25.06.2012

KARRIERENIm Zeichen der Sandale

Johannes Ponader wirbt für freie Liebe und lebt als Hartz-IV-Empfänger. Nun bekommt der neue politische Geschäftsführer der Piratenpartei Ärger mit der Arbeitsagentur.
Heute verdient Johannes Ponader zur Abwechslung sein Geld selbst. Es ist der vergangene Mittwoch, die Nachmittagshitze drückt auf München, Ponader trägt ein knittriges Kurzarmhemd mit ausgebeulter Hose, dazu Klettsandalen. Er sitzt in einem Freizeitheim und bilanziert mit den anderen Betreuern den Tag, die Arbeit mit schwierigen Jugendlichen. Das gemeinsame Kochen habe gut funktioniert, sagen sie, auch das Serviettenfalten sei eine sehr schöne Übung gewesen. Vor Ponader liegt ein krummes Origami-Gebilde auf dem Tisch, das er behutsam in seinen Rucksack steckt.
Vier Wochen lang kümmert sich Ponader, 35, um die Kids aus dem Problemviertel Harthof. Ponader sagt, er bekomme um die 20 Euro Stundenlohn, das sei der übliche Satz für freie Theaterpädagogen wie ihn. Nach dem Projekt wird Johannes Ponader, der politische Geschäftsführer der Piratenpartei, wie zuvor vom Staat leben, genauer: von Hartz IV.
Kein anderer führender Politiker in Deutschland verkörpert den Gegenentwurf zum gängigen Politikerbild so konsequent wie Johannes Ponader, nicht nur äußerlich, mit Klettsandalen und Knitterklamotten. Er fordert für sein Parteiamt kein Gehalt, das eint ihn mit den meisten Piraten. Doch während andere neben der Politik noch einem lukrativen Zweitjob nachgehen, um unabhängig zu bleiben, lebt Ponader längst eine andere Form der Freiheit: Er hat sich von der klassischen Arbeitswelt weitgehend entkoppelt.
Ponader sagt nein zum bürgerlichen Besitz- und Leistungsdenken. Wie die Piraten eine Alternative zu den etablierten Parteien sein wollen, will Ponader eine Alternative zum etablierten Arbeitsknecht sein. Die Forderung der Piraten nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) ist für ihn nicht nur ein politischer Glaubenssatz. Ponader hat Modelle, die dazu in der Partei kursieren, teils mitentwickelt und lebt schon jetzt in ihrem Geist.
Er geht keiner Erwerbstätigkeit nach, die ihm keinen Spaß macht, und wenn er nichts Passendes findet, lässt er sich eben vom Staat aushalten. Doch im System, wie es derzeit ist, stößt Ponader mit seiner Haltung an Grenzen. Kann ein Mensch wie Ponader, der sich dem Common dieser Gesellschaft so vehement widersetzt, für die Allgemeinheit gute Politik machen?
Im Münchner Freizeitheim wischt Ponader noch schnell den Küchentisch und füllt frisches Leitungswasser in seine Trinkflasche. Aus seiner Sicht hat er heute etwas Sinnvolles getan, er fühlt sich nützlich. "Ich finde es spannend, dass sich an meiner Person die Debatte neu entzündet, wofür Sozialleistungen eigentlich da sind", sagt er. Im Übrigen sei der gesellschaftliche Schaden durch Steuerhinterziehung in Deutschland weit höher als der durch den Missbrauch von Sozialleistungen. Ponader rattert Zahlen herunter und rechnet vor, das beherrscht er.
In der Schule war Ponader in Mathe gut, in Naturwissenschaften, in Latein, in allem. Er war so gut, dass er sein Abitur mit dem Notenschnitt 0,8 bestand, in Bayern. Ponader bekam ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes und fing an, Mathematik zu studieren. Er hätte Professor werden können oder ein Forscher mit schönem Gehalt, aber Ponader wollte nicht. Er hatte Angst vor dem Unglück.
"Ich habe ganz viele Leute im Wissenschaftsbetrieb gefragt: Seid ihr glücklich?", sagt Ponader. Die meisten hätten "Ja, aber" gesagt. "Die hatten alle mal andere Visionen für ihr Leben und litten nun an den Zwängen des Systems", sagt Ponader. Er war abgeschreckt. "Ich ertrage es nicht, in Arbeitssituationen zu sein, die für mich nicht stimmig sind, aber so ist ja fast jedes Angestelltenverhältnis. Ich werde dabei innerlich krank."
Ponader ließ das Mathe-Studium sausen und wechselte zu Theaterwissenschaften und Pädagogik. "Ich habe dabei sehr viel über mich gelernt", sagt er, "ich habe die theatralen Prozesse an mir selbst erlebt und die Befreiung dadurch." Auf eine feste Anstellung ließ er sich nie ein, stattdessen bezog er Hartz IV und inszenierte freiberuflich Theaterstücke. Eines hieß "Gold oder die Würde des Menschen", uraufgeführt beim Grundeinkommenfest in Berlin. Einmal nahm er doch eine Stelle an, beim Drogeriemarkt Rossmann, Regale einräumen für sechs Euro die Stunde. Nach dem ersten Tag schmiss er wieder hin. Ungereimtheiten im Arbeitsvertrag, sagt er.
Bis vor kurzem gab es für Freaks wie Ponader keine parteipolitische Plattform. Figuren wie er hatten allenfalls in den Wahlwerbespots des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ihre große Stunde, wo auch Freunde des "yogischen Fliegens" für ihre Weltsicht werben durften.
Sein politisches Interesse trieb Ponader zwar zu Treffen der Grünen und der Linkspartei, aber dort störten ihn die "rechthaberische Kultur" und das "niedrige Niveau des sozialen Umgangs". Dann kamen die Piraten. An denen begeisterten Ponader das Grundeinkommen und die Geschlechterpolitik. Die Partei will postgender sein, frei von den üblichen Rollenmustern für Mann und Frau. Das passt zu Ponaders Weltbild, in dem auch eine freie Vorstellung von Liebe herrscht.
Ponader sagt, er sei "polyamant", mitunter liebe er mehrere Frauen, nicht heimlich, sondern offen. Diese Transparenz sei ganz wichtig, sagt Ponader, eigentlich sei es wie in der Piraten-Politik. Die Partner müssten beteiligt werden an den Gefühlen für die anderen. Besitzdenken und Liebe passen für Ponader nicht zusammen. Wenn seine Partnerin sich in einen anderen verliebe, dann freue er sich mit ihr, sagt Ponader. "Frubbelig" nennt er diesen Gefühlszustand, er ist das Gegenteil von Eifersucht.
Mit den Piraten und ihren anhaltend guten Umfragewerten ist der Freak in der großen Politik angekommen, und so ist es keine Überraschung, dass sie auf ihrem Parteitag im April Ponader zum politischen Geschäftsführer wählten. In seiner Bewerbungsrede nannte er die Piraten "die Avantgarde einer gesellschaftlichen Veränderung". Er wolle "eine von vielen Brücken sein zwischen unserer Partei und der Öffentlichkeit", sagte Ponader.
Wie das aussieht, zeigte er am Abend der Schleswig-Holstein-Wahl am 6. Mai. Er saß bei Günther Jauch mit den bekannten Gesichtern der Talkshow-Unterhaltung: Norbert Röttgen, Christian Lindner, Klaus Wowereit, Renate Künast, Gregor Gysi. Ponader war in seinen Klettsandalen gekommen. Außerdem fiel auf, dass er über sein Smartphone dauernd mit der Piraten-Basis twitterte, ihr Feedback einholte, während sich Röttgen, Wowereit und die anderen Phrasen um die Ohren hauten, ätzten, keiften. Ponader lächelte still. Diese Diskussion, sagte er am Ende, sei die beste Begründung dafür, warum die Piraten so großen Zulauf hätten.
Eigentlich könnte Ponader beruhigt so weitermachen, den Lauf der Piraten genießen, die Stunde der Freaks, und nächstes Jahr vielleicht in den Bundestag einziehen, er erwägt zu kandidieren. Das Dumme ist, dass Ponader es jetzt mit dem System zu tun bekommt, in dem auch ein "Gesellschaftskünstler", wie er sich nennt, bestimmte Regeln einhalten muss.
Nach Ponaders ersten großen Talkshows meldete sich die Arbeitsagentur bei ihm. Ob er für seine Auftritte Geld bekommen habe. Ponader hatte, 500 Euro allein bei Markus Lanz. Das müsse er angeben, hieß es, Nebeneinkünfte bedeuten Abzüge beim Arbeitslosengeld II.
Ponader bekommt den Regelsatz von 374 Euro im Monat, plus Unterkunftskosten. Er nennt es Sozialleistung und nicht Hartz IV, wegen der "Stigmatisierung". Alle sechs Monate muss Ponader eine Auflistung seiner Einkünfte einreichen. Er sagt, diese Bürokratie mache total unfrei, aber das ist nicht sein einziges Problem.
Als Hartz-IV-Bezieher darf Ponader nur begrenzt ehrenamtlich tätig sein, damit genug Zeit bleibt, einen bezahlten Job zu finden. Für die Piratenpartei bringt Ponader aber längst so viel Zeit auf wie für eine Vollzeitstelle, manchmal 60 bis 70 Stunden pro Woche, wie er selbst sagt. In seiner Bewerbungsrede für den Parteitag war seine freie Zeit sogar ein Verkaufsargument: "Meine berufliche Situation lässt mich 40 Stunden und mehr wöchentlich in die Piratenpartei investieren, und das will ich tun."
Ponader ärgert, dass die Arbeitsagentur jetzt so kleinlich wird: "Ich werde vom Sozialsystem heftig hinterfragt, weil ich mich politisch engagiere und trotzdem Sozialleistungen beziehe. Das ist eine extreme Entartung des ganzen Systems."
Ginge es nach Ponader, würde sich all das ändern. Keine Ämterkontrollen mehr, keine Stigmata, dafür ein Einkommen vom Staat für alle. Jeder könnte machen, was er möchte, das tun, wofür er wirklich brennt, gesellschaftliche Wertschöpfung wäre immer noch da, nur wäre sie besser. Eigentlich ist das ein schöner Ansatz, weil er allein auf das Gute im Menschen vertraut. Aber damit ist es auch ein Ansatz aus dem Reich der politischen Utopie.
Ponader will die völlige Freiheit, in der Politik, Gesellschaft, Liebe, aber er kann nicht verhindern, dass Menschen diese Freiheit missbrauchen. Er kann nicht schlüssig erklären, woher die Milliarden für das BGE kommen sollen, Monat für Monat. Er kann keine Parteitagsbeschlüsse gegen Eifersucht herbeiführen. Und manchmal scheint es, als glaube Ponader selbst nicht, dass der Mensch stets von allein nach dem Guten strebe.
Als er zusammensitzt mit den anderen Betreuern im Freizeitheim, sagt Ponader, dass er für die nächste Diskussion mit den Jugendlichen das Thema "Pro und contra Schulpflicht" spannend fände. Da werde der innere Konflikt des Schülers berührt. "Wenn es den Zwang zum Lernen nicht gibt", sagt Ponader, "dann bleibt er ja zu Hause und tut nix."
Von Merlind Theile

DER SPIEGEL 26/2012
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