07.04.1997

BRANDANSCHLAG„Britta“ und die Detektive

Neues Rätseln um den Anschlag von Lübeck: Einer der bei dem Brand umgekommenen Asylbewerber war der Freund einer ehemaligen V-Frau der Lübecker Polizei, die aus dem Rotlichtmilieu massiv bedroht wurde - eine Spur, der die Ermittler nur halbherzig nachgingen.
Die Nacht vom 17. auf den 18. Januar 1996 ist kalt und dunstig, durch den Lübecker Hafen pfeift ein feuchter Südostwind. Zitternd, mit zusammengezogenen Schultern steht der Asylbewerber Sylvio Amoussou in einer Telefonzelle. Es ist kurz nach zwölf.
Ob er sie noch besuchen kann, fragt Amoussou, 27, seine Geliebte, die Ex-Prostituierte Annegret Gottschalk, 29. "Nein", sagt die Frau, "es ist zu spät, ich muß morgen ganz früh zum Arzt."
Dreieinhalb Stunden später ist Amoussou tot - einer von zehn Menschen, die beim Brand der Asylbewerberunterkunft in der Lübecker Hafenstraße ums Leben kamen.
Bis heute ist das Ende des Afrikaners ein Rätsel. Denn Amoussou war möglicherweise schon nicht mehr am Leben, als das Feuer ausbrach. Der bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Mann konnte nur durch den Vergleich seines Gebisses mit einem von ihm stammenden Zahnschema identifiziert werden. Den Zahnarzt hatte Amoussou mit dem Krankenschein eines Bekannten unter dessen Namen besucht.
Die Obduktion seines Leichnams ergab, daß Amoussou keinen Rauch eingeatmet hatte. Der Gehalt des in solchen Fällen typischen Kohlenmonoxid-Hämoglobins im Blut betrug bei ihm weniger als 5 Prozent - bei den anderen Opfern lag er deutlich über 60 Prozent.
Zwar hatte der Rechtsmediziner Professor Manfred Oehmichen in seinem Gutachten vom 29. Februar 1996 "äußere Gewaltanwendung" als Todesursache ausgeschlossen, allerdings auch keinen Hinweis darauf gefunden, "daß Herr Amoussou zum Zeitpunkt der Brandeinwirkung noch gelebt hat".
Ein Umstand, der die Ermittler bislang nur am Rande interessierte. Dabei hätten sie im Falle des Afrikaners auch ohne Obduktion stutzig werden müssen. Denn die Frau, die der Asylbewerber aus Benin nur wenige Stunden vor seinem Tod angerufen hatte, war V-Frau der Lübecker Kripo im Rotlichtmilieu gewesen.
Hinzu kommt: Die Personalien der ehemaligen Prostituierten waren in der Einsatzleitstelle der Polizei hinterlegt. Sie galt als "gefährdete Person", weil sie längst enttarnt und bereits mehrfach aus dem Milieu heraus bedroht und attackiert worden war. Die Ermittler hätte deshalb die Frage interessieren müssen, ob es zwischen den Drohungen und dem rätselhaften Tod des Asylbewerbers Amoussou einen Zusammenhang geben könnte.
Doch als sich Gottschalk zwei Tage nach dem Brand in der Hafenstraße bei der Sonderkommission der Lübecker Kripo meldet, ist die Neugier der Beamten nicht sonderlich groß.
"Die Polizei hat sich nie dafür interessiert, ob Sylvio vielleicht wegen mir gefährdet war", erinnert sich die Frau, die SPIEGEL- und SPIEGEL-TV-Reporter in einem ostafrikanischen Land aufspürten. "Möglicherweise haben sich Leute, die etwas gegen mich hatten, an ihn gehalten."
Dabei hätten vor allem zwei Soko-Mitglieder allen Grund gehabt, neugierig zu werden: Detfred D. und sein Kollege Immanuel D. Sie kannten den Hintergrund der V-Frau Gottschalk aus ihrer Zeit im Kommissariat "Betäubungsmittel und Sitte" der Lübecker Kripo.
Doch die beiden folgten in jenen Tagen anderen Spuren. Gemeinsam mit einem Kollegen verhörte Detfred D. am 18. Januar zwei der vier jungen Rechten aus Mecklenburg, die zunächst verdächtigt worden waren, den Brand gelegt zu haben.
Am nächsten Tag - die vier Mecklenburger waren wieder auf freiem Fuß - befragte Detfred D. allein einen Zeugen, der bis heute eine entscheidende Rolle in dem Verfahren spielt: den Rettungssanitäter, der von einem Hausbewohner ein Geständnis gehört haben will ("Wir warn''s"). Hauptsächlich wegen dieser Aussage steht seit September vergangenen Jahres der Libanese Safwan Eid als Angeklagter vor dem Lübecker Landgericht.
Nur wenige Stunden nach der Aussage des Sanitäters waren es schließlich Detfred D. und Immanuel D., die Eid erstmals als Beschuldigten vernahmen.
Die Verbindung zwischen den Kripo-Leuten und Annegret Gottschalk begann Ende 1993. Nach der Trennung von ihrem zweiten Mann, der sie ihren Angaben zufolge geschlagen und vergewaltigt hatte, meldete sie sich beim Gesundheitsamt als Prostituierte an. "Ich war völlig am Ende, brauchte dringend Geld, und meiner Mutter wollte ich nicht länger auf der Tasche liegen", erklärt sie diesen Schritt. Unter dem Namen "Britta" gab sie Kontaktanzeigen in der BILD-Zeitung auf.
Bald meldete sich Kriminaloberkommissar Detfred D. bei ihr: Sollte sie bei ihrer Arbeit etwas über Straftaten hören, möge sie ihn das wissen lassen.
Im Januar 1994 war es soweit. "Britta" teilte ihrem Führungsbeamten mit, ein in Lübeck lebender Pole biete junge Frauen aus seinem Heimatland zum Kauf an. Eine 15jährige sollte 4000, eine 18jährige 3000 Mark kosten.
Detfred D. organisierte ein Scheingeschäft. Ein Kollege trat als angeblicher Käufer "Manni" auf. Als "Manni" auf einer Autobahnraststätte die jungen Frauen übernehmen sollte, klickten die Handschellen.
Auch als Annemarie Gottschalk kurz darauf die Prostitution wieder aufgab, arbeitete sie weiter mit der Polizei zusammen.
Anfang Februar 1994 traf sie in der Lübecker Disko "Body & Soul" einen Bekannten, den Türken Halil Kunt. Gleich am nächsten Morgen berichtete sie ihrem Führungsbeamten, Kunt habe ihr größere Mengen Kokain zum Kauf angeboten.
Detfred D. schärfte "Britta" ein, Kunt einen Herrn namens "Ole" als Käufer anzukündigen. Doch Gottschalk mußte Kunt wochenlang vertrösten, weil die Kripo keinen "Ole" stellen konnte. "Die Polizei hat mich total hängenlassen, für die war ich wohl auch nur eine, die man benutzen konnte", glaubt sie.
Die Hängepartie hatte dramatische Folgen für die V-Frau. Ende Februar erschien Kunt bei ihr in der Wohnung. Er schlug und vergewaltigte sie, weil er sich mit dem angeblichen "Ole" nicht länger "verarschen" lassen wollte. Sie sollte jetzt für ihn auf den Strich gehen. Gut zwei Monate später, am Muttertag, wurde Gottschalk erneut vergewaltigt. Kunt, der auch Kontakt zum Kreis der polnischen Mädchenhändler pflegte, hatte offenbar erfahren, daß sie für die Polizei arbeitete. Nun stiftete er seinen Freund Ahmet Uysal an, die V-Frau zu vergewaltigen.
Wenn Gottschalk sich an das Verbrechen erinnert, fängt sie noch immer an zu zittern. Es war schon spät am Abend, als sie in ein Auto gezerrt wurde, in dem mehrere Männer saßen. "Ich weiß bis heute nicht", sagt sie, "was dort genau geschah und wie viele mich vergewaltigt haben." Nach Uysals Angaben waren zwei Polen mit dabei - möglicherweise aus den Kreisen der Mädchenhändler.
Die türkischen Freunde Uysal und Kunt wurden im Dezember 1995 rechtskräftig verurteilt. Uysal konnte unter anderem durch einen Vaterschaftstest überführt werden - Annegret Gottschalk war durch die Vergewaltigung schwanger geworden und brachte einen Sohn zur Welt.
Von der ersten Vergewaltigung, so Gottschalk in einem Prozeß gegen Kunt, habe sie gleich am nächsten Tag ihrem Führungsbeamten Detfred D. berichtet. "Kunt hatte mich grün und blau geschlagen, jeder konnte sehen, was mit mir los war", sagt sie. Später habe auch Detfreds Kollege Immanual D. von der Sache erfahren.
Sicher ist: Keiner der beiden leitete wegen der Vergewaltigung ein Strafverfahren ein. Gottschalk glaubt noch heute: "Die wollten ihren Erfolg in der Drogensache nicht gefährden."
Im Prozeß gegen Kunt, sagt Gottschalks Anwältin Brigitte Müller-Horn-Fonau, "schlugen ihre Aussagen wie eine Bombe ein". Die damalige Vertreterin der Nebenklage sprach in ihrem Plädoyer von einem "unglaublichen Vorgang": Die beiden Beamten hätten "erst den Boden bereitet, auf dem kriminelle Handlungen gedeihen können".
Gegen Detfred D. und Immanuel D. wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung im Amt eingeleitet. Da jedoch Aussage gegen Aussage stand - hatte das Opfer gegenüber den Beamten wirklich unmißverständlich von der Vergewaltigung berichtet? -, wurde das Verfahren schließlich eingestellt. Detfred D. mußte allerdings einen gewissen Geldbetrag als Auflage zahlen.
Noch während der laufenden Verfahren gegen ihre Vergewaltiger im Oktober 1995 lernte Annegret Gottschalk den Afrikaner Sylvio Amoussou kennen. Sein Asylantrag war knapp ein Jahr zuvor abgelehnt worden, seit Anfang Januar 1995 drohte ihm die Abschiebung. In der Lübecker Hafenstraße war er illegal bei Verwandten untergetaucht.
Auch wenn die Beziehung zu dem Mann aus Benin "nichts Festes" war, wie sie sagt, so kannte Amoussou doch die Bedrohungen, denen die Ex-Prostituierte ausgesetzt war. Denn in den Tagen des Prozesses gegen Uysal und Kunt erreichte der Unterweltterror gegen die "Verräterin" einen neuen Höhepunkt.
Unbekannte verübten auf ihre Wohnung im dritten Stock eines Lübecker Mietshauses einen Brandanschlag. Ein Molotow-Cocktail prallte, ohne Schaden anzurichten, gegen die Hauswand, ein zweiter flog durch ein offenes Fenster und landete brennend in ihrer Wohnung. "Glücklicherweise hatte ich eine Wolldecke in der Nähe", erinnert sich Gottschalk, "so daß ich die auflodernden Flammen damit ersticken konnte."
Die daraufhin eingeleiteten Ermittlungen blieben ergebnislos. Die Kripo versteckte ihre frühere Informantin für eine Weile an der Ostsee im Kurzentrum Damp 2000. Anfang Januar ging die verängstigte Frau zurück nach Lübeck - und wurde wieder bedroht.
"Als ich eines Tages nach Hause kam, hatte jemand einen toten Hamster an die Wohnungstür genagelt", erzählt Annegret Gottschalk, "Sylvio hat ihn dann abgemacht."
Auch das letzte Treffen der ehemaligen V-Frau der Kripo mit Amoussou, am 16. Januar 1996 - zwei Tage vor der Brandkatastrophe - bleibt nicht ohne unangenehme Zwischenfälle: "Den zweiten der täglichen Drohanrufe", sagt sie, habe Amoussou entgegengenommen. Doch statt die üblichen martialischen Sprüche loszulassen ("Wir verbrennen dich", "Wir schlitzen dich auf"), habe der Anrufer wortlos aufgelegt.
Als SPIEGEL- und SPIEGEL-TV-Reporter im Rahmen ihrer Recherchen von der Lübecker Staatsanwaltschaft wissen wollten, ob und wenn ja wie ernsthaft die Sonderkommission und die zuständigen Staatsanwälte Michael Böckenhauer und Axel Bieler die Verbindung Amoussous zu der ehemaligen Kripo-Informantin untersucht hätten, drückte sich der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Klaus-Dieter Schultz, um eine Antwort: "Der Tod des Sylvio Amoussou wird Gegenstand der laufenden Hauptverhandlung sein."
Aber: Gottschalk ist nicht einmal als Zeugin geladen. Die Bedrohung, in der sich die Amoussou-Freundin befunden hatte, spielte laut den vorliegenden Prozeßakten bei den Ermittlungen nie eine Rolle.
Nur einen Tag später, am Freitag vergangener Woche, zog die Staatsanwaltschaft eine ganz andere Akte hervor - darin wird Annegret Gottschalk vage beschuldigt, sie habe im März 1996 einen Raubüberfall auf sich selbst inszeniert. Und zur Liaison mit Amoussou ließ sich Sprecher Schultz im dpa-Landesdienst Nord mit der Aussage vernehmen: "Ein Zusammenhang mit dem Feuer in der Hafenstraße bestehe nach gesicherten Erkenntnissen nicht."
Dabei hat der Rechtsmediziner Professor Oehmichen Ende vergangenen Jahres im Prozeß gegen Safwan Eid eine Aussage gemacht, die einen solchen Zusammenhang nicht ausschließt. Zu Amoussou befragt, deutete er an, er sehe jetzt "Sauerstoffmangel oder Schock" als mögliche Todesursache.
Eine Variante, die mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Wenn Amoussou vor Brandausbruch tot war, wie das Gutachten nahelegt, kann Sauerstoffmangel kaum die Todesursache sein, denn seine Leiche wurde im zugigen Vorbau im Erdgeschoß des Gebäudes gefunden. Und Schock? Worüber könnte er sich zu Tode erschreckt haben?
Fragen gibt auch ein fast zwei Meter langes Stück Draht auf, das die Lübecker Gerichtsmediziner "locker um die Leiche herumgewunden" fanden. Daß Amoussou mit dem Draht stranguliert worden sein könnte, schließen zwar die Experten aus. Doch eine Erklärung dafür, wo der Draht herstammt, fehlt bislang - am Fundort der Leiche in der Brandruine fanden Gutachter des Kieler Landeskriminalamts jedenfalls keine vergleichbaren Drahtstücke.
Fest steht, die Drohungen gegen Annegret Gottschalk nehmen auch nach ihrer Flucht nach Afrika kein Ende. Anonyme Anrufer ängstigen jetzt ihre Mutter: "Wenn deine Tochter nach Lübeck zurückkommt, wird sie als lebende Fackel durch die Stadt laufen."
* Am 4. Dezember 1996 bei einem Ortstermin an der Ruine in der Lübecker Hafenstraße.
Von Juhnke, , Pieper und

DER SPIEGEL 15/1997
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