16.07.2012

MENSCHENRECHTEEiner gegen Putin

Der Finanzinvestor Bill Browder war ein Fan des Kreml. Doch seit sein Anwalt in einem Moskauer Gefängnis unter dubiosen Umständen starb, zieht er gegen Russland zu Felde. US-Senat und OSZE fordern Sanktionen gegen Moskau.
Die Kurznachricht ist aus einem Mafia-Thriller geklaut. "Wenn uns die Geschichte eines gezeigt hat, dann, dass man jeden umbringen kann", sagt Michael Corleone im Film "Der Pate 2". Das Zitat wurde dem Londoner Hedgefonds-Manager Bill Browder als SMS auf das Handy geschickt. Absender unbekannt.
Browder, 48, hat schon etliche solcher Nachrichten empfangen. Sie stammen von russischen Geheimdienstmitarbeitern, davon ist er überzeugt. Der Finanzmanager sagt das nüchtern, mit geschäftsmäßiger Stimme, als ginge es wie früher um Geld und Geschäfte und nicht um Leben und Tod.
Vor zweieinhalb Jahren wurde Browders Steueranwalt Sergej Magnizki im berüchtigten Moskauer Untersuchungsgefängnis "Matrosenruhe" niedergeprügelt. Wenig später war er tot. "Sergej wurde zu Tode gefoltert", behauptet Browder.
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Drangsalierung von Unternehmern und ausländischen Investoren durch den russischen Staat. Mehr als 100 000 Geschäftsleute hat die Kreml-Justiz in den Knast werfen lassen. Der ehemalige Ölbaron Michail Chodorkowski ist nur der bekannteste Gefangene.
Doch Browder ist keiner, der sich so leicht einschüchtern lässt. Seine Geschichte ist die einer Wandlung vom Saulus zum Paulus. Und es ist die Geschichte eines Kampfes mit dem starken Mann Russlands, Wladimir Putin, der im Mai erneut die Präsidentschaft übernommen hat und Russland als internationale Wirtschaftsmacht konsolidieren will.
Früher dirigierte Browder einen der mächtigsten ausländischen Hedgefonds in Putins Reich. Für Kunden wie die US-Investmentbank Goldman Sachs oder reiche Privatleute investierte seine Firma Hermitage Capital Management in ihren besten Zeiten vier Milliarden Dollar, vornehmlich im lukrativen Energiesektor.
Doch mittlerweile hat Browder sämtliche Geschäfte aus Russland abgezogen und seine Moskauer Mitarbeiter zu sich nach London geholt. Von einem schmucklosen Büro im Stadtteil Soho führt er nun einen Feldzug gegen das Land, dessen Raubtierkapitalismus ihn einst zum Multimillionär gemacht hat - und er ist dabei ähnlich erfolgreich wie früher als Geschäftsmann in Russland. Der Fall Browder ist mittlerweile Thema der großen Politik.
Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat ihren 56 Mitgliedern vor wenigen Tagen empfohlen, drastische Sanktionen zu verhängen: Russische Beamte, die für den Tod Magnizkis verantwortlich sind, sollen mit einem Einreiseverbot belegt, ihre Konten im Westen eingefroren werden. Zuvor hatte bereits der US-Senat ein ähnliches Gesetz auf den Weg gebracht. Putin kündigte finster "Gegenmaßnahmen" an.
Browder gibt einen seltsamen Menschenrechtskämpfer ab mit seinem teuren Anzug und der randlosen Brille. Zum Essen verabredet er sich in einem von Londons schicksten China-Restaurants. Vor der Tür warten Rolls-Royce-Limousinen.
Doch von seiner Kampagne ist er ähnlich besessen wie früher von der Suche nach lukrativen Anlagezielen. Freizeit hat er fast noch weniger als damals. Was er in den wenigen Stunden nach Feierabend macht, hält er weitgehend geheim, um keine Angriffsfläche zu bieten.
Oft, wenn man den Finanzprofi mit dem seltsam scheuen Blick trifft, wirkt er gehetzt. Er fühle sich schuldig, sagt er. "Wenn Sergej mich nie kennengelernt hätte, hätte er nicht sterben müssen."
Über öffentliche Archive und geheime Informanten hat Browder Unmengen an Material zusammengetragen: Gutachten von Gefängniskommissionen, Grundbucheinträge, Kontodaten. 60 teils hochrangige Beamte will er ausgemacht haben, die in den Tod seines Anwalts verwickelt seien.
Wenn er Gesprächspartner zu Verbündeten machen will, zitiert er aus einigen der rund 450 Beschwerden, die sein Anwalt in den 358 Tagen seiner Haft schrieb. "Zum Frühstück gibt man uns Haferbrei voller Insektenlarven und abends verdorbenen gekochten Hering", heißt es da einmal. Die drastischen Schilderungen über mangelnde Nahrung, Dreck, Isolation und fehlende medizinische Versorgung lassen jedes Bekenntnis Putins zur Schaffung eines modernen Rechtsstaats wie eine Farce erscheinen.
Browder bekam die Notizen erst nach dem Tod Magnizkis in die Hände. So lernte er eine Seite Russlands kennen, die er bis dahin nicht gesehen haben will.
Lange gehörte er schließlich zu den Stars der russischen Finanzszene. Anfang der neunziger Jahre kam der Enkel eines amerikanischen Kommunistenführers und Stalin-Verehrers in die ehemalige Sowjetunion: Da war er Ende zwanzig und lernte bei der Investmentbank Salomon Brothers gerade seine Lektionen in Sachen Wall-Street-Darwinismus. In Russland sollte er bei der Privatisierung einer Fischereiflotte beraten.
Es brauchte nicht viel Mathematik, um zu erkennen, dass für das Unternehmen ein Schleuderpreis aufgerufen war. 51 Prozent der Firma gingen für 2,5 Millionen Dollar über den Tisch. Viele der rund hundert Schiffe in der Flotte waren rund das Zehnfache wert - pro Stück.
Es war das letzte Mal, dass sich Browder bei Russlands Mega-Privatisierung mit dem Beratungshonorar der Investmentbanker zufriedengab. 1996 gründete er in Moskau seinen eigenen Hedgefonds: Hermitage. "Es gab nur mich, ein Handy und einen Briefkasten", sagt er. Und 25 Millionen Dollar Startkapital von einem ausreichend abgebrühten Investor.
In den ersten 18 Monaten erwirtschaftete Browder eine Rendite von 850 Prozent. Noch heute gerät er ins Schwärmen über die Deals, die in jenen Jahren möglich waren. "Jeder meiner Kunden, die mit mir in Russland investierten, hat das 30fache seines Einsatzes herausgeholt. Das war der Ausverkauf des Jahrhunderts."
"Browder war jemand, der definitiv keinen Rubel links liegenlassen konnte", erinnert sich der Moskauer Vermögensverwalter Eric Kraus, ein Franzose, der wie Browder schon früh sein Glück in Russland suchte.
Um Steuern zu sparen, gründete Browder Firmen in entlegenen Regionen wie Kalmückien und setzte dort afghanische Kriegsversehrte als Mitarbeiter ein, weil auch das die Abgabenlast drückte. Doch er wirkt ehrlich verletzt, wenn man ihn als Profiteur der damaligen Verhältnisse bezeichnet. "Es ging nicht ums Geld", sagt er dann aufgebracht. "Es war aufregend und verrückt, wie im Wilden Westen", so die seltsame Erklärung für das Russland-Abenteuer.
Browder beschrieb sich schon vor dem Tod seines Anwalts gern als eine Art David, der den Goliath der korrupten russischen Oligarchen-Clique bekämpfte. Denn das war sein Geschäftsmodell: Er ergatterte kleine Anteile an Konzerngiganten wie der Sberbank und fahndete dort dann nach Korruption und Missmanagement.
Es schien so einfach. Ein paar geschickt platzierte Artikel in internationalen Wirtschaftsgazetten reichten oft, um die korrupte Elite in Zugzwang zu bringen. Räumten die Firmen zum Gefallen der Börse dann intern auf, stieg der Wert von Browders Beteiligung drastisch. "Man konnte gute Dinge tun und dabei viel Geld verdienen", so sieht es Browder.
Nicht einmal vor dem halbstaatlichen Energieriesen Gazprom machte er Halt. Immer wieder veröffentlichte Hermitage Dossiers über dubiose Deals, 2001 musste der Konzernchef deshalb gehen. Daraufhin verdoppelte sich der Aktienkurs in nur einem Jahr.
"Wer ein solches Spiel spielt, weiß, dass es um Leben und Tod geht", sagt ein ausländischer Finanzinvestor in Russland kühl. Eine Zeitlang wurde Browder von 15 Leibwächtern bewacht, die bei ihm zu Hause mit im Wohnzimmer saßen, die Kalaschnikows auf den Knien.
Trotzdem zeigen vergilbte Zeitungsartikel aus den alten Zeiten den Hedgefonds-Manager fast immer in der gleichen Pose: verschränkte Arme, selbstsicherer Blick. Browder wähnte die Mächtigen des Landes auf seiner Seite. Schließlich war er damals "einer der größten Cheerleader Putins", wie es in Finanzkreisen heißt.
Noch 2003, als Russland in Tschetschenien unerbittlich und gewaltsam gegen Aufständische vorging und den Ölbaron Chodorkowski mit zweifelhafter Begründung verhaften ließ, nannte Browder den Staatschef "einen Glücksfall für Russland". Putin bekämpfe nur die korrupten Oligarchen, davon war er überzeugt. Die internationalen Reaktionen auf die Affäre Chodorkowski fand Browder "hysterisch".
Wenig später wurde er nicht mehr ins Land gelassen. Im November 2005 hielten Grenzbeamte ihn nach einem London-Trip 15 Stunden am Moskauer Flughafen fest. Dann schickten sie ihn zurück.
Hatte sich der Finanzinvestor überschätzt? Browder hatte damals gerade korrupte Machenschaften beim Energieriesen Surgutneftegas im Visier. Von dem Unternehmen soll, Gerüchten zufolge, Putin persönlich über Strohmänner profitiert haben.
Fest steht: Mit Browders Verbannung nahm ein bizarrer Wirtschaftskrimi seinen Lauf. Im Juni 2007 rückten Beamte des Innenministeriums zu einer Razzia in den Moskauer Hermitage-Büros an. Sie ließen kistenweise Dokumente beschlagnahmen - und nutzten diese offenbar, um drei Hermitage-Firmen zu kapern.
Recherchen von Browders Anwalt Magnizki zufolge installierten die Initiatoren der Razzia mit Hilfe der entsprechenden Besitzurkunden Strohmänner als neue Eigentümer und nutzten ihre Beute dann, um sich umgerechnet satte 230 Millionen Dollar Steuern zurückzahlen zu lassen.
Der Vorfall verknüpfte Browders Schicksal für immer mit dem seines Anwalts Magnizki, den er persönlich bis dahin nur von ein paar Weihnachtsfeiern kannte. Als der Moskauer Jurist den gigantischen Betrug am Steuerzahler anzeigen wollte, wurde er selbst wegen vermeintlicher Steuerdelikte der Hermitage-Fonds festgenommen.
358 Tage verbrachte Magnizki in Haft. Den Behörden zufolge starb er an den Folgen einer Erkrankung der Bauchspeicheldrüse. Das Gutachten einer staatlichen Kommission bestätigt, dass "angemessene medizinische Versorgung nicht gewährt wurde". Gegen einen leitenden Gefängnisbeamten wird deshalb ermittelt.
Der Mann sei nur ein "Bauernopfer", sagt Browder. Er glaubt an eine Verschwörung, die bis in die Spitzen der russischen Verwaltung reicht: "Das war ein vom Staat organisiertes Verbrechen. Sergej hat ein typisches Korruptionsmodell enttarnt, von dem gutverdrahtete Beamte profitieren."
Browder kann auf Hunderte Dokumente verweisen, die seine Behauptungen zumindest plausibel erscheinen lassen. "Gegen den Verdächtigen wurde ein Gummiknüppel eingesetzt", heißt es kurz vor Magnizkis Tod etwa in einem Standardformular aus dem Gefängnis.
Ein geheimer Informant brachte außerdem Bankunterlagen in London vorbei. Über sie konnte Browder dubiose Geldströme ins Ausland nachweisen. Die Leiterin der zuständigen Steuerbehörde in der Hermitage-Affäre kaufte demnach millionenteure Anwesen in Dubai und Montenegro.
Browder nutzt alle ihm zugänglichen Kanäle, um solche Rechercheergebnisse
zu verbreiten. Mehr als 20 000 Euro lässt er sich jährlich allein die Teilnahme am illustren Davoser Weltwirtschaftsforum kosten, wo er russischen Regierungsvertretern bei Podiumsdiskussionen und teuren Abendessen peinliche Fragen stellt.
Seine eigentlichen Geschäfte scheinen fast zur Nebensache geworden zu sein. Der Hermitage-Fonds ist auf weniger als ein Viertel seiner einstigen Größe geschrumpft und kämpft sich jetzt mit Investitionen in China und Indien durch die Finanzkrise.
Im neuen Londoner Großraumbüro liegen zwischen den Schreibtischreihen mit den Batterien von PC-Bildschirmen Haufen von Präsentationsmappen mit Magnizkis Sarg auf der Frontseite. 5 der 20 Hedgefonds-Mitarbeiter beschäftigen sich nur mit der Klärung seines Todes.
In seiner neuen Rolle ist Browder für Putin mindestens genauso unbequem wie früher als aufsässiger Investor. Der Republikaner John McCain forderte Präsident Barack Obama jetzt nachdrücklich auf, gegen die vermeintlichen Mörder Magnizkis vorzugehen, das sogenannte Kljujew-Syndikat. Die Gruppe, zu der hohe Steuerbeamte, Polizisten und Geheimdienstler gehören, habe Verbindungen bis in die russische Regierung.
Auch in etlichen europäischen Hauptstädten hat Browder schon Fürsprecher geworben. Die Menschenrechtsbeauftragte der FDP, Marina Schuster, etwa findet, "gezielte Reisesanktionen gegen nachweisbar verantwortliche Beamte" könnten durchaus hilfreich sein, sollte die Aufklärung der Verbrechen weiter ausbleiben. Doch die Sache ist heikel. Denn Russland reagiert mittlerweile massiv auf Browders Kampagne: Die US-Regierung warnte intern schon vor Folgen für die außenpolitische Zusammenarbeit.
Im Auswärtigen Amt gibt man sich deshalb verhalten. Bei seinem letzten Russland-Besuch sprach Außenminister Guido Westerwelle (FDP) seinen Amtskollegen Sergej Lawrow zwar auf den Fall an. Das offizielle Statement aber lautet nur: "Die Bundesregierung wird den Verlauf der russischen Ermittlungen weiter beobachten." Hinter den Kulissen streiten Beamte, die eine härtere Gangart fordern, mit jenen, die mit Blick auf deutsche Wirtschaftsinteressen eine zurückhaltende Diplomatie bevorzugen.
Doch einer wie Browder lässt sich nicht abschütteln. Er kann sogar ziemlich unangenehm werden, wenn jemand seine Meinung nicht teilt. "Der hält sich für Mahatma Gandhi", lästert eine Bundestagsabgeordnete.
"Die Leute müssen sich entscheiden, ob sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen wollen oder auf der falschen", sagt dann Browder. Er ist sich sicher, die richtige diesmal zu kennen.
(*) In Westsibirien.
Von Matthias Schepp und Anne Seith

DER SPIEGEL 29/2012
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