09.06.1997

BRANDANSCHLAG„Wahrheit wird ihn einholen“

Jens Leonhardt, der Kronzeuge im Lübecker Prozeß, über den Antrag der Staatsanwaltschaft auf Freispruch
Leonhardt, 26, war als Rettungssanitäter im Einsatz, als im Januar letzten Jahres in der Lübecker Hafenstraße ein Asylbewerberheim in Brand gesteckt wurde. 10 Menschen starben, 38 wurden verletzt. Einer der Verletzten, der Libanese Safwan Eid, erklärte ihm angeblich: "Wir warn''s." Leonhardt zögerte einen Tag, dann ging er zur Polizei - und wurde Kronzeuge der Anklage.
SPIEGEL: Herr Leonhardt, die Staatsanwaltschaft hat jetzt für den Angeklagten Safwan Eid Freispruch beantragt. Sind Sie ein Denunziant?
Leonhardt: Nein, ich bleibe bei meiner Darstellung. Safwan Eid hat zu mir gesagt: "Wir warn's." Er hat deutlich gesprochen.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich von der Staatsanwaltschaft verschaukelt?
Leonhardt: Würde ich nicht sagen. Das Gesetz ist so, und wenn der Staatsanwalt danach handelt, dann ist das wohl richtig. Entscheidend ist ja, daß nicht alle Beweismittel vom Gericht anerkannt wurden und daß die Verteidigung versucht hat, Zeugen als unglaubwürdig darzustellen.
SPIEGEL: Sind Sie unfair behandelt worden?
Leonhardt: Im Vorfeld hat die Verteidigerin Gabriele Heinecke versucht, mich in die rechtsradikale Szene zu stecken. Sie bemühte sich, mir zu unterstellen, daß ich mir die Sache ausgedacht habe, daß ich lüge. Außerdem hat die Verteidigung mit Safwan Eid regelrechte Veranstaltungen wie Kaffeefahrten durchgeführt und versucht, den Staat mit anzuklagen.
SPIEGEL: Welche Auswirkungen hat die Zeugenaussage auf Ihr Leben gehabt?
Leonhardt: Ich hatte das Gefühl, daß mich immer alle anstarren, bei der Arbeit, auf der Straße. Die Polizei war bei meinen Eltern, bei meiner Großmutter, das hat mich schockiert. Überall haben mir Journalisten aufgelauert, vor der Haustür, sogar im Urlaub einige Zeit später. Ich habe schließlich nach jedem Auto vor dem Haus geschaut und überlegt, wer da wohl drinsitzt.
SPIEGEL: Wie sind Sie mit der Situation fertig geworden?
Leonhardt: Zeitweise bin ich fast hysterisch geworden. So habe ich mir die Haare wachsen lassen, obwohl ich sie eigentlich seit langem nur kurz trage, weil ich Geheimratsecken habe. Auch bestimmte Stiefel habe ich nicht mehr angezogen - bloß, weil ich nicht zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt werden wollte. Diese panischen Reaktionen habe ich mir inzwischen wieder abgewöhnt.
SPIEGEL: Wie?
Leonhardt: Ich habe mir immer und immer wieder klargemacht: Du hast doch nur die Wahrheit gesagt, sonst nichts.
SPIEGEL: Und das hat geholfen, zu einem normalen Leben zurückzufinden?
Leonhardt: Ich arbeite wieder in meinem alten Job, gehe mit Freunden an den Strand und bewege mich in Lübeck, fast als sei nichts gewesen.
SPIEGEL: Bleiben da nicht Ressentiments zurück?
Leonhardt: Manchmal habe ich gedacht: Das ist typisch Westen, wäre ich doch in der ehemaligen DDR geblieben.
SPIEGEL: Wurden Sie während des Prozesses unter Druck gesetzt?
Leonhardt: Überhaupt nicht. Ich habe weder Drohanrufe noch entsprechende Briefe erhalten. Es gab auch keine Demonstrationen vor meinem Haus.
SPIEGEL: Hatten Sie Polizeischutz?
Leonhardt: Nein. Allerdings hat mich die Polizei für eine Woche in einem Hotel in Lübeck untergebracht. Im selben Hotel wimmelte es nur so von Presse. Die Beamten haben noch gescherzt: "Wir stecken dich in die Höhle des Löwen." Eines Tages saßen dann beim Frühstück Journalisten, ich glaube von der ARD, bei mir am Tisch. Ich konnte kaum etwas essen, habe nur in meinem Müsli herumgestochert. Aber niemand hat mich erkannt.
SPIEGEL: Haben Sie Eid im Gericht gesehen?
Leonhardt: Wir haben uns zweimal angeschaut, einmal bei einer Befragung durch den Richter und einmal in einer Verhandlungspause; da stand er nur zwei, drei Meter weg von mir.
SPIEGEL: Was hatten Sie für ein Gefühl dabei?
Leonhardt: Das war unangenehm, weil er ja wußte, daß er nur wegen mir auf der Anklagebank saß. Es war eine ganz besondere Spannung im Raum. Er und ich sind die einzigen, die wissen, was er an jenem Morgen zu mir gesagt hat. Egal, wie das Verfahren ausgeht: Eines Tages wird ihn die Wahrheit einholen. Das muß sein Gewissen beschäftigen, mich würde so etwas niemals loslassen.
SPIEGEL: Glauben Sie denn, daß Safwan Eid das Feuer gelegt hat?
Leonhardt: Wenn er sagt "Wir warn's", dann kann man nicht automatisch sagen, daß "er" es war. Ich sage mir immer, "wir", das bedeutet, daß es mehrere waren. Er hat sicherlich von der Tat gehört oder sie gesehen, vielleicht auch mitgemacht.
SPIEGEL: Haben Sie den Eindruck, die Staatsanwaltschaft hat unzureichend ermittelt?
Leonhardt: Das kann ich nicht beurteilen. Mich hat nur verwundert, daß zu lesen war, Beweisstücke seien verlorengegangen oder verschwunden.
SPIEGEL: Was denken Sie, wenn Safwan Eid Ende des Monats freigesprochen wird? Könnten Sie das verstehen?
Leonhardt: Der Richter wird das nach dem Gesetz entscheiden. Wie der Richter einzelne Beweise bewertet, da weiß ich nicht immer, ob das richtig ist.
SPIEGEL: Würden Sie sich nach Ihren Erfahrungen bei einem anderen Fall wieder als Zeuge melden?
Leonhardt: Ja, sicherlich. Wenn jemand gegen ein Gesetz verstößt, dann darf man nicht wegschauen. Das gibt es nicht für mich. Auch wenn ich wüßte, daß es wieder solch einen Rummel geben würde - ich würde es wieder tun.
Von Mohr und

DER SPIEGEL 24/1997
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