03.03.1997

Nichts da, sie wird verbrannt

RUDOLF AUGSTEIN
Es gibt unter den jungen Journalisten niemanden wie die 28jährige faz-Redakteurin Michaela Wiegel, die mit einem Satz - sehr gegen ihren Willen - über den Kanal hinweg so viele Windmaschinen in Bewegung gesetzt hat.
Als der britische Außenminister Malcolm Rifkind vorletzte Woche in Bonn war und dort eine für Helmut Kohl nicht gerade schmeichelhafte Standpauke zu dessen Europapolitik hielt, gab es anschließend eine Diskussion. Der ehemalige Staatssekretär Jürgen Ruhfus, früher Sprecher des deutschen Außenamtes, drückte seine Freude darüber aus, daß Rifkind sich auf Martin Luther berufen habe. Denn auch er, Ruhfus, sei Protestant. Ein, wie es schien, banaler, aber nicht ganz folgenloser Satz.
Malcolm Rifkind, von Bekenntnis Jude, verwischte offenbar die Grenzen, indem er Martin Luther zitierte. Vielleicht aber zog er sie auch?
Er sagte, um seiner Rede zum Abschluß eine ironisch-witzige Pointe zu geben, was britische Politiker zu tun pflegen, auf deutsch: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders", wie Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521 vor Kaiser Karl V.
Daß Luther ein grobianischer Judenhasser war, hat Rifkind vermutlich sowenig gewußt - Redenschreiber, Achtung! - wie die faz-Redakteurin. Was diese nämlich auch nicht zu wissen scheint, ist, daß Luther in Worms sich nicht beschweren, sondern seiner Überzeugung Ausdruck geben wollte. Sonst hätte sie Rifkinds EU-Beschwerden in ihrem Artikel nicht mit Luthers spektakulärem Auftritt vergleichen können.
So kam es denn zu diesem unseligen und tatsächlich zu beanstandenden Schlußsatz: "Als habe ihn seine Rede nicht ganz überzeugt, schloß der Jude Rifkind - ironisch apologetisch - mit dem deutsch hervorgebrachten Lutherwort ..." Ein ebenfalls 28jähriger Kollege las den Artikel gegen. Jeder Zeitungsmann weiß, wie oft dies nur eine Formalität ist.
Es gibt keinen Streit darüber, daß diese Formulierung ungehörig und unmöglich ist, in Deutschland wie auch anderswo. Als "der Jude Rifkind" könnte der britische Außenminister allenfalls bezeichnet werden, wenn er im Auftrag seiner Königin oder seines Premierministers eine Moschee einweihen würde.
Hätte einer der Herausgeber der frankfurter allgemeinen sich sofort bei Rifkind entschuldigt, was ja nahelag, so stünden wir besser da, aber genutzt hätte es nichts. Die englische Elite- und Massenpresse wollte sich diesen im Grunde doch recht mageren Fisch keinesfalls entgehen lassen; sie wollte ihn als typisch für deutsche Gesinnung vorführen. Man nennt das "German bashing".
Maastricht samt Folgeerscheinungen, das konnte man immer sehen, wird spalten und nicht einen. Die Briten mögen uns nicht, und warum sollten sie? Den ersten großen Krieg lasten sie uns mit einigem Recht an, den zweiten mit absolutem Recht. Nur hatten wir bis Maastricht ganz gute Beziehungen miteinander.
Antisemitischer als sie, die Briten, waren auch wir nicht. Der Holocaust ist ein eigenes Kapitel. Queen Victoria wollte noch 1869 keinen ungetauften Juden im House of Lords sehen; in Bismarcks Norddeutschem Reichstag (1867 bis 1871) saßen hingegen schon einige.
Warum also diese unerfahrene junge Journalistin verbrennen? Warum sich für ihren Fehler entschuldigen, gewissermaßen "Staatstrauer" anlegen?
Ich wüßte keinen Fall, in dem Großbritannien sich für irgend etwas entschuldigt hätte. Und es gab ja einige Gelegenheiten. Rifkind selbst hätte das Recht auf eine Entschuldigung seitens der Zeitung gehabt, und das ist alles.
Im übrigen liegt hell zutage, was der bedeutende britische Holocaust-Forscher David Cesarani, Professor für Jüdische Geschichte an der Universität von Southampton, uns dazu im observer hat wissen lassen: Die ganze Sache habe "mehr mit britischen antideutschen Gefühlen zu tun als mit deutschem Antisemitismus". Schlimmeres, so schreibt er, sei in den höheren Rängen der Tory-Partei über Juden gesagt worden. Nun gut, das weiß er besser.
Vielleicht hat Michaela Wiegel etwas Unüberlegtes gesagt, wir dürfen das vermuten. In London denkt man anders: Nichts da, die Hexe wird verbrannt.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 10/1997
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