19.05.1997

ZAIREDas Ende des Leoparden

Der König der Diebe wird aus seinem Reich davongejagt, das er mit Korruption und Mißwirtschaft in einen Scherbenhaufen verwandelt hat. Doch auch an Mobutus Abgang wird Zaire kaum genesen.
Als Kapitän Marlow vom Flußdampfer aus sein Fernglas auf das Haus des Kolonialstationsvorstehers Kurtz richtete, sah er einen Zaun, auf dessen Lattenspitzen abgeschnittene Menschenköpfe steckten. Die Gesichter dieser Köpfe waren bis auf eines alle dem Haus zugewandt. Das nach außen gewandte Gesicht war schwarz und eingefallen, die Lippen waren ausgetrocknet und die Augenlider geschlossen.
Ein Mann trat hinter Marlow und sagte ihm, er möge nicht erschrecken, dies seien ja nur die Köpfe von Rebellen, die sich gegen die gottgewollte Ordnung gestellt hätten.
Joseph Conrad bündelte in seiner selbsterlebten Novelle "Herz der Finsternis", die 1899 erschien, die Beobachtungen seines Alter ego Marlow in einem geflüsterten Schrei: "Das Grauen, das Grauen!"
Die Geschichte spielt in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Force Publique, die belgische Kolonialarmee, auf den Kautschukplantagen am Kongo für den König und die Brüsseler Gummibarone Hunderttausende schwarzer Kulis zu Tode schindete und jede Rebellion unbarmherzig mit einem Massaker niederschlug. Der Ort des Bösen war Stanleyville, die heutige Stadt Kisangani im nordöstlichen Zaire.
Die Streitmacht, die all das Unheil zu verantworten hatte, zog Anfang der fünfziger Jahre auch das Soldaten- und Politikertalent Joseph Désiré Mobutu groß - das war, nach den Kongo-Greueln, wohl die zweite große Schuld der Force Publique. Das einzige, was die Weißen ihm beigebracht hätten, klagte der Staatschef später, seien die Ehrfurcht vor Gott und die Achtung vor dem Belgier gewesen. Den Missionaren, bei denen er zur Schule ging, diente er als Chorknabe, sein Vater war Koch auf einer Missionsstation der "Weißen Väter".
Die Belgier hatten kaum imperiale Ambitionen wie Briten, Franzosen und Deutsche. Sie waren "petites gens d''un petit pays", wie König Léopold II. sie geringschätzig nannte, kleine Leute aus einem kleinen Land, nur an ihren Geschäften interessiert.
Schlechter vorbereitet ist kein afrikanisches Land in die Unabhängigkeit entlassen worden als der belgische Kongo. Am "Uhuru-Tag", dem 30. Juni 1960, bestand die schwarze Elite aus zwei Akademikern, ein paar Plantagenaufsehern und Vorarbeitern im Bergbau und sechs Armee-Hauptfeldwebeln. Einer von ihnen hieß Mobutu.
Das Resultat des überstürzten Abzugs war Matata, wie es auf Lingala heißt. Das ist ein Sammelbegriff für fast alle erdenklichen Übel, die Menschen einander zufügen können. Marodierende Banden zogen durchs Land, hackten ihren Gegnern die Geschlechtsteile ab oder trichterten ihnen Benzin ein und jagten sie zum Spaß in die Luft.
"Die Spezialisten für Eingeborenenfragen", so notierte damals der deutsche Rundfunkreporter Peter Scholl-Latour, "stehen wie Zauberlehrlinge vor den entfesselten Kräften der Steinzeit."
Premier Sergeant Mobutu, der in den Wirren sogleich zum Oberst und Generalstabschef aufstieg, mischte das Spiel zweimal neu auf. Zum erstenmal griff er am 14. September 1960 nach der Macht, gab sie aber wieder ab. Beim zweitenmal, am 24. November 1965, ließ er sie nicht wieder los. Er löste das Parlament auf und setzte die Verfassung außer Kraft, einen ernst zu nehmenden Rivalen hatte er nicht mehr.
Europa und Amerika waren voll guter Wünsche für den starken jungen Mann, der nach der Ermordung des linken Unabhängigkeitspremiers Patrice Lumumba und der versuchten Sezession der rohstoffreichen Provinz Katanga unter Moïse Tschombe Ordnung versprach. "Was der Kongo jetzt braucht", schrieb die Brüsseler Zeitung le matin, "das sind tausend Mobutus."
Keine Frage, Mobutu hat seinem Land einen gewissen Frieden und eine gewisse Stabilität gebracht. Allerdings nur, um anschließend plündernd darüber herzufallen wie die vereinigten bösen Geißeln Cholera, Aids und Ebola. Demokratie, das war in seinen Augen eine Staatsform für Hochkulturen in Schönwetterlagen; für Afrika, so verkündete er, bedeute das Mehrparteiensystem den Tod.
Deshalb schuf er 1967 die Einheitspartei MPR, in der fortan jeder Zairer von Geburt an Pflichtmitglied war. Er sah sich dennoch nicht als Diktator, sondern als "Wallfahrer der nationalen Einheit".
Marschall Mobutu, 66, der mit 32 Dienstjahren nach Fidel Castro zweitälteste Diktator der Welt, ist kein umnachtetes Monster vom Schlage des Kaisers Bokassa von Zentralafrika oder des Feldmarschalls Idi Amin aus Uganda. Er hat niemals politische Gegner abschlachten lassen und die Überreste im Kühlschrank verwahrt wie Bokassa, auch nicht Gefangene den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen oder sie gezwungen, einander mit Schmiedehämmern die Schädel einzuschlagen, wie Amin.
Mobutu regierte vielmehr wie ein Feudalherr - mit einem Minimum an Gewalt und einem Maximum an Korruption. Eine Gruppe von Professoren, die ihn kritisiert hatte, bekam vom Präsidenten persönlich eine Standpauke und dann eine Gehaltserhöhung von 500 Prozent. Sein ehemaliger Außenminister Nguza Karl-I-Bond wurde für seine Unbotmäßigkeit mit Elektroschocks gefoltert und später wieder zum Außenminister ernannt.
Doch obwohl er nicht soviel Blut vergoß, war Mobutu für massenhaftes Sterben verantwortlich. Den Tod brachte tausendfach sein System des Diebstahls und der flächendeckenden Ausbeutung. Im größten Teil Zaires ist die Lebenserwartung heute wieder so niedrig wie vor der Ankunft der Belgier. Die Menschen sterben an Bagatellkrankheiten, die mit ein paar rezeptfreien Pillen kuriert werden könnten, wenn sie zu bezahlen wären. Die Kolonialmacht hinterließ 5000 Kilometer Straßen in bestem Zustand, heute sind davon nur noch ein paar hundert befahrbar. In dem Land, das so fruchtbar ist, daß es ganz Afrika mit Lebensmitteln beliefern könnte, leiden Millionen an Unterernährung.
"Vater der Unabhängigkeit" konnte sich der Putschist schlecht nennen, aber er suchte ständig nach Legitimation durch seine Philosophie der "Authentizität": Er
schaffte christliche Vornamen und Krawatten ab, ersetzte den europäischen Anzug durch ein von Chinas Mao inspiriertes Gewand, den "Abacost" (von "à bas le costume"), in seinem Fall aufgewertet durch Leopardenfellmütze und Häuptlingsstab mit doppeltem Vogelkopf.
Die "Authentizität" diente 1973 auch als Vorwand, alle Bergwerksgesellschaften, die Quelle des zairischen Reichtums, zu verstaatlichen. Die enteigneten Weißen bekamen noch seinen Spott zu spüren: "Einige von ihnen geben vor, unser Land zu lieben", sagte er, "aber so, wie der Wilderer den Elefanten liebt."
Doch das galt auch für ihn selbst. Mobutu bezifferte sein Vermögen einmal auf 50 Millionen Dollar. Das sei wahrhaftig nicht viel für jemanden, der so lange Präsident eines so großen Landes gewesen sei. Sein ausländischer Immobilienbesitz - Villen, Schlösser und Farmen bei Brüssel, Namur, Nizza, Dakar, Lissabon, Madrid, Mombasa, Abidjan und Casablanca sowie eine Luxuswohnung an der Pariser Avenue Foch - war darin freilich nicht mitgerechnet.
Der deutsche Bankier Erwin Blumenthal, der 1978 im Auftrag des Internationalen Währungsfonds kommissarisch die Leitung der zairischen Nationalbank übernahm, taxierte den Diktator damals auf 4,2 Milliarden Dollar. Banker mit Fluchtgelderfahrung meinen, daß er seitdem mindestens noch einmal soviel aus der Staatskasse genommen hat. Das entspräche zusammen in etwa der Summe der gesamten Auslandsschulden von Zaire.
Sein System hat der "König der Diebe", wie die Opposition ihn nannte, selbst beschrieben: angenommen, er brauche eine Million Dollar. "Dann sage ich meinem Privatsekretär, ich brauche eine Million. Der sagt dem Ministerpräsidenten, er soll zwei Millionen beschaffen. Der Ministerpräsident sagt dem Finanzminister, daß er drei Millionen braucht. Der Finanzminister bestellt beim Gouverneur der Zentralbank vier Millionen. Und ich kriege meine Million."
In den achtziger Jahren, als es in Zaire noch eine richtige Etat-Buchhaltung gab, wurde nach vertraulichen Angaben der Zentralbank der Haushaltstitel "Présidence" höher veranschlagt als die Budgets für Straßenbau, Schulen, Krankenhäuser und Soziales zusammengenommen. Das hat sich alles überholt, weil diese Titel nicht mehr existieren. Straßen werden in Zaire nicht mehr gebaut, die Krankenhäuser nehmen nur Patienten auf, die Medikamente und Verpflegung mitbringen, der Schulbetrieb ist im großen und ganzen Privatsache der katholischen Missionare.
Einer der größten festen Ausgabenposten ist inzwischen entfallen: Rebellen machten den Zugang zu dem pinkfarbenen Protzschloß Gbadolite, nicht weit von Mobutus Geburtsort Lisala in der Region Equateur, unmöglich. Dieses "Urwald-Versailles", wie er es nannte, hatte alles, was ein zeitgenössischer Sonnenkönig zum Wohlfühlen braucht: einen Flughafen, groß genug für die Concorde, mit der gelegentlich auch der Friseur oder der Zahnarzt aus Frankreich einflogen, eine Coca-Cola-Fabrik, ein Krankenhaus unter deutschem Management, außerdem ein Kraftwerk, das genug Strom produzieren kann, um die zehnfache Bevölkerung zu versorgen.
Nur aus der Schaf- und Viehwirtschaft, die Mobutu rings um den Palast aufziehen wollte, wurde nichts. Eine DC-8 war 32mal zwischen Gbadolite und Caracas hin- und hergeflogen, um 5000 Schafe heranzuschaffen. Doch
* Am 12. Mai in Kinshasa.
die Tiere gingen alle ein, weil sie das Klima nicht vertrugen.
Der "Gründerpräsident" verbrachte früher drei, vier Monate jährlich in Gbadolite, weil er den Schmutz und das Gewimmel der Hauptstadt haßte. Der tägliche City-Jet der Air Zaire von Kinshasa war dann ständig ausgebucht. Abends durften Diplomaten, Geschäftsleute und Domestiken auf der großen Marmorterrasse vor den computergesteuerten Wasserfontänen mit dem großen Mann schmausen: gebackene Termiten in Maisteig und Antilopenlende oder Affen an Pilipili-Sauce mit Kochbananen, dazu reichlich rosa Champagner, den livrierte Diener einschenkten.
Nach Tische sangen - je nach Stimmung des Führers - Sängerknaben unter der Leitung eines belgischen Paters gregorianische Choräle oder Dorfbewohner im Gras-Trachten-Look Loblieder auf den großen Sohn: "Mobutu ya mukolo aleki kaka" - Mobutu, bleibe der Größte von uns allen!
Das Huldigungsposter, auf dem er als "Sese Seko Kuku Ngebendu wa za Banga" gefeiert wird, als "mächtiger Hahn, der alle Hennen besteigt", ist ein Ausdruck staatsmännischer Würde, wie er sie verstand. Die apotheotischen Beinamen (Messias, Erlöser, großer Steuermann), die Fernsehspots, in denen er goldbetreßt aus lichtdurchfluteten Wolken zur Erde hinabsteigt - alles nur Clownerie?
Selbstdarstellung hat in Afrika eine hierarchische Signalfunktion. Das Volk will stolz sein auf seinen Herrscher. Er hat sich in Prunk und Positur zu bringen, um das Verehrungsbedürfnis seiner Untertanen zu befriedigen. "Meine Zairer erwarten von mir - entsprechend unserer afrikanischen Häuptlingstradition -, daß ich sie mit Würde repräsentiere", hat er einem Biographen erklärt.
Das wichtigste Accessoire seiner Würde aber war seine Leopardenfellkappe. Der Ethnologe Mabiala Mantuba erklärt das so: "Ihre Botschaft lautet: Der Häuptling schläft nie ... das Leopardenfell behauptet das Anrecht auf die besten Stücke vom Fleisch, und nur, was der Häuptling übrig- läßt, ist für die anderen."
Nun hat der Marschall keine Reichtümer mehr zu verteilen, die Gold- und Diamantenminen sind in die Hände seines lebenslangen Widersachers Laurent Kabila gefallen. Dem jubelt jetzt das Volk - auch in Kinshasa - wie dem neuen Erlöser zu.
Als Mobutu am 17. Dezember 1996 nach seiner Prostataoperation in Lausanne und nach 44 Tagen Rekonvaleszenz in seiner Villa bei Nizza nach Kinshasa zurückkehrte, schöpften seine Getreuen noch einmal Hoffnung. Doch der alte Magier konnte den Vormarsch der Aufständischen nicht mehr aufhalten, trotz seiner Bemühungen, wie in alten Zeiten weiße Söldner anzuheuern. Am Ende seiner Macht und am Ende seines Lebens wirkte der große Häuptling, von seinen auswärtigen Freunden verlassen und als Schurke geschmäht, fast schon wieder wie eine tragische Figur.
"Dies Land leidet an einer schrecklichen Krankheit, und diese heißt Mobutu", so der zairische Oppositionspolitiker Shumbuy Placide. Jetzt ist der "furchtlose Krieger, der von Eroberung zu Eroberung eilt", selbst ein schwerkranker Mann. Der Krebs höhlt ihn langsam aus; die einzige Hoffnung, die er vor seinem geplanten zweiten Zusammentreffen mit Kabila unter südafrikanischem Schutz noch haben durfte, schien die Aussicht auf einen Abgang in Würde. Zu diesem letzten Liebesdienst waren zumindest seine alten Verbündeten und Protektoren, die Amerikaner, bereit.
Doch bei allem, was man über seinen Nachfolger in den vergangenen Wochen erfahren hat, ist zu befürchten: Auch unter Kabila werden Zaire wohl kaum Freiheit und Wohlstand erwarten.
* Am 12. Mai in Kinshasa.

DER SPIEGEL 21/1997
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