28.04.1997

AUSSTELLUNGENHeimkehr der verlorenen Tochter

Als große Provokateurin ist Valie Export in den Sechzigern und Siebzigern aufgetreten. Daß ihre Multimedia-Kunst außer drastischen Gesten und viel Tumult auch noch Anstöße für die Gegenwart zu bieten hat, will jetzt eine umfangreiche Werkschau in Wien beweisen.
Heute ist kaum noch vorstellbar, wie sehr sie gehaßt wurde. Wie sie in der Presse geschmäht, wie sie belästigt, verfolgt und sogar mit dem Tod bedroht wurde. Eine Hexenjagd. Sie war das Luder, die Hure, das unverschämte, schreckliche Weib. Sie galt als Judith, die das Haupt des Patriarchats abzuschlagen drohte. Und warum dieser Aufruhr? Wegen nichts als ein paar Kunstwerken.
Sie hatte es gewagt, sich nackt in Glassplittern zu wälzen, ihren Gefährten am Hundehalsband auf allen vieren durch die Stadt zu schleifen und unschuldige Wellensittiche in Wachs zu gießen. Sie hatte radikale Frauenrechtsparolen verbreitet. Sie hatte ihren Busen auf offener Straße begrapschen lassen. Sie war eine Provokateurin, die alle Sicherheiten und allen Anstand fahrenließ - soviel glaubte das Wiener Spießertum der späten sechziger und der siebziger Jahre sicher zu wissen, wenn es mit Werk und Leben der Valie Export aneinandergeriet.
Export mußte bezahlen für ihren Mut und ihre Radikalität. Nachdem sie 1970 eine Dokumentation der Wiener Avantgarde mitherausgegeben hatte, sah sich die Staatsanwaltschaft veranlaßt, sie wegen Herstellung einer "unzüchtigen Schrift" vor Gericht zu zerren. Der angeblichen Pornographin wurde das Sorgerecht für ihr einziges Kind, die Tochter Perdita, entzogen.
Das alles aber ist lange her, und das Werk von Unruhestiftern, Revoluzzern und Provokateuren besitzt, das liegt in der Natur ihrer Sache, eine ziemlich kurze Halbwertzeit. Die Gefahr ist groß, daß ein solches Ouvre 20, 30 Jahre später nur mehr wie ein putziges zeitgeschichtliches Kapitel wirkt.
Wie steht es mit Valie Export? Erliegen ihre Arbeiten dieser Gefahr? Exports erste große Werkschau gibt jetzt Gelegenheit, in die wilde Phase des Revoluzzerweibs zurückzublättern und nachzufragen: Welche ihrer damaligen Ideen, welche ihrer Themen und ästhetischen Strategien sind heute noch (oder wieder) von Interesse?* Gibt es Neues zu entdecken in den alten Werken,
*"Valie Export - Split: Reality". Bis zum 15. Juni im 20er Haus - Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien; Katalog 200 Seiten; 250 Schilling.
Facetten, die im haßgeladenen Klima damals schlicht nicht wahrgenommen wurden? Ist Abbitte zu leisten nicht nur für Häme, sondern auch für die Blindheit der Betrachter? Und vor allem: Was zum Teufel hat Valie Export seither gemacht?
Ein wenig Abbitte leistet bereits der Ort der Ausstellung. Die Werkschau wurde ausgerechnet in Wien zusammengestellt, jener Stadt, welche sie damals am liebsten mit Schimpf und Schande davongejagt hätte. Wenn Export, mittlerweile 56, einräumt, die Ausstellungsstätte sei "eine kleine Genugtuung", darf das getrost als haarsträubende Untertreibung gelten. Es ist eine späte Rechtfertigung, eine triumphale Heimkehr der fast verlorenen Tochter.
Das wirklich Überraschende aber ist: Die Tochter hat große Schätze mitgebracht. Exports Werk begeistert mit seiner Ideenvielfalt, seiner brillanten Erforschung von Technologien, seiner unbändigen Lust am Denken. Wie kaum eine andere hat sich Export von 1967 bis heute in verschiedenen Kunstsparten getummelt, Performances gemacht, mit Fotografie, Video und Film experimentiert, Computer und Laser in den Dienst der Kunst gestellt - und dabei immer wieder mit dem kritischen Stachel des Feminismus in diverse patriarchale Luftblasen hineingepikst.
Daß Exports provozierende Arbeiten weder spontan noch chaotisch waren, sondern durchdacht, bis ins Detail kalkuliert und intellektuell befrachtet, ist die erste jener Erkenntnisse, die seinerzeit im Tumult untergegangen waren.
Und die Nachdenkerin taugt auch als Vordenkerin: Wer erleben will, wieviel der Geist der Neunziger den Sechzigern zu verdanken hat, der kann das in Exports Ausstellung besser tun als in manchen einschlägigen Sammlungen. Daß "die Menschen leider oft ein sehr kurzes Gedächtnis" haben, "wenn es um ästhetische Phänomene geht", beklagte gerade erst die Documenta-X-Chefin Catherine David - und dieser Gedächtnisschwund trifft besonders Innovatoren wie Export, deren Werke nicht an jeder zweiten Museumswand hängen.
Aus dem Depot vergangener Avantgarden hervorgeholt, wirkt die in Linz als Waltraud Höllinger geborene Bilderstürmerin - ihr Vater fiel im Krieg, ihre Mutter war Lehrerin - nun unversehens wie die Ahnherrin einer ganzen Galerie von aktuellen Kunsthelden. Auch wenn die meisten von Exports Vorarbeit gar nichts ahnen.
Ihr "Identitätstransfer" etwa, eine Arbeit von 1968, zeigt Export als weiblichen Transvestiten, eine Verwandlung, die Weiblichkeitsbilder auf ganz ähnliche Art in Frage stellt, wie dies Cindy Sherman Jahre danach in ihren gefeierten "Film Stills" tun sollte. Und die Madonnenbilder, die Export nachstellte (allerdings mit Waschmaschine oder Staubsauger statt mit Jesuskindlein), weisen voraus auf die parodistischen Muttergottes-Bilder, die Sherman in den späten Achtzigern fotografierte.
Auch die vielgefeierte Behauptung, daß der menschliche Körper endlich als Kunstthema wiederentdeckt worden sei, eine Behauptung, der Talente wie Kiki Smith, Marlene Dumas oder Paul McCarthy ihre Karriere verdanken, wirkt eher wie geschichtsblinde Windmacherei, wenn man Fotografien von Performances betrachtet, die Export und ihr Umfeld, die Wiener Aktionisten Otto Muehl, Hermann Nitsch und Günter Brus, damals veranstalteten. Gerade Export untersuchte buchstäblich am eigenen Leib und Leben, wie der einzelne gesellschaftlich zugerichtet wird: durch Schmerzen, durch Blicke, durch Kleiderordnungen.
Ganz bewußt benutzte sie ihren Körper "als Code oder Zeichen". 1970 ließ sie sich einen Strumpfbandhalter auf den Oberschenkel tätowieren - auch das ein Code, eine kulturelle Inschrift auf der Oberfläche Haut, das Zeichen "einer vergangenen Versklavung" (Export) und der unentwegten sexuellen Verfügbarkeit, wie sie Frauen zugeschrieben wurde und wird. Und zugleich ein Werk, das sich dem Ewigkeitsanspruch klassischer Ästhetik entgegenstellt: Es wird nicht überdauern, sondern mit Export ins Grab sinken - wenn nicht gerade ihr Schenkel in Formaldehyd eingelegt wird.
Eigentlich hatte sie sich ein anderes Tattoo vorgestellt: eine Schlange, die sich von ihrem Rücken über die Schultern auf ihre Wange windet. Aber der Tätowierer weigerte sich, ihre Idee auszuführen. Er sagte zu ihr: "Wenn ich das mache, wirst du nie heiraten können." Ein Beispiel von vielen dafür, wie Leben und Werk bei Valie Export zusammenfallen, mit ihrem Körper als Schnittstelle.
Am meisten aber fällt auf, wie sehr Export vorweggenommen hat, was sich die "Kontextkunst" heute auf ihre Fahnen schreibt: die Neudefinition von Kunst als einer quasi-wissenschaftlichen Recherche, die sich in "kunstfremde" Felder wie Politik, Wirtschaft, Ökologie hineinwagt - eine Kunst, die auf die Konfrontation mit den Zusammenhängen abzielt, innerhalb deren sie entsteht. Eine Kunst auch, die sich nicht aus ihrer Aura heraus rechtfertigen will, die nicht auf den ästhetischen Mehrwert und ein fertiges Ouvre hinarbeitet und die es schon gar nicht auf Museumstauglichkeit abgesehen hat.
Es ist sicher kein Zufall, daß Exports langjähriger Weg- und Werkgefährte Peter Weibel das gegenwärtige Standardwerk "Kontext Kunst" herausgegeben hat. Er definiert die neue Kunst als "Instrument der Selbstbeobachtung der Gesellschaft", als "Instrument der Kritik und Analyse der sozialen Institutionen" - und erfaßt darin im Grunde, was er und Export vor einem Vierteljahrhundert leisten wollten.
Denn Export hat ihre Kunst immer als eine Forschungsaufgabe verstanden, die sie mit großer Akribie verfolgte. Ihre Arbeiten sind Gedanken, die sich sozusagen zum Kunstwerk verfestigt haben. Unentwegt hat sie Fragen gestellt: "Was ist Kunst, wie und wo findet die Beziehung Kunst und Gesellschaft ihren Ausdruck, was ist ein Bild, ein Film, eine Installation, was ist der Kunstcharakter dabei, aus welchen Elementen setzt sich Kunst zusammen?" Wo auch ist die Grenze zwischen Bild und Wirklichkeit, wie lassen sich Raum und Zeit darstellen?
Mit schriftlichen Erklärungen, auch mit Pamphleten hat Export ihre Werke begleitet, hat Philosophie und Politik einfließen lassen - die ach so wilde Frau als Gelehrte. Seit 1979 unterrichtet sie an Kunsthochschulen, jahrelang in den USA, wo die verstoßene Prophetin auf weit mehr Anklang stieß als in der Heimat, danach in Berlin und derzeit in Köln. Daneben hat sie Filme gedreht, experimentelle Erzählwerke, aber auch TV-Dokumentationen.
Ihre Neigung zum Didaktischen verhindert ein wenig das Spielerische, es fehlen manchmal Leichtigkeit und Witz. Das trennt Export von der nachfolgenden Garde. Genauso "vergessen wie bestätigt" sieht sie sich, wenn sie die Arbeiten dieses Nachwuchses anschaue, sagt Valie Export heute, eine charmante ältere Frau mit brandrot gefärbtem Haar. Vergessen, weil sich keiner explizit auf sie bezieht, und bestätigt, weil so viele ihrer Ideen wiederauftauchen. "Die Jungen schauen sich halt nix mehr an", seufzt sie schulterzuckend.
Jetzt aber haben sie Gelegenheit dazu. Exports Werkschau schiebt ihre spektakulären Auftritte in den Hintergrund. "Die kennt man hier", sagt unwirsch die Kuratorin Monika Faber. Die Nacktheit, den Tabubruch, etwa das "Tapp- und Tastkino", bei dem Passanten ihren Busen anfassen durften - eben das alte Stereotyp von der dreisten Valie will die Ausstellung nicht wieder aufputzen. Statt dessen hat sie sich ein klares Programm gesetzt: Sie will die formalen Qualitäten des Multimedia-Werks herausstellen. Seht her, wie gewieft Export mit ihren Materialien umgeht! Wie sie als erste - in ihren "Expanded Cinema"-Werken - die Strukturen des filmischen Apparats bloßstellt; wie sie Darstellungsweisen in ihren Fotoreihen aufbricht und wie sie Video als ästhetisches Feld erobert!
Indem die Schau Exports formale Erfindungsgabe betont, versucht sie, ihr ein Plätzchen zwischen den Helden des Betriebssystems Kunst freizubaggern - ein legitimes Unterfangen, auch wenn es auf Kosten ihres politischen Engagements geht. Denn die weibliche Hälfte der Avantgarden hat es immer noch schwer, sich ihren Weg in die Kunstgeschichte zu bahnen. Während die mit dem männlichen Geschlecht gesegneten Agents provocateurs gern in den erlauchten Kreis der Kulthelden aufgenommen werden, herrscht bei den Frauen meist betretenes Schweigen: das weiße Rauschen des Kunstbetriebs.
Ein paar Monate lang wird dieses Rauschen jetzt im Krach untergehen, den Valie Exports Video-Arbeiten ins Museum bringen: den Geräuschen stampfender Füße, dem Kläffen aggressiver Schäferhunde und dem Gurren einer Stimmritze in Großaufnahme. Aber danach?
Susanne Weingarten
* "Valie Export - Split: Reality". Bis zum 15. Juni im 20er Haus - Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien; Katalog 200 Seiten; 250 Schilling.
Von Susanne Weingarten

DER SPIEGEL 18/1997
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