16.06.1997

Kinder für Führer und Stasi

Die Zucht arischer Herrenmenschen im „Lebensborn“ war eine der makabersten Ausgeburten nationalsozialistischen Rassenwahns. Die DDR schlug aus der Nazi-Hinterlassenschaft Kapital. Die Stasi raubte „Lebensborn“-Kindern ihre Biographien, um ihre Agenten im Westen zu plazieren - getarnt mit einer scheinbar perfekten Legende.
Der Genozid gehört zum Nazi-Rassenwahn wie der "Lebensborn". Wurde auf der einen Seite "lebensunwertes Leben" vernichtet, sollte auf der anderen die arische Elite gezeugt werden.
Die Erbauer des sozialistischen deutschen Teilstaats waren stolz darauf, dem nationalsozialistischen Terrorregime stets Paroli geboten zu haben, der Antifaschismus gehörte zu den Essentials der Kommunisten.
Und doch bedienten sich die neuen Machthaber in Deutschland Ost ohne Skrupel eines aus Menschenverachtung geborenen Erbes der Nazis, um ihre Macht zu sichern, der Überlebenden aus Heinrich Himmlers Lebensborn, nach dem Motto: Im Kampf gegen den Klassenfeind ist jedes Mittel erlaubt.
Im Dezember 1935 gründete der vom Rassenwahn besessene Reichsführer SS, Heinrich Himmler, den Lebensborn e. V. Ziel des Vereins: von ausgewählten arischen Herrenmenschen Kinder zeugen zu lassen, die dem nationalsozialistischen Menschenideal entsprachen. Außerdem sollte der Verein in ganz Europa geeignete Kinder germanischen Typs einsammeln und in eigens eingerichtete Lebensborn-Heime im Reich verbringen, um sie dort im NS-Geist aufzuziehen.
Adolf Hitler, mit der Himmlerschen Wahnidee konfrontiert, hatte gezögert. Als aber der Rassenfanatiker vorrechnete, sein Lebensborn könne dem Reich später eine "Armee von 400 000 Mann" für den Kampf um die Weltherrschaft bescheren, war der Führer überzeugt. Er schwärmte, notierte sein Protokollant Henry Picker, "man müsse überall dorthin, wo die Zusammensetzung der Bevölkerung blutsmäßig schlecht sei, Elitetruppen zur Auffrischung bringen. Schon in 10 bis 20 Jahren wirke sich das segensreich aus"*.
Lebensborn operierte unter strengster Geheimhaltung. Um den Verein aus dem NSDAP-Parteiapparat herauszuhalten, verlegte Himmler die Münchner Zentrale in ein Haus, das Thomas Mann abgenommen worden war. Auf das Postscheckkonto 26699 mußten alle SS-Führer Zwangsbeiträge überweisen.
Mit dem Geld wurden allein in Deutschland neun Kinderheime errichtet, die "Schwarzwald" hießen oder "Kurmark" - und dem Rassenwahn dienten. Bis Kriegsende
kamen in Deutschland rund 11 000 Lebensborn-Kinder zur Welt, gezeugt vor allem von Angehörigen der SS. Er freue sich, lobte Hitler deren Eifer, daß gerade SS-Elitetruppen ihre Verpflichtung, Kinder in die Welt zu setzen, als völkische Verpflichtung betrachteten.
Wem die Babys gehörten, stellte die einer Taufe ähnliche Fahnenweihe klar. Dabei wurde der Säugling unter eine Hitler-Büste gelegt, umgeben von Lorbeerbäumen, der SS-Fahne und einem Foto der Mutter. Zu Haydnschen Variationen des Deutschlandliedes berührte der Heimleiter das Neugeborene mit dem SS-Dolch und sprach Sätze wie: "Ich gebe dir den Namen Hartmut. Werde ein harter Mann!"
Rekrutiert wurde der Nachschub für die Lebensborn-Heime außer durch Freiwillige an der Heimatfront bei den unterjochten europäischen Völkern: Der "Eindeutschung rassisch wertvoller Kinder" fielen Kinder in Frankreich, den Benelux-Staaten, Dänemark und Polen zum Opfer. Sie wurden ihren Eltern entrissen und in Heime nach Deutschland verschleppt. Ausgesucht wurden die Jungen und Mädchen nach sogenannten Ariertabellen der SS, wichtigstes Kriterium war die Distanz zwischen Stirn und Hinterkopf.
Norwegischen Kindern blieb diese Prozedur erspart. Norweger, glaubte Himmler, hätten als direkte Nachfahren der Wikinger zwangsläufig Kühnheit, Stärke und Härte im Gen - wie geschaffen zu Zuchtzwecken. Taten sich ein tapferer deutscher Soldat und eine starke blonde Norwegerin zusammen, so Himmlers schlichte Rechnung, dann müsse Besonderes entstehen - der Turbo-Teutone.
So erreichte die über 400 000 deutschen Soldaten in Norwegen ein zynischer Kampfauftrag: Affären für den Führer. "In tiefstem sittlichen Ernst" erging in einem Rundschreiben mit dem Titel "SS für ein Großgermanien, III. Folge, Schwert und Wiege" die Anordnung, "daß deutsche Soldaten so viele Kinder wie möglich zeugen, egal, ob ehelich oder unehelich". Die Mütter, so Himmlers Order, sollten dazu gebracht werden, ihre Kinder freiwillig in deutsche Obhut zu geben.
Die regierenden Antifaschisten der Deutschen Demokratischen Republik hatten mit dem unmenschlichen Erbe offenbar keine Probleme, wie jetzt aufgefundene Akten belegen. Schon kurz nach Gründung des SED-Staates kamen die DDR-Geheimdienste auf die Idee, den Lebensborn für ihre Ziele auszubeuten: Sie warben junge DDR-Bürger, die aus Lebensborn-Heimen stammten, als Spitzel an.
Diese Menschen besaßen in Stasi-Augen einen unschätzbaren Vorteil: Sie hatten Anrecht auf einen Paß ihrer Mutterländer - wie der Maschinenschlosser Arnfinn Myklestad.
Myklestad, 1941 in Norwegen geboren und aufgewachsen im Lebensborn-Heim "Sonnenwiese" in Kohren-Salis bei Altenburg, erfuhr Anfang der sechziger Jahre von seiner Herkunft, besorgte sich bei Norwegens Militärmission in West-Berlin einen norwegischen Paß und übersiedelte in den Westteil der deutschen Hauptstadt. Dort warb das Ministerium für Staatssicherheit den vom Westen schnell Enttäuschten an und schickte den Agenten (Deckname "Peter Bernstein") als "Aufklärer" in die Mainmetropole Frankfurt.
Doch die Staatsschützer Ost fanden offenbar nicht genug willige Lebensborn-Helfer. Deshalb verfielen sie auf einen raffinierten Trick: Sie stahlen Lebensborn-Kindern ihre Lebensläufe und stülpten sie ausgewählten Spionen über, die dann, mit einer nach Stasi-Ansicht perfekten Legende getarnt, in den Westen geschleust wurden. Auch das sowjetische KGB bediente sich im deutschen Osten der elternlosen Kinder.
Weil der Lebensweg der Lebensborn-Kinder, meist in zufälligen Verbindungen gezeugt und in Nazi-Heimen erzogen, für die westlichen Geheimdienste in der Regel nicht exakt zu rekonstruieren war, hielt die Tarnung wie im Fall des Ludwig Bergmann trotz Verdachtsmomenten bis zu 20 Jahren und länger (siehe Seite 74).
Die echten Lebensborn-Kinder zahlten einen bitteren Preis. Die SED ließ sie ihr DDR-Leben lang überwachen und blockte jeden Versuch der Betroffenen ab, sich über ihre Herkunft Gewißheit zu verschaffen.
Die genaue Zahl der Spione mit gestohlenen Biographien ist unbekannt, die meisten Akten sind vernichtet. Sicher ist: Noch immer laufen im vereinten Deutschland und anderswo Agenten unerkannt und unbehelligt herum, die irgendwo einen Doppelgänger haben.
Ex-Stasi-Chef Erich Mielke und seine Untergebenen schweigen, und der frühere Oberspion Markus Wolf, 34 Jahre Leiter der Auslandsaufklärung der Stasi, hat das Kapitel in seinen just erschienenen Erinnerungen an die goldene Agentenzeit schlicht vergessen.
Wolf, vom SPIEGEL zwischen zwei Lesereisen befragt, räumte lediglich vage ein: "Die Idee kommt mir bekannt vor. Ich kann mich aber an keinen Fall entsinnen."
Seine Offiziere erinnern sich immerhin an das System: Bis in die siebziger Jahre habe man Lebensborn-Agenten in den Westen geschafft. "Wir waren begeistert von der Masse an personellem Ausgangsmaterial", sagt einer von ihnen - zynischer hätte es Lebensborn-Gründer Himmler nicht sagen können.
Ein halbes Jahrhundert nach dem Beginn der Odyssee müht sich erstmals ein deutsches Amt um das Schicksal der zweimal Betrogenen: In den Katakomben der Berliner Gauck-Behörde tauchten in den vergangenen Wochen erste Dossiers auf, die den Kindesmißbrauch durch beide deutschen Diktaturen belegen. Die Verwalter der Stasi-Akten überprüfen jetzt Listen der Lebensborn-Kinderheime auf dem Territorium der alten DDR. Der Direktor der Stasi-Unterlagen-Behörde, Peter Busse: "Lebensborn-Kinder sollten sich melden. Wir werden versuchen, die Schicksale aufzuklären."
* Henry Picker (Hrsg.): "Hitlers Tischgespräche". Stuttgart 1965. * SS-Ärzte untersuchen im Oktober 1942 polnische Kinder auf ihre Tauglichkeit.
Von Georg Mascolo und Hajo Schumacher

DER SPIEGEL 25/1997
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