10.03.1997

SPEKTAKEL„Schau mal, da geht Gott“

Wie sich Deutschlands Musikindustrie anläßlich der Hamburger „Echo“-Verleihung selbst feierte. Von Christian Kracht
Unten im häßlichen Foyer bauen ein paar gutgelaunte Asiaten hastig eine Stahlskulptur auf. Bei näherem Hinsehen sind es die Buchstaben M, T und V. Die Arbeiter behängen die Skulptur mit kleinen, rot aufblitzenden, batteriebetriebenen Herzen, die man sich ans Revers pinnen kann, wenn man mag. So richtig mag niemand. Kaum einer nimmt sich ein blinkendes Herz und pinnt es sich an, außer zwei Sanitätern und einer Kellnerin.
Beim Sender MTV scheint man zu fürchten, in naher Zukunft vom deutschen Markt verdrängt zu werden. Genau das jedenfalls strahlen dessen Mitarbeiter aus. Der sehr sympathische neue Hamburger MTV-Moderator Christian Ulmen, 20, rennt mit dem berühmten, mit dem MTV-Logo verzierten Mikrofonwürfel von Star zu Star, aber so wirklich wissen will niemand etwas von ihm.
Tic Tac Toe - die Favoriten an diesem Abend, an dem die Deutsche Phono-Akademie zum sechsten Mal zur "Echo"-Preisverleihung, der zentralen Jubelfeier des Pop-Gewerbes, einlädt - huschen an Ulmen vorbei, und so interviewt sich der Moderator vor der Kamera selbst: "Weißt du, jetzt merkt man erst, daß man wieder in Deutschland ist, in einer fremden Stadt, in der einen keiner kennt." In England, auf dem "Q-Music-Award" etwa, sei er immer der erste, mit dem man redet. Aber das ist ja England. Und dort gibt es kein Viva.
Gekannt werden wollen sie alle, die da am Donnerstag abend vergangener Woche über den roten Teppich in der Tiefgarage des Hamburger Kongreßzentrums schreiten: Als Axel Bulthaupt, der blonde Moderator des Abends und angebliche Erbe Günther Jauchs, vorbeigeht, schreien Hunderte zwölfjährige Mädchen im Chor: "Hey, wer bist du? Wer bist du denn?" Bulthaupt huscht zerknirscht zum Eingang, lächelt und winkt trotzdem zu den Mädchen herüber, die die Teenie-Stars Mr. President und Captain Jack sehen wollen und sonst niemanden.
Der leider ein bißchen aufgedunsene Heinz Rudolf Kunze wird von allen umringt - wahrscheinlich aufgrund seiner subversiven Aussagen zur deutschsprachigen Popmusik. Den Zigarillo trägt er wie Clint Eastwood im Mundwinkel.
Leslie Mandoki, einst Kopf der Gruppe Dschinghis Khan, geht immer noch durch als Arpad, der Zigeuner, an einem schlechten Tag. Er umarmt ein prallbusiges Mädchen und grinst ins Blitzlichtgewitter. Dies sieht endlich mal wirklich nach Halbwelt aus. Obwohl, es geht schon mehr in Richtung pures Ludentum. Und das ist gar nicht schlecht so - schließlich schöpft daraus ein großer Teil der Musikbranche außerhalb Amerikas und Englands seine Kraft.
An diesem Abend in Hamburg geht es gar nicht darum, ob - wie bei ähnlichen Preisverleihungen in England - der Sänger Jarvis Cocker ein paar trockene Bemerkungen macht oder ob die schöne Stella Tennant heute abend da ist oder vielleicht die noch schönere Honor Fraser. Nein, in Deutschland existiert der Musikkapitalismus noch in seiner reinsten, unbehauenen Urform, hier herrschen wirklich noch die Gesetze des tiefen Ausschnitts und des zotigen Herrenwitzes. Hier ist nichts geschliffen oder modern. Sophistication, leiser Humor, selbst Schönheit sind beim größten deutschen Popmusikpreis vollkommen fehl am Platz. Hier wird einer druffgemacht, und zwar feste und gnadenlos.
Da kommen irgendwelche wie Prostituierte aufgetakelte Pseudo-Starlets vorgefahren im Mercedes, man hält ihnen die Tür auf, sie springen auf den roten Teppich und werden von allen Fotografen angeblitzt. Hier trägt man dicke Brüste so, daß sie vorn aus dem Ausschnitt hüpfen, und der Moderator Axel Bulthaupt macht nachher während der Verleihung eine Bemerkung über Silicon Valley, und alle lachen und klatschen, selbst Henning Voscherau, der es ja eigentlich besser wissen müßte.
Da die Mitglieder der schwäbischen Band Fool's Garden nicht besonders gut wiederzuerkennen sind - sie sehen aus wie Freiburger Chemiestudenten -, will kaum ein Fotograf von ihnen ein Foto machen. "Thomas", sagt einer von Fool's Garden zum anderen, als wieder eine Schlampe umlagert wird, "Thomas, so mußt du aussehen, dann klappt das auch mit'm Nachbarn", und beide huschen verschmitzt grinsend durch die Fotografenfront. Daß das Fool's Garden wieder äußerst sympathisch macht, spricht natürlich nicht für die Veranstaltung, sondern beweist nur, daß hier sämtliche Maßstäbe heruntergeschraubt werden. Alles gilt, und deswegen gilt hier nichts mehr.
Die Toten Hosen kommen herein, allen voran Sänger Campino, der fast ein Vierteljahrhundert nach den Anfängen des Punk immer noch das Punk-Spiel mitspielt. Er ist einer von den Kämpfern, einer von den Guten. Trotzdem verschwindet er in die Richtung von Captain Jack, einem schwarzen Phantasieprodukt, dessen Musikvideos sich dadurch auszeichnen, daß dort Captain Jack auf Exerzierplätzen stramme Soldatinnen ausbildet, die, während sie mit dicken Hintern hin und her rotieren, immer schreien "Hey Ho - Captain Jack".
Am charmantesten ist merkwürdigerweise Jürgen Drews, der durch einen Seiteneingang hereinkommt, zusammen mit seinem Friseur Kai Müller, seinem Beauty-Spezialisten Reza Homam und seiner jungen, 24jährigen, äußerst attraktiven Frau Ramona. Alle vier tragen sehr viel Versace, und als die Kameras Jürgen Drews umringen, sagt er: "Sehen Sie, wie hübsch meine Frau ist. Sie hat ja auch schließlich sehr viel Geld gekostet."
Dann erscheint Udo Lindenberg mit seinem schwarzen Schlapphut, einer Snowboarder-Sonnenbrille im Gesicht, seiner Freundin Katja O. Kay, der Kiezgröße Karl-Heinz Schwensen und einem Zwerg. So richtig Aufsehen erregt er nicht, nicht wie Frank Farian dort drüben. Farian wird nachher auf der Bühne seine Lebenswerk-Trophäe von Michael Cretu überreicht bekommen, jenem Michael Cretu, der das Erfolgsprojekt Enigma erfunden hat und zusammen mit seiner Gattin Sandra auf Ibiza wohnt und der selbst den Preis für den erfolgreichsten deutschen Künstler im Ausland bekommen hat.
Bester nationaler Künstler wird der bizarre, muskulöse und immer noch sehr beliebte Peter Maffay. Beste nationale Künstlerin wird Blümchen werden. Bester Song wird das als Henry Maskes Boxabschiedshymne berühmte Lied ,"Time to Say Goodbye" von Sarah Brightman und dem blinden Andrea Bocelli.
Die amerikanischen Fugees bekommen den Preis für die beste internationale Gruppe. Zum Dank sagt einer der Künstler: "Thank you. You know it's not about black or white, but about peace and love." Diese Botschaft haben Paul McCartney und Stevie Wonder auch schon mal in ihrem Hit "Ebony and Ivory" verkündet, aber der Saal tobt trotzdem vor Glück.
Dieter Gorny, berühmt als Chef von Viva und Bezwinger von MTV, geht vorbei, die langen Haare wippen bei jedem Schritt. "Schau mal, da geht Gott", sagt jemand.
Manche murmeln dann von einem Skandal, weil das Mädchentrio Tic Tac Toe nicht gewinnt. Erfolgreichste nationale Künstlerin wird die Sängerin Blümchen aus Hamburg. Blümchen, der hier so böse Sachen nachgesagt werden wie daß sie gar nicht selbst singe und daß sie auch gar keine 16 sei, wie sie immer sagt. Als ob das jemanden interessieren müßte, als ob es im Popgeschäft jemals darum gegangen wäre, ob irgendwer selber singt oder vom Band - oder ob, wie ein paar Menschen behaupten, der Bruder oder der Onkel von Blümchen singt und das dann nachher im Studio per Regler beschleunigt wird, damit es wie ein Mädchen klingt.
"Ich weiß, daß es einigen Leuten sehr schwer fällt, meinen Erfolg zu akzeptieren", sagt Blümchen, bürgerlich Jasmin Wagner, zu diesem Gerede. "Im übrigen kann mein Onkel nicht singen, aber sehr schön malen, und mein Bruder ist 15, hat eine schöne Stimme und steht mehr auf Rap."
Ein Skandal, wie er 1990 um die Gurken-Rapper Milli Vanilli entbrannte, als herauskam, daß sie ihre Welthits gar nicht selber gesungen hatten, wäre heute nicht nur gar nicht mehr möglich, sondern auch nicht mehr nötig: Das Musikgeschäft wird offenbar von lauter Halbweltlern bestimmt, jedenfalls sind viele der A&R-Manager so angezogen. Sie tragen gern einen Brillanten im Ohr, haben Vier- und sogar Fünfknopfsakkos um die Schultern gelegt, lächeln durch ihre Jacketkronen, und manchmal haben sie sogar bandagierte Hände, als habe ihnen jemand die Finger gebrochen.
Eine ist ehrlich geblieben: Elke Müller, Chefsekretärin der Deutschen Phono-Akademie, erhält seit drei Wochen jeden Tag Anrufe eines Herrn aus Sylt, dessen letztes Angebot für eine Einladungskarte für die Party bei 3000 Mark lag. Sie ist hart geblieben. "Bei drei solchen Angeboten hätte ich jetzt ein neues Auto. Aber so etwas machen wir nicht."
Von Christian Kracht

DER SPIEGEL 11/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPEKTAKEL:
„Schau mal, da geht Gott“

  • Originelle Geschwindigkeitskontrolle: Der singende Asphalt
  • Elektrische Pick-Ups und SUVs: US-Start-Up will den Markt revolutionieren
  • Faszinierende Aufnahmen: Ameisen laben sich an einem Wassertropfen
  • Trockenheit in Deutschland: Hohe Waldbrandgefahr - diesmal schon im Frühjahr