03.03.1997

NS-ARCHITEKTURBilder des Größenwahns

Der Umbau Berlins zur "Welthauptstadt Germania" war eine Phantasmagorie aus Stein, Hitlers hybrides Hirngespinst. Fotos von Modellen und Plänen, die im ostwestfälischen Kloster Corvey gefunden wurden, zeigen: Das Großvorhaben wurde offenbar nicht schon 1942/43 beendet, sondern bis ins Frühjahr 1945 wurde "munter weitergeplant", wie Holger Rabe, stellvertretender Leiter des Museums Höxter-Corvey, sagt. Die über 800 Fotos, die nach dem Ende des Krieges in Kartons verpackt in der Klosterbibliothek lagerten, seien "eine der bedeutendsten Quellen zur NS-Architektur in Deutschland". Seit Herbst 1944 saßen Mitarbeiter des "Arbeitsstabs Wiederaufbauplanung", dirigiert von Hitlers Chefarchitekt Albert Speer, im idyllischen Corvey wie die Maden im Speck, während das Reich, dessen Zukunft sie planten, im Bombenhagel unterging. Und je näher das Ende rückte, desto größer wurden die Projekte. Die Fotos dokumentieren das bekannte, schon Ende der dreißiger Jahre vorgestellte Modell einer 290 Meter hohen Kuppelhalle für 180 000 Menschen, aber auch überraschende Detailentwürfe für die mächtigen Ost-West- und Nord-Süd-Achsen aus den vierziger Jahren. Germania-Gigantomanie und Nachkriegspragmatismus wurden nebeneinander praktiziert. Nachdem der Planungsstab Corvey im Frühjahr 1945 verlassen hatte, wurden die Modelle vernichtet - nur die Fotos überdauerten. Die Baugeschichte des Dritten Reiches muß nicht neu geschrieben werden; doch von den 150 Fotos, die vom 11. Mai an im Museum Höxter-Corvey der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, erwartet der Göttinger Kunsthistoriker Karl Arndt "in Details neue Befunde". Treffender Titel der Schau: "Monumente des Größenwahns".

DER SPIEGEL 10/1997
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