26.05.1997

TIEREKrieg der Affen

Im afrikanischen Gabun schrumpft die Anzahl der Schimpansen. Ein schottischer Biologe glaubt die Ursache zu kennen: Meuchelmord durch Artgenossen.
Von Waldesruhe keine Spur. Tierische Schreie gellen durch das Dickicht, schwarzbepelzte Gestalten trommeln gereizt auf Baumstämmen.
Ihre Angriffslust bekam auch der schottische Biologe Lee White zu spüren: Mehrfach fand sich der Forscher von einer Horde kreischender Waldbewohner umzingelt, die sich ihm bis auf wenige Meter näherten und ihre natürliche Menschenscheu anscheinend vergessen hatten. "Die haben mich richtig attackiert", wundert sich White. Seine Erklärung für das Affentheater: Unter Gabuns Schimpansen herrscht Krieg.
Er könnte bereits Tausende von ihnen das Leben gekostet haben. Vor kurzem beherbergten die Regenwälder des zentralafrikanischen Staates mit 50 000 Tieren noch ein Drittel, möglicherweise sogar die Hälfte aller Schimpansen Afrikas. Seither sank ihre Zahl auf 30 000.
Ganze Holzfällercamps ernähren sich vom Fleisch erlegter Wildtiere, darunter auch dem von Menschenaffen. Doch größere Gefahr droht den Schimpansen offenbar von den eigenen Artgenossen: Im Kampf um den schrumpfenden Lebensraum rotten sich die Primaten gegenseitig aus. Das zumindest legen Whites Beobachtungen in dem 5000 Quadratkilometer großen Lopé-Reservat im Herzen Gabuns nahe.
Mehrere Jahre lang streifte Whites Team durch den Dschungel, stöberte nach Spuren von Schimpansen und Gorillas und zählte ihre Schlafnester. Daraus schlossen die Forscher auf die Populationsdichte beider Arten.
Obwohl das Gebiet unter Naturschutz steht, fressen sich auch dort die Kettensägen der Holzfäller durch den Wald. Auf diese Störenfriede reagierten Schimpansen und Gorillas höchst unterschiedlich: Während die Gorillas bald unbeeindruckt in ihr nun durchforstetes Revier zurückkehrten, verschwanden vier von fünf Schimpansen spurlos.
Wilderer sind im Lopé-Reservat nicht unterwegs, sie hätten zudem die Gorillas kaum verschont. Und die Holzfäller verschmähen die meisten Bäume, deren Früchte die Primaten fressen. Verhungern müßten die Tiere nach dem Holzeinschlag nicht. Was also ist den Schimpansen zugestoßen?
Wahrscheinlich sind sie Opfer eines tödlichen Dominoeffekts geworden, vermutet White: Die ängstlichen Affen flüchten vor den Holzfällern in das Revier einer benachbarten Schimpansensippe, die ihr angestammtes Gebiet auf Leben und Tod verteidigt. Die überlegene Gruppe meuchelt die schwächere, bis auch sie vor den weiterziehenden Holzfällern zurückweichen muß - wiederum in feindliches Land.
Gorillas hingegen empfangen fremde Besucher weit friedfertiger, da sich ihre Reviere ohnehin überlappen. Das erklärt, warum unter den Gorillas von Lopé kein Gemetzel ausgebrochen ist.
Wenn sich auch Schimpansen-Schwund und Aggressivität der Überlebenden kaum anders plausibel erklären lassen, fehlt der letzte Beweis für Whites Theorie. Noch sind die Forscher in Gabun nicht Zeugen äffischer Scharmützel geworden.
Daß jedoch Schimpansen ihr Revier eifersüchtig hüten und manchmal regelrechte Vernichtungskriege führen, hat bereits die legendäre Schimpansenforscherin Jane Goodall im tansanischen Gombe-Nationalpark dokumentiert.
"Das Opfer wurde von fünf Männchen angegriffen. Sie schlugen es, traten und bissen es 20 Minuten lang und ließen es dann schwer blutend liegen", beschreibt Goodall einen Überfall, der für das Opfer tödlich endete. Innerhalb von drei Jahren gelang es der Angreiferbande, ihre Nachbarsippe komplett zu massakrieren und sich deren Territorium anzueignen.
Überhaupt sind Schimpansen, deren Erbgut zu 98,4 Prozent mit dem menschlichen übereinstimmt, keinerlei Gewalttätigkeiten fremd: Goodall beobachtete Kindsmorde, Kannibalismus, Frauenraub und Vergewaltigung - aber auch Versöhnungsgesten und Sorge um schwächere Mitglieder des Familienverbands.
"Die Grenze zwischen Tier und Mensch ist manchmal ziemlich dünn", erklärt Dietmar Zinner vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, mag den Menschenaffen aber keine vorsätzliche Grausamkeit unterstellen: "Wenn Schimpansen Artgenossen umbringen, folgen sie einfach dem biologischen Imperativ, sich erfolgreich fortzupflanzen."
Diese evolutionäre Strategie scheint den Tieren nun zum Verhängnis zu werden. Sollte weiter geholzt werden wie bisher, warnt White, werde es in Gabun, derzeit eines der waldreichsten Länder Afrikas, bald nur noch 10 000 Schimpansen geben.
Besonders bedenklich erscheint das Schicksal der Primaten, weil die Holzfäller im Lopé-Reservat den Wald vergleichsweise pfleglich behandeln: Nur ein bis zwei Bäume pro Hektar werden abgesägt, das Blätterdach bleibt weitgehend heil. In anderen Regionen ruiniert der Tropenholz-Einschlag bis zu 80 Prozent der Vegetation.
Während manche Umweltschützer nach wie vor Bretter aus dem Tropenwald strikt boykottiert sehen möchten, hoffen andere, darunter die Naturschutzorganisation WWF, auf eine sanfte Nutzung der Regenwälder. Doch die Affen-Fehde von Lopé nährt Zweifel, ob Forstwirtschaft in den Tropen ohne fatale Folgen für Tier- und Pflanzenwelt überhaupt möglich ist.
"Verbieten können wir den Holzeinschlag sowieso nicht", resigniert Günter Merz vom WWF. Es sei vielmehr höchste Zeit, die ökologischen Zusammenhänge gründlich zu erforschen und die Fälltechniken entsprechend zu ändern.
Darum allerdings drücken sich die in Afrika operierenden Holzkonzerne. "Dabei könnten die sich ein Forschungsprogramm locker leisten", schimpft Merz. In der Umgebung des Lopé-Reservats holzt ein Tochterunternehmen der deutschen Firma Glunz ab.
[Grafiktext]
Kartenausriß Gabun - Lage des Lope Reservats
[GrafiktextEnde]
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Kartenausriß Gabun - Lage des Lope Reservats
[GrafiktextEnde]
Von Rigos und

DER SPIEGEL 22/1997
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