10.03.1997

AFFÄRENKumpel im Amt

Der Hamburger SV hat sich mit Immobiliengeschäften im sozialdemokratischen Filz verdribbelt.
Als sich Aufsichtsrat und Vorstand des Hamburger Sport-Vereins am vergangenen Donnerstag in den Räumen der Vereins- und Westbank zum Krisengespräch trafen, war es endlich mal wieder hanseatisch-geschäftig. Die Runde kühlte ihren Gaumen nur mit alkoholfreien Getränken, nicht einmal Häppchen wurden gereicht.
Präsident Uwe Seeler berichtete von seiner Last als Opfer einer "Pressekampagne", sein Stellvertreter Volker Lange formulierte geschliffen eine Ehrenerklärung in eigener Sache. Nie habe er, versicherte der ehemalige Hamburger Bausenator, aus seinem Fußballamt Vorteile gezogen. Trotzdem soll ein Wirtschaftsprüfer bis Anfang April Licht ins Dickicht bringen. Seeler hält das allein aus sportiven Gründen für angezeigt: "Sonst kriegen wir keine neuen Spieler mehr."
Doch die Turbulenzen beim Hamburger SV erreichten am Ende der vergangenen Woche erst ihren vorläufigen Höhepunkt. Da kreiste die Aufregung in der Hansestadt nicht mehr nur um unverkäufliche Jutebeutel und Autopolituren (SPIEGEL 10/1997). Der Fußballklub hat sich mit zweifelhaften Immobiliengeschäften auch mitten hinein in örtlichen Bausumpf und Sozi-Filz geschossen. Für die Oppositionsparteien sind die Verflechtungen zwischen Sportverein und Stadtentwicklungsbehörde Ausdruck einer verfehlten Landespolitik. Sechs Monate vor der Bürgerschaftswahl ist der Sportverein somit ins Zentrum politischer Machtspiele gerückt.
Kaum war der über Jahre hinweg klamme Bundesligist mal wieder flüssig, da ist das Geld auch schon wieder weg. Über 19 Millionen Mark investierte der HSV in ostdeutsche Immobilien - wie sinnlos die eilige Steuersparaktion war, zeigt sich beispielhaft an einem Studentenwohnheim in Greifswald. Für die Nutzfläche von 1815 Quadratmetern in einem sanierten Altbau zahlte der HSV 7,6 Millionen Mark. Sechs Monate danach gilt die für einen extrem hohen Quadratmeterpreis von 4187 Mark erworbene Immobilie als unverkäuflich.
Allein der Objektentwickler dürfte sich bei dem öffentlich bezuschußten Bau gesundgestoßen haben; er strich 1,6 Millionen Mark Regiekosten ein. "Mit dem HSV möchte ich auch gern Geschäfte machen", sagt ein ortskundiger Makler, "der Verein ist furchtbar über den Tisch gezogen worden." Das ist, ähnlich wie bei den zu satten Preisen erworbenen Immobilien in Stralsund (4,8 Millionen) und Plau am See (7,2 Millionen), durchaus denkbar.
Verblüffend häufig tauchen bei den Investitionsplanungen des Klubs der Name des früheren Bausenators und heutigen HSV-Vize Lange oder dessen Verbindungen zu einflußreichen Stellen in der Stadt auf - so etwa beim geplanten Bau einer neuen Fußball-Arena.
Für das Großprojekt im Volkspark waren zuletzt zwei Bewerber mit unterschiedlichen Konzepten übriggeblieben. Nach dem Bericht für die zuständige Senatskommission ("streng vertraulich") hätte der HSV beim ersten Investor, der deutsch-holländischen Bietergemeinschaft Schmitz/Dekra/HBM, im Jahr sieben Millionen Mark eingenommen, dafür allerdings seine Vermarktungsrechte im Stadion abgetreten. Beim zweiten Bewerber, der Bietergemeinschaft Holzmann/Deuteron, wird der Verein diese zwar selbst verkaufen dürfen, dafür soll er jedoch zwölf Millionen Mark im Jahr an Stadionmiete bezahlen.
Wichtige Planungsdaten sprachen für Schmitz und Partner, doch den Zuschlag erhielt Holzmann/Deuteron - der Immobilien-Holding Deuteron stand HSV-Vizepräsident Lange über Jahre als Berater zur Seite. Und mit der Prüfung der Bewerbung beauftragte die Stadt unter anderem ausgerechnet die Hamburger Warburg-Bank, die Kontakt zu Deuteron pflegt und die nun als Investor gewonnen werden soll.
Ob sich das mit staatlichen Zuschüssen in Höhe von 40 Millionen Mark geplante Arenamodell rechnet, ist zweifelhaft. Um den neuen Veranstaltungspark rentabel zu bewirtschaften, müßte jeden dritten Tag eine Großveranstaltung aufgezogen werden. Deuteron kalkuliert voreilig und kühn mit wöchentlichen Eishockeyspie- len. Zum Aufbau einer derzeit nicht vorhandenen Erstligamannschaft sind im Kostenplan von Holzmann/Deuteron fünf Millionen Mark vorgesehen: für die Wirtschaftlichkeitsrechnung eines Bauvorhabens ein bizarrer Posten, für den Zusammenkauf eines schlagkräftigen Teams viel zuwenig.
Bald hat Uwe Seelers Klub womöglich einen richtigen Tempel für seine zukünftigen Punktspiele, aber eine neue Heimat hat er noch immer nicht. Seine alte Heimstatt am Rothenbaum, wo schon "uns Uwe" groß wurde, war jüngst abgerissen worden: Dort baut nun der Projektentwickler Hanseatica einen Wohn- und Bürokomplex. Bei ähnlichen Großprojekten war der Bauträger in der Vergangenheit mehrmals von Lange beraten worden; für Hanseatica wie Deuteron, sagt Lange, "bin ich nicht mehr tätig".
Jetzt hat sein HSV ein Auge auf ein 17 563 Quadratmeter großes Grundstück an der citynahen Kollaustraße geworfen und dafür 2,25 Millionen Mark geboten. Um ein Haar wäre der HSV aus dem Feld gedrückt worden, als mit Audi ein potenter Konkurrent auftauchte, 2,8 Millionen Mark zahlen wollte und die Summe umgehend auf ein Notar-Anderkonto überwies. Doch der Autofabrikant zog sich sehr zum Ärger des Veräußerers ("ein Schelm, wer sich Böses dabei denkt") zurück. Aus der Stadtentwicklungsbehörde war Audi beschieden worden, an der Kollaustraße habe auf jeden Fall "der HSV Vortritt" - "aus moralischer Verpflichtung", wie Lange sagt.
Dort sitzt mit dem Oberbaudirektor Egbert Kossak ein einflußreicher Mann, der schon vor 30 Jahren mit HSV-Vize Lange auf dem Bau jobbte.

DER SPIEGEL 11/1997
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