05.05.1997

JOURNALISTENSchuld und Barschel

Waffenhändler, Embargobrecher, Moskauer Schattenmänner: Jahrelang beschäftigte eine Berliner Journalistin Justiz, Geheimdienste und Medien mit immer neuen Theorien zum Tod von Uwe Barschel. Jetzt steht sie im Verdacht, selbst für die Stasi gearbeitet zu haben.
Christina Wilkening ist eine engagierte Frau. Seit dem Fall der Mauer fahndet sie nach "Leuten, die sich schuldig gemacht haben". Die ersten hatte die einstige Mitarbeiterin des DDR-Staatsfernsehens rasch gefunden.
Kaum ein Jahr nach der Wende präsentierte sie in der holzgetäfelten Mielke-Suite der Berliner Stasi-Zentrale ihr Buch "Staat im Staate". Die aufwühlenden Gespräche mit Mielkes Männern, vom Arbeitslosenverband der DDR vermittelt, hätten sie "für Tage aus der Bahn geworfen", sagt sie tapfer. Zwei Jahre später folgte ihr Werk "Ich wollte Klarheit". Die Themen: Schalck, Mielkes Geheim-Archiv und die Sünden des DDR-Spionagechefs Markus Wolf. "Eine Frau - allein gegen die Stasi", jubelte die Münchner ABENDZEITUNG.
Für die Enthüllerin ist die Arbeit offenbar auch eine Art psychotherapeutischer Selbstversuch. In der DDR nur "angepaßte Journalistin", wolle sie nun "ein bißchen Schuld abtragen", erklärt sie bescheiden.
Nur eines verschwieg Christina Wilkening bei ihrer journalistischen Trauerarbeit: Sie steht in dringendem Verdacht, unter der Registriernummer XV 1100/84 für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet zu haben. Erfaßt von der Hauptabteilung II/13, zuständig für westliche Korrespondenten, soll sie diejenigen bespitzelt haben, die sie nach der Wende mit aufsehenerregenden Exklusivgeschichten zum Fall Barschel versorgte: die Berichterstatter des Westdeutschen Rundfunks.
Laut Akten lieferte sie Einschätzungen über damalige DDR-Berichterstatter wie Helga Märtesheimer ("Total vernagelt, was die deutsch-deutschen Beziehungen angeht"), Gerd Berger, heute Chefredakteur von Pro Sieben ("Von den Grünen enttäuscht"), und Peter Merseburger. Neben Rapports über belanglose Flirts auf Partys meldete sie offenbar auch Prekäres. Den niederländischen Reporter Robertus Hof brachte sie laut Akte mit der Notiz in Bedrängnis, er habe "kircheninternes Material" erhalten.
Merseburger, notierte die Stasi, sammle Stoff für einen MfS-Film, der gesendet werden solle, sobald er die DDR verlassen habe. Der WDR-Mann, warnte die Zuträgerin laut Dossier, hege einen "regelrechten Haß gegen das MfS". Kollegin Gabriele Krone-Schmalz dagegen sei "sachlich aufgeschlossen und konzentriert".
Die Führungsoffiziere schätzten nach Aktenlage Christina Wilkenings Arbeit. IM "Nina", lobten sie, sei "erkennbar" und in "hohem Maße mit vom MfS erhaltenen Aufträgen zu den WDR-Kontaktpartnern sowie den abgestimmten Zielen der Informationsgewinnung zu diesen und zum WDR allgemein identifiziert".
So detailliert Frau Wilkening offenbar einst über ihre West-Kollegen berichtete, so wolkig sind ihre Dossiers zum Thema Barschel. Im WDR-Magazin "Monitor" berichtete sie am 20. April 1995 einem staunenden Millionenpublikum von einer geheimnisvollen Moskauer Akte: Barschel habe mit Waffen gehandelt, das Dossier trage den Decknamen "Graf".
Ein geheimnisvoller Zeuge trat auf: Schon 1984 sei "Graf"-Barschel, damals gerade zum schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten ernannt, tief im Embargo-Handel verstrickt gewesen. Barschel habe eine "Summe im mehrstelligen Millionenbereich" und eine lange Liste mit zu beschaffenden Waffen in die DDR gebracht.
Die Enthüllung tickerte das Magazin an die Nachrichtenagenturen. "Monitor fand KGB-Akte", titelte tags darauf aufgeregt das HAMBURGER ABENDBLATT und BILD fragte besorgt: "Barschel - doch Waffenhandel?"
Doch die von Moderator Klaus Bednarz angekündigte Sensation entpuppte sich als Windei. Einziger Beleg für die abenteuerliche These waren die handschriftlichen Notizen von Christina Wilkening. Deren Erklärung: Die Dossiers habe sie nur sichten, bedauerlicherweise aber nicht mitnehmen dürfen.
Der Lübecker Oberstaatsanwalt Heinrich Wille, Ermittler in Sachen Barschel, adelte den "Monitor"-Report persönlich: Das Motiv für einen Mord, so Wille in Wilkenings Beitrag, sei "am ehesten im Bereich des ehemaligen Embargo-Handels" zu suchen. Der Jurist: "Es geht um Geld, um sehr viel Geld."
Kopien der Akten, Registriernummern oder andere Hinweise, mit denen die kühnen Behauptungen hätten überprüft werden können, fehlten. Das ist bis heute so geblieben. Dennoch waren die Fahnder begeistert. Denn die Frau schien immer wieder wundersame Quellen zu haben: Wo sie auch auftauchte, ging es um mysteriöse Geldkoffer, unglaubliche Todesfälle, Geheimdienste und immer wieder um erstklassige Verschwörungstheorien - starb eine, erschien sofort eine neue. Selbst übergelaufene Stasi-Offiziere berichteten beim Verfassungsschutz beeindruckt von den Infos der Ostjournalistin.
Da ist die spannende Geschichte, daß die Stasi bereits wenige Tage nach Barschels Tod eine Kopie des Obduktionsberichtes in Händen gehalten habe. Das MfS, berichtete ein ehemaliger Major dem bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz, habe prüfen wollen, "ob das Ableben des Uwe Barschel dem MfS als ,Mord'' angelastet werden könne".
Die heiße News wurde gleich ins Kanzleramt gemeldet. Nur schade, daß der Geheimdienstoffizier die Geschichte nicht aus eigener Anschauung kannte, sondern von Christina Wilkening erfahren hatte, zu der er "intensiven Kontakt (12 Gespräche)" pflegte. Außer ihr hatte noch niemand von der spannenden Geschichte gehört.
Auch die Ermittler im Fall Barschel baten die Dame zur Vernehmung: "Die Mitautorin des Berichts in der Sendung ,Monitor"'' , hieß es in einer vertraulichen Unterrichtung des schleswig-holsteinischen Landtags, "wurde mehrfach durch die Staatsanwaltschaft Lübeck angehört."
Sie beschäftigte auch weiterhin die Lübecker Fahnder, denen sie stundenlang auf Tonband sprach, etwa mit dem Hinweis, Barschel habe sich seinerzeit mit einem Wissenschaftler aus Jena getroffen. Der Mann, inzwischen Berater des Jenoptik-Chefs Lothar Späth, sei an der Friedrich-Schiller-Universität für die CO2-Laserforschung zuständig gewesen - für Waffenfreaks eine reizvolle Spekulation.
Die Ermittler verfolgten sogar eine Spur, die stracks zu einer slowakischen Landwirtschaftskooperative führte. Die Misthaufen lägen nur zum Schein dort, in Wirklichkeit werde "im wesentlichen Forschung auf dem Gebiet der biologischen und chemischen Waffen durchgeführt". Zeugen hätten ihr glaubhaft versichert, Barschel sei im tschechoslowakischen Panzerwerk Detva gesichtet worden. Für die veralteten Modelle T-55 und T-72 soll er "ein modernes Feuerleitsystem" aus dem westdeutschen Leopard beschafft haben, um "diese Panzerfabrikation aufzuwerten".
Barschel, meldete Wilkening den Staatsanwälten, sei guter Dinge gewesen. Ein Agent habe im Suff erzählt, daß der CDU-Politiker geradezu darauf wartete, "daß er noch einmal auspacken kann über die Kontakte Engholms zu Markus Wolf und den Treffen auf der Krim". So sei Barschel zu "einem Sicherheitrisiko geworden für die neue Ost-West-Politik, wenn man so will". Fast immer, wenn die Rechercheurin auftauchte, geschahen "die merkwürdigsten und mysteriösesten Dinge". Ein tschechischer Informant zog ein zugesagtes Interview zurück: Unbekannte hatten angeblich gedroht, seinen Enkeln könne auf dem Weg zum Kindergarten etwas zustoßen.
Auch von Verfolgungsjagden mit dunklen Limousinen war nicht selten die Rede. Bei einer Reise in die CSSR waren es laut Wilkening neben düsteren Herrschaften auch zwei große BMW mit "Bonner Nummer".
Der Schlüssel zu allen Rätseln, da war sich die Enthüllerin sicher, liege - wie bei jeder ordentlichen Geschichte - in Moskau. Nach ihrem Auftritt im deutschen Fernsehen stellte Wilkening den Lübecker Ermittlern eine Kopie des angeblichen Moskauer Dossiers in Aussicht.
Der sowjetische Militärgeheimdienst GRU verwahre in seinem Archiv drei Barschel-Ordner, an die sie jedoch derzeit nicht herankomme, weil die zuständigen Leute gerade "in Grosny in Tschetschenien" seien.
Natürlich müsse der Staatsanwalt "äußerste Vorsicht walten lassen", warnte Wilkening, und den irgendwie immer verwickelten Bundesnachrichtendienst heraushalten. Vielleicht, so die Ost-Berlinerin, könne man es mit einem Rechtshilfeersuchen probieren.
Einmal in Fahrt, brachte Christina Wilkening die Ermittler auf eine angeblich noch viel heißere Spur. Barschel sei, nach Angaben eines ihrer Informanten, "eine absolute Null" gewesen; die wirklich wichtigen Dinge seien, so ihr Zuträger, in der ehemaligen Bonner Vertretung in der DDR in der Hannoverschen Straße abgelaufen. Dort hätten sich "Bräutigam, heute Justizminister in Brandenburg, DDR-Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski, Hans Modrow und Gauck" getroffen.
Angesichts solch unglaublicher Informationen erkundigten sich die Fahnder vorsorglich bei der Gauck-Behörde nach der Vergangenheit der Zeugin. Die Stasi-Unterlagen-Behörde teilte der Staatsanwaltschaft mit, Wilkening habe nach Aktenlage selbst für das MfS gespitzelt.
In ihrer Vernehmung stritt sie jedoch alles ab. Es gab, "das sag'' ich mal hier ganz locker, einen operativen Vorgang, der hieß ,Nina'', und da bin ich eher ein Opfer".
1983 will sie vom MfS ("Weil ich im Verdacht stand, entweder mit den Engländern oder mit dem Mossad zu arbeiten, war ich für die immer eine schillernde Figur") die Anfrage erhalten haben, ob sie über ihre Kontakte zu Westreportern nicht berichten wolle. Mehr wollte die sonst so auskunftsfreudige Frau nicht sagen, "weil es mir echt zu blöd ist".
Auch gegenüber dem SPIEGEL zeigte sie sich verschlossen. Möglicherweise sei sie "abgeschöpft" worden, aber "wissentlich habe ich nie für die Stasi gearbeitet."
* 1990 in Mielkes Suite in der Berliner Stasi-Zentrale. * Am 18. September 1987 auf seiner "Ehrenwort"-Pressekonferenz.
Von Mascolo, , Schumacher und

DER SPIEGEL 19/1997
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