31.03.1997

BIBELFreispruch für Judas?

Jahrhundertelang galt der Jesus-Verräter Judas als die Inkarnation des Bösen. Aber Exegeten fordern Revision: Die Berichte der Bibel verfälschten die Wahrheit.
An Schurken ist in der Bibel kein Mangel. Da werden Brüder ermordet, Frauen geschändet und Söhne geopfert, Hunderte von Kindern getötet und ganze Landstriche entvölkert. Aber kein einziger von all denen, die dies angeblich oder wirklich getan haben, ist so verrufen und wird derart verteufelt wie Judas - jener Jünger Jesu, der seinen Herrn verriet.
Auch wer nie einen Blick in die Bibel warf, glaubt, daß nichts tückischer ist als ein Judaskuß und nichts schäbiger, als für 30 Silberlinge zu verkaufen, was einem eigentlich teuer sein müßte.
"Der Name Judas steht für den heimtückischen Menschen schlechthin", heißt es
** Die wichtigsten Bücher: Wolfgang Reinbold: "Der älteste Bericht über den Tod Jesu". Walter de Gruyter, Berlin. Hans-Josef Klauck: "Judas - ein Jünger des Herrn". Herder, Freiburg. Willibald Bösen: "Der letzte Tag des Jesus von Nazaret". Herder, Freiburg. Klassens Buch "Judas. Betrayer or friend of Jesus?" ist bei Fortress Press, Minneapolis, erschienen.
seit 1877 im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm, und das galt vorher und gilt noch heute.
Jahrhundertelang übertrumpften sich Theologen in immer neuen Tiraden gegen Judas. "Inkarnation des Bösen in Menschengestalt" hießen sie ihn, und sie erklärten ihn zum "einzigen Menschen, von dem wir mit Sicherheit wissen, daß er ewig verdammt ist".
Doch nun, nach fast zwei Jahrtausenden voller Haß und Verachtung, zeigt sich, daß vieles von dem nicht stimmt, was über Judas in den Evangelien steht.
Zu Beginn der Karwoche erfuhren es sogar die BILD-Leser auf Seite eins: "Judas hat Christus nicht verraten."
Die Quelle ist ein Buch des amerikanischen Theologen William Klassen, der mit der These aufwartet, Judas sei bis zuletzt ein treuer Freund Jesu geblieben. In dessen Auftrag habe er Kontakt mit den Hohepriestern aufgenommen, weil der Meister und sein Jünger sich mit ihnen verständigen wollten, aber Jesus und Judas seien hintergangen worden. So weit geht kein anderer Bibelkritiker, und Klassen fehlt es an Argumenten, um seine Story plausibel zu machen.
Sein Buch ist das bislang letzte und keineswegs beste, das der negativsten Figur des Neuen Testaments gewidmet ist. In den letzten Jahren versuchte mindestens ein Dutzend Autoren zu klären, warum Jesus zu Tode kam oder - speziell - welche Schuld Judas trifft**.
Während Klassen den Judaskuß noch für historisch hält, haben ihn die meisten anderen Autoren längst mitsamt den 30 Silberlingen und nahezu allen anderen Details über Leben und Tod des Judas ins Reich der Legenden verwiesen.
Hans-Josef Klauck, katholischer Neutestamentler (Universität Würzburg) und Autor des besten Judas-Buches: "Was wir historisch über ihn wissen, ist sehr, sehr wenig, aber doch etwas mehr als nichts."
Das ist etwa das Gegenteil dessen, was jahrzehntelang der Passauer Exeget Josef Blinzler in seinem Standardwerk über den "Prozeß Jesu" verbreitete. Blinzler hielt die Berichte insgesamt für historisch, bis hin zu den absurden Selbstverfluchungen des Judas ("Ich habe unschuldiges Blut verraten") und des jüdischen Volkes ("Sein Blut komme über uns und unsere Kinder").
Klauck fordert eine Rehabilitierung des Ex-Jüngers und schlägt vor, auf die Begriffe "Verrat" und "Verräter" zu verzichten: "Man sollte Judas wie jedem Menschen das Recht zugestehen, sich gegen Jesus zu entscheiden."
Den meisten Kirchgängern ist dieser Gedanke fremd. Noch immer herrschen traditionelle Vorstellungen vor, wie sie sogar in Konzertsälen vermittelt werden. In der Osterzeit wird hundertfach Johann Sebastian Bachs "Matthäuspassion" aufgeführt, und der Chor singt wider "den falschen Verräter, das mörderische Blut".
Es bedarf nicht immer spezieller Kenntnisse, um im Neuen Testament die wenigen Fakten über Judas von den vielen Legenden zu unterscheiden.
Die vier Evangelien sind geprägt von dem Trend, die Römer von der Schuld am Tode Jesu zu entlasten und sie den Juden zuzusprechen.
Nutznießer dieser geschichtsverfälschenden Tendenz ist der Statthalter Pontius Pilatus, dem eine beinahe christliche Gesinnung und humanitäre Großmut angedichtet werden. Opfer ist Judas, der von einem Evangelium zum anderen immer düsterer geschildert wird.
Das gilt für jede der drei Szenen, in denen die Evangelisten ihn auftreten lassen.
Den Kontakt des Judas mit den Hohepriestern schildert Markus im ältesten Evangelium, das etwa 40 Jahre nach dem Tode Jesus entstand, nahezu nüchtern: Der Jünger bietet an, Jesus zu verraten (wörtlich übersetzt: ihn "auszuliefern), die jüdischen Oberen versprechen ihm Geld.
Im Matthäus-Evangelium, etwa 20 Jahre später geschrieben, ist Judas schon geldgierig ("Was wollt ihr mir geben?"), und ihm werden 30 Silberlinge geboten. Im Lukas-Evangelium, das etwa zu selben Zeit entstand, geschieht noch mehr: "Es fuhr aber der Satan in Judas."
Beim Abendmahl - der zweiten Szene - kündigt Jesus den Verrat an, ohne einen Namen zu nennen. Markus erwähnt Judas nicht, bei Matthäus fragt er: "Doch nicht ich, Rabbi?" Es sei "eine ungeheure Frechheit, den Ahnungslosen zu spielen", empörte sich ein Exeget.
Bei der Verhaftung Jesu - der dritten Szene - gibt es den Judaskuß in allen drei Evangelien ("Der, den ich küssen werde, der ist''s"). Bei Matthäus kommt noch ein "Sei gegrüßt, Rabbi!" hinzu. "Puren Hohn" nannte dies ein Kommentator.
Vollends zum Finsterling wird Judas erst im letzten, dem etwa 70 Jahre nach dem Tode Jesu verfaßten Johannes-Evangelium. Dessen Autor wartet mit Details auf, von denen seine Vorgänger noch nichts wußten. Judas unterschlägt Geld aus der gemeinsamen Kasse, die er verwaltet, und heuchelt Sorge um die Armen. Während er zumindest bei Lukas erst als Jünger zum Gegner Jesu wird, ist er es hier von Anfang an. Und Jesus selbst nennt erst Judas einen Teufel, dann erklärt er die Juden insgesamt zu "Söhnen des Teufels".
Auf den ersten Blick mag es überraschen, daß ausgerechnet in diesem haßtriefenden Text der Judaskuß fehlt. Aber für den vierten Evangelisten ist von zentraler Bedeutung, daß Jesus "alles wußte, was über ihn kommen wird". Er geht aus eigenem freien Entschluß in den Tod und wird nicht von seinen Gegnern überrascht. Deshalb gibt sich Jesus selbst den Häschern zu erkennen: "Ich bin''s."
Daß Jesus den Verrat des Judas und seinen eigenen Tod voraussagt, ist kein historischer Bericht, sondern ein theologisches Konstrukt. Die Evangelien sollen zeigen, daß Jesus nicht gescheitert ist, sondern mit seinem Tod Gottes Plan verwirklichte und die Welt erlöste.
Das führt - so Klauck - zu einer "Dialektik des Ineinanders von göttlichem Heilsplan und menschlichem Verschulden". Sie ist allen Nichtchristen und vielen Christen fremd. Nimmt man die Bibel beim Wort, dann haben sowohl Gott als auch Judas den Tod Jesu gewollt. Dem einen wird dafür jeden Sonntag in allen Kirchen gedankt, der andere ist deshalb jahrhundertelang verflucht worden.
Über den Tod des Judas gibt es drei Versionen, eine schauriger als die andere. Laut Matthäus erhängte er sich, laut Apostelgeschichte kam er auf einem Acker, den er sich von seinem Judaslohn gekauft hatte, bei einem Unfall zu Tode: "Er ist vornüber gestürzt und mitten entzwei geborsten, so daß alle seine Eingeweide hervorquollen."
Anfang des zweiten Jahrhunderts schmückte ein Bischof namens Papias dieses Ende noch aus: "Judas war an seinem Leib so angeschwollen, daß er da, wo ein Wagen noch bequem durchzufahren vermochte, nicht mehr hindurchgehen konnte". Und nach seinem Tode blieb sein Grundstück "wegen des Gestanks öde und unbewohnt, so sehr verbreitete sich der Ausfluß von seinem Körper über die Erde".
Solche Geschichten zeigen laut Klauck, daß man "über das weitere Schicksal des Judas, insbesondere über seinen Tod, in Wirklichkeit nichts mehr weiß. Er lebt nur noch als Chiffre, als negative Symbolfigur im kollektiven Gedächtnis fort. So kann sich die erzählerische Phantasie ungehindert von äußeren Fakten frei entfalten."
Darüber, wie es Judas vor und nach seinem Tode erging, erfuhren die Christen denn auch noch weit mehr, als sie schon aus der Bibel wußten.
Fromme Autoren erzählten, daß er Bruder und Vater getötet sowie seine Mutter geheiratet hat. In der Hölle wird er unter anderem in Teer gekocht und geröstet, tiefgekühlt und nach dem Abziehen der Haut in Salz gerollt.
Der Judas-Haß wuchs sich zum Juden-Haß aus, der vor allem im Mittelalter die Kirchen mörderisch wüten ließ.
Neben dem antijüdischen Trend in den Evangelien, von dem all dies ausging, gibt es noch einen anderen Grund, viele oder sogar die meisten biblischen Berichte über Judas für unhistorisch zu halten.
Nach dem Tode Jesu suchten dessen Anhänger nach einer Erklärung für sein Scheitern und fanden sie im Alten Testament.
Etliche Schandtaten, die dort erzählt wurden, schrieben sie nun auch Judas zu. So gab es 1000 Jahre vor dem Judaskuß den Kuß des Joab, eines Feldherrn des Königs David. Er begrüßte einen Widersacher namens Amasa freundlich ("Geht es dir gut, mein Bruder?"), zog ihn mit der einen Hand am Bart, um ihn zu küssen, und stieß ihm mit der anderen das Schwert so in den Leib, "daß Amasa seine Eingeweide zur Erde schüttete".
Auch von den 30 Silberlingen ist im Alten Testament die Rede, und Selbstmord beging schon Ahitofel, ein Ratgeber des Königs David, in einer ähnlichen Situation wie Judas.
Weitere Passagen des Alten Testaments wurden, oft gegen ihren Sinn, auf Judas bezogen. "Bibelstellen haben Geschichte produziert", schrieb Martin Dibelius, einer der großen deutschen Exegeten, schon vor sechs Jahrzehnten.
Da bleibt nicht viel, was man zum historischen Kern rechnen kann. Für Klauck ist es dies: "Judas hat sich von Jesus abgewandt, äußerlich wie innerlich, und bei den Ereignissen um die Verhaftung Jesu hat er in irgendeiner Weise eine unrühmliche Rolle gespielt."
Anders als die Evangelisten, die dem Abtrünnigen Geldgier nachsagen, hält der Würzburger Neutestamentler ein religiöses Motiv für wahrscheinlich: Der gläubige Judas sei darüber enttäuscht gewesen, daß sich Jesus nicht als der von ihm und anderen Juden erwartete Messias erwiesen habe.
Klauck: "Was immer im konkreten Fall geschehen sein mag, gehandelt hat nicht ein dämonischer Unhold, sondern ein Mensch, zu dessen Wesen es gehört, zu suchen und zu irren."
Die Rehabilitierung müsse "nicht notwendigerweise zum Freispruch von jeglicher Schuld" führen, aber zumindest sein Handeln "auf ein verstehbares und historisch plausibles Maß bringen".
So entschieden der Exeget sich gegen Spekulationen contra und pro Judas verwahrt, mit einer eigenen wartet er doch auf: Judas habe sich nach dem Tode Jesu von den Christen getrennt, sei in seine Heimat nach Judäa zurückgekehrt und habe dort "getreu den Überlieferungen seines Volkes weitergelebt bis zu einem undramatischen Lebensende".
* Jesus wird von Judas (r.) geküßt, damit dessen bewaffnete Begleiter ihn festnehmen können. Teil eines Flügelaltars aus dem 16. Jahrhundert. ** Die wichtigsten Bücher: Wolfgang Reinbold: "Der älteste Bericht über den Tod Jesu". Walter de Gruyter, Berlin. Hans-Josef Klauck: "Judas - ein Jünger des Herrn". Herder, Freiburg. Willibald Bösen: "Der letzte Tag des Jesus von Nazaret". Herder, Freiburg. Klassens Buch "Judas. Betrayer or friend of Jesus?" ist bei Fortress Press, Minneapolis, erschienen.
Von Harenberg und

DER SPIEGEL 14/1997
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