16.07.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Das Kultische ist mir fremd“

Festival-Chefin Katharina Wagner über Bayreuth als Familienbetrieb, Pausengespräche mit der Kanzlerin und ihre Abneigung gegen den roten Teppich
SPIEGEL: Frau Wagner, wie oft haben Sie Ihren Urgroßvater Richard schon dafür verflucht, dass er sein Festspielhaus hier in die fränkische Provinz gesetzt hat?
Wagner: Täglich. Ich sehe keinen Vorteil in der Abgelegenheit von Bayreuth. Alles ist so schwer zu erreichen.
SPIEGEL: Und wie oft haben Sie es bereut, 2008 den Intendantenposten angenommen zu haben?
Wagner: Noch nie. Wer einen solchen Posten antritt, sollte wissen, worauf er sich einlässt. Ich bereue es nicht, es gemeinsam mit meiner Halbschwester Eva getan zu haben.
SPIEGEL: Im Moment haben Sie wenig Grund zur Freude. Den Festspielen wird Misswirtschaft vorgeworfen, der Bundesrechnungshof bemängelte die Kartenvergabe, die letzten Spielzeiten waren künstlerisch eher mäßig. Ihr Führungsstil wird kritisiert, das Klima im Hause, behaupten Insider, sei schlecht.
Wagner: Einige dieser Probleme hängen damit zusammen, dass die Festspiele eine neue Rechtsform bekommen haben. Mein Vater Wolfgang führte das Unternehmen quasi als Ein-Mann-GmbH. Inzwischen sind Bund, Land, Stadt und die Freunde der Festspiele als Gesellschafter beteiligt. Da entstehen ganz andere Strukturen und Kontrollinstanzen. Aber wir haben umgehend reagiert - und etwa die Kartenvergabe anders organisiert. Da waren wir sehr schnell.
SPIEGEL: Etwas anderes beunruhigt mehr: In manchen Vorstellungen gab es im vergangenen Jahr leere Plätze. Und die Nachfrage nach Karten, die früher rund zehnmal so hoch war wie das Angebot, ist erheblich zurückgegangen.
Wagner: Alle Plätze, auch jene, die dann unbesetzt geblieben sind, waren verkauft. Und was die Nachfrage betrifft: Das hängt zum Beispiel auch vom Wochentag ab. Es kann sein, dass eine alte Produktion mehr nachgefragt wird als eine neue, weil sie an einem Wochenende gezeigt wird und nicht etwa an einem Mittwoch. Die Leute kommen nicht mehr für eine Woche nach Bayreuth. Die bleiben ein, zwei Tage lang.
SPIEGEL: Aber auch Dirigenten bleiben weg. Thomas Hengelbrock, der im vergangenen Jahr den szenisch missglückten "Tannhäuser" dirigiert hat, kommt in diesem Jahr nicht zurück. Er beklagt, dass er mit immer anderen Orchestermusikern proben musste.
Wagner: Das wundert mich. Die Fluktuation ist nicht groß. Von 190 Musikern haben seit vergangenem Jahr vielleicht 13 gewechselt. Wenn man unbedingt etwas finden will, das man schlechtreden kann, findet man das auch.
SPIEGEL: Unbestritten sind die kurzen Probenzeiten, auch für die Regisseure.
Wagner: Ach, das weiß man aber vorher. Es ist eine Sache der Vorbereitung. Man muss schon wissen, wie man die Oper inszenieren will, bevor man hier ankommt. Natürlich ist der Druck enorm, die ganze Welt schaut hin.
SPIEGEL: Die Regisseure, die den geringsten Erfolg haben, beschweren sich am meisten?
Wagner: Das haben Sie jetzt geschlussfolgert. Ich will die Probleme nicht kleinreden. Wenn man vor den eigentlichen Proben schon die Beleuchtungsproben abhalten muss, also schon wissen muss, wer wo steht, dann ist das schon schwierig.
SPIEGEL: Sind Sie sich sicher, dass Frank Castorf da die ideale Wahl für den "Ring des Nibelungen" im nächsten Jahr ist? Er gilt als sprunghaft.
Wagner: Doch, ich bin mir sicher. Er macht in diesem Jahr schon Vorproben. Das Bühnenbild ist entworfen und teilweise schon in Bau.
SPIEGEL: Der "Ring" dauert 16 Stunden. Und Castorf hat erst im Dezember unterschrieben. Das ist doch fahrlässig kurzfristig.
Wagner: Wir halten ihn für professionell genug zu wissen, worauf er sich eingelassen hat. Wir haben ihm da auch reinen Wein eingeschenkt. Es geht um den "Ring" zum 200. Geburtstag von Richard Wagner, da lastet eine besondere Verantwortung auf ihm. Nachdem Wim Wenders abgesagt hatte, bekamen wir so um die hundert Bewerbungen von allen möglichen Leuten, die unbedingt den "Ring" machen wollten.
SPIEGEL: Wie viele kamen in die engere Wahl?
Wagner: Null. Wir brauchten ja jemanden, der das Regie-Handwerk beherrscht. Über ästhetische Fragen muss man bei Herrn Castorf nicht diskutieren. Seine Arbeiten kennt man, sie gefallen einem oder nicht.
SPIEGEL: Wagner-Opern in hervorragender Qualität kann man heute überall auf der Welt erleben. Wozu braucht man noch die Bayreuther Festspiele?
Wagner: Ich denke, schon allein die Akustik mit dem überbauten Orchestergraben ist einmalig. Bauweise und die Materialien im Festspielhaus, das viele Holz, ergeben einen Klang, den Sie woanders nicht finden.
SPIEGEL: Sind Sie in dem Bewusstsein erzogen worden, einen Familienbetrieb übernehmen zu müssen?
Wagner: Nicht direkt. Aber wenn ich mich nicht befähigt gefühlt hätte, den Job zu machen, hätte ich mich nicht beworben.
SPIEGEL: Hat Ihr Vater Wolfgang, der die Festspiele 58 Jahre lang geleitet hat, Sie in die Nachfolge hineinmanövriert?
Wagner: So kann man das nicht sagen. Aber ich habe gemerkt, dass es sein Wunsch war, dass ich das mache. Er war in der Frage liberal und sagte: "Schätzchen, überleg dir, ob du den Laden übernehmen willst." Ich hatte ja schon mitgearbeitet. Insofern war es nur natürlich, dass ich mich zusammen mit meiner Halbschwester Eva beworben habe.
SPIEGEL: So ganz natürlich war das wohl nicht. Zuerst wollte Ihr Vater seine zweite Frau Gudrun, Ihre Mutter, als Nachfolgerin durchsetzen. Das wurde abgelehnt. Dann kamen Sie dazu. Schließlich gab es eine Bewerbung Ihrer Halbschwester Eva zusammen mit Ihrer Cousine Nike. Letztlich lief es auf Eva und Sie hinaus. Ihre Familiengeschichte, der Zwist zwischen den Zweigen der Wagners, war mal wieder über Wochen Thema in allen Zeitungen.
Wagner: Ich bin da ziemlich abgehärtet. Ich bin ohnehin mehr der Typ Zweckpessimist. Für solche Menschen endet der Tag immer besser, als sie befürchtet haben. Psychisch bin ich immer auf alles eingestellt.
SPIEGEL: Auch darauf, dass Sie plötzlich mit Ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier zusammengespannt wurden, obwohl Sie die gar nicht kannten?
Wagner: Ich wusste natürlich, dass es sie gab, dass sie die Tochter meines Vaters aus seiner ersten Ehe war. Das war mir nicht verschwiegen worden. Und nachdem meine Mutter 2007 so plötzlich gestorben war, gab es auch eine Möglichkeit, mit meinem Vater intensiver über die Situation zu sprechen, und er schlug vor, dass wir uns treffen.
SPIEGEL: Ihr Vater hatte Eva, die 33 Jahre älter ist als Sie, vom Hügel verbannt. Eine bizarre Situation.
Wagner: Nicht einfach, sicher. Aber wir haben uns sofort gut verstanden. Ich hatte ihre Arbeit beim Festival in Aix-en-Provence aus der Ferne schon beobachtet. Wir sprechen jetzt oft über unseren gemeinsamen Vater. Er war lebensklug, pragmatisch und in keiner Weise pompös.
SPIEGEL: Muss es denn unbedingt eine Wagner sein, die das Festival leitet?
Wagner: Laut Satzung der Richard-Wagner-Stiftung schon, aber wenn es niemanden in der Familie gibt, der es machen will oder machen kann, soll es jemand von außen übernehmen, bevor die Festspiele beschädigt werden.
SPIEGEL: Zuerst die Festspiele, dann die Familie?
Wagner: Richtig. Im Gegensatz zu anderen Mitgliedern meiner Familie fühle ich mich nicht berufen, als Erbin von Richard Wagner zu sprechen.
SPIEGEL: Sie meinen die Nachkommen von Wieland Wagner, Ihrem Onkel, der bis zu seinem Tode 1966 gemeinsam mit Ihrem Vater die Festspiele geleitet und Bayreuth durch seine wegweisenden Inszenierungen nach dem Krieg geprägt hat.
Wagner: Lassen Sie es mich so sagen: Ich käme nicht auf den Gedanken, meine Erbmasse zu erwähnen. Es gibt eben Menschen, die glauben, sie könnten dadurch alles besser.
SPIEGEL: Die Aussöhnung mit den Nachkommen von Wieland Wagner hat bis heute nicht funktioniert.
Wagner: Na ja, es ist schon kurios, wenn man regelmäßig die Qualifikation für die Leitung der Festspiele aberkannt bekommt. Ich würde es besser finden, wenn wir direkt miteinander reden. Außer im Stiftungsrat der Festspiele haben wir wenig Kontakt.
SPIEGEL: Empfinden Sie die Cousinen und Cousins vom anderen Familienzweig als Verwandte?
Wagner: Rational ja. Aber ich habe Menschen, die mir näherstehen.
SPIEGEL: Wenn Wieland Wagner länger gelebt hätte, wäre die Geschichte der Festspiele anders verlaufen.
Wagner: Ich stehe nicht so auf das Wort "wenn". Wäre es anders gelaufen, dann hätten Wielands Nachfahren vielleicht hier das Sagen, ich kann mich durchaus in sie einfühlen, sicher. Aber letztlich bringt das doch alles nichts.
SPIEGEL: Als Ihr Vater die Macht abgab, war er sehr alt und auch nicht mehr gesund. Wie hat er Sie vorbereitet?
Wagner: Direkt kaum. Er gab mir immer mal wieder Ratschläge, wie man sich in bestimmten Situationen als Intendant verhalten soll.
SPIEGEL: Auch wie man sich auf dem roten Teppich bei der Eröffnung verhält?
Wagner: Diese Situation mag ich überhaupt nicht. Das Repräsentieren liegt mir nicht. Diese Vorfahrten der Politiker und der Prominenz gibt es auch nur bei uns. Bei keinem anderen Festival steht der Intendant da und begrüßt die Gäste.
SPIEGEL: Und kein anderes Festival kommt dadurch jedes Mal in alle Medien. Wer hat das Ritual eingeführt?
Wagner: Richard Wagner hat den deutschen Kaiser 1876 begrüßt, Winifred Wagner die Nazi-Größen am Portal empfangen. Die Stadt Bayreuth hat nach dem Krieg die Tradition wiederaufleben lassen. Aber der rote Teppich gehört der Staatskanzlei, übers Jahr hin liegt er mäusesicher verwahrt.
SPIEGEL: Mit der Kanzlerin können Sie immerhin Fachgespräche führen. Sie kommt wegen der Aufführungen.
Wagner: Das machen wir auch, aber in den Pausen. Dann sagt sie, was ihr gefallen oder nicht gefallen hat, und dann gibt es durchaus heiße Diskussionen.
SPIEGEL: Ein nützlicher Kontakt.
Wagner: Sie meinen, ich könnte sie um finanzielle Unterstützung bitten? Nein, ich denke, da ist sie ganz strikt. Sie zahlt auch ihre Karten selbst.
SPIEGEL: 2015 endet Ihr Vertrag. Wollen Sie und Ihre Schwester noch einmal antreten?
Wagner: Prinzipiell ja. Allerdings hängt das auch davon ab, ob wir für die Verwaltung eine Personalaufstockung bewilligt bekommen.
SPIEGEL: Über wie viele Stellen reden wir?
Wagner: Zwei wären gut.
SPIEGEL: Daran soll es scheitern?
Wagner: Haben Sie eine Ahnung, an was etwas scheitern kann, das nicht im Stellenplan steht! Um es ganz klar zu sagen: Ich würde wieder antreten, gemeinsam mit meiner Schwester und mit einem kaufmännischen Geschäftsführer. Punkt.
SPIEGEL: Wie alt waren Sie, als Sie zum ersten Mal in der Oper waren?
Wagner: Ganz klein, vielleicht vier Jahre alt. Am Anfang habe ich keine ganze Oper ausgehalten, erst ein paar Szenen, dann einen Akt. Ich kann mich an den "Fliegenden Holländer" in der Inszenierung von Harry Kupfer erinnern.
SPIEGEL: Und hatten Sie gleich Zugang zur Musik Ihres Urgroßvaters?
Wagner: Das kann ich gar nicht sagen, ich bin ja mit dieser Musik aufgewachsen. Das war eine stetige Prägung.
SPIEGEL: Durften Sie dabei sein, wenn all die berühmten Sänger und Regisseure bei den Eltern im Wohnzimmer saßen?
Wagner: Ich wurde als Kind ganz normal behandelt, war aber als Einzelkind viel unter Erwachsenen, das fand ich nicht befremdlich. Eher fand ich es eigenartig, unter Kindern zu sein.
SPIEGEL: Dachten Sie, die Erwachsenen reden über etwas Bedeutendes?
Wagner: Nie. Mein Vater hat die Festspiele nie als etwas Großartiges dargestellt. Der hat einfach seine Arbeit gemacht.
SPIEGEL: Und er hat Ihnen auch nicht eingebläut, dass Uropa Richard einer der größten Komponisten war, ein Genie?
Wagner: Solche Texte kamen von Papa nie. Er hat eher anderes erwähnt, zum Beispiel etwas zu Richards "Wesendonck-Liedern". Da hat mein Vater nur erzählt, in wen der Alte damals verliebt war, als er die Stücke komponierte. Zum Glorifizieren hat mein Vater nie geneigt, und ich tue das auch nicht. Das ist mir fremd.
SPIEGEL: Dann müssen Ihnen die vielen Wagnerianer, die in Andachtshaltung zum Grünen Hügel pilgern, auch fremd sein?
Wagner: Dieses Verhalten finde ich merkwürdig. Wenn man das leben möchte, ist das in Ordnung. Ich bin nicht der Typ dafür. Ich würde auch nicht zu einem Fußballspiel fliegen und Tausende Euro für ein Ticket ausgeben. Mir ist das Kultische an sich fremd. Ich habe auch keine Idole. Sänger, Regisseur oder Bundeskanzler sind für mich in erster Linie Berufe. Ein schlechter Notarzt kann mehr Unheil anrichten als ein schlechter Sänger, der einen falschen Ton singt.
SPIEGEL: Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, ohne Wagner zu leben?
Wagner: Das kann ich nicht beantworten, weil ich mir das nicht vorstellen kann. Ich habe mir nie etwas gewünscht, das unrealistisch ist. Ich bin da nun einmal hineingeboren worden. Wagner, die Festspiele, das ist ein Teil meines Lebens.
SPIEGEL: Sie inszenieren selbst überwiegend Wagner. Haben Sie keine Lust, sagen wir, auf "Figaros Hochzeit"?
Wagner: Nicht mein Stück. Ich habe musikalisch da keinen Zugang. Ich habe Zugang zu Puccini oder Verdi, nicht zu Mozart. Ist wahrscheinlich auch eine frühkindliche Prägung. Ich brauche das große Orchester. Bei Puccinis "La Bohème" mag ich die Musik, habe aber Schwierigkeiten mit der Story.
SPIEGEL: Rührt Sie die Geschichte vom kranken Mädchen nicht, das kurz vor dem Tod noch die große Liebe findet?
Wagner: Nicht sonderlich. Jedenfalls muss ich da nicht weinen.
SPIEGEL: Haben Sie je in der Oper geweint?
Wagner: Nein. Bei mir ist das anders. Wenn ich aus der Oper komme und sprachlos bin, dann hat sie mich berührt.
SPIEGEL: Frau Wagner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Mit Verena Lafferentz-Wagner (vorn l.), Eva Wagner-Pasquier; hintere Reihe: der damalige Kultusminister Bayerns Thomas Goppel, Katharina Wagner, Dirigent Christian Thielemann in Bayreuth.
Das Gespräch führte der Redakteur Joachim Kronsbein.
Von Joachim Kronsbein

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