30.06.1997

Die Tage der Kommune

Die 68er (V): Sie tranken Jasmintee, diskutierten nonstop und hielten Sex vor allem für ein Problem - die Mitglieder der Kommune 1 wurden zu Popstars der Studentenrevolte und veränderten den deutschen Alltag. Von Thomas Hüetlin
Natürlich gibt es Erfindungen, die braucht kein Mensch, wie zum Beispiel fertiggemixten Whiskey-Cola in der Dose, UV-durchlässige Badeanzüge oder Duftbäume am Autorückspiegel - aber gibt es wirklich Leute, die den Sinn von Toilettentüren bezweifeln?
Gab es - die Leute von der K 1 und später in den Siebzigern viele junge Menschen, die wie ihre Helden Kommunarden wurden und die Toilettentüren eintraten, zersägten oder einfach aushängten und auf den Speicher trugen.
Was ist so schlecht an Toilettentüren? "Sie ermöglichen, daß sich einer zurückziehen kann, sie schaffen Privatsphäre. Wir wollten die Privatsphäre vernichten", sagt Rainer Langhans, damals Deutschlands schönster Kommunarde, heute einziger Mann in einem Münchner Harem von fünf Frauen.
Die Kommune 1 gab es nicht lang, nicht mal 35 Monate dauerte sie, von Anfang ''67 bis November ''69, aber ihr Einfluß auf den Alltag der Bundesrepublik war groß. Hier wurde wie in einem Schaufenster dem Rest-Deutschland vorgespielt, was modernes Leben Ende der sechziger Jahre sein sollte: alle auf einer Matratze schlafen, nicht arbeiten, die Spießer ärgern, Weltrevolution machen, Spaß haben, ein neuer, besserer Mensch werden und niemals im Leben mit Stolz eine Krawatte tragen.
Und wie es sich für ein neues Lifestyle-Programm gehört, verkaufte es die K 1 den Leuten in einer neuen Sprache - der Psycho-Soziosprache, einem aufgeblasenen Akademikerdeutsch, mit dessen Resten heute Gefühlsspezialisten wie Hans Meiser und Jürgen Fliege in ihren Nachmittagstalkshows herumhantieren: Von "Zweierbeziehungen" war die Rede, von "Frustrationen", von "Arbeitsschwierigkeiten", vom "autoritären Charakter" und "Gefühlspanzerungen" und vom "US-Imperialismus", der an dem ganzen Schlamassel schuld sei, weshalb über den "Transmissionsriemen" Dritte Welt die "Revolution" in die Erste Welt getragen werden sollte, und alles würde gut werden.
Tolles Programm, aber natürlich hatten die 16 Leute, die im Sommer 1966 in einer Großbürgervilla am Kochelsee ein paar Tage herumsaßen, sich vom Hausmeisterehepaar Schweinebraten auftischen ließen, auf den vor der Tür aufragenden Bergen herumkletterten und Fußballweltmeisterschaft schauten, noch keine Ahnung, daß ein paar von ihnen damit später zu den Popstars der Studentenrevolte werden sollten.
Der bayerische Sommer war blau und wunderbar, aber er konnte nichts daran ändern, daß die 16 jungen Leute litten. Sie waren großgeworden in einem Land, in dem Alt-Nazis als Richter und Lehrer beschäftigt waren und die Deutschen wieder ihren zwei Lieblingsbeschäftigungen nachgingen: stur arbeiten und sich selbst bemitleiden.
Gut 20 Jahre nach Kriegsende sah die deutsche Vergangenheit ungefähr so aus: Verführt worden, dann alles verloren, dann alles wieder aufgebaut, und jetzt kommen die Langhaarigen und wollen alles wieder kaputtmachen.
Nicht wirklich erstaunlich also, daß es ein paar junge Leute gab, die mehr vom Leben wollten, als in einem Polizeistaat vor prall gefüllten Fleischtheken zwischen 25 Sorten Wurst wählen zu können oder Weihnachtsbäume an die GIs in Vietnam zu schicken, wo in einem makaberen Krieg angeblich die Freiheit West-Berlins verteidigt wurde.
Und diese Leute trafen sich nicht wie heute in Cafés, Diskotheken und im Internet, sondern sie hatten das Gefühl, daß sich in der Gesellschaft etwas ganz Großes ändern müsse und gingen in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS).
Auch dort waren sie bald unzufrieden. Es nervte sie, daß ihr privates Leben, ihr Angstschweiß vor den Referaten, ihre erstarrten Elternhäuser, ihr Liebeskummer keine Rolle spielen durften in den Diskussionen über die Akkumulation des Kapitals und die anderen theoretischen Musts, die damals für einen modernen jungen Menschen so wichtig waren wie heute die Wahl der richtigen Turnschuhmarke. "Was geht mich der Vietnamkrieg an", sagte Kunzelmann, "solange ich Orgasmusschwierigkeiten habe."
Die Erlösung sollte die Kommune bringen. Leben und Arbeiten und Revolution in einem. Pauschalticket in die neue Freiheit, Rückweg ausgeschlossen. "Ihr müßt euch entwurzeln", rief Dieter Kunzelmann, der Einpeitscher für die Idee der revolutionären Gemeinschaft. Weg mit euren Stipendien. Weg mit eurer Sicherheit. Weg mit eurer alten Persönlichkeit. Weg mit der Liebe - alles bürgerliche Wahnvorstellungen. Später im Kommunejargon hieß das: "Revolutionierung des Alltags, Abschaffung des Privateigentums, Brechung des Leistungsprinzips, Proklamation des Lustprinzips".
Von Anfang an war Dieter Kunzelmann das, was der Apo-Theoretiker Bernd Rabehl als den "Patriarchen der Kommune" bezeichnete. Er entschied, was gemacht wurde, wie es gemacht wurde und wann es gemacht wurde. "Kunzelmann", sagt Rainer Langhans heute, "stand ganz oben in der Nahrungskette, und wenn einer viel weiter unten stand als er, dann wurde es für den schnell ungemütlich."
Kunzelmann war nicht gerade das, was man einen schönen Menschen nennt. Seine roten, wollenen Haare fielen ihm vorne schon früh aus, ein dichter Vollbart umgab sein Gesicht, in dem eine Nase groß wie eine Maurerkelle thronte. Dazu ging er gebeugt wie ein Schrat, dabei voller Energie. Wenn er redete, wirbelten seine Arme herum wie Windmühlenflügel.
Sein Vater hatte eine Sparkasse im katholischen Bamberg geleitet, und seine Schulzeit hatte Kunzelmann eigentlich nur dazu gedient herauszufinden, daß er ein geborener Umstürzler sei. Am 14. Juli 1939, genau 150 Jahre nach der Erstürmung der Bastille, geboren zu sein genügte ihm als Indiz. Bald darauf warf er einen brennenden Adventskranz aus dem Fenster in den Schulhof.
Eine Banklehre brach er ab, Ende der fünfziger Jahre zog er nach Paris, wo er mit dem späteren Modephilosophen Jean Baudrillard unter den Brücken lebte. "Wir haben ihm immer Geld vom Pflastermalen gegeben", erinnert sich Kunzelmann, "damit er ein Baguette holen soll, und er ist in die Rue St. Denis gegangen und für dieses Geld in den Puff."
Anfang der sechziger Jahre wechselte Kunzelmann nach München und sorgte sofort für Ärger, manchmal im Dienste der Wahrheit, manchmal nur aus Spaß am Ärger. Er hatte sich inzwischen den Situationisten angeschlossen, einer kleinen, superelitären Künstlerbewegung, die als Nachfahren der Dadaisten den Umsturz planten. Die Gruppe verachtete das normale Leben als ein Reich der Wiederholung, der Belanglosigkeit, der Depression und der Langeweile. Arbeit galt als das letzte, erst nach der sozialen Revolution sollte ein gutes Leben möglich sein. Bis dahin gab es nur ein Ziel: das leere Gerede und die Traditionen der Bürger zur Explosion bringen und darüber laut lachen. Ohne Rücksicht auf Stil, Rhythmus und andere bourgeoise Einschränkungen reimte Kunzelmann deshalb Verse wie: "Kuba, Kongo, Vietnam - die Blutspur des Imperialismus ist lang".
Dazu ließ er sich von zwei Frauen aushalten. Die eine arbeitete in einem Animierlokal; die andere, Dagmar Seehuber, jobbte tagsüber als Sekretärin, abends gehörte ihre Schreibkraft und der Rest dem Chefideologen. Wenn die Frauen schon nichts zu melden hatten - wenigstens das Pinkeln war unisex. Frauen wie Männer, erinnert sich Lothar Menne, heute Geschäftsführer bei Hoffmann und Campe, mußten zum Pinkeln das Waschbecken in der Ecke der Kellerwohnung benutzen.
Am Kochelsee hatte der Situationist Kunzelmann dazu gedrängt, so bald wie möglich eine Kommune zu bilden, aber es dauerte doch bis Anfang Februar 1967, ehe ein paar Leute bereit waren, sich wirklich unter dem Kommando des Psychoterroristen zu neuen Menschen formen zu lassen. Die meisten aus der Kochelseegesellschaft fanden Gründe, sich zu drücken. Rudi Dutschke durfte nicht einziehen, weil seine Frau Gretchen Sexorgien witterte; Bernd Rabehl wollte nicht einziehen, weil er fürchtete, daß alle auf seine Frau scharf seien; und Lothar Menne flüchtete nach Mexiko, wo er als Guerrillero arbeiten wollte. "Immer noch besser als in einem Zimmer mit Kunzelmann", dachte sich Menne.
Die Menschen, die sich dann Anfang Februar in die leere Dachwohnung des Schriftstellers Uwe Johnson einsperrten, waren die, die den Absprung nicht rechtzeitig geschafft hatten und dazu mindestens ein existentielles Problem hatten.
Der Student Ulrich Enzensberger war der kleine Bruder des großen Dichters Hans Magnus; der Student Rainer Langhans litt an großen Liebesdepressionen; der Student Fritz Teufel fand keine Freundin; die Sekretärin Seehuber war Kunzel- mann verfallen; die Studentin Dorothea Ridder fühlte sich einsam und wollte "einfach Menschen anfassen".
In Johnsons kleiner Wohnung hatten die Kommunarden Matratzen ausgebreitet, und sonst gab es nicht viel, was sie von der
Zertrümmerung ihrer bürgerlichen Reste hätte ablenken können.
Jeder beobachtete jeden, man durfte nicht raus, und wenn morgens einer in den Milchladen mußte, dann wurde ihm ein zweiter als Wächter mitgeschickt. Ansonsten kannte die Totaltherapie keine Uhrzeiten. "Wenn man umfiel vor Müdigkeit", sagt Rainer Langhans, "wurde man wieder hochgerissen." Einschlafen war bürgerlich.
Besitz in jeder Form war noch schlimmer. Deshalb zog Kunzelmann gern einfach die Kleider anderer Kommunemitglieder an, deshalb beschimpfte er Dagmar von Doetinchem de Rande, nur weil sie die Freundin von Enzensberger war, als Klette. In SDS-Kreisen hieß das Patientenkollektiv bald nur noch "die Horrorkommune". Für die Patienten ein Kompliment. Noch heute schwärmt ein Mann wie Rainer Langhans vom "Dreiklang der totalen Kontrolle, der totalen Intensität und der totalen Zerstörung". Politisch wurde die Kommune als kleine Psychosekte isoliert - aber auch hier hatte Kunzelmann im Frühjahr ''67 die rettende Idee: eine Aktion gegen den US-Vizepräsidenten Humphrey während seines Berlin-Besuchs am 6. April.
Warum gerade Humphrey? Zuerst einmal saß er natürlich ziemlich weit oben im verhaßten amerikanischen Machtapparat, zudem sah er völlig bescheuert aus, fanden wenigstens die Kommunarden. "Wie eine Witzfigur aus einem amerikanischen Slapstickfilm", sagte Dieter Kunzelmann. "So einer braucht eine Torte ins Gesicht."
Die Aktion fand nicht statt, und wahrscheinlich wäre die K 1 bestenfalls ein zeigefingerschwingender Haufen von Hinterhofkabarettisten geworden, hätten nicht ein paar Polizisten die Kommunarden erwischt, als sie mit Farbstoff, Pudding und Mehl gefüllte Tüten im Berliner Grunewald herumwarfen. Danach wurden die Mächtigen und die Presse der Mauerstadt so hysterisch, als marschierten die Rote Armee, die Rolling Stones und King Kong gemeinsam auf dem Kurfürstendamm herum.
Die Kommunarden, stand im Polizeibericht, hätten "Anschläge mittels Bomben, mit unbekannten Chemikalien gefüllten Plastikbeuteln oder mit anderen gefährlichen Tatwerkzeugen wie Steinen geplant". Die Zeitung DER ABEND meldete: "Maos Botschaft in Ost-Berlin lieferte die Bomben gegen Vizepräsident Humphrey." Elf Kommunarden mußten ins Gefängnis.
Die Bombe, die nie gezündet wurde, erwies sich als Volltreffer. Vorher waren Demonstrationen Umzüge gewesen, mit "ernsthaften, traurigen, ohnmächtigen Schilderwäldern (Langhans)". Jetzt gelang es ein paar Ausgeflippten, den Staat aussehen zu lassen als das, was er war: eine Bande von Frühvergreisten mit Panik im Genick.
Die Kommunarden stiegen auf zu Medienstars. Schnell hatten die bekanntesten ein Image: Rainer Langhans, der schöne Held, Fritz Teufel, der seelenvolle Clown, Dieter Kunzelmann, der Antichrist, das schlimmste Monster, seit Chruschtschow mit seinem Schuh in der Uno-Versammlung auf dem Tisch herumgeklopft hatte. The Good, the Bad and the Ugly - die Italo-Western, mit denen sie oft ihre Abende verbracht hatten, waren nun Wirklichkeit.
Jeden Morgen besorgten sich die notorischen Bürgerschrecks jetzt Zeitungen, schnitten eitel die Artikel ihrer Heldentaten aus, klebten sie in Aktenordner ein und überlegten, was sie anstellen mußten, um in der nächsten Ausgabe wieder die Schlagzeilen zu liefern. "Erst blechen, dann sprechen", stand groß im Flur ihrer neuen Wohnung im Rotlichtviertel Stuttgarter Platz geschrieben.
Ein Interview kostete ein Abendessen beim Chinesen oder ein Honorar von 1000 Mark aufwärts. Auf diese Weise konnten sie es verkraften, daß manche ihrer Eltern keine Lust mehr hatten, die Streiche der neuen Staatsfeinde zu finanzieren. "Letztmals einige Zeilen von mir. Dein Denken ist derart irreal, daß ich mich frage, ob Du nicht ein Fall für den Psychiater bist. Der von mir geleistete Zuschuß entfällt mit sofortiger Wirkung", schrieb zum Beispiel Kunzelmanns Vater. Der Brief wurde wie alle Briefe in der Kommune erst gemeinsam verlesen, dann verhöhnt, dann veröffentlicht.
Die Kommunarden machten ihren Schlagzeilenjob mehr als gut. Wo immer sie ein Tabu ahnten, traten sie zu, und wenn die Bürger schrien vor Wut und Empörung, dann klang das in ihren Ohren wie Musik.
Als eine Gedenkfeier für den ehemaligen Reichtstagspräsidenten Paul Löbe stattfand, tauchte zum Beispiel ein Sarg im Getümmel auf. Der Deckel ging auf, heraus stieg Dieter Kunzelmann und warf mit Flugblättern um sich. "Das von uns lang ersehnte Staatsbegräbnis ist da! Wir müssen ihnen nur noch die richtigen Leichen unterjubeln: Albertz, Büsch, Duensing, den Senat mit seiner Polizei und Justiz, sie alle werden wir am Mittwoch feierlich in gebührendem Rahmen begraben."
Außer Emigrationsaufforderungen (Macht doch rüber), erprobten deutschen Lösungsvorschlägen (Vergast sie) waren das Ergebnis dieser Aktionen natürlich Haft- und Geldstrafen. Wenn sie davon erzählen, bekommen die Kommunarden noch heute vor Aufregung feuchte Augen: Beweis erbracht, so ist er, der deutsche Spießer. So ist er, der deutsche Staat. So ist er, der Kapitalismus.
Sie genossen es, gehaßt zu werden. "Mir zum Beispiel macht es Spaß, wenn sich Gerichte mit mir beschäftigen", sagte Rainer Langhans. "Es macht mir Spaß, Richter anzubrüllen oder die Justizdiener und den Staatsanwalt zu ärgern, einfach durch die Art, wie wir uns kleiden. Ihnen Fallen zu stellen, in die sie reinlaufen."
Auf einmal waren aus einem Haufen verklemmter Anarchisten mit einem Sexproblem die Helden der deutschen Gegenkultur geworden. Der Dichter Peter Handke schrieb: "Die Kommune in Berlin, mit Fritz Teufel als Oberhelden, ist die einzige Nachfolgerin Brechts." Kunzelmann und Co. regierten die Straßen, sie hielten die Universität in Schach, sie verhöhnten den SDS als "kleinkarierte Karriereorganisation", die Arbeit als "Schande", die Arbeiter als "Blödmänner mit ihren Kühlschränken" und die DDR als "bürgerlichen Idiotenhaufen". Trotzdem fuhren sie gern rüber in die chinesische Botschaft, ließen
sich kistenweise Mao-Bibeln schenken, die
sie im Westen an die außerparlamentarischen Nachzügler verhökerten.
Vor ihrer Haustür saßen nun 14jährige Mädchen herum, und Fritz Teufel lief zur Bestform auf - er entwickelte sich zum ersten Playboy der Apo.
Bis dahin hatten die Kommunarden vor allem über Sex diskutiert, dazu Jasmintee getrunken und, wenn etwas unklar war, im Theorieregal (die Belletristik war längst mit den Kommunekindern Grischa und Nasser in eine Rumpelkammer verbannt worden) bei Wilhelm Reich nachgeschlagen.
Jetzt war der Sex da. Und es gab sofort Probleme. "Der Fritz", erinnert sich Rainer Langhans, "hat sich mit den Mädchen ins Zimmer eingeschlossen, und zwar alle zwei Tage mit einer anderen Schülerin. Er hatte viel nachzuholen. Aber er wollte seine Erfahrungen nicht mit uns diskutieren. Er ließ uns nicht teilhaben. Das ging natürlich nicht. Außerdem mußten wir dann immer die verheulten, abgelegten Schülerinnen trösten, die auf dem Sofa saßen." Klare Sache: Fritz Teufel flog raus aus der Kommune.
Langhans hatte jetzt nur noch Kunzelmann neben sich, aber was den Starkult auf den Demonstrationen anging, war Kunzelmann, den sie nur "Opa" nannten, kein Gegner. Zwei Maoistinnen aus der Provinz schrieben an die K 1: "Kommunarde Kunzelmann! Du bist das parasitäre Element der Kommune 1. Du wirkst wie ein Rentner und trägst auch dementsprechende Kleidung (bei uns sehr populär, Kunzelmann-Look). Als asozialer Analphabet fällst Du den anderen Kommunarden zur Last. Solltest Du und Baby Enzensberger aus der Kommune austreten, kämen wir sofort nach Berlin und treten bei."
Überhaupt war der Briefkasten der K 1 jetzt immer sehr voll mit Post von Leuten auf der Suche nach Gerechtigkeit. Rentner, die die U-Bahn-Preiserhöhung unerhört fanden. Hausfrauen, die Streit hatten mit den Nachbarn. Schüler, die dachten, sie hätten zu Unrecht schlechtere Noten bekommen als ihre Mitschüler. "Wir waren auf einmal die Anlaufstelle für alle Unzufriedenen", sagt Rainer Langhans, "wir waren überlastet und haben nur noch mit einem Kinderpoststempel ‚Weiter so'' auf Postkarten gestempelt."
Im Winter ''68 wurde Langhans das große Straßentheater zu anstrengend. Er wollte sich wieder mehr um sein Ego kümmern, er wollte sich noch mehr befreien, der Kampf gegen den Kleinbürger in sich selbst und den Kleinbürger im jeweils anderen war noch lange nicht abgeschlossen. Und in diesem langen Krieg war er zum Gefangenen seines eigenen Ruhms geworden.
Die neue radikale Reise nach innen sollte in neuen Räumen stattfinden, weshalb Langhans in Moabit für 800 Mark im Monat eine ehemalige Schreinerwerkstatt anmietete. Oben wurde ein Matratzenlager rund um einen Tisch gebildet, unten wurden die Fenster für einen weiteren Gemeinschaftsraum zugemauert. Die Nachbarn sollten nichts mitbekommen, wenn die Kommune mit LSD und psychedelischer Musik die Tages- und Nachtzeiten ebenso abschaffte wie die Druckmaschine und das Archiv, von dem keiner mehr etwas wissen wollte. Alles wurde nun miteinander geteilt, das Stöhnen auf den Matratzen ebenso wie der Mundgeruch und die miese Laune sowieso. Alles wurde diskutiert und auf Kommunenorm gebracht. Haschisch rauchen war revolutionär. Bier konterrevolutionär. Schwarzer Krauser revolutionär. Reyno konterrevolutionär.
Demonstrationen waren definitiv nicht mehr revolutionär. Denn allmählich ahnten sie, daß die Revolte vielleicht einem Haufen Lehrern, Journalisten und anderen Pädagogen später einmal helfen könne, Karriere zu machen, aber daß der Aufstand längst aufgehört hatte, mehr zu sein als eine Art Evangelischer Kirchentag mit Wasserwerfern. Wann immer sich noch politisch Aufgeregte in die Kommune verirrten und riefen, "Mensch, auf dem Ku''damm ist wieder was los, kommt mit", dann blieben die Kommunarden liegen. "Wir haben denen gesagt: Kommt Jungs, da hinten stehen noch ein paar rote Mao-Bibeln. Mit denen könnt ihr rumwerfen."
Auf den "Essener Songtagen" im Sommer hatte Rainer Langhans dann eine Erscheinung. Er schaute auf die Bühne und sah eine wunderschöne Frau, die ein Paar Rasseln schüttelte und einen LSD-Trip lutschte. "Sie sah aus wie ein Engel", erinnert er sich. "So etwas war mir noch nie begegnet. Ich meine, ich kam aus Berlin, da laufen alle im Kampfanzug rum." Der Engel hatte einen Namen: Uschi Obermaier, Fotomodell aus München, 21 Jahre alt.
In den Augen von Kunzelmann kam der Engel eher aus der Spießerhölle, und die Affäre, die Uschi Obermaier mit Langhans begann, war der Anfang vom Ende der Kommune. Was Richtern, Polizisten, Politikern und Zeitungsschreibern, den ganzen alten berechenbaren Autoritäten, nicht gelang, das schaffte ein Mädchen: Ihre völlig unreflektierte Lebenslust, ihr absolutes Desinteresse an allem Politischen - das war mehr, als die Kommunarden, allen voran Kunzelmann, verkraften konnten. Ihr Hedonismus machte aus dem Provokateur endgültig einen alten, häßlichen Spinner. "Der war am Ende völlig unerträglich", sagt Bommi Baumann. "Den ganzen Tag hat er nur noch rumgekräht mit dieser extremen Nervensägenstimme. Jeder sollte nur noch Schwarzer Krauser rauchen." Außerdem begann Kunzelmann, Heroin zu spritzen. Statt der Sprung auf den Wasserwerfer lieferte ihm jetzt der Drogenblitz den Rausch.
Der kränkelnde Patriarch zog in seine vorerst letzte Schlacht, und sein Gegner war diese Frau. "Du hast Coca-Cola eingekauft", hieß es, "und den Imperialisten das Geld in den Rachen geworfen." Oft machte er sich nicht einmal mehr die Mühe, seinen Haß zu begründen: "Du bist so blöd. Hau endlich ab."
Aber Uschi, von der Langhans sagte, sie sei das "tollste Körperprogramm" gewesen, das er je erlebt habe, blieb und lehnte die kunzelmannsche Weltordnung ab. "Der Unterschied zwischen Kapitalismus und Kommunismus ist mir scheißegal", sagte sie. Und wenn jemand auf die Idee kam, ihr den Tip zu geben, das alles einmal nachzulesen, gähnte sie nur mit ihrem bezaubernden Mund: "Buchstaben sind mir zu unattraktiv."
Ihre Arbeit bestand darin, schön zu sein. Wenn die anderen ihre Räusche ausschliefen, weil Kunzelmann wieder nächtelang auf Heroin deliriert hatte, was er alles mit welcher Bombe in die Luft sprengen wollte, stand Uschi auf und putzte sich im Badezimmer der Kommune - einem dreckigen Waschbecken ohne Spiegel, mit einem Wasserhahn, aus dem nur eiskaltes Wasser kam. Dann legte sie sich wieder neben ihren Rainer, für den sie gut aussehen wollte. "Mein Vater", sagt Uschi Obermaier, "hatte sich immer darüber beklagt, daß er mit schönen Frauen schlafen ging und neben bleichen, verschmierten Hexen erwachte; das hatte ich mir gut gemerkt."
Das genügte Langhans natürlich nicht, und er mußte aus seiner schönen Geliebten auch noch eine Zukunftstheorie formulieren: "Seht her", sagte Langhans, "sie ist gesund, anmutig und völlig eins mit sich selbst. Das ist der unentfremdete Mensch der Zukunft. Sie ist lebendige Politik." Und wenn Kunzelmann schimpfte, das sei der größte Mist, den er je gehört habe, fügte Langhans hinzu: "Die Revolution für eine Frau zu verraten ist immer gerechtfertigt."
Es lebte sich auch gut mit dem Verrat. Denn mittlerweile füllte die Instinktfrau die Kommunekasse im Alleingang mit ihren Fotomodell-Honoraren, die ihr Manager und Geliebter Langhans aushandelte. Unter 1000 Mark am Tag stand Uschi nicht mehr auf, wenn Rainer es so wollte. "Vor der Kommune war sie ein Mädchen mit einem schönen Busen", begründete Langhans die plötzliche Kostenexplosion. "Danach war sie das Mädchen. Die Kommune hat sie zum Star gemacht."
Während Kunzelmann den bewaffneten Kampf wollte, hatten sich Langhans und Obermaier längst mit dem Kapitalismus ausgesöhnt. Sie planten den Aufbau eines Popkonzerns, wollten Straßenkrieger als Stars vermarkten und dazu Popvideos drehen. Die Subversionsstrategien der sechziger Jahre waren für beide nur noch alter Quatsch, sie träumten vom genußvollen Gleiten am Rande des Kapitalismus - eine neue Boheme-Idee, die in New York zur gleichen Zeit Andy Warhol zu großem Wohlstand verhalf und später die hedonistisch-dekadenten siebziger Jahre prägen sollte. "Kommerzialisierung", schrieb Rainer Langhans über das neue künstliche Subkultur-Paradies, "ist die positive Bedingung einer neuen Gesellschaft. Popkultur ist die erstrebenswerteste Existenz auf Erden, da weitgehend von Repressionen befreit."
Im Sommer 1969 war es dann soweit. Rainer Langhans und ein paar Kommunarden nahmen Kunzelmann an Händen und Füßen und trugen ihn vor die Eisentür. "Unfaßbar, was der Mann anhatte, als wir ihn rauswarfen", sagt Baumann. Er trug eine lange Männerunterhose, freien Oberkörper, eine Frackjacke und dazu einen Schlips mit Paisley-Mustern."
Es war das Ende der Kommune. Langhans, Uschi Obermaier und ein paar namenlose Gestalten, von denen Baumann nur noch weiß, daß sie Felle trugen, auf Haufen saßen und trommelten, hielten noch ein paar Monate aus, und weil Langhans eben Langhans ist und nicht Andy Warhol oder Mick Jagger, blieb die Sache mit dem Popkonzern eine mühsam zusammengebogene Theorie ohne Bilder, ohne Mode, ohne Musik - eben eine Idee, die nicht wirklich poppte. Die 35 Monate Ruhm liefen für Langhans ab.
Die Arbeit der Kommune war sowieso getan. Wie im Zeitraffer hatte sie zwei Jahrzehnte deutschen Zeitgeist - vom politischen Aufbruch direkt in die Psychogruppe - gelebt und in rasantem Tempo das Dasein jenseits der bürgerlichen Kleinfamilie vorgeführt. Nur im Grunde ging es zu wie überall: Wer hat die Macht, und wer muß abends den Müll heruntertragen?
Wahrscheinlich ist auch daran, wie an allem, die Gesellschaft schuld. "Kommunarden", sagt die Veteranin Dagmar von Doetinchem de Rande, "verhalten sich oft wie der Angeklagte, der seine Mutter und seinen Vater umgebracht hat und im Gerichtssaal aufsteht und sagt: ‚Ich möchte das Gericht zu meiner Verteidigung darauf hinweisen, daß ich Vollwaise bin.''"
Am Ende hat die Kommune sogar den Kapitalismus modernisiert: Ein "unmögliches Möbelhaus aus Schweden" hatte es danach leicht mit dem Verkauf von Fichtenholzwohnzimmern, und eine Generation von Kindern moderner Eltern hatte es schwer, weil Papa auszog und wieder einzog und wieder auszog und sie dazu Sauerkrautsaft trinken mußten und die "offene Beziehung" schon im Kinderladen diskutiert wurde. Viele Leser von Stadtzeitschriften halten diese Art des Aufwachsens bis heute für das Nonplusultra.
Das Abrißunternehmen der Urkommune, der K 1, kam an einem Novembermorgen in Form von Rudi, Krawallo und Huka - drei Rockern aus dem Märkischen Viertel. Langhans hatte sie Wochen zuvor angesprochen, in der Hoffnung, sie könnten ihm ein paar der zerlumpten Gestalten vom Hals schaffen, aber das interessierte die Rocker jetzt nicht mehr, denn sie waren der Meinung, der STERN habe Obermaier und Langhans 50 000 Mark für eine Titelgeschichte über die Kommune gezahlt.
"Wir holen unseren Teil von den Kohlen ab", sagte der Anführer Rudi. "20 Riesen sind für uns." Als Langhans anfing zu erklären, sie hätten insgesamt nur 20 000 Mark bekommen, rissen die zwei anderen die Matratzen hoch, zerfetzten die Decken und trampelten auf den Schallplatten herum. Es kam zur Schlägerei, bei der sich Langhans ein blaues Auge einfing. Als sich die Nachricht herumsprach, freuten sich die linksradikalen Kampfgenossen von einst: "Jetzt haun se ab."
Langhans und Obermaier fanden eine Nacht Asyl bei Hans Magnus Enzensberger. Am nächsten Tag trug Langhans eine Sonnenbrille und flog mit Uschi im Pan-Am-Jet Nummer 741 nach München, wo er bis heute seine Suche nach dem weiblichen Prinzip fortsetzt.
Uschi Obermaier sagt: "Wir müssen den Rockern dankbar sein. Unsere Fabrik war immer mehr zu einer Pennerherberge geworden." Sie heiratete später den Rocker Dieter Bockhorn und wohnt heute verwitwet als Schmuckdesignerin in Los Angeles.
Beide, Langhans und Obermaier, haben zu Kunzelmann keinen Kontakt mehr. Nach Jahren im Untergrund war Kunzelmann für kurze Zeit AL-Abgeordneter. Anfang des Jahres wurde er zu sechs Monaten Haft verurteilt, weil er auf dem Kopf von Berlins Bürgermeister Eberhard Diepgen ein Ei zerschlagen hatte mit den Worten "Frohe Ostern, du Weihnachtsmann".
* Links: Langhans, Obermaier. * 1967 im Sarg anläßlich einer Gedenkfeier für den ehemaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe in Berlin. * Pressekonferenz zu Teufels Entlassung im Republikanischen Club 1967. Das Bild von Michael Ruetz ist dem Buch "1968" entnommen, das im November 1997 bei 2001 erscheint. * Am Flughafen Berlin-Tempelhof im November 1969 vor ihrem Flug nach München mit Adelheid Schuster-Opfermann (l.).
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 27/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die Tage der Kommune

  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik