16.06.1997

TIERESchuppiger Vielfraß

Eine eingeschleppte Schlangenart terrorisiert die Insel Guam. Mit raffinierten Fallen wollen Wissenschaftler das Reptil unter Kontrolle bringen.
Zur Keuschheit verdammt, blicken die letzten Antipoden-Schnäpper Guams in eine freudlose Zukunft. Nur noch ein paar männliche Exemplare existieren von der raren, ausschließlich auf der Pazifikinsel heimischen Vogelspezies (Myiagra freycinetti), seit das letzte Weibchen in den Händen der amerikanischen Biologin Julie Savidge verschied. "Es war fürchterlich", klagt die Forscherin, "jetzt haben wir nicht einmal mehr die Chance, die Art in Gefangenschaft zu erhalten."
Savidges Zorn richtet sich gegen eine Kreatur, die fast die gesamte Vogelfauna Guams vertilgt hat: Boiga irregularis, die Braune Nachtbaumnatter. Jetzt wollen die Behörden der von den USA verwalteten Insel den "Serienkiller der Artenvielfalt" endlich unter Kontrolle bringen. Präsident Clinton stellte zur Bekämpfung des Kriechtiers 1,5 Millionen Dollar zur Verfügung.
Begonnen hatte das große Fressen, als die Braune Nachtbaumnatter kurz nach dem Zweiten Weltkrieg - vermutlich als blinder Passagier in einem Militärtransport - nach Guam eingeschleppt wurde. Seither läßt sich dort studieren, was geschieht, wenn ein eigentlich harmloses Geschöpf in das falsche Ökosystem gerät.
Ein geborener Killer ist das bis zu drei Meter lange Reptil aus der Gruppe der Trugnattern nicht: Seine Fangzähne sitzen unpraktisch weit hinten im Maul, das Toxin ist schwach und für erwachsene Menschen ungefährlich. In ihrer Heimat - Neuguinea, Nordaustralien und die Salomonen - bleibt Boiga irregularis unauffällig, denn dort muß sie ihren Lebensraum mit Dutzenden anderer Schlangenarten teilen.
Anders auf Guam, wo weder Nahrungskonkurrenten noch natürliche Feinde oder Schmarotzer die Reptilien-Explosion bremsten. 30 bis 50 Baumschlangen wimmeln heute auf einem Hektar Wald, schätzt Thomas Fritts vom National Museum of Natural History in Washington.
Hungern mußten die Immigranten nicht: Sie trafen auf eine ebenso reichhaltige wie arglose Fauna, die noch nie eine vogelfressende Natter erlebt hatte. Der Befehl "wegfliegen, wenn Schlange gesichtet" fehlte in ihrem genetischen Programm. Guams einzige heimische Schlange war blind, wühlte sich durch die Erde und begnügte sich mit Ameisen und Termiten.
12 von Guams 14 Waldvogelarten hat die nachtaktive Jägerin bisher ausgerottet, darunter die Marianen-Flaumfußtaube und den Mikronesischen Honigfresser. Die letzten Vertreter der besonders wehrlosen, weil flugunfähigen Guam-Ralle fanden Asyl auf einem benachbarten Inselchen. Zur Abrundung seiner Diät terminierte der schuppige Vielfraß noch zwei von Guams drei Fledermaus-Arten, dazu sechs Spezies von Echsen.
Das Massaker habe eine Kettenreaktion ausgelöst, klagt Thomas Fritts: "Jetzt haben wir auch noch eine Spinnenplage." Ihrer Hauptfeinde, der Vögel und Echsen ledig, hätten sich Insekten maßlos vermehrt und ihrerseits Horden von Spinnen ernährt. Die haben ihre Netze inzwischen kreuz und quer über das tropische Inselparadies gespannt - ein Horror für Arachnophobe.
Damit ist das Sündenregister der Braunen Nachtbaumnatter längst nicht komplett: So lassen die kletterfreudigen Kriechtiere alle paar Tage den Strom ausfallen, indem sie bei Exkursionen auf Strommasten Überlandleitungen kurzschließen. Allein im vergangenen Jahr gingen auf Guam 173mal die Lichter aus. Und nun, da alle wildlebenden Vögel dezimiert sind, suchen die Biester verstärkt in Siedlungen nach Beute, meucheln Haustiere und plündern Hühnerställe.
Schlimmer noch: Die Reptilien respektieren selbst die menschliche Intimsphäre nicht und dringen ungeniert in Badezimmer und Betten vor. 84 Prozent der Opfer von Boiga-Bissen wurden im Schlaf überfallen, andere erwischte es auf der Toilette.
Wiederholt ertappten Eltern eine Trugnatter, die sich vergebens abmühte, einen Säugling in der Wiege zu verschlingen. Todesfälle sind bisher nicht belegt, mehrere Babys erlitten durch das Schlangengift jedoch einen Atemstillstand und konnten nur knapp gerettet werden.
"Neugeborene ziehen die Tiere an", erklärt der Verhaltensforscher David Chiszar von der University of Colorado, der sich auf das Wahrnehmungssystem von Schlangen spezialisiert hat. Chiszar fand heraus, daß der Geruch von Blut und Fruchtwasser die Braune Nachtbaumnatter zu ihrer Beute führt.
Der Reptilienkundler gehört wie Thomas Fritts zu einem Team amerikanischer Wissenschaftler, das nach Strategien zur Bekämpfung der Landplage forscht. Bisher galt als einzige Gegenmaßnahme, nachts mit einer Taschenlampe bewaffnet die Lästlinge einzusammeln - eine Sisyphusarbeit. Erfolgreich, doch nicht weniger umständlich verliefen Versuche, Fallen mit lebenden Mäusen als Köder zu bestücken.
Die Schlangenjagd vereinfachen soll eine chemische Locksubstanz, die Chiszar derzeit entwickelt. Andere Forscher erproben speziell geformte Röhren, in denen sich die Opfer beim Hindurchkriechen per Hautkontakt vergiften.
Zu den Akten gelegt wurde der Vorschlag, schlangenfressende Raubtiere wie den Mungo auf Guam auszusetzen - sie könnten das Ökosystem noch mehr aus dem Gleichgewicht bringen. "Der effektivste Verfolger wäre ohnehin die Königskobra", sagt Fritts, "bloß könnten die Leute auf Guam protestieren, wenn wir die einführen." Langfristig hoffen die Forscher auf einen gentechnisch hergestellten Impfstoff, der die Schlangen unfruchtbar machen soll.
Bis dahin gilt es, mit nächtlichen Patrouillen und Spürhunden die Trugnatter zumindest von Häfen und Flugplätzen fernzuhalten. Der Alptraum der Ornithologen ist, die Vogelvertilgerin könnte per Luftfracht weitere Pazifikinseln kolonisieren. Schon scheint sie sich auf der Marianen-Insel Saipan auszubreiten; mehrfach wurden Ausreißer auf der Hawaii-Insel Oahu mit ihrer einzigartigen, durch Ratten und Haustiere schon arg dezimierten Vogelwelt gesichtet.
Ein Exemplar schickte sich sogar an, das amerikanische Festland zu erobern, und kam bis nach Texas. Neun Monate lang hatte es in einem Container mit Hausrat ausgeharrt, den eine Soldatenfamilie zurück ins Mutterland verschiffen ließ. Ein abruptes Ende fand die Expedition erst, als das reiselustige Reptil den Heimkehrern aus der Waschmaschine entgegenglitt.
[Grafiktext]
Verbreitung der Braunen Nachtbaumnatter auf der Erde
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Verbreitung der Braunen Nachtbaumnatter auf der Erde
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Von Rigos und

DER SPIEGEL 25/1997
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