12.05.1997

ZAIREWeiche Landung in Kinshasa

Der Widerstand seiner Elitetruppen kann Mobutus Schicksal nicht wenden. Die Bewohner der Hauptstadt Kinshasa und seine westlichen Freunde haben den Präsidenten abgeschrieben, sie drängen auf einen friedlichen Machtwechsel.
Gott hat uns einen großen Propheten gesandt, unseren hochgeschätzten Führer Mobutu - er ist unser Befreier, unser Messias. Unsere Kirche ist die Einheitspartei MPR. Ihren Chef Mobutu achten wir so, wie man den Papst achtet. Und der Mobutismus ist unser Evangelium."
Mit diesem Glaubensbekenntnis heiligte einmal ein zairischer Innenminister sein Staatsoberhaupt. Das war 1970:
Präsident Mobutu herrschte unangefochten, die große Mehrheit seiner Untertanen vertraute dem selbsternannten "Guide" (Führer) der Nation, der Demokratie für den "Tod Afrikas" hielt. Er hatte seine Sicherheitskräfte in allen Teilen seines Riesenreichs postiert, vergab Vergünstigungen und Strafen wie ein Monarch von Gottes Gnaden.
Zudem konnte sich der Herrscher auf mächtige ausländische Freunde verlassen. Im Notfall eilten die westlichen Mächte ihrem wichtigsten afrikanischen Verbündeten im Kalten Krieg zu Hilfe, um ihm gegen innere und äußere Feinde beizustehen.
Von jener Macht und Herrlichkeit war nichts geblieben, als Mobutu Sese Seko, 66, am vergangenen Mittwoch die Hauptstadt Kinshasa ohne Ehrenspalier verließ. Der Präsident flog zu einem Treffen mit befreundeten frankophonen Staatschefs nach Gabun; von ihnen erhoffte er sich einen letzten Liebesdienst - die Entsendung einer afrikanischen Friedenstruppe. Das Volk aber wünschte, daß der große Patron endlich ins Exil nach Frankreich weiterreisen und nicht mehr nach Zaire zurückkommen werde.
Dort waren die Truppen der Allianz der Demokratischen Kräfte für die Befreiung von Kongo-Zaire (AFDL) bis auf 100 Kilometer an Kinshasa herangerückt. Die Hauptstadt erwartete den Rebellenführer Laurent Kabila, 56, den neuen vermeintlichen Erlöser.
Mobutus Zeit schien endgültig abzulaufen, und daran, so glaubten die Zairer, werde auch plötzlich aufflammender Widerstand der bislang kaum kampfbereiten Regierungstruppen nichts ändern.
Zur allgemeinen Überraschung leistete die von angolanischen Freischärlern unterstützte Präsidentengarde bei Kenge erbitterten Widerstand. In Gefechten um diese Stadt an der östlichen Fernstraße nach Kinshasa starben über 200 Zivilisten, darunter auch 10 Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes.
"Solche Aktionen wie auch Mobutus Präsenz in Kinshasa bringen nur mehr Blutvergießen und mehr Zerstörungen, weil sie den Bürgerkrieg verlängern", bangten Passanten in der Hauptstadt. Ausländische Fluglinien weigerten sich, ihre Maschinen auf dem Flughafen von Kinshasa landen zu lassen, und flogen statt dessen Brazzaville auf der anderen Seite des Zaire-Stroms an. Für die kleine einheimische Elite in Kinshasa, die ihr Schicksal mit Mobutu verknüpft hat, war das ein alarmierendes Zeichen: Es würde ihnen im Notfall die Flucht erschweren.
Die Ungewißheit zerrte an den Nerven der Menschen. Selbst jene, die Kabila mißtrauen, hofften auf eine schnelle Ankunft der AFDL, damit der Hauptstadt und ihren fünf Millionen Einwohnern ein Blutbad und eine Plünderung erspart blieben.
Klammheimlich sandten sogar hohe Offiziere der Regierungstruppen, die seit Jahren keinen Sold mehr beziehen, Kuriere zu den Rebellen, um Kabila Unterwerfungsbriefe zu überreichen. Einem französischen Journalisten erzählte Hauptmann Dieudonné von der 31. Fallschirmjägerbrigade, bis vor kurzem noch eine Eliteeinheit, er und alle seine Kameraden hätten dem Chef der Aufständischen schon Loyalität geschworen.
Die Befreiungsbewegung war bislang nur wenigen Afrika-Spezialisten bekannt und galt als obskures Bündnis übriggebliebener Anhänger des 1961 ermordeten kongolesischen Unabhängigkeitspremiers Patrice Lumumba. Doch in einem in der afrikanischen Geschichte einmaligen Feldzug von nur sieben Monaten rollte die AFDL von Osten her Zaire auf, das siebenmal so groß wie Deutschland ist und 43 Millionen Einwohner hat.
Von inneren Feinden bedrängt, sah sich Mobutu nun auch von seinen ausländischen Freunden verlassen. Franzosen und Belgier teilten ihm mit, daß ihre in Brazzaville bereitstehenden Truppen nur Europäer schützen würden, nicht aber sein Regime. Und die Amerikaner mischten gar aktiv beim bevorstehenden Machtwechsel in Zaire mit.
Auf ihren Druck hin kam es am vorletzten Sonntag zum Treffen zwischen Mobutu und Kabila auf dem südafrikanischen Schiff "Outeniqua". Unter der Schirmherrschaft von Präsident Nelson Mandela sollte dort nach Washingtons Vorstellungen ein geordneter Abgang für Mobutu besprochen werden - mehr nicht.
Die USA setzten nämlich längst auf Mobutus Gegenspieler. Man müsse Kabila eine "weiche Landung" ermöglichen, erklärte Präsident Clintons Sonderbeauftragter, der amerikanische Uno-Botschafter Bill Richardson. Das soll heißen, Mobutu sei jeder Widerstand auszureden. So endete die Allianz eines Vierteljahrhunderts - was die französische Zeitung LE FIGARO zu dem Kommentar veranlaßte: "Hinter der amerikanischen Haltung des Unschuldslammes verbirgt sich letztlich nur Zynismus."
Bei so eindeutiger Parteinahme der USA war es kein Wunder, daß in Kinshasa wilde Gerüchte die Phantasie der Bewohner beflügelten: Über Flughäfen in Ugan-da und Ruanda hätten die Amerikaner den zairischen Rebellen Waffen geliefert. Ihre Aufklärungsflugzeuge hätten der AFDL Informationen über Aufmarschgebiete und Bewegungen von Mobutus Truppen übermittelt. US-Militärexperten vom Stützpunkt Kamina in Zaires Region Shaba hätten den Vormarsch der Rebellen organisiert.
Solche Vermutungen wurden bestärkt durch eine wahre Wirtschaftsoffensive amerikanischer Firmen in den Rebellengebieten, die sich Einfluß auf die gigantischen Rohstoffvorkommen Zaires sichern wollten. Das Bergbau-Unternehmen American Mineral Fields etwa gewann Schürfrechte für Kupfer, Kobalt, Zink und Zinn; es will dafür in der Region eine Milliarde Dollar investieren. Der Konzern Barrick Gold erhielt von den Rebellen Garantien für die Konzession über ein 83 000 Quadratkilometer großes Gebiet.
Die Amerikaner setzten sich in der Regel gegen alteingesessene Konkurrenz aus Belgien und Südafrika durch. Die Bedeutung der Verträge ließ sich leicht noch durch die politischen Verbindungen der beteiligten Firmen überhöhen: Die Zentrale von American Mineral Fields liegt in Clintons Heimatstadt Hope in Arkansas; zum Direktorium von Barrick Gold gehören Ex- Präsident George Bush und der ehemalige CIA-Chef Robert Gates.
Die schmachvolle Niederlage des einstigen "zuverlässigsten Freundes in Afrika" (Bush) gegen den Rebellen Kabila hat freilich weniger mit einer Verschwörung der USA zu tun als mit Mobutus gespanntem Verhältnis zu einigen Nachbarstaaten. Weil Zaires Präsident früher zuließ, daß Regime-Gegner aus Uganda und Hutu-Milizen aus Ruanda von seinem Territorium aus gegen ihre Heimatländer einen Partisanenkrieg führten, unterstützten beide Staaten jetzt Kabila nach dem Motto: "Mobutus Feind ist unser Freund."
Ruanda und Uganda lieferten den AFDL-Soldaten Waffen, Munition, Uniformen und Gummistiefel. Beide Staaten waren freilich nur deshalb dazu in der Lage, weil sie selbst Militärhilfe aus den USA erhalten.
In Kabilas Rebellenbewegung kämpfen zudem Freiwillige aus Ruanda und Uganda - überwiegend Tutsi, die ihren Brüdern in Zaire helfen wollten. Denn der Feldzug gegen Mobutu begann, als einer seiner Gefolgsmänner im vergangenen September zu Pogromen gegen die im Osten des Landes lebenden Banyamulenge aufrief, in Zaire ansässige Tutsi.
Von Gabun aus erkannte Mobutu die Aussichtslosigkeit seiner Lage - und suchte doch noch verzweifelt, Zeit zu gewinnen für einen Abgang in Würde. Zusammen mit fünf anderen Präsidenten unterzeichnete er einen Aufruf zum friedlichen Machtwechsel: Ein neues Staatsoberhaupt solle aus freien Wahlen hervorgehen, er selbst werde wegen seiner Krebserkrankung nicht mehr kandidieren.
Doch auf solche Manöver wollte sich der siegreiche Kabila nicht einlassen; sie würden ihn um die Früchte seines militärischen Sieges bringen. Wahlen in dem unwegsamen Riesenland könnten unter Aufsicht der Uno frühestens in einem Jahr stattfinden. Der Rebellenführer aber will die Macht sofort.
Als Antwort auf Mobutus Vorschlag gab die AFDL ihre Pläne zur Bildung einer Übergangsregierung nach der Einnahme der Hauptstadt bekannt: Der Führer der stärksten Oppositionsgruppierung im provisorischen Parlament von Zaire, der von Mobutu abgesetzte frühere Premierminister Etienne Tshisekedi, solle "eine herausragende Funktion in einer Regierung der nationalen Einheit" einnehmen. Weder für Mobutu selbst noch für irgendeinen seiner Anhänger dürfe es einen Platz in der neuen Führung geben.
Mit Mobutus 32jähriger Herrschaft endet die Epoche von Afrikas "Big Men", die Ära von Persönlichkeiten, die kurz nach der Unabhängigkeit an die Macht kamen und die den äußeren Kolonialismus der Weißen durch einen inneren Kolonialismus ersetzten.
Die starken Männer ließen keinerlei Freiheiten zu; sie gründeten Einheitsparteien und Staatsunternehmen, in denen sich eine neue schwarze Elite schamlos bereicherte. Mobutu gilt als der Erz-Kleptokrat: Das Vermögen seines Clans schätzte die Weltbank 1991 auf rund zehn Milliarden Dollar - das entsprach der Summe von Zaires Staatsschulden. "L''Etat c''est moi" war für Mobutu eine selbstverständliche Maxime: Er habe dem Land alles gegeben, also schulde das Land ihm auch alles. "Ist das das Leben eines Staatschefs?" pflegte er sich vor Besuchern pathetisch über den harten Dienst am Volke zu beklagen: "Das ist das Leben eines Hundes!"
Der bevorstehende Machtwechsel im afrikanischen Herzland Zaire könnte für den Kontinent ähnlich bedeutsam werden wie das Ende der Apartheid in Südafrika und den Beginn einer zweiten Unabhängigkeit markieren - wenn Zaires Stämme und Volksgruppen die Auseinandersetzungen der Vergangenheit vergessen und eine demokratisch legitimierte Regierung mit den Einnahmen aus den Bodenschätzen einen besseren Lebensstandard schafft. "Wir kennen die Bedeutung Zaires für uns alle", sagt Südafrikas stellvertretender Außenminister Aziz Pahad. "Wir können eine afrikanische Renaissance erleben. Aber diese Vision wird nicht wahr werden, wenn die Konflikte andauern."
Deshalb soll alles versucht werden, um eine friedliche Übergabe der Macht zu ermöglichen. Die Art und Weise des Regierungswechsels könnte einen Hinweis darauf geben, wie Kabila anschließend herrschen wird.
In dessen Biographie als lebenslanger Guerrillaführer gibt es genug Anhaltspunkte, die befürchten lassen, daß Zaire auch unter den neuen Herren Blut und Tränen erwarten. "Wenn Kabila die Macht auf der Spitze seiner Bajonette erobert", ahnt ein Uno-Vermittler, "dann wird er auch mit der Spitze seiner Bajonette regieren."
* Am Donnerstag vergangener Woche.
Von Hans Hielscher und

DER SPIEGEL 20/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZAIRE:
Weiche Landung in Kinshasa

  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Klima-Demo in Berlin: "Ab jetzt gilt es!"
  • Parteitag in Brighton: Labour streitet über Corbyns Brexit-Kurs
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben