24.03.1997

ZAIREHunde des Krieges

Die Aufständischen erobern Stadt um Stadt, die Armee flieht, die Generäle denken an Putsch - die Herrschaft Mobutus, des dienstältesten Diktators auf dem Schwarzen Kontinent, bricht zusammen. Sein Sturz wäre auch ein Bankrott der französischen Afrikapolitik.
Straßenhändler in Kinshasa haben sich einen neuen Lockspruch ausgedacht. "Verfolgen Sie täglich den Vormarsch von Kabila", rufen sie an Kreuzungen und halten Autofahrern Landkarten vor die Nase. Nicht wenige greifen zu.
Wenn die Neugierigen die Eroberungen des Rebellenführers einzeichnen, müssen sie ihm schon bald ein Viertel des Landes zuschlagen. Laurent Kabilas Allianz der Demokratischen Kräfte zur Befreiung von Kongo-Zaire nahm vorletztes Wochenende die drittgrößte Stadt, Kisangani, ein und näherte sich zügig der zweitgrößten, Lubumbashi. In der Diamanten-Metropole Mbuji-Mayi plünderten Regierungstruppen den Markt - das tun sie gewöhnlich, bevor sie sich absetzen.
In Erwartung neuer Zeiten brachten Einwohner im Zentrum und im Süden des riesigen Landes Spruchbänder mit der Inschrift an: "Bienvenu Kabila". Dagegen verbreitete sich bei den Würdenträgern in der Hauptstadt Endzeitstimmung. Regierungsfunktionäre schickten ihre Familien über den Fluß nach Brazzaville. Generäle berieten über Putschoptionen. Westliche Botschaften bereiteten die Evakuierung ihrer Staatsbürger vor.
"Der Krieg ist an der Front genauso verloren wie in den Köpfen der Zairer", schrieb die Zeitung PERSPECTIVES. Viele Einwohner bekennen sich inzwischen offen zu Kabila und verhöhnen ihren krebskranken Präsidenten Mobutu Sese Seko: "Prostata-Scheine" nennen sie die neuen Inflationsbanknoten mit dem Konterfei des Staatsoberhaupts.
Mobutu, der vorigen Freitag aus Frankreich nach Zaire zurückflog, kündigte zwar an, er wolle mit den Rebellen einen Waffenstillstand vereinbaren und einen "Nationalen Rat" einberufen. Doch Oppositionspolitiker taten das als Manöver des Diktators ab, auf das niemand hereinfallen werde. Die Ära Mobutu sei vorüber, in Kinshasa, so ein westlicher Diplomat, liege die Macht auf der Straße; es konnte sie nur keiner aufheben - noch nicht.
Der Mann mit der Leopardenfellmütze und dem Marschallstab schien seine Herrschaft so zu verlieren, wie er sie vor 32 Jahren errungen hatte: Am 25. November 1965 hatte der damalige General Mobutu geputscht, während im Osten des Landes - wie heute - eine Rebellion wütete.
Nun zerrann ihm alles zwischen den Händen. Sein Premier Léon Kengo wa Dondo vertrat den Staatschef vergangenen Mittwoch auf einem Krisentreffen in Nairobi - und wurde währenddessen vom Parlament abgewählt. Mit Dauertamtam und reichlich Bier feierten die Armenviertel Kinshasas seinen Sturz.
Zerfällt nun der potentiell reichste Staat Schwarzafrikas, der 1960 von Belgien in die Unabhängigkeit entlassen wurde? Rund 350 ethnische Gruppen leben auf einer Fläche zusammen, die rund siebenmal größer als Deutschland ist; die Ostregionen, die über die meisten Bodenschätze verfügen, haben die Verwaltung in Kinshasa schon lange ignoriert.
Doch Kabila beteuert, die Einheit des Staates erhalten zu wollen. Als Gefolgsmann des legendären Patrice Lumumba hatte der junge Rebell in den sechziger Jahren gegen die Abspaltung seiner Kupfer produzierenden Heimatregion Shaba (damals Katanga) gekämpft. Heute könnte der in die Jahre gekommene Revolutionär in die Reihe der gewendeten afrikanischen Staatschefs rücken: Vom Marxisten ist er zum marktwirtschaftlich orientierten Pragmatiker geworden - wie Ugandas Museveni, Äthiopiens Zenawi, Eritreas Afeworki.
Die einzigen, die Kabilas Vormarsch noch mit Mißtrauen verfolgen, sind die Franzosen. Sie behaupten, er werde von Amerikas Geheimdienst CIA gefördert. Tatsächlich schicken die von Washington unterstützten Nachbarstaaten Uganda und Ruanda Militärhilfe. Doch das ist noch kein Beweis für amerikanische Fernsteuerung. Kabilas Helfer zahlen Mobutu in Wahrheit nur heim, daß er Ost-Zaire jahrelang ausländischen Guerrilleros als Basis überließ - zuletzt Hutu-Milizen, die nach dem Völkermord an den Tutsi aus Ruanda geflohen waren.
Frankreichs Politik in Zentralafrika ist gescheitert: War es schon anrüchig genug, den korrupten Diktator Mobutu zu stützen, als er noch stark schien, erwies es sich geradezu als Narretei, weiter auf ihn zu setzen, während sein morsches Regime zusammenbrach. Bei Kabila, dem kommenden Mann, hat Paris wohl kaum noch etwas zu bestellen. Er werde jeden französischen Soldaten, der sich ihm in den Weg stelle, "ins Grab bringen", drohte der Rebellenchef Ende letzter Woche. Frankreich hatte seine Militärkontingente in Zaires Nachbarstaaten Kongo und Gabun verstärkt.
Im Sicherheitsrat der Uno stand Paris ganz allein da mit der Forderung, eine internationale Militärtruppe nach Ost-Zaire zu entsenden. Präsident Chiracs Diplomaten sahen eine "Verschwörung des Schweigens": In den Bürgerkriegsgebieten drohe Hunderttausenden der Hungertod; Nachrichten von Massakern der Kabila-Rebellen an Hutu-Flüchtlingen würden unterschlagen.
Doch den Konflikt in Zaire tragen diesmal allein Schwarze aus; die Zeiten, da weiße Expeditionskorps afrikanische Regierungen kippten und einsetzten, sind vorbei. Vergebens hoffte Mobutu, Franzosen und Belgier würden ihm auch diesmal wieder - wie schon 1977 und 1978 - zu Hilfe eilen.
Seine eigene Armee hatte er absichtlich verkommen lassen - er wollte sie so schwach, daß sie sich nicht gegen ihn auflehnen konnte. Auch das Straßennetz ließ er verfallen - um das Ausdehnen jeder Rebellion zu verhindern. Das wurde ihm jetzt zum Verhängnis, als seine Regierung Kisangani zur Festungsstadt erklären wollte.
Das frühere Stanleyville war in den Wirren nach der Unabhängigkeit eine Hochburg der Lumumba-Anhänger gewesen. Im November 1964 nahmen belgische Fallschirmjäger die Stadt ein. Sie befreiten weiße Geiseln und vertrieben eine schwarze Revolutionsregierung; damit endete die Existenz der kurzlebigen "Volksrepublik Kongo", die Lumumbisten - unter ihnen Kabila - gegründet hatten.
Damals wie heute galt: Wer Zaire beherrschen will, muß Kisangani kontrollieren. Verzweifelt heuerte Mobutu Ende 1996 weiße Söldner an, vermutlich mit französischer Billigung. Zum Jahreswechsel reisten 180 Soldaten aus dem ehemaligen Jugoslawien über Ägypten nach Zaire. Ihre Pässe trugen Visa der zairischen Botschaft in Paris.
Die "Hunde des Krieges", wie die weißen Söldner in Afrika genannt werden, griffen zwar das von Kabila eroberte Bukavu mit Flugzeugen an. Aber Kisangani konnten sie nicht halten, nach dem Fall der Stadt setzten sie sich Richtung Gbadolite ab, Mobutus Heimatort im äußersten Norden von Zaire, wo er einmal beerdigt werden möchte.
Nun werden auch die reichen Regionen Shaba und Kasai vermutlich bald fallen und die Kriegskasse der Aufständischen prall füllen: Sie würden ihre Abgaben selbstverständlich sofort an Kabila leisten, versicherten schon die Manager der Gold- und Diamantenminen.
"Die einzigen Punkte, über die wir noch verhandeln können", verkündet Sieger Kabila, "sind die Modalitäten von Mobutus Abtritt. Dann kann er seine letzten Tage verbringen, wo er will."
[Grafiktext]
Kartenausriß Zaire
Rebellengebiet und Bodenschätze
[GrafiktextEnde]
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Rebellengebiet und Bodenschätze
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DER SPIEGEL 13/1997
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