23.06.1997

FILMGESCHÄFTGerenne und Geschrei

Steven Spielbergs neuer Dinosaurier-Film „The Lost World“, von August an in den deutschen Kinos, bricht in Amerika etliche Zuschauerrekorde.
Eigentlich schien der Fall erledigt. Im Jahr 1993 zahlten Millionen Kinobesucher in aller Welt Eintritt für das Mega-Spektaktel "Jurassic Park". Wissenschaftler hatten in dem Film Dinosaurier zum Leben erweckt, woraufhin ihre Kreaturen undankbarerweise so allerhand kaputtschlugen. Doch am Ende war die Menschheit gerettet, Regisseur Steven Spielberg um rund 500 Millionen Mark reicher, und alle Riesenechsen waren tot.
Alle Saurier tot? Von wegen. Eines hatte der listige Spielberg seinen Zuschauern in "Jurassic Park" nämlich verschwiegen: Neben der ursprünglichen Drachen-Insel liegt nun auf einmal noch eine weitere. Aha. Und auf der Isla Sorna, wer hätte es gedacht, stromern die Riesenechsen jetzt ebenfalls durchs Gehölz.
"The Lost World" heißt der Nachfolge-Streifen von "Jurassic Park", der am 7. August in den deutschen Kinos anläuft. Die Handlung ist simpel, der Held Ian Malcolm (gespielt von Jeff Goldblum) faßt sie in der amerikanischen Originalversion trefflich zusammen: "Mit Ooohs und Aaahs - so fängt das immer an", sagt er, als seine Gefährten im Busch fasziniert die ersten Saurier sichten, "und dann gibt's Gerenne und Geschrei."
Ob der mageren Story grummeln Kritiker, und ein paar verlorene Paläontologen mäkeln über Ungenauigkeiten. Aber gegen Erfolg läßt sich schlecht argumentieren: Vor vier Wochen kamen Spielbergs Saurier nach Amerika zurück, und schon nach den ersten sechs Tagen hatte das High-Tech-Spektakel in den USA 100 Millionen Dollar (170 Millionen Mark) eingespielt - schneller als jeder andere Film der Kino-Geschichte.
Nun fließen die Millionen zwar deutlich langsamer, aber die Produktionskosten von rund 75 Millionen Dollar sind trotzdem schon dreimal wieder eingespielt. "Das Ding hat jeden existierenden Rekord über den Haufen geblasen", protzt Nikki Rocco, Vertriebschefin der Filmfabrik Universal Pictures.
Nicht schlecht für einen Wiedereinstieg, denn Spielberg, 50, hatte sich eine Midlife-Pause gegönnt, wohl mit Genuß: "Ich trinke, ich rauche, ich mache Babys. Ich habe zwar in drei Jahren keinen Film gedreht, mir aber all diese Sachen angewöhnt."
Verlernt hat der erfolgreichste Regisseur und Produzent aller Zeiten ("Schindlers Liste", "E. T.", "Der weiße Hai") offenbar trotzdem nichts, vielleicht wirkte das Vorlesen von Gutenacht-Geschichten für seine mittlerweile sieben Kinder sogar förderlich auf die Phantasie des Regisseurs.
Nach Märchen-Muster gestrickt hat er auch den neuen Film: Die Guten in "Lost World" sind Wissenschaftler Malcolm und seine tapfere Freundin, eine Paläontologin. Dazu gibt es natürlich, eiserne Regel bei Spielberg, ein Kind in Gefahr, Malcolms Stieftochter. Das Mädchen hat keine große Rolle, sieht aber ungeheuer niedlich aus, und das ist sehr wichtig.
Die wackere Kleinfamilie möchte die Saurier schützen. Die Tiere, dumm wie man in der Kreidezeit nun mal war, wollen den guten Willen freilich nicht honorieren. Besonders rabiat benehmen sich Mama und Papa Tyrannosaurus rex, als Baby Tyrannosaurus rex in Gefahr gerät. Dafür sorgen die Bösen, eine Truppe von finsteren Geschäftemachern, Jägern und Tierquälern.
Die Hauptunterschiede des Nachfolgefilms zum Original sind eher äußerlicher Natur: Zum einen können Interessierte den neuen Geländewagen von Film-Sponsor Mercedes-Benz bestaunen. Den gab es 1993 noch nicht. Zum anderen fressen die Saurier diesmal mehr Menschen. Die WASHINGTON POST warnte, das Gemetzel würde "Kinder und Intellektuelle verschrecken".
Dabei können sich Cineasten auf eine regelrechte Ostereier-Suche freuen. Denn Regisseur Spielberg und sein bewährter Vorlagenlieferant, der Bestsellerautor Michael Crichton, haben fröhlich in der Filmgeschichte gewühlt und jede Menge Zitate versteckt.
Das fängt beim Titel an: "The Lost World" hieß schon einmal ein Buch, 1912 ist es erschienen. Auch damals ging es um Saurier im Busch. Geschrieben hat die Geschichte der Brite Sir Arthur Conan Doyle ("Sherlock Holmes"), drei Filme wurden nach der Vorlage gedreht.
Die wilde Saurierjagd der hochmotorisierten Bösen in Spielbergs "Lost World" ist angelehnt an ein frischeres Vorbild: 1962 preschte John Wayne in "Hatari!" mit Landrovern über die Steppe, um mit seinem Lasso Nachschub für Zoos zu fangen. "Hatari hat uns wahrscheinlich mehr beeinflußt als jeder Saurier-Film", gesteht Drehbuchautor David Koepp.
Wenn das mal stimmt: Spielberg läßt in einer Hauptszene eine der Echsen durch San Diego trampeln - auch das nichts Neues: Der Original-Drache hieß "Godzilla" und spielte japanischen Städten übel mit.
Spielberg kann es sich leisten zu zitieren. "Er ist einfach unser Held", sagt der Filmemacher Dean Devlin, der gerade an einer Neuauflage von "Godzilla" arbeitet. Devlin fühlt sich von Spielbergs Hommage geehrt: "Das ist so, als würde einen der König beim Abendessen grüßen."
Von Höges und

DER SPIEGEL 26/1997
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