02.06.1997

TERRORISMUS„Stranger from Germany“

Ein deutscher Sonderling versteckt sich vor der Welt, weil er vielen Amerikanern als ein rechter Drahtzieher des Oklahoma-Anschlags gilt.
Kein Namensschild an der Tür verrät ihn, sein Briefkasten trägt nur eine Nummer. Vor dem Haus wirbelt der Wind Müll auf, an der Straße stehen nachts die Huren. Auf der Flucht vor der Weltpresse hat sich Andreas Strassmeir, 38, in einen ärmlichen Winkel Europas zurückgezogen.
Mit zwei Freunden teilt sich der ehemalige Bundeswehrleutnant und Rechtsaussteiger ein sparsam möbliertes Dreizimmerapartment. Wer Strassmeir findet, muß garantieren, seinen derzeitigen Aufenthaltsort nicht zu verraten. Erst dann redet der Deutsche.
Für viele ist der "Stranger from Germany" (THE NEW AMERICAN) ein Hintermann des schlimmsten Terroranschlags auf amerikanischem Boden, ein Drahtzieher des Bombenattentats von Oklahoma City. In Denver setzten sich am Freitag vergangener Woche die Geschworenen zusammen, um ein Urteil über den Hauptangeklagten Timothy McVeigh, 29, zu fällen. Der Ex-GI und Golfkriegsveteran ist ein flüchtiger Bekannter von Strassmeir.
Auch wenn der Deutsche beteuert, in keiner Weise beteiligt gewesen zu sein: In den USA blühen Verschwörungstheorien über ein abenteuerliches Komplott von Ku-Klux-Klan, arabischen Terroristen, der Irisch Republikanischen Armee und deutschen Neonazis - mit Strassmeir im Zentrum.
Als eine zwei Tonnen schwere Bombe aus Düngemitteln und Treibstoff am 19. April 1995 das Bundesbehördenhaus in Oklahoma City aufriß und 168 Menschen tötete, darunter 19 Kinder, platzte auch der amerikanische Traum von der Sicherheit vor Terror im eigenen Hinterland. Am Tatort versprach Präsident Bill Clinton dem geschockten Land, alles zur Ergreifung der Täter zu tun, und er forderte für sie auch gleich die Todesstrafe.
Die Mörder wurden zunächst im Nahen Osten vermutet. Für das Verfahren trugen die Ermittler mehr als 20 000 Zeugenaussagen zusammen. Die verschiedenen amerikanischen Polizei-, Geheim- und Abhördienste haben ihre Erkenntnisse auf 160 000 Aktenseiten niedergeschrieben.
Daß aber nur McVeigh wegen Mordes angeklagt wurde, ist für viele Amerikaner kaum zu fassen. Zwar soll er mit Terry Nichols, dessen Prozeß noch bevorsteht, einen Komplizen gehabt haben. Auch glauben viele immer noch an einen weiteren Helfer - aber daß nur drei Männer die Tat begangen haben könnten, kommt den Verteidigern des Angeklagten ebenso wie Angehörigen von Opfern wenig glaubhaft vor. Sie pflegen Verschwörungstheorien.
Als bekannt wurde, daß McVeigh wenige Tage vor dem Anschlag versucht hatte, Strassmeir anzurufen, paßte die Nachricht ausgezeichnet ins Konzept. Denn Strassmeir, ein Sonderling und Träumer, hauste damals in dem entlegenen Hüttendorf Elohim City an Oklahomas Staatsgrenze zu Arkansas.
Elohim City gilt als Rückzugsort für religiöse Sektierer rechter Couleur, in deren Augen Bundesbehörden ein Werk des Teufels sind. Die Bewohner sehen sich als Nachfahren der vor 3000 Jahren verschollenen Stämme Israels.
Der wie ein alttestamentarischer Stammesfürst regierende Prediger Robert Millar bot in Elohim City auch Rechtsextremisten wie dem ehemaligen Ku-Klux-Klan-Führer Dennis Mahon und dem Neonazi Tom Metzger wochenlang Zuflucht. So fand zumindest Mahon engen Kontakt zu Strassmeir, der als Sicherheitschef der paranoiden Sektierer fungierte und von einer Waffenmesse zur nächsten tingelte - wobei er auch McVeigh kennenlernte.
Die Verbindung von McVeigh zu Strassmeir eröffnete ganz neue Möglichkeiten für Verschwörungstheoretiker: Strassmeir ist nicht nur Ex-Leutnant einer Panzergrenadiereinheit der Bundeswehr, zudem Waffennarr und Hobbyhistoriker mit einem Faible für die geschlagenen rassistischen Südstaaten im Bürgerkrieg. Er ist auch Sohn des ehemaligen Parlamentarischen Staatssekretärs Günter Strassmeir (CDU), der einer von Kanzler Kohls Wendehelfern war.
Auch wenn sich die US-Behörden nach der Ermittlung seiner Lebensumstände in Elohim City für Strassmeir offenbar nicht mehr interessierten: Für manche amerikanischen Medien ist der eher linkisch und harmlos scheinende Mann mal ehemaliger GSG-9-Elitekämpfer, mal Verdeckter Ermittler und Provokateur in der rechten Szene. Gestreut wurden derartige Legenden vor allem von einer seltsamen Allianz: McVeighs Verteidiger arbeiteten dabei im Gleichklang mit Nebenklägern.
Das Interesse der Verteidigung: Sie wollte McVeigh nur als Handlanger dastehen lassen, als kleines Rädchen in einer internationalen Verschwörung. Dieses Bild sollte seine Schuld mindern.
Das Interesse der Nebenkläger: Wäre die Bombe das Werk eines Komplotts, hätten Behörden vorher davon Wind bekommen können. Zumindest eine Informantin hatten US-Fahnder tatsächlich in Elohim City, und um Strassmeir ranken sich nach wie vor Gerüchte. Schließlich hielt er sich mit seinem deutschen Paß jahrelang in den USA auf - für viele ein Indiz, daß amerikanische Beamte ihm geholfen haben. Und dafür soll er sich durch Spitzeldienste revanchiert haben.
Ließe sich diese Räuberpistole beweisen, könnten die Angehörigen der Opfer in einem späteren Zivilprozeß den Staat als untätigen Mitwisser auf Schadensersatz in Millionenhöhe verklagen.
Von Gamerschlag und

DER SPIEGEL 23/1997
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