven verkaufen will.
Für das ACT-Label des Musikproduzenten Siegfried Loch hat Landgren sich zu insgesamt vier CDs verpflichtet. Die zweite ("Paint It Blue") ist bereits seit kurzem auf dem Markt, Funk vom Besten, oder Soul oder Jazz oder einfach Musik, die Spaß macht. "Ich mag keine Etiketten", sagt Landgren.
Anfangs wußte er nicht einmal, daß es Jazz war, was er wollte. Die Posaune, die er mit 13 zum erstenmal in der Hand hielt, war "instant love", doch als er das Instrument beherrschte, war ihm der weitere Weg keineswegs klar. Improvisieren machte ihm Spaß, die Arbeit in einem Symphonie-Orchester konnte er sich allerdings auch vorstellen. Landgren: "Ich kann beides."
Eine von jenen rätselhaften Fügungen, auf die ein kluger Mensch achtet, rang ihm dann doch eine Entscheidung ab, 1979 in Moers. Da kam er eines Morgens völlig kaputt in einer Kaufhalle zu sich, brutal geweckt von Fußtritten. Seine Posaune war weg, sein Paß auch. Landgren hat nie herausgefunden, ob ihm jemand irgendeinen Stoff ins Glas getan hatte, um ihm sein Instrument zu stehlen, oder ob nur eines von den 20 Bieren schlecht war.
Obwohl er zu einem Konzert mußte, schleppten zwei bewaffnete Polizisten den vermeintlichen Penner nach Düsseldorf, um seine Identität zu überprüfen. Für die Polizei war es selbstverständliche Pflicht, für den Schweden - wie auch immer - ein deutlicher Fingerzeig des Schicksals: Du mußt dich entscheiden.
Landgren kaufte eine neue Posaune und entschied sich: Okay, ich bin Jazzmusiker. Seinem Vater konnte er keine größere Freude machen. Karl-Erik Landgren, 80, bläst noch heute in einer eigenen Band Kornett, sein Vorbild ist Bix Beiderbecke. Karl-Erik wollte schon immer, daß seine Jungs den Jazz genauso lieben wie er.
Polierten Dixieland mochte Sohn Nils nicht spielen, er liebt's etwas wilder. Wenn Landgren in einer Jam Session mittobt, kommt niemand auf die Idee, ihn für einen kühlen Schweden zu halten.
Free Jazz hat er auch eine ganze Menge mitgemacht, heute findet er, daß ihm diese Musik "nach 15 Minuten langweilig" wird. Der Altsaxophonist Julian "Cannonball" Adderley war immer sein Idol - "so cool und zugleich so funky".
Die Idee mit dem farbigen Instrument hat Landgren indes wohl von Miles Davis, der ja eines Tages mit einer schwarzen Trompete auf die Bühne trat. Der Schwede fragte die Firma Yamaha, ob sie ihm eine rote Posaune herstellen könnte, und natürlich konnten die Japaner. Rot sei eine anarchistische Farbe, sagt Landgren. "Und ich fühle mich ein bißchen anarchistisch."
Er habe den Drang, Dinge zu verändern: "Ich bin Wassermann, ein Weltverbesserer." Verlorene Liebesmüh, mit der Posaune schafft er mehr.

DER SPIEGEL 7/1997
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