24.03.1997

AFFÄREN„Sehr schmerzlicher Prozeß“

In einer Münchner Firma mit prominenten Aufsichtsräten sind öffentliche Mittel versickert: Gelder für die Weiterbildung im Osten landeten in einem dubiosen Firmengewirr.
Der Mann sah aus, als ob er einem Werbeprospekt für Business-Anzüge entsprungen wäre, und hatte auch sonst einiges zu bieten. Sein Unternehmen, die Deutsche Private Finanzakademie (DPFA), so sagte er damals, sei einer der "renommiertesten privatwirtschaftlichen Bildungsträger Deutschlands".
Auch der Aufsichtsrat der Münchner Firma konnte sich sehen lassen. Prominente wie der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, und der ehemalige Vizepräsident der Londoner Osteuropabank, Manfred Abelein, bis in die achtziger Jahre CDU-Bundestagsabgeordneter, schmücken das Gremium.
Die Chemnitzer Jungunternehmerin Elvira Kott, mit der DPFA-Chef Gernot Wappenhans im Herbst 1992 ins Geschäft kommen wollte, war beeindruckt. Beim Aufbau einer privaten Medizinfachschule könne er ihr in vielerlei Hinsicht helfen, versicherte Wappenhans. Er verfüge über "exzellente Kontakte zu den Arbeitsämtern", Fortbildungswillige und die dazugehörigen Fördermittel zu vermitteln sei kein Problem.
"Als er mir dann noch anbot, Buchhaltung und Rechnungswesen kostengünstig und effizient in München zu erledigen, war ich überzeugt", erinnert sich die ehemalige Fachschuldozentin. Ihr Weiterbildungsunternehmen Prifamulus wurde eine 90prozentige Tochter der DPFA, den Rest der Anteile behielt Elvira Kott.
Mittlerweile werden auch die ihr streitig gemacht. Ende 1996 verzichtete Wappenhans auf ihre Mitarbeit und zog ihre Anteile ein. Die Geschäftsführerin war den Lenkern in der Zentrale lästig geworden.
Immer wieder hatte sie das merkwürdige Finanzgebaren des Mutterunternehmens kritisiert. Denn bis Ende des vergangenen Jahres hatte die DPFA über eine Million Mark als Darlehen aus der Kasse des Chemnitzer Unternehmens entnommen - überwiegend Gelder, welche die Bundesanstalt für Arbeit an die Prifamulus für Umschulungs- und Weiterbildungskurse zahlte.
"Es sieht so aus", mutmaßt Kott-Anwalt Klaus Finck, "als hätten sie die Tochtergesellschaften benutzt, um an öffentliche Gelder zu kommen, die anschließend in Geschäfte gesteckt wurden, für die diese Gelder nicht bestimmt waren." Diesem Verdacht geht nun auch die Münchner Staatsanwaltschaft nach: Sie ermittelt gegen Wappenhans' Vorstandskollegen Günther Hönig, Leiter des DPFA-Finanzwesens, wegen des Verdachts der Veruntreuung von Prifamulus-Geldern.
Interne Firmenunterlagen legen die Vermutung nahe, daß ein eigenwilliger Umgang mit öffentlichen Geldern System hatte.
Zum Imperium des Gernot Wappenhans gehörten bis vor einem Jahr nicht nur rund 50 Weiterbildungseinrichtungen, vorwiegend in Ostdeutschland, sondern auch Immobilien- und Baufirmen sowie der Pizza-Service "Prima Pizza". Alle Gesellschaften waren personell eng miteinander verflochten. Über mehrere Jahre wurden Millionenbeträge, darunter Arbeitsamt- und Fördergelder, in einem nur noch für Insider durchschaubaren Firmengewirr hin- und hergeschoben.
Der Zugriff auf öffentliche Gelder war möglich, weil die Münchner Konzernmutter die Überweisungen der Arbeitsämter an die Tochterfirmen in einem zentralen Cashpool verwaltete, an den nur der DPFA-Vorstand direkt herandurfte.
Wenn die Geschäftsführer der lokalen Weiterbildungsunternehmen Honorarforderungen von Dozenten begleichen wollten, mußten sie in München um Anweisung bitten. Manchmal kam das Geld erst "nach 10 oder 15 Mahnungen", wie sich Heinz-Jürgen Haupt, ehemaliger Geschäftsführer einer Berliner DPFA-Tochter, erinnert. Darüber hinaus mußten die Tochterunternehmen eine überhöhte "Management-Abgabe" von sieben Prozent ihres Umsatzes abliefern - im lukrativen Weiterbildungsbereich kamen da schnell pro Jahr und Firma mehrere hunderttausend Mark zusammen.
Fachleute hatten schon 1995 über Wappenhans' Methoden informiert. Den Geschäftsführer der Leipziger Fachschule für Bauwesen, einer gemeinnützigen DPFA-Tochter, warnte das Prüfunternehmen Signum, die Kreditgeschäfte mit dem Münchner Mutterkonzern seien problematisch: "Dies hat ... den Anschein, als ob die Mittel in erheblichem Maße längerfristig dem gemeinnützigen Zweck entzogen sind." Da hatten sich die Münchner schon 1,5 Millionen Mark in Leipzig geborgt.
Auch Clauß Dietz, Geschäftsführer der Finanzakademie Sachsen, entdeckte Merkwürdigkeiten. Das zentrale Rechnungswesen in München wies von 1991 bis 1995 eine Differenz von 4,5 Millionen Mark zuungunsten der Sachsen aus. "Trotz wiederholter Bitten", hielt Dietz im Februar 1996 schriftlich fest, konnten "die beträchtlichen Unterschiede nicht geklärt werden".
Wie systematisch die DPFA aus ihren Tochterunternehmen die Gelder herausgezogen hatte, fiel erst auf, als mit der Kürzung von Weiterbildungs- und Umschulungsmitteln der Geldfluß ins Stocken kam. 1995 stand die Deutsche Private Finanzakademie (Jahresumsatz: 80 Millionen Mark) kurz vor dem finanziellen Aus. Die Hausbank, die Bayerische Vereinsbank, verlangte, das Firmengewirr zu lichten. Der Cashpool wurde schließlich aufgelöst.
Wappenhans und Finanzchef Hönig bestreiten energisch den Vorwurf der Veruntreuung. Keine einzige Mark vom Arbeitsamt sei "in dubiose Kanäle" geflossen. Das Cashpool-System habe "Vorteile für alle Beteiligten" gehabt. Hönig räumt aber ein, die Neuordnung sei "ein sehr schmerzlicher Prozeß" gewesen. Richtig weh getan hat die Restrukturierung besonders vier Tochterunternehmen. Deren Konkurse wurden in der Münchner Zentrale offenbar hellsichtig vorausgeahnt.
Wie das lief, zeigt das Beispiel der Akademie Mecklenburg-Vorpommern, die im September 1996 Gesamtvollstreckung beantragte. Im April 1995 wurden die vorhandenen flüssigen Mittel der mecklenburgischen DPFA-Tochter (1,3 Millionen Mark) per Gesellschafterbeschluß den Münchnern als Darlehen zur Verfügung gestellt. Gut vier Monate später war der Kredit, so eine interne Aktennotiz, auf 188 000 Mark geschrumpft.
Im Januar 1996 übernahm ein anderer DPFA-Ableger, die Akademie für Sozialarbeit, Aufgaben der Akademie Mecklenburg-Vorpommern, darunter auch die mit öffentlichen Geldern geförderte Aussiedlerumschulung. Wenige Monate später wurde die Akademie Mecklenburg-Vorpommern in einem internen Papier als "zu liquidierende" Gesellschaft aufgeführt.
Erklärungsbedürftige Vorgänge begleiten auch den Konkurs der Chemnitzer Akademie für Technik im März des vorigen Jahres. Deren Fachschule war Mieterin in einem Gebäude, das einer Grundstücksgesellschaft gehörte, an der Wappenhans beteiligt war. Und die erstritt per Pfändungsbeschluß 110 000 Mark Mietkosten. Zur Sicherung der Ansprüche der Grundstücksgesellschaft sollte die Chemnitzer DPFA-Pleite-Akademie 20 000 Mark Arbeitsamtgelder auf einem Festgeldkonto parken.
Konkursverwalter Bruno Kübler geht mittlerweile davon aus, daß die Akademie für Technik "mehr oder weniger systematisch ausgehöhlt" wurde, und bereitet eine Millionenklage gegen die Münchner vor.
Ignatz Bubis, dessen Aufsichtsratsscheck über 35 918,50 Mark 1996 wegen momentaner Zahlungsunfähigkeit der Münchner einmal platzte, will von Ungereimtheiten bei der DPFA nichts wissen. Der Vorstand habe ihn überzeugt, daß alles mit rechten Dingen zugehe: "Das ist nur eine Kampagne, die der Akademie schaden soll, angezettelt von ehemaligen Mitarbeitern."
Den Hinweisen des Geschäftsführers einer Tochtergesellschaft, der ihm im vorigen Jahr über dubiose Finanzpraktiken berichtete, hat Bubis offenbar keinen Glauben geschenkt.

DER SPIEGEL 13/1997
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