09.07.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Eine Lektion für die Welt“

Irina Antonowa, Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums, über Josef Stalin und Wladimir Putin, über Kunst und Sozialismus und darüber, warum das Schliemann-Gold und der Eberswalder Goldschatz ihrem Museum gehören - nicht den Deutschen
Selbst als Helmut Kohl und Boris Jelzin noch einträchtig in der Sauna schwitzten und Wladimir Putin mit Gerhard Schröder in Sankt Petersburg Schlitten fuhr, trübte eine historische Altlast die deutsch-russischen Beziehungen. Und das, obwohl die Sowjetunion 1991 untergegangen und der Kalte Krieg Geschichte war.
Auch heute noch lagert deutsche Beutekunst, die in Moskau "Trophäenkunst" heißt, in den Tresoren russischer Museen. Versprechen, einvernehmliche Lösungen in dieser Frage zu finden, wurden nie eingelöst.
Die unterschiedlichen Begriffe, die beide Länder für die betroffenen Kunstschätze benutzen, sind symptomatisch. Berlin betrachtet die nach Kriegsende in Stalins Auftrag von der Roten Armee verschleppten Kunstwerke als geraubt und fordert ihre Rückgabe. Moskau versteht sie als moralische Kompensation für die Gräueltaten der Deutschen. Die "Kommission zur Feststellung der Verbrechen der deutsch-faschistischen Eroberer und ihrer Komplizen" hatte 427 sowjetische Museen und 4000 Bibliotheken aufgelistet, die den Deutschen zum Opfer fielen. Mehr als 110 Millionen Bücher und Publikationen wurden, so die Kommission, vernichtet. Im Februar 1997 erklärte die Staatsduma, in der Kommunisten und Nationalisten über eine Mehrheit verfügten, die umstrittenen Kunstwerke aus Deutschland zum ständigen Eigentum Russlands.
Die Heimkehr der in Russland verbliebenen Kunstwerke rückt aber auch deswegen in weite Ferne, weil sich die einst so guten Beziehungen zwischen Berlin und Moskau in den letzten Jahren merklich abgekühlt haben. Das Deutschlandjahr in Russland wurde Mitte Juni ohne die Staatschefs beider Länder eröffnet - Präsident Wladimir Putin fand in seinem Terminkalender keine Zeit für Bundespräsident Joachim Gauck.
Nach Angaben des russischen Kulturministeriums befinden sich weniger als zehn Prozent der aus Deutschland verbrachten Kunst noch in Russland. Von 1955 bis 1960 hatte die Sowjetunion 1,5 Millionen Museumsstücke an die DDR zurückgegeben, darunter 1240 Werke der Dresdner Gemäldegalerie, 16 000 Grafiken und mehr als 100 000 Münzen. Nach Deutschland kehrten damals auch der berühmte Pergamonaltar und das "Grüne Gewölbe" zurück, die Schatzkammer der sächsischen Kurfürsten.
Immerhin zeigt das Moskauer Puschkin-Museum seit 1996 den "Schatz des Priamos" als Teil seiner Dauerausstellung - jenen Schatz, den Heinrich Schliemann 1873 in Troja entdeckt und dann nach Deutschland gebracht hatte. In den Depots des Museums lagern zudem das Gold der Merowinger und der sogenannte Schatz von Eberswalde.
Keiner kann den russischen Standpunkt zum Beutekunststreit so hart und eloquent erklären wie die inzwischen 90-jährige Irina Antonowa. Die alte Dame empfängt in ihrem Büro im Moskauer Puschkin-Museum für Bildende Künste in Sichtweite des Kreml. Das vor genau 100 Jahren eröffnete Haus gilt - neben der St. Petersburger Eremitage - als die bedeutendste Sammlung ausländischer Kunst in Russland. Sie umfasst 670 000 Gemälde, Skulpturen und archäologische Fundstücke.
SPIEGEL: Irina Alexandrowna, seit mehr als sechs Jahrzehnten arbeiten Sie im Puschkin-Museum, seit einem halben Jahrhundert stehen Sie ihm vor. Sie haben unter Stalin und Putin gedient, unter Breschnew und Gorbatschow. Wem fühlen Sie sich am meisten verbunden?
Antonowa: Verbunden fühle ich mich der Kunst. Ihr diene ich. Politiker kommen und gehen, die Kunst ist ewig. Glauben Sie mir, ich hätte Probleme, alle Kulturminister Russlands und der Sowjetunion aufzuzählen. Stalin übrigens habe ich nie persönlich gesehen. Nur von fern am
Roten Platz, als er auf dem Mausoleum stand und Paraden abnahm. Museumsdirektorin wurde ich erst 1961, acht Jahre nach Stalins Tod.
SPIEGEL: Wie sieht das ideale Verhältnis von Staat und Kunst aus?
Antonowa: Der Staat sollte Theater, Kunsthochschulen und Museen maximal finanziell unterstützen. So wie es Frankreich gemacht hat, als es den großen Umbau des Pariser Louvre bezahlte. Aus der Kunst selbst sollte sich der Staat heraushalten. Wir spüren heute keinen Druck und stellen aus, was wir wollen. Das ist ein großer Fortschritt im Vergleich zur Sowjetzeit. Es gibt keine Kunstzensur mehr in Russland.
SPIEGEL: Wirklich nicht? Wenige hundert Meter von Ihrem Museum entfernt steht die Christ-Erlöser-Kathedrale. Junge Frauen der Punkband Pussy Riot tanzten dort im Februar vor einem Altar, sie protestierten gegen Putin und wurden festgenommen.
Antonowa: Ich bitte Sie, halten Sie das etwa für Kunst? Das war eine Aktion, und zwar eine gegen die Kirche, nicht gegen Putin …
SPIEGEL: Die Frauen sangen aber "Mutter Gottes, jage Putin fort".
Antonowa: Dann ist das eine politische Demonstration, und dazu ist die Kirche der falsche Ort. Ich sage das, obwohl ich kein gläubiger Mensch bin. Dazu stehe ich, auch wenn es im heutigen Russland wenig populär ist, sich dazu zu bekennen, nicht an Gott zu glauben. In eine Kirche einzudringen, um die Kirche zu beleidigen, würde auch in Deutschland nicht ohne Konsequenzen bleiben.
SPIEGEL: Die Aktion würde aber nicht mit Gefängnis bestraft. Die drei Frauen sind seit vier Monaten in Haft, zwei von ihnen haben kleine Kinder.
Antonowa: Wie sie zu bestrafen sind, ist nicht meine Sache. Ich weiß aber, dass mir dieser Auftritt nicht gefällt. Es ist doch nicht jeder ein Künstler, der den Mund aufmacht und singt. Auch wir waren schon Opfer einer vergleichbaren Aktion. Ein bei uns recht bekannter Künstler kam 1993 ins Puschkin-Museum und verrichtete vor einem Gemälde von van Gogh seine Notdurft. Das nennt sich dann Performance. Das ist doch keine Kunst, sondern eine Schweinerei. Ich denke, dass ihm drei Monate Gefängnis nicht geschadet hätten, um darüber nachzudenken, was er da getan hat.
SPIEGEL: Sie haben einst durchgesetzt, dass Künstler der klassischen Moderne wie Chagall und Kandinsky im Puschkin-Museum gezeigt werden durften. Aus Sicht der sowjetischen Kulturbehörden war auch das so etwas wie Aufruhr.
Antonowa: Das war kein Aufruhr, sondern logisch. So viele Jahre konnten wir nicht ausstellen, was wir in unseren Beständen hatten. Renoir, Matisse, Picasso, Cézanne galten als formalistische und bürgerliche Künstler. Als 1981 die Ausstellung Moskau-Paris mit Werken von Chagall und Kandinsky nach Moskau geholt werden sollte, erklärte der Direktor der berühmten Tretjakow-Galerie: "Nur über meine Leiche." Nun, Leichen mögen wir nicht. Wir haben die Ausstellung eben im Puschkin-Museum gezeigt. Das war ein Durchbruch.
SPIEGEL: Marc Chagall war alles andere als ein Maler des sozialistischen Realismus. Wie haben Sie ihn durchgesetzt?
Antonowa: Der Direktor des Louvre hatte mich Ende der sechziger Jahre mit ihm bekanntgemacht. Ich besuchte Chagall in seinem Haus im Süden Frankreichs. Wir beschlossen eine Ausstellung, aber leider starb Chagall 1985, kurz vor der Eröffnung. Als ich ihn in einem Nachruf für die "Literaturnaja gaseta" als großen russischen Künstler bezeichnete, bekam ich am nächsten Tag einen Anruf aus dem Kulturministerium. Ob ich das denn ernst meine, Chagall sei ein Russe. Ich antwortete: "Aber sicher, so wie der Opernsänger Fjodor Schaljapin und der Komponist Sergej Rachmaninow Russen sind." Das wurde akzeptiert, und das war nicht wenig. Sogar Museen wurden Opfer der Repressionen unter Stalin.
SPIEGEL: Was hat Stalin gemacht?
Antonowa: Wegen des deutschen Angriffs wurde 1941 das Museum für Neue Westliche Kunst geschlossen, nach Kriegsende wurde es nicht wiedereröffnet und 1948 mit einem Erlass Stalins aufgelöst. Der Ukas begann mit den Worten: Das Museum ist zu liquidieren. Ich sah dann meine Aufgabe darin, gegen diesen Widerstand Schritt für Schritt einen Platz für Impressionisten in unserem Museum zu finden.
SPIEGEL: Gelang es, Stalin zu überzeugen?
Antonowa: Ein Stalin war nicht zu überzeugen. An seinem Geburtstag im Dezember 1949 wurde in unserem Museum eine Ausstellung mit Geschenken eröffnet, die er als Sowjetführer erhalten hatte. Stalin starb im März 1953, die Ausstellung war noch bis August zu sehen.
SPIEGEL: Was halten Sie heute von Stalin?
Antonowa: Wir lebten damals in einer schrecklichen Zeit.
SPIEGEL: Das muss für Sie die Idee des Kommunismus diskreditiert haben.
Antonowa: Vielleicht enttäusche ich Sie jetzt. Aber den Glauben an den Sozialismus habe ich bis heute nicht verloren. Dass Stalin ein Tyrann war, liegt auf der Hand. Wir haben in der Sowjetunion den falschen Weg zum Sozialismus gewählt. Das heißt aber nicht, dass die Idee nichts taugt. Offenkundig denke nicht nur ich so. In Frankreich sind jetzt die Sozialisten an die Macht gekommen.
SPIEGEL: … die aber eher Sozialdemokraten sind.
Antonowa: Das verstehe ich schon. Jede Idee muss mit der Zeit gehen und die Besonderheiten eines Landes berücksichtigen. Der russische Dichter Wladimir Majakowski hat einmal geschrieben: "Ich bin von Kindesbeinen gewohnt, die Fetten zu hassen, weil ich mich selbst für ein Mittagessen verkaufen muss." Sozialismus bedeutet für mich soziale Gerechtigkeit.
SPIEGEL: Wir haben nicht den Eindruck, dass Putin eine sozialistische Politik macht. Warum haben Sie ihn im Wahlkampf unterstützt?
Antonowa: Weil er für eine ausgewogene Politik steht, auch was die Kultur betrifft.
SPIEGEL: Welches Kunstverständnis hat er?
Antonowa: Darüber habe ich nie mit ihm gesprochen. Als er aber 2004 zu uns ins Museum zu einer Ausstellung der Deutschen Bank kam, bei der Expressionisten und Gegenwartskunst gezeigt wurden, habe ich gemerkt, dass ihm das nicht fremd ist. Gerhard Richter war da beispielsweise zu sehen. Putin versteht, dass die Kunst sich wandeln muss.
SPIEGEL: Was halten Sie von zeitgenössischen Künstlern wie dem Chinesen Ai Weiwei?
Antonowa: Der Niederländer Jan Vermeer aus dem 17. Jahrhundert: Das ist große Kunst. Nehmen Sie sein Gemälde "Der Soldat und das lachende Mädchen". Die junge Frau am Tisch im Freudenhaus, der Offizier mit großem Hut, die Landkarte an der Wand. Vermeer war Meister darin, in Alltagsszenen die jahrtausendealten großen Themen der Menschheit aufleuchten zu lassen: Liebe, Angst, Hoffnung. Ich musste weinen, als ich das Gemälde 1963 in der New Yorker Frick Collection sah.
SPIEGEL: Verstehen wir Sie richtig, dass ein Ai Weiwei sich in Ihren Augen in seiner Kunst zu weit von der Realität entfernt?
Antonowa: Er entfernt sich nicht nur von der Realität, er verzichtet völlig auf sie. Ein Vermeer oder auch ein Leo Tolstoi oder Fjodor Dostojewski nehmen das, was existiert, als Basis, um über das Wichtigste und Tiefste zu erzählen. Zeitgenössische Künstler wollen nicht über das erzählen, was existiert. Sie erzählen über das, was es nicht gibt. Das ist eine andere Art, kreativ zu sein. Aber halt keine Kunst.
SPIEGEL: Mit der Documenta in Kassel können Sie dann nichts anfangen?
Antonowa: Mich interessiert das. Ich schaue mir das an. Aber es ist eben keine Kunst.
SPIEGEL: Deutschland ist das Land, in dem Sie als Kind lebten. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Zeit?
Antonowa: Mein Vater war von 1929 bis 1933 Diplomat an der sowjetischen Botschaft in Berlin. Ich erinnere mich zum Beispiel an Fräulein Lotte, die Erzieherin bei einer Ferienfreizeit. Sie war so streng, dass ich meiner Mutter tränenreiche Briefe schrieb, mich doch schnell nach Hause zu holen. Gern denke ich an unseren Sportlehrer, Genosse Erich. Er hat mir das Schwimmen beigebracht. So schenkte Deutschland mir die Liebe zum Sport. Noch heute schwimme ich gern. Mir gefielen die Berliner Museen. Dort konnte man Treppen rauf und runter laufen. Mein Vater hat einmal ein Foto von mir vor dem Pergamonaltar geschossen. Wie schwer es mir fiel, so lange still zu stehen! Ich war ein rechter Wildfang.
SPIEGEL: Wurde bei Ihnen daheim über Hitler gesprochen?
Antonowa: Wahrscheinlich, aber ich war noch zu klein, um mich heute daran zu erinnern. Nur eines ist mir im Gedächtnis geblieben. Einmal kam meine Mutter nach Hause und sagte: "Irina, geh heute nicht auf die Straße. Der Reichstag brennt."
SPIEGEL: Wie erlebten Sie den Kriegsbeginn?
Antonowa: Am 21. Juni 1941 hatte ich das erste Studienjahr mit Bestnoten abgeschlossen. Ich war toll gelaunt, ging mit Freunden ins Kino. Einen Tag später begann der Krieg. Meine Mutter weinte, weil sie wusste, was Krieg bedeutet. Ich verbinde mit diesen Wochen zwei Gefühle. Einerseits war da ein Aufbruch. Ich fühlte mich als Teil eines großen Ganzen. Ich war sicher, dass Hitler in zwei oder drei Monaten besiegt sein würde und ich eine Sternstunde der Menschheit erlebe. So sind junge Leute eben. Andererseits habe ich die Fratze des Krieges gesehen, auch wenn ich nicht an der Front war.
SPIEGEL: Sie waren Krankenschwester.
Antonowa: Zu Beginn des Kriegs war ich kurz in einer Munitionsfabrik und packte Granaten in Kisten. Dann arbeitete ich in einem Militärhospital, in dem vor allem Piloten behandelt wurden, die vor Moskau abgeschossen worden waren. Gleich bei meiner ersten Operation musste ich ein Bein halten, während der Chirurg es amputierte. Plötzlich hatte ich es in der Hand. Ich war geschockt.
SPIEGEL: Wer aus Ihrer Familie starb im Krieg?
Antonowa: Meine Onkel Pawel und Michail und meine Tanten Irina und Anna haben die Blockade von Leningrad nicht überlebt. Ich weiß nicht, ob sie verhungerten oder im Bombenhagel starben.
SPIEGEL: Wie hat der Krieg Ihr Bild von den Deutschen damals verändert?
Antonowa: Ich war jung und sehr politisiert. Mir war klar, dass es Deutsche gibt und Faschisten. Natürlich wusste ich, dass es auch Antifaschisten gab. Den Kommunisten Ernst Thälmann. Den Schauspieler und Sänger Ernst Busch, den ich bewunderte. Man darf Völker nicht mit ihren Regierungen verwechseln.
SPIEGEL: Aber stimmt nicht auch, dass jedes Volk die Regierung hat, die es verdient?
Antonowa: Hmhh. Ich denke nicht, dass das zu 100 Prozent richtig ist. Wir wissen ja, wie man auch zu einer Regierung kommen kann: durch feindliche Eroberung, durch Usurpation der Herrschaft. Ich würde dafür nicht ein ganzes Volk verantwortlich machen wollen. Menschenmassen sind leider verführbar.
SPIEGEL: Sind die Deutschen bloß verführt worden?
Antonowa: Zu einem Teil bestimmt.
SPIEGEL: Und die Russen bei der Oktoberrevolution von 1917?
Antonowa: Diese Revolution hatte ihre Gründe, sie war unausweichlich. Dazu müssen Sie sich nur die Literatur des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts anschauen: Alexander Blok, Dostojewski und Tolstoi. Die Menschen sind damals nicht verführt worden. Auf einem anderen Blatt steht, was aus der Revolution geworden ist.
SPIEGEL: Tragen die Deutschen heute noch Verantwortung für die Gräueltaten des Nazi-Regimes?
Antonowa: Ich denke, nein.
SPIEGEL: Dann könnte der Kreml doch auch die Kunstschätze zurückgeben, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland nach Russland verschleppt wurden und die in Teilen auch im Puschkin-Museum aufbewahrt werden.
Antonowa: Ich wollte lediglich sagen, dass die Generation der Deutschen, die heute lebt, nicht für Hitler und den Überfall auf die Sowjetunion verantwortlich ist. Die Frage der Trophäenkunst aber ist, um es mit aller Deutlichkeit zu sagen, vor allem ethischer Natur. Es geht um eine moralische, weniger um eine finanzielle Kompensation gegenüber Russland. Man darf nicht einfach ein Land überfallen, seine Museen zerstören und versuchen, die Wurzeln seiner Kultur auszumerzen, wie das die Deutschen taten. Das ist eine historische Lektion für die ganze Welt. Ich bin nach Kriegsende in Leningrad und im Zarenschloss Peterhof gewesen. Nur noch Ruinen standen da.
SPIEGEL: Das Völkerrecht und die Haager Konvention von 1907 verbieten Kunstraub.
Antonowa: Die Haager Konvention ist veraltet, weil sich der Charakter der Kriege verändert hat. Die Menschheit braucht heute einen anderen Mechanismus, um das Weltkulturerbe zu schützen, einen auf internationaler Ebene. Für eine neue Konvention genügt es, sich auf einen einzigen Satz zu einigen: Ein Land haftet mit seinen eigenen Kulturschätzen für den Schaden, den es dem Kulturerbe einer anderen Nation zufügt. Dann wird keiner Bomben auf den Louvre, den Madrider Prado und die Uffizien in Florenz werfen. Ich habe vorgeschlagen, mit dieser Initiative nach Den Haag zu gehen. Wenn man mir das Wort gibt, werde ich dort gern auftreten.
SPIEGEL: Artikel 16 des deutsch-russischen Nachbarschaftsvertrags aus dem Jahr 1990 verpflichtet beide Seiten zur Rückgabe von Beutekunst. Warum ist das bis heute nicht geschehen?
Antonowa: Eine solche Verpflichtung gibt es im Vertrag nach meiner Erinnerung nicht. Alles, was da steht, bezieht sich auf Kunstwerke, die unrechtmäßig und nicht kriegsbezogen verbracht wurden.
SPIEGEL: Das sehen in Deutschland viele anders. Können die Deutschen etwas tun, um die Rückkehr der umstrittenen Kunstwerke nach Deutschland zu befördern?
Antonowa: Ich denke nicht in den Kategorien eines Kuhhandels nach dem Motto: Ihr Deutschen baut mir hier eine Museumsinsel in Moskau, und wir geben euch etwas zurück. So etwas käme mir nie in den Sinn.
SPIEGEL: Der Trojaschatz wurde von Heinrich Schliemann auf dem Gebiet des Osmanischen Reichs gefunden und nach Deutschland geholt. Heute lagert er beinahe so lange bei Ihnen wie in Deutschland bis 1945. Man kann vielleicht darüber streiten, wem er gehört. Das berühmte Gold der Merowinger aus der Spätantike und der Schatz von Eberswalde aus der Bronzezeit zählen jedoch zu den Fundamenten deutscher Kultur so wie die Kronen der ersten Zaren zur russischen. Sollten sie nicht nach Deutschland zurückkehren?
Antonowa: Ich frage, wo die Dinge sind, die aus Russland verschwunden sind. Die Deutschen haben uns auch nicht alles zurückgegeben.
SPIEGEL: Uns ist nicht bekannt, dass da etwas bewusst zurückgehalten wird. Warum bekommen deutsche und europäische Wissenschaftler keinen unbeschränkten Zugang zu Ihren Depots?
Antonowa: Das ist das Recht eines jeden Museums. Sie bekommen ihn, wenn wir Ausstellungen gemeinsam machen. Der Schliemann-Schatz ist ohnehin Teil der Dauerausstellung.
SPIEGEL: Sie haben kürzlich gesagt, dass man mit 90 entweder die Wahrheit spricht oder schweigt. Gibt es noch Kunstgegenstände aus Deutschland in Geheimdepots in Ihrem oder in anderen russischen Museen, von denen die Welt nichts weiß?
Antonowa: Ich weiß nicht, was die Welt weiß (lacht). Aber ernsthaft und in aller Offenheit: nichts von Bedeutung und bestimmt nichts in meinem Museum. Für die anderen kann ich nicht sprechen. Das allermeiste haben wir doch schon zurückgegeben.
SPIEGEL: Früher hieß es sogar, Sie selbst seien nach Deutschland geschickt worden, um Kunstwerke in die Sowjetunion zu verbringen.
Antonowa: Das ist eine Legende. In der Tat sollte ich nach Deutschland fahren und hatte auch schon angefangen, die alten Kataloge der Dresdner Galerie zu studieren. Voller Stolz trug ich die Uniform eines Majors der Roten Armee. Zwei Wochen vor der Abreise im Juni 1945 hat man mir gesagt: "Du bleibst hier, du bist zu jung." Ich habe ein wenig geweint, und damit hatte es sich.
SPIEGEL: Warum entschied der Kreml 1955, die Schätze der Gemäldegalerie und 1958 die aus dem Grünen Gewölbe an die DDR zurückzugeben? Manche sagen, dass Walter Ulbricht gestärkt werden sollte, der nach dem Volksaufstand von 1953 angeschlagen war.
Antonowa: Das war eine Entscheidung der Regierung, über die ich mich im Übrigen nicht gefreut habe. Wir hatten schon eine Dauerausstellung hier im Moskauer Puschkin-Museum vorbereitet. Die Kunstwerke der Dresdner Galerie könnten wir heute gut gebrauchen (lacht).
SPIEGEL: Sie meinen die geplante Renovierung und Erweiterung des Puschkin-Museums, die der Architekt Norman Foster durchführt.
Antonowa: Ja. Leider gefällt das Konzept nicht allen. Foster halten viele für zu ambitioniert. Ich möchte aber moderne, hochwertige Architektur des 21. Jahrhunderts und nicht ein weiteres Gebäude mit Säulen. Architektur aus den anderen Jahrhunderten haben wir ja schon. Und Norman Foster hat viel Erfahrung darin, bei Museen Altes und Neues zu verbinden.
SPIEGEL: Irina Alexandrowna, im Alter von 90 Jahren leiten Sie immer noch Ihr Museum. Hatten Sie nie den Wunsch, etwas anderes zu machen?
Antonowa: Manchmal wundere ich mich selbst. So ist es eben gekommen. Dabei war ich als Kind so sprunghaft. Ich bin ein ungeduldiger Mensch geblieben; um ein Museum zu führen, braucht man aber einen langen Atem.
SPIEGEL: Das Puschkin-Museum war stets eine Brücke zwischen Russland und Westeuropa mit seinen Exponaten westlicher Kunst. Finden Sie eigentlich, dass Ihr Land in die EU gehört?
Antonowa: Selbstverständlich. Denn Russland ist ein Teil von Europa. Aber es ist auch eine Brücke zwischen Europa und Asien.
SPIEGEL: Irina Alexandrowna, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Mit Werken aus der Dresdner Gemäldegalerie, 1945 in Moskau; links: Irina Antonowa. Das Gespräch führten die Redakteure Martin Doerry und Matthias Schepp in Moskau.
Von Martin Doerry und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 28/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 28/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCH:
„Eine Lektion für die Welt“