14.04.1997

Zeitbomben in den Vorstädten

Die Ausländerintegration ist gescheitert. Überall im Land entsteht eine explosive Spannung. Bei jungen Türken und Aussiedlern, Randgruppen ohne Perspektive, wächst die Bereitschaft, sich mit Gewalt zu holen, was die Gesellschaft ihnen verweigert.
Jeden letzten Freitag im Monat wird das Haus der Jugend im Hamburger Stadtteil Barmbek zur Festung. Etwa 30 Polizisten gehen mit Einsatzfahrzeugen in der Nähe des schäbigen Vorstadtbaus in Stellung. An der Eingangstür tasten drei Wachleute jeden Besucher ab, die Tanzfläche im ersten Stock wird von Beamten in Zivil überwacht. Anwohner, die nach dem Grund der Polizeipräsenz fragen, erfahren knapp und lakonisch: "Russen-Disko".
Die Ordnungshüter schützen rund 400 deutsche Jugendliche, die der Christliche Jugendsozialdienst zum Tanzvergnügen lädt - die meisten kommen aus Sibirien und Kasachstan und sprechen untereinander nur russisch.
Die Polizei gehört zum Partyservice, seitdem sich die jungen Aussiedler im vergangenen Sommer mit Türken eine Massenschlägerei lieferten. Selbst wenn die Musik nicht mehr spielt, bleiben die Beamten wachsam. Sie eskortieren die Jugendlichen zur S-Bahn, bis zum Hauptbahnhof patrouilliert der Bahnschutz in verstärkter Besetzung durch die Waggons. Für Klaus Fahrenkrog von der Polizeidirektion Ost macht der Aufwand Sinn: "Das kann hier jederzeit wieder knallen, da müssen wir präsent sein. Man kann nie wissen, durch welchen blöden Zufall die Stimmung plötzlich wieder explosiv wird."
Bei den Kämpfen zwischen Türken und Aussiedlern sei es "manchmal zu völlig absurden Situationen" gekommen, berichtet Wolfgang Dürre, Jugendbeauftragter der Hamburger Polizei. Aus den türkischen Reihen seien die Beamten sogar schon aufgefordert worden: "Schmeißt doch endlich mal diese Kanaken raus."
Junge Ausländer, in Deutschland geboren und aufgewachsen, gegen Einwanderer mit deutschem Paß, die das Land nicht kennen und der deutschen Sprache kaum mächtig sind - eine Konfliktkonstellation, die der Logik von Bandenkriegen in den Slums amerikanischer Großstädte zu folgen scheint.
Hannelore Schulz-Schönberg, Lehrerin an der Schule "Königstraße" in Hamburg-Altona (Ausländeranteil: 65 Prozent), hat häufig miterlebt, wie solche Kämpfe ausgehen: "Meist gewinnen die Türken, denn die treten immer in Gruppen auf und sind besser organisiert."
Gleich neben ihrer Schule haben "Russen" geschmuggelte Zigaretten verkauft. Wenn die Polizei kam, verzogen sie sich auf den Pausenhof - wo ihnen türkische Schüler, mit Messern und Gaspistolen bewaffnet, das Geld abnahmen.
Auch die Lehrerin selbst wurde bedroht. Als ihr Sohn vor drei Jahren beim Ballspiel im Gymnasium versehentlich die Goldkette eines jungen Türken zerriß, meldete sich dessen Vater telefonisch: "Ich stech'' dich ab, wenn du das Ding nicht ersetzt."
Im Friedrich-Schöning-Weg im Stadtteil Osdorf geben dagegen die jugendlichen Aussiedler den Ton an. Im dortigen "Übergangswohngebiet" leben 438 Rußlanddeutsche, meist aus Kasachstan und Sibirien, in schmucken Backstein-Mehrfamilienhäusern mit weißlackierten Balkonen. Für Antje F., die nebenan auf dem Gelände eines ehemaligen Jugendheimes wohnt, sind "die Russen eine richtige Plage geworden".
Wodkaflaschen im Garten, gestohlene Fahrräder, eine Couch, die von der Terrasse verschwand - Kleinigkeiten, die den Alltag unerträglich machen können. Und nachts der Lärm: "Die saufen und johlen bis morgens um drei - immer draußen und zu jeder Jahreszeit."
Daß das Haus, in dem sie lebt, zu drei Vierteln aus Holz besteht, beunruhigt die alleinerziehende Mutter von drei Töchtern, seitdem ein Schuppen im Obstgarten im vergangenen Frühjahr abgefackelt wurde. "Irgendwann", fürchtet sie, "setzen die das alles hier in Brand."
Früher hat sie jeden Zwischenfall bei der Polizei gemeldet. Mittlerweile hat sie resigniert: "Da passiert ja doch nichts."
Daß Anzeigen "nicht viel bringen", glaubt auch Eva Maria S., die in der Nachbarschaft wohnt. Ihr Mann war von betrunkenen Jugendlichen verprügelt worden, doch die Täter waren nicht dingfest zu machen. "Die haben so viele Kumpels. Was meinen Sie, wie leicht da jeder ein Alibi findet", klagt die Frau.
Immer mehr Bürger fühlen sich im eigenen Land bedroht, mißbraucht und in die Defensive gedrängt. Eigene Erfahrungen, diffuse Ängste und Erlebnisberichte aus zweiter Hand erzeugen ein Klima, in dem die Schuldigen rasch ausgemacht sind.
Nach einer bisher unveröffentlichten Umfrage in einer Großstadt Nordrhein-Westfalens sind inzwischen mehr als 40 Prozent der Bewohner der Ansicht, daß "sich die Deutschen im eigenen Land gegen die vielen Ausländer wehren müssen". 1995 glaubte das lediglich ein Viertel der Befragten.
Verstärkt wird dieses Gefühl durch die täglichen Nachrichten über Straftaten von Ausländern. Wenn
* rumänische Banden allein in den letzten vier Wochen im norddeutschen Raum 45 Tresore knacken;
* Osteuropäer und Türken die Reviere an der Hamburger Reeperbahn unter sich ausschießen und dabei in einem Jahr 20 Tote und 40 Verletzte auf dem Pflaster liegen;
* der Türke Mulis P. in der vergangenen Woche nach Deutschland ausgeliefert wurde, weil er mit seiner 500 Mann starken Bande allein zwischen 1988 und 1990 rund 90 000 Kurden nach Deutschland geschmuggelt haben soll; und
* die Kieler Industrie- und Handelskammer ihre Mitglieder über den Umgang mit Schutzgelderpressern per Faltblatt informieren muß,
ist bei vielen der erste Reflex: Deutschland verkommt zum Ausplünderungsland.
Zwar ist die Ausländerkriminalität insgesamt rückläufig, doch im Bereich der Organisierten Kriminalität, bei Gewaltdelikten und Diebstahl ist der Anteil verurteilter ausländischer Täter überproportional hoch. Er stieg von 1990 bis 1995 bei Mord von 25,5 auf 34,4 Prozent, bei Raub und Erpressung von 27,7 auf 39,1 Prozent und bei schwerem Diebstahl von 18,7 auf 28,4 Prozent.
Eine Erklärung für den Trend, sagt der Offenbacher Polizeipräsident Rainer Buchert, sei, daß unter den Ausländern in Deutschland die "potentiell kriminell aktive Altersgruppe junger Männer" überdurchschnittlich hoch ist. Dies verzerre das Bild.
Doch die Feinheiten der Statistik sind vergessen, wenn sich wie kürzlich in Mannheim in der Fußgängerzone zwei im Drogengeschäft rivalisierende Banden ein Feuergefecht liefern. Die Schießerei kostete einen Albaner das Leben.
Für Deutschlands obersten Ordnungshüter ist die Lösung des Problems ziemlich simpel. "Ausländer, die seit langem hier leben und arbeiten", seien nicht krimineller als die Deutschen, sagt Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU). Das Problem seien die Illegalen, die "sogar bewußt zur Begehung von Straftaten" über die Grenze kämen.
64 Prozent aller Delikte Organisierter Kriminalität wurden, so die Polizeistatistik, von Ausländern begangen. "Diesen Gruppen", postuliert Kanther, "habe ich den Kampf angesagt."
Doch das ist leichter gesagt als getan. "Die sind geschickter geworden", hat der Fahnder Jürgen Willenbrecht vom Landeskriminalamt Schleswig-Holstein erkannt. Die Banden verfügten über strikte Schweigegebote und Verbindungen in ganz Europa. Über Strukturen werde viel geredet, sagt ein bayerischer OK-Fahnder, aber wenn es wirklich darum gehe, Wege und Hintermänner aufzudecken, "kriegen wir nur selten ein Bein an die Erde".
Auch Kanthers These, daß jene Ausländer, die in Deutschland verwurzelt sind, kein besonderes Problem darstellen, täuscht. Äußerst eruptive Tendenzen beobachtet etwa der Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer in Stadtteilen, in denen viele Ausländer, Aussiedler und Immigranten wohnen: "Die Konflikte, die einen ethnischen Hintergrund haben, nehmen zu."
Der Leiter des neugegründeten Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld ist pessimistisch, was die Entwicklung in den nächsten Jahren angeht.
"Desintegration" ist für ihn der "Schlüsselbegriff zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklungen", eine "Ethnisierung sozialer Probleme" die logische Konsequenz einer Gesellschaft, in der das soziale Klima rauher wird und deren Vorrat an gemeinsamen Werten und Überzeugungen jenseits des Konsums kontinuierlich abnimmt.
Vor allem die beiden größten Gruppen schätzen Wissenschaftler, Polizisten und Sozialarbeiter als Zeitbomben in den Vorstädten ein: die etwa 600 000 jugendlichen Türken der zweiten und dritten Gastarbeitergeneration sowie die halbe Million junger Aussiedler, die seit 1990 aus dem zerfallenen Sowjetreich nach Deutschland gekommen sind.
Abgesehen von der Tatsache, daß sie rein numerisch die größten Einheiten bilden, sind sie integrale Bestandteile der Gesellschaft in Deutschland und werden dies auch bleiben - anders als Asylbewerber aus Schwarzafrika und dem arabischen Raum oder Kriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Den jungen Türken fehlt im Gegensatz zu ihren Vätern und Großvätern die berufliche Perspektive. Die Neubürger aus Sibirien oder Kasachstan haben zwar einen deutschen Paß, sind hier aber fremder als die in Deutschland geborenen Türken.
Und oft sind sie nicht einmal freiwillig hier: Sie mußten mit ihren deutschstämmigen Eltern aus Rußland einwandern und fühlen sich - wie die 15jährige Tanja aus dem sibirischen Orenburg - in der neuen Heimat meist nicht zu Hause: "In Rußland war es besser als in Berlin, dort bin ich geboren, dort sind die Freunde."
Gemein ist diesen 1,1 Millionen Fremden, die 21 Jahre und jünger sind, nur eines: Sie sind nicht mehr als Arbeitskräfte willkommen, sie werden nicht mehr gebraucht. Daran zerbrechen alle schönen Visionen eines friedlichen Multikulti, wie sie einst sogar dem CDU-Arbeitsminister Theodor Blank vorschwebten.
Als im September 1964 der millionste Gastarbeiter, Armando Sá Rodrígues aus Portugal, wie ein Staatsgast in Köln empfangen wurde, schwärmte Blank: Dank der Gastarbeiter werde die "Verschmelzung Europas und die Annäherung von Menschen verschiedenster Herkunft und Gesittung in Freundschaft eine Realität".
In einem Land mit 4,5 Millionen Arbeitslosen gehören solche Hoffnungen der Vergangenheit an. Aus Sozialneid wird immer öfter Fremdenhaß. Für rund ein Drittel aller Deutschen, Ost wie West, sind "die vielen Ausländer, die hier arbeiten", Ursache der hohen Arbeitslosigkeit, wie eine Untersuchung des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts Berlin-Brandenburg ergab. Zwei Jahre zuvor sahen das lediglich 23 Prozent der Ostdeutschen und 17 Prozent der Westdeutschen so.
Ausgrenzung, die als ethnische Diskriminierung empfunden wird - das ist der Boden, auf dem gewalttätige Revolten gedeihen, wie das Beispiel USA gezeigt hat.
Neco Çelik, 25, Erzieher im Jugendzentrum Naunynritze in Berlin-Kreuzberg, Anfang der neunziger Jahre selbst Mitglied in der Jugendgang "36 Boys", kennt die wachsende Gewaltbereitschaft der Kids im Kiez. "Die Jungs sind zu allem bereit", sagt Çelik, während in der Teestube, geschmückt mit einer Silhouette von Istanbul, Richard Wagners "Götterdämmerung" wie in einem schlechten Film aus den Lautsprecherboxen schallt. Die Hoffnungslosen ermitteln im Straßenkampf, wer in der sozialen Hackordnung ganz unten steht. Da soll demonstrative Polizeipräsenz wie am Haus der Jugend in Hamburg-Barmbek das Land vor bürgerkriegsähnlichen Szenen schützen, nachdem nicht nur in Hamburg, sondern auch im niedersächsischen Gifhorn und in Frankfurt/Main Türken und Aussiedler aufeinander einprügelten.
Die Anlässe der Ethno-Fights sind banal, oft genügt ein falscher Blick, ein falsches Wort, und die Ehre ist verletzt - mit oft unabsehbaren Folgen für den Kontrahenten.
"Du mußt so hart wie möglich vorgehen, um in Ruhe gelassen zu werden", sagt Ramazan, Mitglied einer türkischen Jugendgang in Berlin-Kreuzberg. Schlägereien gehören für ihn zum Alltag, in Messerstechereien war er schon oft verwickelt, und auch mit Schußwaffen versteht der 17jährige umzugehen. Seine Narben zeigt er wie Kriegsveteranen ihre Orden, viel mehr hat er nicht zu bieten.
Mit 16 Jahren hat er die Hauptschule absolviert, auf 20 Bewerbungen um eine Lehrstelle als Elektromechaniker bekam er 20 Absagen. Halt gibt ihm nur seine Gruppe, deren Mitgliedern Polizeiverhöre meist vertrauter sind als Bewerbungsgespräche.
Fehlenden sozialen Erfolg ersetzen die Jungs in den Türkenbanden, ebenso wie ihre Kontrahenten, durch Kriminalität.
"Ihr sagt zu uns Scheißtürken, dann machen wir jetzt auch Scheiße", verkündet Hayrettin, Ex-Mitglied der "Turkish Power Boys" in Frankfurt. Wer den Schutz der Gruppe sucht, die allein eine halbwegs sichere Identität garantiert, muß ständig zu Gewalt bereit sein (siehe Interview Seite 88).
Die entsprechenden Taten machen immer wieder Schlagzeilen:
* Am 20. März stach der 16jährige Hüseyin D. zwei Libanesen nieder und verletzte einen von ihnen tödlich. Grund: Einer der Libanesen hatte die deutsche Freundin des Türken angeblich aufdringlich angestarrt.
* Im Oktober 1996 schlug ein 20jähriger Türke in einem Park in Berlin-Kreuzberg einen deutschen Jogger brutal zusammen. Der Läufer hatte sich darüber beschwert, daß der Türke mit seinem Mercedes auf einem für Spaziergänger bestimmten Weg fuhr.
* Im Oktober 1995 fiel in Berlin-Friedrichshain eine Bande türkischer Jugendlicher mit Messern und Latten über den 15jährigen Sebastian E. her. Die Täter stachen den deutschen Schüler 21mal mit Messern in Brust und Bauch. Das Opfer überlebte.
* Im Mai 1996 überfielen 20 junge Türken und Bosnier mit dem Ruf "Wir hassen Deutsche" Besucher einer Techno-Party in München-Riem und raubten die Gäste, 15- und l6jährige Jugendliche, aus.
* Der Überfall eines 30 Mann starken türkischen Terrortrupps auf eine Fete in Berlin-Kreuzberg endete für einen jungen Thai tödlich - er wurde mit einer angespitzten Eisenstange durchbohrt. Sechs weitere Gäste erlitten schwere Verletzungen durch Messerstiche.
Weniger spektakuläre Attacken wie das "Abziehen" teurer, imageträchtiger Designer- und Markenkleidungsstücke gehören für viele Jugendliche längst zum Alltag. Tim und Florian, beide 17, aus dem vornehmen Hamburger Stadtteil Othmarschen, wissen, daß ihre Garderobe (Chiemsee-Daunenwesten, Diesel-Jeans und Timberland-Stiefel, Gesamtwert um die 1000 Mark) begehrt ist. Ihr Freund Patrick wurde vor einem halben Jahr von "vier oder fünf Türken bis auf die Unterhose ausgezogen". Das habe aber nicht viel zu sagen, meint Tim cool, "es ist mehr Arm gegen Reich als Ausländisch gegen Deutsch".
Arvid, 19, Schüler aus Hamburg-Altona, sieht das ähnlich, glaubt aber dennoch, daß ein "Zugangsstopp" sinnvoll sei. "Die sind einfach, wie sie sind", sagt er, "wenn du einen aus Versehen anrempelst, kriegst du sofort eine aufs Maul - und wenn du einmal gewinnst, dann verlierst du hundertprozentig beim nächstenmal. Die treten nämlich immer in Rudeln auf."
Am "ätzendsten" findet Arvid, wenn seine Freundin in der Disko von Türken angemacht wird: "Die gehen auf die Frau los, und du stehst blöd da, weil du auch vor der Freundin der Arsch bist."
Hinter den scheinbar beliebigen Auseinandersetzungen steckt ein Spannungsfeld, aus dem heraus sich erhebliche gesellschaftliche Sprengkraft entwickeln kann.
So hat sich die Zahl der beschäftigungslosen Ausländer in Deutschland seit 1991 mehr als verdoppelt. In den alten Bundesländern sind derzeit 21,6 Prozent von ihnen erwerbslos. Der Abbau von Arbeitsplätzen in traditionellen Wirtschaftszweigen wie der Stahl- und Automobilindustrie oder dem Bergbau hat gerade die Türken besonders hart getroffen. Übten 1973 noch 91 Prozent der in Deutschland lebenden Türken eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit aus, waren es 1993 nur noch 29 Prozent - auch weil viele Gastarbeiter ihre Familien nach Deutschland geholt haben. Sie müssen nun versorgt werden - oder Sozialhilfe beantragen.
Immer mehr Türken der zweiten und dritten Generation reagieren darauf mit einer Art Selbstghettoisierung. So wächst die Gefahr, daß die Bundesrepublik, ähnlich den USA, zu einer "gespaltenen Gesellschaft" wird, wie sie der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington in seiner düsteren Vision vom "Kampf der Kulturen" beschreibt. Der Harvard-Professor malt eine deutsche Zukunft an die Wand, in der "unterschiedliche und weithin voneinander isolierte Gemeinschaften aus verschiedenen Zivilisationen" mehr gegen- als miteinander leben.
Im Licht der Heitmeyer-Untersuchung über islamischen Fundamentalismus in Deutschland erscheinen Huntingtons Schreckensvisionen keineswegs irreal. "Das Türkentum ist unser Körper, unsere Seele ist der Islam. Ein seelenloser Körper ist ein Leichnam." 57 Prozent der repräsentativ befragten Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 21 Jahren stimmen dieser in deutschen Ohren befremdlich klingenden These zu. 41 Prozent sind bereit, als militante Muslime gegen "Ungläubige" körperliche Gewalt einzusetzen.
Mehr als ein Drittel fühlt sich sogar durch die extreme islamistische Gruppe Milli Görüs (Nationale Weltsicht) oder durch die nationalistischen Grauen Wölfe gut vertreten. Deren Funktionäre berichteten einem Heitmeyer-Mitarbeiter: Nach dem Brandanschlag 1993 auf ein von Türken bewohntes Haus in Solingen, bei dem fünf Menschen starben, sei die Organisation von dem Zulauf jugendlicher Sympathisanten "völlig überrascht" worden.
Die Demonstrationen nach der Mordbrennerei von Solingen arteten immer wieder in Krawalle aus. Verfeindete türkische Gruppen wie die Grauen Wölfe oder die linksextremistische Organisation Dev Sol gingen dabei auch aufeinander los. Über den Szenen der Gewalt wogte ein Meer roter Fahnen mit dem türkischen Halbmond.
Mit linken oder rechten Extremisten hat Orhan, 21, geboren in Berlin und türkischer Staatsbürger, nichts im Sinn. Er repräsentiert jenen Teil seiner gleichaltrigen Landsleute, die sich "zu keiner Nation hingezogen" fühlen und "weder in Deutschland noch in der Türkei" heimisch sind.
Mit 16 floh er aus seinem Elternhaus, weil sein Vater nicht akzeptierte, daß er eine deutsche Freundin hatte. Bis vor kurzem gehörte er der Kreuzberger Jugendgang "Die Sterne" an. Eine Ausbildung zum Tischler brach er ab, "weil ich erkannte, daß die Firma pleite geht". Seinem Hang zum "schnellen Geld" gibt der Einwanderersohn jetzt außerhalb der Legalität nach. Er verscherbelt als Hehler Radios und Waffen - ein einträgliches Geschäft: Orhan hat vor wenigen Wochen eine komfortable Wohnung in Berlin-Mitte bezogen.
Von seinen Freunden aus der "Stern"-Gang hat er sich längst abgenabelt. Auf die "dummen Kanaken" schimpft er fast so gekonnt wie ein deutscher Fremdenhasser. Nur manchmal trauert Orhan noch seiner Bande nach, "in der jeder dem anderen geholfen hat".
Wie in den Türkenghettos werde auch bei den Aussiedlern "Armut zum Problem", glaubt Christian Pfeiffer, der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Die jungen Menschen sähen keine Chance mehr, sich aus ihrer Notlage herauszuarbeiten. "Angesichts der schlechten Perspektiven für eine schnelle wirtschaftliche Eingliederung", so Pfeiffer, verschafften die frustrierten Jugendlichen sich "illegal das, was sie sich legal nicht leisten können".
Wie brutal dabei schon 14jährige vorgehen, zeigt der Fall einer Aussiedlerbande an der Haupt- und Realschule Charlottenburger Straße in Hamburg-Jenfeld. Ein halbes Jahr lang erpreßten, nötigten und prügelten sie ihre Mitschüler Sebastian und Kevin*. Zunächst begnügten sich die Rußlanddeutschen mit Stiften, Radiergummis und Textmarkern, dann forderten sie Geld.
Als die Opfer dies mit dem Hinweis verweigerten, keines dabeizuhaben, mußten sie auf dem Schulhof auf und ab hüpfen. "Wenn die feststellten, daß wir logen und Silbergeld in der Hosentasche klimperte, wurden wir zusammengeschlagen", sagt
* Namen von der Redaktion geändert.
Sebastian. Dreimal war er wegen schwerer Prellungen und einer eingetretenen Rippe beim Arzt.
Die Gewaltkriminalität ausländischer Jugendlicher habe, so Pfeiffer, seit 1985 "kontinuierlich und stark zugenommen". In den alten Bundesländern stieg der Anteil tatverdächtiger "nichtdeutscher Jugendlicher" bei Raub, räuberischer Erpressung und räuberischen Angriffen auf Kraftfahrer laut Bundeskriminalamt von 1994 auf 1995 um 36,2 Prozent auf 3603 Delikte. "Im Gewaltbereich", sagt Christine Burck, Expertin des Berliner Landeskriminalamtes für Jugendgruppengewalt, "sind junge Türken überproportional vertreten."
Pfeiffer hat in seiner aktuellen Analyse der polizeilichen Kriminalstatistik die jungen Aussiedler als besonders auffällige Gruppe hervorgehoben. Weil sie die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, werden sie zwar nicht gesondert erfaßt. Doch Pfeiffer kann belegen: Landkreise wie Gifhorn oder Cloppenburg, in denen viele Rußlanddeutsche leben, leiden unter einem weit überdurchschnittlichen Anstieg der Kriminalität.
So stieg die Zahl der Tatverdächtigen bei Raub in der Altersgruppe von 14 bis unter 21 in sogenannten Aussiedlerlandkreisen binnen sechs Jahren um 249,8 Prozent. In den übrigen Landkreisen lag die Steigerung bei 75,6 Prozent.
Ähnlich wie für junge Türken und Kurden ist der Rauschgifthandel auch für gleichaltrige Aussiedler der schnellste Weg in die "Ich-will-Genuß-sofort-Gesellschaft".
Im niedersächsischen Osnabrück haben russischsprachige Dealer mit deutschem Paß den Drogenmarkt längst unter Kontrolle. Von "äußerst brutalen Machtkämpfen" berichteten die Kripo-Beamten Karl-Heinz Heuer und Günter Ortland schon Ende 1995 in der Zeitschrift KRIMINALIST. Die Täter seien auffallend jung, träten immer in Gruppen auf und seien mit Klapp- oder Springmessern bewaffnet, von denen sie im Konfliktfall rücksichtslos Gebrauch machten. Die Zirkel seien geradezu hermetisch abgeriegelt. Kommuniziert werde nur auf russisch oder "in der Körpersprache".
Die Zeiten, in denen Rußlanddeutsche bescheiden und mit demütigem Blick als angepaßte Musterknaben mit unzähligen Überstunden sich eine Nische in der bundesdeutschen Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft erarbeiteten, scheinen vorbei.
In Lahr im Schwarzwald, wo Oberbürgermeister Werner Dietz sich nach dem Abzug der kanadischen Truppen "mit ganzer Kraft" um den Zuzug von Aussiedlern bemühte, ist eine gewisse Ernüchterung spürbar. 1711 Rußlanddeutsche haben seit Frühjahr 1994 in den ehemaligen Militärwohnungen eine neue Bleibe gefunden. "Ein respektables Dorf", meint Dietz, mit Bewohnern, für die "das alles hier erst einmal ein Schock war".
Ein Teil der Jüngeren reagierte auf diesen Schock mit einem Absturz in die Drogenszene. Gut ein Viertel der etwa einhundert Süchtigen in dem kleinen Schwarzwaldstädtchen sind mittlerweile Aussiedler. Eine Entwicklung, die der Bürgermeister ebenso wie die örtliche Kriminalpolizei "mit großer Sorge" beobachtet. Vor allem, weil die Dealerszene zunehmend von Aussiedlern bestimmt wird.
Ende des vergangenen Jahres verhaftete die Lahrer Kripo den 23jährigen Andrej K. Er hatte den Großraum Lahr, Emmendingen, Offenburg mit Heroin versorgt. Kurz nach seiner Festnahme beobachtete die Polizei erneut regen Besuch von Drogensüchtigen in seiner Wohnung. Am 16. März marschierten Beamte dort ein und stellten 300 Gramm Heroin sicher. Die bis dahin unbescholtene Ehefrau des Dealers, Lilly K., 21, hatte die Geschäfte ihres inhaftierten Mannes einfach weitergeführt.
Über Verbindungen der Russen-Mafia und mögliche neue Importwege des Stoffs können die lokalen Fahnder nur spekulieren. Sicher aber sind sie, was das Verhältnis der Lahrer Neubürger zur Gewalt angeht. Kripo-Chef Rudolf Wilkesmann: "Die körperliche Unversehrtheit hat in den GUS-Staaten eine andere Bedeutung als bei uns."
Als Vladimir R., 26, Chef einer sechsköpfigen Rauschgifthändlerbande, festgenommen wurde, fanden die Beamten neben einem 9mm-Revolver auch einen Flammenwerfer. Daß die jugendlichen Aussiedler in Gefahr sind, zur "leichten Beute für Bandenkriminalität zu werden", ist selbst für die Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelischer Jugendaufbaudienst eine bittere Selbstverständlichkeit. Die Gründe dafür sind so banal wie einleuchtend.
Bis 1993 kamen überwiegend Rußlanddeutsche mit leidlichen Sprachkenntnissen und einer oft über Jahrhunderte gepflegten Tradition deutscher Kultur. Seitdem treffen in den Auffanglagern und Barackensiedlungen fast ausschließlich Familien mit nur noch einem deutschen Elternteil ein. Nicht die Sehnsucht nach einem Leben im Land ihrer Urgroßväter trieb sie zur Ausreise, sondern die Angst vor der zunehmenden Diskriminierung, ob als Russen oder Deutsche, in den islamisierten Gesellschaften Kasachstans, Kirgisiens oder anderer zentralasiatischer Republiken.
Die Deutschkenntnisse dieser Neuankömmlinge tendieren gegen Null. Auch der Bildungsstand der Kinder und Jugendlichen sinkt rapide und ist geprägt von einem oft chaotischen Schulsystem in Staaten, die sich auflösen oder in einem radikalen Umbruch sind.
Doch die Bundesregierung hat mit Blick auf die knappen Finanzen die Gelder für die Betreuung und Schulung der Spätaussiedler kontinuierlich zusammengestrichen. Sprachfördereinrichtungen, Förderschulen und Internate wurden geschlossen. "Keine Sprachförderung, keine Ausbildung, keine Arbeit", klagt der Evangelische Jugendaufbaudienst und gibt zu bedenken: "Jede Mark, die heute gespart wird, muß in einigen Jahren für Folgeprobleme aufgebracht werden."
Für die Kinder und Jugendlichen, die "Generation der Mitgenommenen", besteht so kaum eine Chance, sich in Deutschland einzuleben und zu integrieren.
"Eigentlich ist Kasachstan meine Heimat", sagt Gottlieb Nickel, 18, der mit seinem Freund Eduard Stely, 18, oft darüber nachdenkt, wie es wäre, wenn sie zurückgingen.
Drei Jahre haben die jungen Männer mit deutschem Paß, Bremer Adresse und schwerem Akzent gebraucht, bis sie ihre Enttäuschung über das Märchenland im Westen offen auszusprechen wagten. Erst mußte am 18. Januar ihr Freund Josef an einer Überdosis Heroin sterben (SPIEGEL 5 /1997).
"Zu Hause", erinnert sich Eduard Stely, "haben sie uns immer gesagt, in Deutschland werden die Straßen mit Schampus gewischt." Auch Josef hatte das geglaubt und sich angesichts der Realität in den Rausch geflüchtet. Er habe "Heroin genommen", sagt Gottlieb, dem die Erinnerung Tränen in die Augen treibt, "weil es hier schwer ist, jemanden zu finden, mit dem man reden kann - und außerdem wollte er unbedingt einen BMW fahren".
Wegen der chromblitzenden Illusionen seines Sohnes, klagt Josefs Vater, sei es in den Wochen vor seinem Tod immer wieder zu Auseinandersetzungen gekommen. Der arbeitslose Mann, der zu Hause mit einem alten Lexikon sein Deutsch zu verbessern sucht, grämt sich. Die Familie, die sich im Bremer Norden in einer karg mit Gebrauchtmöbeln ausstaffierten Wohnung einzurichten versucht, hat den rasant wachsenden Ansprüchen des Sohnes nicht mehr genügen können.
"Warum ist das hier alles gebraucht, eine alte Couch, ein alter Fernseher?" habe Josef kritisiert. "Das müßte alles neu sein." Der Vater versuchte, den Sohn tapfer mit auswendig gelernten deutschen Sprichwörtern zu belehren: "Mit Geduld und Zeit kommt man weit."
Aber gegen die Verheißungen einer Werbewelt, in der coole junge Männer attraktive Frauen mal eben im offenen Roadster auf einen Drink an die Côte d'' Azur fahren, konnte er nicht anreden.
Josefs Schicksal, so der Vater heute resigniert, könne nur noch "eine Warnung für andere sein". Doch bei Verlierern, in deren Biographie Sprach- und Bildungslücken, Anspruchsdenken und karge Wirklichkeit, Ausgrenzung und Selbstisolation auf verhängnisvolle Weise verknüpft sind, gelten die Warnungen der Elterngeneration nicht viel.
Auch der Einwanderernachwuchs vom Bosporus ist inzwischen in der Suchtgesellschaft angekommen. Noch bis Anfang der achtziger Jahre war Rauschgift bei jungen Türken als Zeichen von Schwäche und Dekadenz weitgehend verpönt.
Doch in den letzten Jahren hat sich der Konsum harter Drogen in der türkischen Jugendszene "erheblich erhöht", wie Mihri Kaya, Familientherapeut und Suchtberater, in Berlin beobachtet hat.
Allein der Kokainkonsum bei den Türken-Kids in der Hauptstadt habe sich mehr als verdoppelt. Etwa zehn Prozent, schätzt Kaya, seien körperlich oder psychisch abhängig von Drogen. Doch den Weg in Selbsthilfegruppen und Therapie finden abhängige junge Türken nur selten. Zu sehr verhindert die traditionelle Angst vor dem Gesichtsverlust, in der türkischen Kultur tief verankert, das Eingeständnis einer Kapitulation vor dem Stoff.
In den Jugendgangs, so Kaya, spielen Drogen ähnlich wie in den Schwarzenghettos der Vereinigten Staaten eine "bindende Rolle".
Eine "riesengroße Angst" vor Revolten seiner Landsleute hat Kazim Aydin, der Vorsitzende der Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland. Er weiß, daß die Weichen für den Weg in die Sackgasse der Banden meist schon in der Kindheit gestellt werden. Zwar besuchen mehr als 23 000 türkische Schüler in Deutschland Gymnasien, und 14 700 Türkinnen und Türken studieren an deutschen Hochschulen. Doch die künftigen Abiturienten und Hochschulabsolventen sind nur eine kleine Minderheit der mehr als 600 000 türkischen Jugendlichen unter 21 Jahren in Deutschland.
In zahllosen Fällen werden die türkischen Kids Opfer traditioneller Familienstrukturen. Immer noch suchen häufig die Väter in türkischen Familien in der alten Heimat eine Ehepartnerin oder einen Ehepartner für ihr Kind aus.
Viele der jungen, aus der Türkei eingeflogenen Ehefrauen können noch nicht einmal Türkisch lesen und schreiben. Nach einer Unesco-Statistik sind rund 27 Prozent der Frauen in der Türkei Analphabeten.
Geschickt nutzen die Patriarchen die liberalen Regelungen zur Familienzusammenführung und schaffen so neue Familien, in denen Kinder als zweisprachige Analphabeten heranwachsen.
"Dramatisch sind die mangelnden Deutschkenntnisse bei der Einschulung", so die Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John. Rund 30 bis 40 Prozent der in Berlin eingeschulten türkischen Kinder sprechen kein Deutsch. Die Folge ist oft ein frühes Bildungsfiasko. Ein Drittel der jungen Türken in der deutschen Hauptstadt schafft nicht einmal den Hauptschulabschluß.
Unterstützung durch Nachhilfe und Sprachkurse scheitert nicht selten am falschen Stolz der Betroffenen. Der "verdammt harte Zusammenhalt der Familien", so Aydin, verhindere immer wieder, "daß Hilfe von außen in Anspruch genommen wird". Auch Elternabende an den Schulen werden von Türken meist nur sehr schwach besucht. In der türkischen Tradition spielt die Schule, anders als in Mitteleuropa, keine zentrale Rolle.
Regen Zulauf haben die Koranschulen, die Gruppen wie Milli Görüs (siehe Seite 90) in vielen Städten unterhalten. Hier lernen Jungen und Mädchen zwar wenig fürs Leben, dafür aber die Heilige Schrift samt fundamentalistischer Deutung der Worte des Propheten.
Wolfgang Schenk, Berliner Hauptschullehrer und in den achtziger Jahren schulpolitischer Sprecher der Alternativen Liste, warnt: "Wenn es keine gemeinsamen Regeln mehr in der Gesellschaft gibt, kommt es zur Explosion."
Der Trend der Abkapselung von der Alltagsgewalt wird ironischerweise durch die Segnungen des Medienzeitalters verstärkt.
In Deutschland lebende Türken im Alter zwischen 14 und 19 Jahren sehen - dies belegen Untersuchungen des Zentrums für Türkeistudien in Essen - via Kabel und Satellit fast nur noch türkische Programme und koppeln sich dadurch auch medial von dem Land ab, in dem sie geboren und aufgewachsen sind. Der Privatsender "Kanal 7" oder das Milli-Görüs-nahe "Türkische Fernsehen in Deutschland" (TFD) servieren zwischen Schnulzenmusik und Spielfilmen über edle Recken des Islam im Kampf gegen europäische Ungläubige weltanschaulich wegweisende Interviews mit Necmettin Erbakan. Der Ministerpräsident steht derzeit in vorderster Front, wenn es darum geht, die Bundesrepublik zu attackieren.
Die gefährliche Mischung aus Ausgrenzung und Isolation eines Großteils der Türken in Deutschland hat sich längst so verhärtet, daß auch die von vielen Experten empfohlene Gewährung der deutschen Staatsbürgerschaft von den Betroffenen kaum noch als Lösung empfunden wird.
"Ich scheiß'' auf deinen deutschen Paß", brüllen wütende junge Türken immer wieder durch die "Kifrie-Jugendetage" in Berlin-Schöneberg.
Zu den verbindlichen Regeln der Einrichtung, die überwiegend von ausländischen Jugendlichen frequentiert wird, gehört der Gebrauch der deutschen Sprache. Diese klare Vorgabe, von vielen Sozialarbeitern schon als fremdenfeindlich gescholten, zeigt Wirkung. Burak, 18, seit seinem 14. Lebensjahr in einer Türkengang, die sich in Straßenraub übte, hat mit Hilfe der Jugendeinrichtung den Absprung aus dem Milieu der Messerstecher, der "Streßmacher", wie er sie nennt, geschafft.
Jetzt bereitet er sich auf das Abitur vor und spielt in einer Soul-Band. Im "Kifrie" Deutsch zu sprechen, findet der junge Mann, der demnächst sogar die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen will, in Ordnung: "Türkisch zu reden ist unfair gegenüber den Deutschen."
Hoffnung, daß sein Beispiel Schule macht, hat er jedoch nur sehr begrenzt. "Viele Türken", sagt Burak mit traurigem Blick, "kapseln sich aus Trotz völlig ab." Dieser Mehrheitstrend unter den türkischen Jugendlichen in Deutschland verspricht eine "hochgradig konflikthafte Entwicklung", analysiert Sozialforscher Heitmeyer. Und die wenigen integrationswilligen Türken treffen auf eine Gesellschaft, die ihnen kaum signalisiert, daß sie Wert auf sie legt.
Anders als etwa die auch als Gastarbeiter ins Land geholten Italiener, Spanier, Jugoslawen oder Portugiesen sind die Türken den Deutschen immer fremd geblieben, nicht nur aufgrund ihrer Religion und ihrer kulturellen Traditionen. Selbst der promovierte Historiker Helmut Kohl lehnte einen Beitritt der Türkei zur EU mit der Begründung ab: "Ich habe im Erdkundeunterricht nicht gelernt, daß Anatolien ein Teil Europas ist."
Nur wenige CDU-Politiker, wie Heiner Geißler, haben, allen populistischen Anfeindungen zum Trotz, den Mut, sich zum "Einwanderungsland Bundesrepublik" zu bekennen. Für das weitere Zusammenleben von Deutschen und Ausländern nennt Geißler drei Kernpunkte, die er für weithin konsensfähig hält:
* Integration: Wer auf Dauer im Land bleibt, muß die Verfassungsgrundsätze anerkennen und die deutsche Sprache beherrschen.
*Anerkennung: Wer nach diesen Bedingungen hier lebt, kann leicht und schnell deutscher Staatsbürger werden.
*Toleranz: Menschen anderer Herkunft brauchen sich nicht vollständig zu assimilieren, sondern dürfen ihre kulturelle Identität bewahren.
Allerdings: Die Grenzen, darauf legt Geißler wert, sind eng gesteckt. Auch in der multikulturellen Gesellschaft darf niemand die westlich-demokratischen Grundüberzeugungen antasten: "Für die Intoleranten kann es keine Toleranz geben."
Heitmeyer, der ebenfalls eine erleichterte Einbürgerung befürwortet, warnt allerdings vor der "gefährlichen Illusion, daß sich damit die Gefahren ethnisch-kultureller Konflikte vermindern". Eine Reform des Staatsbürgerschaftsrechts, so der Wissenschaftler, biete keineswegs eine Garantie gegen Ausgrenzung.
So rächt sich 42 Jahre nach der Einstellung des ersten "Gastarbeiters" die Illusion, die im Begriff schon mitschwingt. Daß die Menschen, die man rief, nicht wieder gehen würden, wollte jahrzehntelang kein Politiker wahrhaben.
Jetzt drängt die Zeit. Schon haben die Paten der Organisierten Kriminalität in den Ghettos reichlich Nachwuchs entdeckt. Eine Gruppe Hamburger Sozialarbeiter sieht in den jungen Aussiedlern ein "gewaltiges Rekrutierungspotential für kriminelle Vereinigungen, die sich unter ethnischen Gesichtspunkten abschotten". Der Evangelische Jugendaufbaudienst in Stuttgart warnt vor einem "Mißbrauch durch die Russen-Mafia".
Die Türken sind wie so oft schon weiter. Günter Sausen, Kommissariatsleiter für Organisierte Kriminalität in Köln, nennt Beispiele der Zusammenarbeit. Großgangster würden sich der Jugendbanden bedienen, um ihre Gebietsansprüche durchzusetzen: "Die schicken eine Horde Jungs in einen Edelpuff. Und Gäste, die miterleben müssen, wie unmittelbar nach Genuß einer Dame der Laden mal eben auf links gedreht wird, kommen garantiert nicht wieder."
Hilft auch das nicht, eskaliert die Gewalt. Im Mai vergangenen Jahres lieferten sich auf dem belebten Hohenzollernring zwei türkische Jugendbanden eine Schießerei, nach der mehrere Jugendliche "mit Durchschüssen, Steckschüssen und Streifschüssen" in Krankenhäuser eingeliefert wurden. Sausen: "Die fochten für Hintermänner um die Marktanteile im Kölner Nachtleben."
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Verurteilte deutsche und ausländische Straftäter; Anteile in Prozent
Zusammensetzung der ausländischen Bevölkerung in Deutschland
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Verurteilte deutsche und ausländische Straftäter; Anteile in Prozent
Zusammensetzung der ausländischen Bevölkerung in Deutschland
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* Links: Jugendgang "36 Boys" in Berlin; rechts: Verhaftung eines albanischen Schutzgelderpressers in Hamburg. * Namen von der Redaktion geändert.
Von Gamerschl., , Klußmann, , Pieper und

DER SPIEGEL 16/1997
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