23.06.1997

GESTORBENLew Kopelew

85. Der Weise aus Rußland mit dem originellen weißen Bart schätzte die Deutschen so sehr, daß er selbst einer wurde. Überzeugter Jungkommunist, der in der Kollektivierung die Bauern drangsaliert hatte, promovierte Kopelew 1941 in Moskau über Schiller. Im selben Jahr ermordeten Deutsche Großeltern und Tante des Juden aus Kiew in Babi Jar - dennoch zog der Major der Roten Armee 1945 seine Pistole gegen mordende und vergewaltigende Kameraden in Allenstein und Neidenburg/Ostpreußen. Deshalb, wegen "Mitleids mit dem Feind", kam er für zehn Jahre in den Gulag (von dessen Ausmaß und den Millionen Opfern er nichts gewußt hatte). 1956 rehabilitiert, setzte der Dozent und Übersetzer sich für die Dissidenten ein und wurde als "Judas", der sich "den Faschisten angeschlossen" habe, aus der KPdSU ausgeschlossen. Daß er nicht wieder in Haft geriet, "haben wir auch der Entspannung zu verdanken", sagte er dem SPIEGEL. Mit Willy Brandt und Heinrich Böll befreundet, konnte er 1980 mit Ehefrau Raissa in die Bundesrepublik ausreisen, wurde ausgebürgert, empfing den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und erwarb die deutsche Staatsangehörigkeit. Er schrieb seine Autobiographie, plädierte für Moral in der Politik, warf Boris Jelzin Ruhmsucht vor und trat für General Lebed ein. Lew Kopelew starb vorigen Mittwoch in Köln an einem Herzleiden.
Von Fritjof Meyer und

DER SPIEGEL 26/1997
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