02.07.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Leben im Dauerrausch“

Der britische Historiker Ian Mortimer über den Alltag im Mittelalter, die Gewaltexzesse der jungen Männer und eine lebendige Form der Geschichtsschreibung
Einst war der Historiker Ian Mortimer, 44, ein strebsamer Student an der University of Exeter. Doch nach seinem Examen zog er sich frustriert in die entlegene Ortschaft Moretonhampstead im südwestenglischen Devon zurück. Er gründete eine Familie, kaufte ein Haus und bezog darin eine Fledermausturmkammer.
Oben unter dem Dach wütet er seither gegen all jene Kollegen, die ihr Publikum mit "langweiligen und ermüdenden" Abhandlungen quälten. Schließlich fing Mortimer selbst an, Bücher zu schreiben. Er reist nicht gern, in ein Flugzeug ist er seit Jahren nicht mehr gestiegen. Ausgerechnet er brachte einen Reiseführer zu Papier.
In dem Werk erläutert Mortimer, was Reisende zu erwarten hätten, die sich von einer Zeitmaschine 650 Jahre zurück ins Mittelalter katapultieren ließen. Nicht famose Schlachten sind sein Thema, nicht Könige oder Kriege; der Historiker beschreibt, wie es einst in den engen Gassen roch, welche Mahlzeiten die Menschen in ihren schiefen Häusern zubereiteten und wie sie sich den Hintern abwischten.
Leser und Kritiker sind entzückt von seiner ungewöhnlichen Historienprosa. Universitäten empfehlen inzwischen jungen Geschichtsstudenten Mortimers Trip ins Mittelalter als Basislektüre. Nun hat der Autor nachgelegt und eine Zeitreise in das England Shakespeares unternommen. Kurz nach Fertigstellung des jüngsten Buches geriet der Bestsellerautor in eine selbstverschuldete Schreibkrise: Mortimer hatte sich für zwei Monate den geliebten Portwein entzogen, den er sich in seiner Schreibkammer regelmäßig ab 22 Uhr in belebenden Dosen zuzuführen pflegt. "Ich war plötzlich sehr klar", erinnert er sich an die Zeit der Abstinenz, "aber ich habe so schlecht geschrieben wie selten zuvor."
Schlecht zu schreiben ist nach seiner Auffassung eine der größten denkbaren Sünden. Also hat Mortimer zu alten Gewohnheiten zurückgefunden: Zum Interview empfängt er in seinem Lieblingspub, dem White Horse Inn. Doch hierher lockt ihn nicht so sehr die Aussicht auf den nächsten Rausch; der Laden ist über 200 Jahre alt, "hier sind wir mittendrin in unserer Geschichte", sagt er, nippt am Kaffee und ist bereit.
SPIEGEL: Mr. Mortimer, wer Ihre Bücher liest, könnte romantische Gefühle für das Leben von einst bekommen: Das lauteste Alltagsgeräusch war das Läuten der Kirchenglocken, der Plausch am Markttag galt als festes Ritual. War die Welt damals noch in Ordnung?
Mortimer: Na ja. Diese Zeit war voller Tod, Krankheit und Leid und krasser Gewalt. Wahrscheinlich wären wir beide damals längst tot gewesen - die Hälfte der Bevölkerung wurde nicht älter als 21 Jahre. Wenn Sie unter Zahnschmerzen litten, erzählten die Ärzte Ihnen, dass sich kleine Würmer durch Ihren Zahn bohrten. Andererseits war das auch das Zeitalter, da imposante Kathedralen gebaut wurden und die Literatur mit Shakespeare ungekannte Höhen erklomm.
SPIEGEL: Darüber liest man bei Ihnen allerdings wenig. Stattdessen berichten Sie über viele alltägliche Details aus dem Mittelalter und der Shakespeare-Zeit. Aber wozu muss ich wissen, womit sich irgendein Earl den Allerwertesten säubert?
Mortimer: Es geht um das Verständnis dafür, was die Menschheit im Kern ausmacht. Nach meiner Meinung wird dieses Verständnis tiefer, wenn wir in der Zeit zurückgehen. Menschen sind unglaublich anpassungsfähig. Sie wurden mit der Pest im 14. Jahrhundert fertig und auch mit der schlimmen Grippe im 16. Jahrhundert. Sie sind wahnsinnig kreativ, selbst unter gewaltigem Druck.
SPIEGEL: Andererseits haben die Menschen viele Krisen erst heraufbeschworen, etwa durch mangelnde Hygiene.
Mortimer: Sicherlich, es gab gewaltige Drecklöcher und Gestank in den Straßen. Aber die Menschen waren bereits pingeliger, als wir uns das heute vorstellen. Mundgeruch galt als unerhörte Peinlichkeit, der mit Zahnpulver und dem Lutschen von Lakritzpastillen entgegengewirkt wurde. Benimmratgeber geißelten das Rülpsen, Furzen und auch das Schmatzen bei Tisch. Vor und nach dem Essen wusch man sich selbst in einfacheren Haushalten die Hände.
SPIEGEL: Nach der Verdauung waren die Sitten weniger streng …
Mortimer: In der Tat. Wer unterwegs einen Mitbürger traf, der am Wegesrand urinierte, lüftete freundlich grüßend den Hut. Wo sollten die armen Leute auch hingehen? Das Wasserklosett wurde erst 1596 von John Harington erfunden - und galt jahrzehntelang als nutzlose Kuriosität. Nur Wohlhabende konnten sich eine eigene Sickergrube leisten, in der Bedienstete die Exkremente der Herrschaften versenkten.
SPIEGEL: Zu den Grausamkeiten des Mittelalters, die Sie beschreiben, gehören junge Männer, die sich zusammenrotteten und Verbrechen begingen. Im Vergleich dazu sind heutige Hooligans die reinsten Lämmer.
Mortimer: Die Gewaltexzesse wurden dadurch begünstigt, dass viele Menschen damals ein Leben im Dauerrausch führten. Männer tranken die ganze Zeit über fast nur Alkohol. Das galt als die einzige Möglichkeit, Flüssigkeit zu sich zu nehmen, ohne sich zu vergiften. Nur Frauen und Kinder tranken Milch. Wegen der marodierenden Trunkenbolde war es sehr gefährlich, allein unterwegs zu sein. Insbesondere Frauen sind fast nie allein gereist.
SPIEGEL: War das nicht auch das Zeitalter der Ritterlichkeit?
Mortimer: Auch Ritterlichkeit hatte ihre dunkle Seite. Nehmen Sie nur das furchtbare Beispiel von Sir John Arundel und der von ihm angeführten jungen Meute. Die Bande hatte sich in einem Kloster einquartiert, um dort auf bessere Windverhältnisse zu warten. Den Aufenthalt nutzten die Männer, um sämtliche Nonnen zu vergewaltigen und die Herberge auszuplündern. Anschließend zog die Rotte weiter, raubte eine Kirche aus, überfiel eine Hochzeitsgesellschaft und vergewaltigte gemeinschaftlich die Braut. Als das Wetter wieder gut genug war, um in See zu stechen, zwang die Horde etliche Nonnen als Sexsklavinnen auf das Schiff. Kaum zog ein Unwetter auf, wurden die Ordensschwestern über Bord geworfen, um das Schiff vor dem Kentern zu bewahren.
SPIEGEL: Gab es kein Recht, das die Frauen schützte?
Mortimer: Doch, aber das war begrenzt. Eine Vergewaltigung ließ sich fast nie beweisen. Es stand die Aussage der Frau gegen die des Mannes. Wurde die Frau schwanger, so wurde dies als Beleg für einvernehmlichen Verkehr gewertet. Denn die Menschen des Mittelalters glaubten, dass Frauen nur im Zustand sexueller Erregung überhaupt empfangen konnten.
SPIEGEL: Auch von ihrer Körperkraft her waren die Männer furchterregende Gestalten.
Mortimer: Die Männer waren sehr stark - solange sie genug zu essen bekamen. Sie machten zwar kein Bodybuilding, schufteten aber jeden Tag hart auf den Feldern. Schon kleine Jungen konnten gut mit Waffen wie Langbögen umgehen und mussten sich aktiv an der Verteidigung ihrer Gemeinde beteiligen. Bereits in jungen Jahren kämpften viele auf Leben und Tod. Künftige Ritter wurden ab dem Alter von sechs, sieben Jahren ausgebildet. Der Lanzenkampf war eine Art Sport und gleichzeitig eine unmittelbare Vorbereitung für den Krieg, bei dem es darum ging, den Gegner aus dem Sattel zu heben und ihm das Genick zu brechen.
SPIEGEL: Klingt nach einer angsteinflößenden Zeit.
Mortimer: Gewalt beherrschte den Alltag - und auch den Humor. Männer und Frauen haben sich amüsiert, wenn sich irgendjemand verletzte. König Edward II. etwa zahlte einem Bediensteten seines Küchenpersonals den Gegenwert eines Jahresgehalts als Bonus, weil der Untertan den Monarchen zu herzhaften Lachanfällen animiert hatte: Der Küchenhelfer war mehrfach vom Pferd gefallen und dabei überaus schmerzhaft auf dem Boden aufgeschlagen.
SPIEGEL: Wie gesund ernährten sich die Menschen?
Mortimer: Die Mehrheit der Leute war damit beschäftigt, überhaupt genug Essen zu finden. Sie haben genommen, was ihnen ihre Region geboten hat; sie konnten es sich nicht erlauben, besonders wählerisch zu sein. Nur Gemüse war unbeliebt, galt als giftig. Kohl wurde so lange gekocht, bis auch die letzte Spur Vitamin entwichen war. Richtig toll fanden die Leute Fleisch. Auf dem Markt stellte sich dann allerdings die Frage: Kommt dieses Fleisch von einem Schwein, das für den Verzehr gezüchtet wurde? Oder stammt es von einem wilden Tier, das durch die Gegend streunte, sich beim Fressen mit irgendwas vergiftet hat und dann in einem Straßengraben verendet ist?
SPIEGEL: Was kam denn auf den Tisch?
Mortimer: Wir müssten uns zunächst daran gewöhnen, dass nur zwei Mahlzeiten am Tag gegessen wurden. Speck, Erbsen und Roggenbrot waren eine ordentliche Speise in einem Bauernhaushalt. Die Leute waren aber durchaus einfallsreich in der Küche. Sie mischten gern Deftiges mit Süßem. Fisch in einer Honig-Salz-Kruste war nichts Ungewöhnliches bei einem Mittelalter-Dinner.
SPIEGEL: Sie leben in Devon in Südengland, einer malerischen Gegend. Seit dem Mittelalter hat sich die Landschaft hier kaum verändert. Hatten die Menschen damals auch schon ein Auge für die Schönheit ihrer Umgebung?
Mortimer: Nein, die haben sie nicht wahrgenommen. Wenn deine erste Sorge das Überleben deiner Familie ist, achtest du nicht auf die Schönheit der Landschaft. Wichtig ist, dass Bäume Äpfel tragen und der Boden fruchtbar und leicht zu beackern ist. Bis zum 17. Jahrhundert kannten die Menschen das Wort Landschaft überhaupt nicht.
SPIEGEL: Wenigstens litten die Menschen damals nicht unter Umweltverschmutzung.
Mortimer: Das ist ein großer Trugschluss! Die Gewässer waren extrem verschmutzt. Schlachtabfälle und menschliche Fäkalien landeten in den Flüssen. Das Flusswasser galt als ungenießbar. Die beste Qualität wurde Regenwasser beigemessen. Damit haben die Leute ihren Wein verdünnt und Bier gebraut. Wasser pur zu trinken war undenkbar.
SPIEGEL: Würden die Menschen aus dem Mittelalter in unserer Zeit besser klarkommen?
Mortimer: Auf keinen Fall. Die Menschen des Mittelalters kannten keine Veränderung. Sie hatten überhaupt kein Gefühl für eine andere Zeit. Die alten Römer stellten sie sich in mittelalterlicher Kleidung vor. Leute aus dem Mittelalter wären heute komplett aufgeschmissen und würden sich fragen: "Wo sind wir hier? Das kann nicht die Erde sein."
SPIEGEL: Sie beklagen eine langweilige und nervtötende Geschichtsschreibung. Woran liegt es, dass viele Ihrer Kollegen so unlebendig erzählen?
Mortimer: Der Anspruch vieler Historiker, alles objektiv sehen zu wollen, entfernt uns von der Vergangenheit. So etwas wie Objektivität gibt es doch gar nicht. Historische Figuren sind auch Menschen, für die ich Sympathie empfinden muss, um ihre Taten nachvollziehen zu können. Außerdem brauche ich als Autor ein Gefühl für Spannung und Drama sowie eine lebendige Sprache. Wenn ich eine Schlacht beschreibe, dann muss es auch krachen.
SPIEGEL: Bei manchen Themen scheint dies der Seriosität im Wege zu stehen. Könnten Sie sich einen Zeitreiseführer in die Nazi-Zeit vorstellen?
Mortimer: Natürlich, das würde ich liebend gern machen. Wenn Sie diese Idee ohne meine Erlaubnis verwenden, werde ich Sie verklagen (lacht). Im Mittelalter sind viele schreckliche Dinge geschehen. Die bedeutsamsten Stellen in meinen Büchern sind aber jene, an denen sich zeigt, dass Menschen sich ihre Menschlichkeit und ihr Mitgefühl trotz entsetzlichster Umstände bewahrten - und das können Sie in allen Epochen beobachten.
SPIEGEL: Gäbe es tatsächlich eine funktionierende Zeitmaschine - würden Sie einsteigen und ins mittelalterliche England reisen?
Mortimer: Die Menschen im Mittelalter waren Fremden gegenüber nicht gerade aufgeschlossen, und sie hätten meine Fremdheit schnell erkannt. Sie wären nicht nett zu mir gewesen. Kurzum: nein danke!
SPIEGEL: Mr. Mortimer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Holzschnitt von 1482.
Das Gespräch führte der Redakteur Frank Thadeusz.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 27/2012
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