02.06.1997

„Es waren eben junge Leute“

Dutschke, Ohnesorg und Horlemann über ihre toten Väter und das Erbe der 68er
SPIEGEL: Am 4. Juni 1967 erhielt die Witwe des gerade erschossenen Studenten Benno Ohnesorg einen Brief aus der Bevölkerung: "Sehr geehrte Frau Ohnesorg! Der Tod Ihres Mannes kann nur noch einen Sinn haben, wenn es Ihnen gelingt, dem Kind, das Sie erwarten, klarzumachen, daß sein Vater ein Fehlentwickler war." Herr Ohnesorg, war Ihr Vater ein Fehlentwickler?
Ohnesorg: Nein. Mir hätte das genauso passieren können. Mein Vater stand ja nicht mit der Fahne in vorderster Front, sondern ist zur Oper gegangen, um zu sehen, was da los ist. Er war ein interessierter Bürger, mehr nicht. Er ist eigentlich nur dadurch bekannt geworden, daß er tot war.
SPIEGEL: Da schießt ein Polizist einem Passanten von hinten in den Kopf und wird freigesprochen. Haben Sie je gegenüber dem Todesschützen Karl-Heinz Kurras Rachegefühle gehabt? Oder Haß auf einen Staat, der so etwas zuläßt?
Ohnesorg: Es ist schlimm, ohne Vater aufzuwachsen, noch dazu wegen einer völlig bekloppten Tat. Aber ich habe ihn ja nie gekannt; er blieb zu abstrakt, um starke Gefühle zu entwickeln. Ein kritisches Bewußtsein ruft so etwas natürlich hervor.
Dutschke: Man muß unterscheiden zwischen einem etwas verrückten Josef Bachmann, der auf meinen Vater geschossen hat, und einer Presse und einer Staatsmacht. Ich habe die Briefe gelesen, die Rudi seinem Attentäter geschrieben hat. Mein Vater war ein Optimist, der an die Menschen geglaubt hat. Er mußte Bachmann verzeihen, um seine Ideale zu behalten. Aber deswegen muß ich nicht auch die Springer-Presse und die Staatsmacht freisprechen.
SPIEGEL: Ist Ihnen die Staatsmacht schon mal zu nahe gekommen?
Ohnesorg: Mir nicht.
Dutschke: Mir schon. Ich habe mit der deutschen Polizei einige unerfreuliche Begegnungen gehabt, bin plötzlich im Zug von sechs Zivilbeamten mit vorgehaltener Pistole durchsucht worden. Haß ist es nicht; aber ich weiß, wir stehen nicht auf derselben Seite.
SPIEGEL: Auf welcher Seite steht die deutsche Polizei?
Dutschke: Nicht auf meiner jedenfalls.
SPIEGEL: Waren Sie schon einmal auf einer Demonstration, die gewalttätig wurde?
Ohnesorg: Bei uns in Hannover gibt es die Chaos-Tage. Eine interessante Sache, aber ich möchte bei so etwas nicht mitmachen. Es ist zuviel Trubel.
Horlemann: Ich war noch nie dabei, wenn es gewalttätig wurde - außer in den Sechzigern natürlich, als mich die Eltern zu den Demonstrationen mitschleppten. Bei Gewalt würde ich wegrennen.
Dutschke: Während des Golfkriegs habe ich in Berlin studiert. Da haben wir zigmal die Uni besetzt und bestimmt jeden dritten Tag demonstriert. Einmal waren es 10 000 Leute und 5000 Polizisten, da haben sie angefangen, sich zu schlagen.
SPIEGEL: Und dann?
Dutschke: Bin ich davongelaufen.
SPIEGEL: Herr Dutschke, Ihr Taufschein liest sich wie ein politisch-philosophisches Programm: Hosea, der Prophet aus dem Alten Testament, und Ché Guevara, der Revolutionär mit Knarre und Zigarre. Wie lebt es sich mit solch einem Namen?
Dutschke: Normalerweise sage ich nur Hosea, nicht Che. In Berlin habe ich auch vermieden, meinen Nachnamen zu nennen. Ich wollte Leute kennenlernen, ohne daß die zu wissen glauben, wer ich bin.
Ohnesorg: Mich spricht man nur ganz selten darauf an.
Horlemann: Bei mir in der Schule kannten nur der Direktor und mein Klassenlehrer den Namen Horlemann. Das waren ehemalige Genossen.
SPIEGEL: Ihr Vater Jürgen Horlemann war als KPD-Spitzenfunktionär so etwas wie der kleine Mao Tse-tung der Bundesrepublik. Wie war es, einen Berufsrevolutionär am Frühstückstisch sitzen zu haben?
Horlemann: Beim Frühstück habe ich ihn selten erlebt. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich vier Jahre alt war. Meine ältere Schwester und ich haben unseren Vater nur noch sporadisch gesehen. Ich hätte gern gehabt, daß er mir mehr Aufmerksamkeit schenkt. Aber die Arbeit stand immer an erster Stelle.
SPIEGEL: Keine Umerziehungsversuche in den Ferien?
Horlemann: Wir sind öfters zusammen auf einen Campingplatz in Rheinland-Pfalz, der seiner Mutter gehörte. Da ist ein See gewesen und viel Wald, eine schöne Gegend zum Wandern. Wir haben wenig über Politik gesprochen. Er hat sich mehr gekümmert um die Sachen, die weiter weg waren. Bei den Leuten, die unmittelbar mit ihm zu tun hatten, gab es Schwierigkeiten. Ich habe ihn sehr gern gehabt; aber er war ein sehr strenger Mann, der von anderen genausoviel erwartete wie von sich selbst.
SPIEGEL: Die Wortführer der Studentenbewegung wollten die ganze Gesellschaft zur Universität machen, um die Entfremdungszusammenhänge bewußt zu durchschauen. Für Kinder eine grauenhafte Vorstellung, so eine Schule rund um die Uhr. Wie war das in der Familie Dutschke?
Dutschke: Rudi war das halbe Jahr unterwegs. Aber wenn er dann zu Hause war, hat er auch viel mit uns gespielt: Fußball, Schach und alles mögliche. Er hat natürlich auch beim Spielen politisch erzogen. Ich weiß noch, wie er mir mit Bananen den Kapitalismus erklären wollte. Das ging so: Wenn man zur Arbeit geht, verdient man fünf Bananen, und vier der Bananen muß man gleich dem Kapitalisten abgeben und behält selbst nur eine.
SPIEGEL: Gretchen Dutschke, Ihre Mutter, berichtet, daß in Ihrem Kinderwagen einmal Dynamitstangen transportiert wurden, während Sie zur Tarnung obendrauf lagen.
Dutschke: Es war eine völlig verrückte Idee. Nach zehn Minuten sind sie das Dynamit zum Glück wieder losgeworden.
SPIEGEL: Würden Sie Ihre eigenen Kinder auf Sprengstoff betten?
Dutschke: Nein. Aber Revolutionäre sind deshalb noch keine schlechten Eltern.
SPIEGEL: Sie drei haben sich früher schon öfters getroffen. Wie kommt das?
Ohnesorg: Durch unsere Mütter.
Horlemann: Hoseas und meine Mutter haben die gleichen Umstandskleider getragen. Die kannten sich aus den Meetings und waren ja alle zur gleichen Zeit schwanger.
SPIEGEL: Aber außer den Umstandskleidern Ihrer Mütter: Glauben Sie, daß Sie drei etwas gemeinsam haben?
Dutschke: Ich denke, daß da eine Verbindung ist. Wir haben alle den Vater verloren und müssen mit unseren Namen leben. Manchmal ist es schon ein starkes Gefühl.
SPIEGEL: Sind Sie neidisch auf die wilden Jahre Ihrer Eltern?
Horlemann: Nein.
Dutschke: Ich bin froh, daß ich jetzt lebe.
Ohnesorg: Auf die Partys bin ich neidisch. Aber auf den allgemeinen Muff ringsum nicht: Der Bruder meines Vaters ist für seine langen Haare noch auf offener Straße geohrfeigt worden, von einem wildfremden Passanten.
SPIEGEL: Vor 30 Jahren haben Ihre Eltern Marcuse, Adorno, Marx und Bloch gelesen. Können Sie diese Leidenschaft für Theorie nachvollziehen?
Dutschke: Bei Karl Marx bin ich auf Seite zweihundertnochwas zusammengebrochen. Da war dann Schluß.
SPIEGEL: Kam der Meister zurück in die Leihbibliothek?
Dutschke: Nein, es waren ja die alten Bücher von Rudi. Jetzt steht der Marx im Keller. Es waren zu viele Bücher. Die haben so verflucht viel gelesen damals, haben kaum etwas anderes gemacht. Rudi hatte eine große Tasche, ich konnte sie überhaupt nicht schleppen, so viele Bücher waren darin. Die mußte er immer mithaben, für den Fall, daß er ins Gefängnis kam. Ich habe auch gelesen, aber Zitate lernen? Nee. Das letzte Buch, was mich wirklich beeindruckt hat, war von Primo Levi, die Erzählungen aus dem Konzentrationslager.
Horlemann: Marx, Mao, Marcuse? Ich kenne gerade noch die Namen. Sigmund Freud fand ich spannender.
Ohnesorg: Mein letztes interessantes Buch war von Boris Vian: "Ich werde auf eure Gräber spucken".
SPIEGEL: Vor genau 30 Jahren führte der SPIEGEL ein Gespräch mit Rudi Dutschke. Da war die Rede von langen Prozessen der Bewußtwerdung, an deren Ende ein irdischer Garten Eden stehen würde. Ist Ihnen dieser Glaube an die Veränderbarkeit des Menschen fremd?
Dutschke: Nein. Ich kann es nachvollziehen, ganz bestimmt. Nur ob dieser Prozeß so bewußt ist, wie sie damals gehofft haben, bezweifle ich. Vieles, was für uns ganz normal ist, wie Frauenbewegung oder moderne Kindererziehung, kommt von 1968. Heute reden die Leute vielleicht nicht mehr so revolutionär, aber sie verhalten sich kritischer und aufgeklärter. Damals war es ja nur eine ganz kleine Gruppe. Heute ...
SPIEGEL: ... trennt man seinen Müll?
Dutschke: Klar, das ist Alltag geworden, und darin liegt gerade der Unterschied zu 1967. Die redeten über die Trennung der Klassen und die Erziehung des Menschengeschlechts, wir füllen die Bio-Tonne und diskutieren mit den Kindern, ob man sich Schwarzenegger-Filme anschauen soll.
SPIEGEL: Ihr Vater wollte Lenin auf die Füße stellen und in West-Berlin das Rätesystem aufbauen. Sie kommen gerade von einer Baustelle in Norddänemark.
Dutschke: Die studentische Wohnsituation ist ziemlich schlecht in Dänemark. Da haben wir im AStA überlegt: Was tun? Weil eine Studentenbewegung ohne Geld nicht stark ist, haben wir Kapital aufgenommen und Immobilien gekauft. Natürlich als Stiftung, mit politischem Programm. Bis heute haben wir 300 bis 400 Studenten unter Dach gebracht.
SPIEGEL: Herr Ohnesorg, Sie sind gerade dabei, Ihr Studium als Kulturpädagoge zu beenden und gestalten im Internet nebenbei die Home-Page "Ilsemann" für Underground-Comiczeichner. Das klingt nicht so, als wären Ihnen die Ideen und Phantasien der 68er besonders nahe?
Ohnesorg: Es gibt schon ein paar Punkte, an denen das anknüpft. Zum erstenmal gibt es mit dem Internet ein Massenmedium, in das jedes Individuum, das Zugang hat, auch selbst Informationen einbringen kann. Eigentlich ein großes Teach-in. Und daß es im Netz Zensur nur freiwillig geben kann, hätte unseren Vätern auch sehr gefallen.
Dutschke: Aber bei den Teach-ins gab es noch Gesten und Augenkontakt. Im weltweiten Computernetz hat jeder eine Stimme, aber dennoch hört ihm keiner zu. Für mich könnte das auch die totale Antidemokratie werden und Entfremdung.
SPIEGEL: Ihr Vater, Frau Horlemann, hat sich nach dem Attentat auf Rudi Dutschke ein Megaphon vorgehalten und den Studenten gesagt: "So, jetzt gehen wir zum Springer-Hochhaus!" Sie stehen jeden Abend auf der Bühne vor einem Mikrophon und machen Ihre Performance.
Horlemann: Wenn ich auf die Bühne gehe, erzähle ich meine Geschichten. Ich mache keine Aufrufe. Mir geht es nicht um eine Wahrheit. Was meinen Beruf angeht, bin ich von meiner Mutter geprägt. Sie hat immer viel Wert auf Sprache gelegt. Bei ihr ist alles mehr eine Frage der Ästhetik.
SPIEGEL: Eine politische Überzeugung hatten Sie nie?
Horlemann: Mit zwölf war ich in der Friedensinitiative, wie alle in der Klasse. Jetzt versuche ich mich mit den Leuten, die unmittelbar um mich herum sind, zu arrangieren. Natürlich bin ich gegen soziale Ungerechtigkeit und Diktaturen. Aber ist das eine politische Überzeugung?
SPIEGEL: Für Ihre Eltern war der 2. Juni 1967 ein historischer Einschnitt. Gab es in Ihrem Leben auch solch einen Tag, der alles verändert hat?
Dutschke: Der 24. Dezember 1979 natürlich, als Rudi starb. Und der Tag, als Olof Palme erschossen wurde. Da saß ich in einem Taxi und habe das gehört.
Horlemann: Für mich war es der Fall der Mauer. Ich habe gearbeitet an diesem Abend in der Kneipe als Kellnerin. Da kamen Gäste und sagten: Die Mauer ist offen. Wenn noch Platz gewesen wäre, hätte ich mich auf die Mauer gestellt.
Ohnesorg: Tschernobyl hat mich sehr beeindruckt damals. Eine ganz eigenartige Stimmung. Da passierte Tausende Kilometer entfernt etwas, und jeder war betroffen.
SPIEGEL: Ihre Eltern konnten die Linienkämpfe der Kommunistischen Partei in China bis ins Detail nachbeten - die Kinder spüren die globalen Zusammenhänge, weil sie keine Milch mehr trinken dürfen, wenn in der Ukraine ein Atommeiler durchbrennt. Ist Ökologie der Internationalismus von heute?
Horlemann: Wirklich interessieren tut doch Politik kaum noch jemanden. Die Leute wollen, daß der Staat sie gut versorgt, aber wenn nicht gerade irgendwo ein Flughafen gebaut wird, interessieren sie sich nicht groß dafür.
Dutschke: Die interessieren sich für anderes. Ich erlebe es sehr deutlich jetzt an meinen Kindern, im Kindergarten.
SPIEGEL: Worüber wird im Kindergarten diskutiert?
Dutschke: Nicht über antiautoritäre Erziehung jedenfalls, das ist doch ein bißchen passé.
Horlemann: Antiautoritäre Erziehung? Bei uns wurde nicht diskutiert, ob ich, wenn es kalt draußen ist, einen Schal anziehe oder nicht; einige Dinge waren einfach so.
SPIEGEL: Und Sie haben nicht rebelliert?
Horlemann: Die Machtverhältnisse waren ganz klar.
SPIEGEL: Wie ist die Autoritätsfrage bei Ihnen zu Hause geregelt, Herr Dutschke?
Dutschke: Es klingt blöde, aber ich nenne es die kritisch-autoritäre Erziehung. Klar, ich bin eine Autorität für meinen Sohn. Aber gleichzeitig versuche ich, so gut es geht, ihn nicht zu unterdrücken. Er ist ja erst zweieinhalb Jahre alt. Man sollte immer versuchen, eine Gleichheit zu bewahren.
SPIEGEL: Also konkret: Sie sagen: "Du gehst jetzt ins Bett." Dann sagt er: "Nein." Und dann?
Dutschke: Ich lege ihn ins Bett. Dann steht er wieder auf. Ich lese ihm vor. Dann bekommt er drei, vier Bücher mit ins Bett. Es funktioniert meistens, wenn ich ihm irgendwie entgegenkomme.
SPIEGEL: Bücher als Schlafmittel? Wenn das der Vater wüßte ...
Dutschke: Wenn Rudi da war, hat er auch noch eine Stunde mit uns gelesen, bis wir eingeschlafen sind.
Horlemann: Lesen geht in Ordnung. Aber was passiert, wenn dein Sohn irgendwann abends noch Fernsehen gucken will?
Dutschke: Natürlich, es gibt immer Diskussionen. Manchmal weiß ich es besser und muß Autorität sein. Aber es kann auch sein, daß er mich überzeugt, unbedingt dieses Programm um elf Uhr sehen zu müssen. Früher, als Rudi noch lebte - Rudi war sehr sportinteressiert und ich dann natürlicherweise auch -, gab es oft um halb zwölf Fußball im Fernsehen, das wollte ich auch im-
mer mit sehen.
SPIEGEL: Er hat zu Deutschland gehalten bei Länderspielen?
Dutschke: Klar, natürlich.
SPIEGEL: Sie selbst leben als bürgerliche Kleinfamilie?
Dutschke: Im Prinzip ja, ganz konventionell. Aber wir haben überlegt, mit zwei anderen Familien zusammenzuziehen - ich würde es aber nicht gleich Kommune nennen.
Horlemann: Ich lebe in einer Zweckgemeinschaft mit meinem Ex-Ex-Ex-Freund zusammen. Seit zwölf Jahren mittlerweile. Die Miete ist billiger, wenn man sie teilt. Am liebsten würde ich alleine wohnen.
SPIEGEL: Ihre Väter konnten sich noch hinstellen und sagen: In einer großen revolutionären Anstrengung von Hanoi bis Bolivien wird sich die Menschheit vom Kapitalismus befreien, und in pausenlosen Wohngemeinschafts-Debatten werden wir unserer eigenen Kleinbürgerlichkeit entfliehen ...
Horlemann: Das ist 30 Jahre her, und die waren alle noch ein paar Jahre jünger als wir jetzt. Ich denke manchmal, das hat auch mit dem Alter zu tun. Die Studentenbewegung, das waren eben auch sehr junge Leute.
Ohnesorg: Im Gegensatz zu damals ist die Lage heute zu ernst für abstrakte Ideologiedebatten. Das war so eine Art Luxus. Bei den Chaos-Tagen in Hannover zum Beispiel sind viele Leute dabei, die keine Lehrstelle und sowieso nichts zu verlieren haben. Da treffen sich Punks und Skins und irgendwelche Hip-Hop-Schläger, die eigentlich voneinander gar nichts wissen wollen, aber die alle sozial auf derselben Stufe stehen, ganz unten.
Dutschke: Damals sind die Arbeiter sowieso nicht eingestiegen. Die treibende Kraft war eigentlich die im Wohlstand lebende Mittelstandsjugend. Für die meisten war das ein Kampf gegen ihre Väter.
SPIEGEL: Den müssen Sie nicht kämpfen?
Dutschke: Also ich nicht.
SPIEGEL: Damals gab es das Großkapital, den US-Imperialismus und den Nazi-Vater. Drei klare, böse Sachen, die immer abrufbar waren. Darauf konnte man sein Leben einstellen. Gibt es solche Feindbilder noch?
Dutschke: Die Welt ist kompliziert. Als ich jünger war, habe ich bei McDonald''s Beton in die Toiletten gekippt. Heute kaufe ich dort Burger. Du kannst natürlich gegen einen Atomreaktorunfall sein. Aber wo ist der Gegner?
Ohnesorg: Das sind heute eher Sachen wie Lüge oder Neid. Dieser Glaube an das Gute und daß eigentlich alle die gute Sache einsehen werden, wenn man sie nur darauf bringt - das war ein Gedanke, der sich als falsch erwiesen hat. Da gibt es zu viele, die das Gute und Vernünftige einfach nicht wollen.
Dutschke: Die Generation unserer Väter war so fest in dieses ideologische Überdings eingewickelt, daß sie gar nicht mehr heraussehen konnten. Rudi vielleicht noch am wenigsten. Aber viele kannten die Gesellschaft nur aus Büchern, die im 19. Jahrhundert geschrieben worden sind. Deswegen ist ihre Revolution fehlgeschlagen.
SPIEGEL: Am 2. Juni 1967 arbeitete Jürgen Horlemann in Schweden zusammen mit Peter Weiss am Theaterstück "Viet Nam Diskurs". Rudi Dutschke war gerade in Hamburg, als Benno Ohnesorg sich zur Deutschen Oper aufmachte. Was werden Sie am 2. Juni 1997, dem 30. Jahrestag der tödlichen Schüsse, tun?
Ohnesorg: Feiern. Die letzte Diplomprüfung.
Horlemann: Am 2. Juni werde ich mich aufs Berliner Chansonfest vorbereiten.
SPIEGEL: Was werden Sie singen?
Horlemann: Ein Lied heißt "Wo". Der Refrain beginnt: "Wieviel Zeit meines Lebens vertat ich schon mit Suchen?"
SPIEGEL: Und Sie, Herr Dutschke?
Dutschke: Ich werde wohl auf dem Spielplatz sein und auf meine Kinder aufpassen.
SPIEGEL: Frau Horlemann, Herr Dutschke, Herr Ohnesorg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Rudi Dutschke und Jürgen Horlemann

gehörten zu den wichtigsten Anführern der 68er. Dutschke, der charismatische Redner, starb 1979 an den Spätfolgen eines Attentats. Der Theoretiker Horlemann gründete 1970 die maoistische KPD/AO und gab im heute noch bestehenden "Verlag Horlemann" Autoren der Dritten Welt heraus. 1995 starb er an Magenkrebs.
Lukas Ohnesorg wurde vier Monate nach dem gewaltsamen Tod seines Vaters Benno geboren. Er ist dabei, sein Studium der Kulturpädagogik abzuschließen, und arbeitet für ein hannoversches Comic-Magazin. Die Berlinerin Mai Horlemann ist eine von der Kritik gefeierte Sängerin eigener Chansons. Hosea Che Dutschke studierte Politologie und lebt heute mit seiner Familie im dänischen Århus.
Alle drei sind 29 Jahre alt und kennen die Väter vor allem aus Geschichtsbüchern.
Das Gespräch führten die Redakteure Thomas Hüetlin, Alexander Smoltczyk und Michael Sontheimer. * Links: bei den Chaos-Tagen in Hannover; rechts: bei einer Demonstration in Berlin nach dem Dutschke-Attentat.
Von Thomas Hüetlin, Alexander Smoltczyk und Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 23/1997
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