24.03.1997

PROZESSESchock für den lieben Hugo

Im längsten Mordprozeß des Saarlandes wurde Rotlichtkönig Lacour, der sich bester Kontakte zur SPD-Spitze rühmt, zu lebenslänglich verurteilt.
Der Angeklagte, Untersuchungshäftling im Saarbrücker Gefängnis Lerchesflurweg, hatte seine Habseligkeiten schon gepackt. Als Hugo Lacour, 53, kurz nach neun Uhr am vergangenen Donnerstag von einer schwerbewaffneten Polizeieskorte zum Gerichtsgebäude gebracht wird, ist er noch guter Dinge. Er rechnet mit einem Freispruch.
Als Richter Eike Wolff eine Stunde später nach 103 Verhandlungstagen das Urteil verkündet, lebenslänglich wegen Mordes aus Habgier, bekommt die ehemalige Saarbrücker Milieugröße einen Tobsuchtsanfall.
Als "Nazi- und Blutrichter" schmäht er den Vorsitzenden. Angehörige von Lacour brechen in Tränen aus. Von den vollbesetzten Zuschauerbänken hagelt es wüste Beschimpfungen gegen das Gericht: "Verbrecher." "Das hier ist doch Mord."
Die Strafkammer hält es für erwiesen, daß Lacour den Saarbrücker Kaufmann Heinz Weirich umgebracht hat, um sich dessen auf rund 1,6 Millionen Mark geschätztes Vermögen anzueignen.
Der Mordfall Weirich beschäftigt die Saarbrücker Justiz seit elfeinhalb Jahren. Am 22. August 1985 verschwand der im Rotlichtmilieu bekannte Millionär und Mitbesitzer eines Bordells spurlos. Seine Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Wenige Jahre vorher war sein Bruder ermordet worden. Dessen Leiche wurde gefunden - ohne Kopf, der war mit einer Motorsäge abgetrennt worden.
Der Indizienprozeß gegen Lacour entwickelte sich zum längsten Mordverfahren in der saarländischen Justizgeschichte. Die Anklage stützte sich auf wenige Verdachtsmomente, die den Unterweltler, der schon mehr als 18 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbrachte, schwer belasten.
Kurz nach dem Verschwinden von Weirich fuhr der stadtbekannte Berufsverbrecher Lacour mit dessen Mercedes durch Saarbrücken. Weirich, das bestätigten etliche Zeugen vor Gericht, lieh seinen Wagen, den er nach Ansicht von Richter Wolff als "Heiligtum" betrachtete, nie aus.
Schwer wog aus Sicht der Strafkammer auch ein weiteres Indiz: Die damalige Freundin Lacours, Betreiberin des Nachtklubs "La Cascade", hatte plötzlich einen Wechsel über 1,6 Millionen Mark in ihrem Besitz - gezogen auf Heinz Weirich.
Das Dokument, das sie von Lacour bekommen hatte, ist nach Ansicht von Experten eine Fälschung.
Lacours Saarbrücker Verteidiger Hans-Leopold de Waal hält das Urteil, gegen das er sofort Revision eingelegt hat, nicht für stichhaltig. Der Anwalt stützt sich vor allem auf Zeugen, die Weirich noch nach dem 22. August gesehen haben wollen.
Deren Aussagen jedoch würdigte das Gericht als unbrauchbar. Die Zeugen hätten sich entweder in Widersprüche verwickelt oder seien zu unpräzise gewesen.
Lacour seinerseits erzählt bis heute eine abenteuerliche Geschichte: Weirich, der von vielen Zeugen als vorsichtiger und bodenständiger Mensch beschrieben wurde, habe sich zu einer Geliebten nach Mexiko abgesetzt.
Zuvor hätten er und Weirich noch ein großes Diamantengeschäft mit einem Ex-Söldner namens Anton van der Graaf abgewickelt. Für den Deal habe Weirich sich bei ihm mehrere hunderttausend Mark geliehen und dafür als Sicherheit den Wechsel über 1,6 Millionen gegeben - eine Variante, die das Gericht für frei erfunden hält.
Es sei völlig unglaubwürdig, so der Vorsitzende Richter Wolff in der mündlichen Urteilsbegründung, daß sich der vermögende Kaufmann, der bei jeder Bank Kredit bekommen hätte, ausgerechnet bei dem von Zeugen als vermögenslos geschilderten Lacour Geld geliehen habe.
Bundesweite Aufmerksamkeit erregte der Mordfall, als durchsickerte, daß führende saarländische Sozialdemokraten sich offenbar für Lacour eingesetzt hatten (SPIEGEL 3/1993). Der Unterweltler rühmt sich, gute Beziehungen zu Ministerpräsident Oskar Lafontaine und dem SPD-Fraktionschef im Landtag, Reinhard Klimmt, zu haben, die er nach eigener Darstellung seit den siebziger Jahren kennt.
Mehrfach hatte Lacour öffentlich angedeutet, er besitze Material, das Lafontaine kompromittiere.
Gewisse Verbindungen dokumentiert ein Briefwechsel mit Klimmt aus dem Jahr 1989. Damals schrieb der Sozialdemokrat dem "lieben Hugo", er habe wegen der Sache Weirich mit Justizminister Arno Walter gesprochen. Der habe "zugesagt, mich auf dem laufenden zu halten und mich zu informieren, wenn sich die Sachlage ändert".
Lacour, der 1987 unter bis heute ungeklärten Umständen aus dem Saarbrücker Gefängnis ausgebrochen war, saß damals im französischen Metz wegen eines Raubüberfalls in Haft. Merkwürdig auch: Mit ausdrücklicher Billigung des früheren Chefs der Staatskanzlei, Kurt Bohr, begab sich der damalige Mitarbeiter der Staatskanzlei und frühere Lafontaine-Freund Totila Schott im November 1992 nach Frankreich, um Lacour zu treffen.
Im saarländischen Landtag behauptete Lafontaine, "diese Kontakte" hätten "nicht mit Wissen des Ministerpräsidenten stattgefunden" - was Schott energisch bestreitet.
Der ehemalige Vertraute des SPD-Spitzenpolitikers behauptet: "Noch an dem Tag, als ich von dem Treffen mit Lacour in Frankreich zurückkam, rief Bohr in meiner Anwesenheit den Ministerpräsidenten an und informierte ihn." Nach dem Telefonat mit Lafontaine habe er sogar die Anweisung erhalten, über das Gespräch mit Lacour eine Aktennotiz anzufertigen. In der Unterredung mit dem von der Saarjustiz gesuchten Kriminellen sei es "ganz klar um Erpressung gegangen".
Auch Bohr, unterdessen Geschäftsführer von Saarland Sporttoto, gab an, er habe Lafontaine im nachhinein unterrichtet. Lacour sagt zu dem Thema derzeit nichts. Er will zunächst den Ausgang der Revision abwarten.

DER SPIEGEL 13/1997
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