30.06.1997

USAInvasion der Puppen

Die US-Luftwaffe hat die Wahrheit über die berühmteste Ufo-Legende der Welt herausgerückt - doch viele wollen sich ihren Glauben an Außerirdische nicht nehmen lassen.
Der Tag, der den Leichenbestatter Glenn Dennis berühmt machen sollte, fing gut an - wenigstens aus geschäftlicher Sicht. Ein Offizier des Luftwaffen-Stützpunkts bei Roswell im Bundesstaat New Mexico rief an. Der Mann, so Dennis, habe sich erkundigt, ob er mehrere Särge vorrätig habe, in Kindergröße.
Als Dennis wenig später an jenem Juli-Tag vor 50 Jahren ins Armeekrankenhaus kam, sah alles nach einem guten Auftrag aus: Vor der Tür standen drei Krankentransporter, Militärpolizisten bewachten merkwürdige Wrackteile.
Doch dann ließ ein Offizier den Bestatter plötzlich hinauswerfen, nicht ohne ihn anzuraunzen: "Sie haben gar nichts gesehen. Es hat hier keinen Unfall gegeben. Und Sie gehen jetzt nicht in die Stadt und verbreiten Gerüchte, sonst können Sie eine Menge Ärger bekommen."
Zivilist Dennis mißachtete den Befehl. Am nächsten Tag rief er eine Freundin an, die als Krankenschwester auf dem Stützpunkt arbeitete. Und die erzählte ihm, die Mediziner hätten dort bei höllischem Gestank seltsame kleine Körper seziert, "schwarz" seien sie gewesen und "sehr übel zugerichtet".
Mit seiner Geschichte dient Dennis den Ufo-Freaks in aller Welt als einer der Hauptzeugen für den berühmtesten Fall einer angeblichen Landung Außerirdischer auf dem Planeten Erde. Die Gläubigen sind davon überzeugt, daß im Frühsommer 1947 bei Roswell ein Raumschiff abgestürzt sei; die Militärs hätten die Leichen geborgen, die Regierung vertusche seitdem alles.
"Wie sollen wir denn eine solche Verschwörung hinkriegen, wo wir noch nicht einmal einfache Geheimnisse bewahren können?" spottete am Dienstag vergangener Woche Oberst John Haynes. Rechtzeitig zum Jubiläum legte er jetzt eine detaillierte Untersuchung der US-Luftwaffe vor. Für alle mysteriösen Erscheinungen in der Wüste von New Mexico gibt es danach vernünftige Erklärungen. Titel der Studie: "Der Roswell-Report: Fall erledigt."
Zwei Jahre lang haben Experten dafür die Pentagon-Akten durchforstet. In sorgfältiger Kleinarbeit trugen sie 231 Seiten mit Dokumenten und Fotos zu ehemaligen Forschungsprojekten der Air Force zusammen - "die endgültigen Worte über den Roswell-Zwischenfall", beteuert Haynes.
Da täuscht er sich, die Fan-Gemeinde der Außerirdischen läßt sich durch Fakten nicht beirren. "Ich denke, die Luftwaffe verzweifelt jetzt wirklich", sagt unbeeindruckt der Physiker Stanton Friedman, Guru der amerikanischen Ufo-Gläubigen: "Wie viele Lügen müssen wir uns noch anhören?" Nach der jüngsten Umfrage des Nachrichtensenders CNN glauben 80 Prozent der befragten Amerikaner, daß die Regierung Wissen über Außerirdische geheimhalte.
Das Mißtrauen hat die Luftwaffe selbst geschürt. Denn am 8. Juli 1947 verkündete Walter Haut, damals Presseoffizier des Stützpunkts Roswell, man habe tatsächlich ein echtes Ufo gefunden. Die heiße Nachricht lief um die Welt.
Stunden später mußten die Militärs kleinlaut widerrufen - allein, es war zu spät. Die nachgeschobene Erklärung, es habe sich nur um einen Wetterballon gehandelt, dessen Teile ein Farmer entdeckt habe, mochte kaum jemand glauben.
Im Laufe der Jahre tauchten dann mehr und mehr angebliche Zeugen auf, und die Ufo-Geschichte wurde immer bunter. Zu bunt, befand die Luftwaffe schließlich und legte 1994 einen ersten Roswell-Bericht vor. Danach war der Wetterballon in Wahrheit ein Spionageballon - Teil des damals hochgeheimen "Projekts Mogul". Er hatte Instrumente an Bord, um sowjetische Atomtests aufzuspüren.
Nur, der Ballon war unbemannt, woher kamen also die Aliens? Ganz einfach, so die Militärs jetzt, die Zeugen hätten rund um Roswell wohl wirklich so allerhand gesehen - doch in der Erinnerung seien ihnen Beobachtungen und Zeiträume durcheinandergeraten. Im kollektiven Anekdoten-Gedächtnis der Ufotiker seien höchst unterschiedliche Wahrnehmungen schließlich in einer Art "Zeit-Kompression" (Haynes) zu einem einzigen Ereignis verschmolzen - eben der Roswell-Legende.
So könnten die kleinen schwarzen Außerirdischen, von denen Leichenbestatter Dennis gehört hatte, nur die Opfer eines Unfalls aus dem Jahr 1956 gewesen sein. Ein Tankflugzeug sei damals explodiert, die elf Besatzungsmitglieder starben in einem Feuerball und mußten auf dem Stützpunkt identifiziert werden: "Das Autopsieprotokoll beschreibt massive Verbrennungen und den Verlust der unteren Extremitäten" - was die geringe Größe der vermeintlichen Aliens erklären würde.
Einige der Roswellianer behaupten, ausgewachsene Außerirdische gesehen zu haben: "Gutaussehende Leute mit aschfarbenen Gesichtern, etwa 1,70 Meter groß, kleine Ohren, kleine Nasen und ohne Haare", erinnert sich Frank Kaufman, 81, damals Zivilangestellter der Armee.
Derartige Beschreibungen, so der Roswell-Report jetzt, seien nicht unbedingt Hirngespinste. Zwischen 1953 und 1959 habe die Luftwaffe mit riesigen Spezialballons rund 250mal Plastikpuppen in die Stratosphäre transportiert, um sie dann in 30 Kilometern Höhe in Richtung Wüste abzuwerfen. Mit der Invasion der Dummies wollte das Militär Fallschirme für Piloten hochfliegender Düsenjäger ausprobieren. "Die Puppen wurden dort überall hinuntergeschmissen", sagt Haynes.
"Die einzigen Dummies in dieser Sache wären wir, würden wir auch nur ein Wort davon glauben", meint dagegen Dennis Balthasar, Mitglied des sogenannten Ufo-Netzwerks Mufon. Hartnäckige Zweifler wie er bestehen darauf, daß sich die Zeugen nicht in der Zeit geirrt haben. Sie verweisen darauf, daß zumindest ein Außerirdischer bei Roswell auch gehend gesehen worden sein soll, was gegen die Puppen-Theorie spreche. Den Einwand kann die Luftwaffe leicht entkräften: Der vermeintliche Außerirdische habe Dan Fulgham geheißen und sei Hauptmann von Beruf gewesen.
1959 habe es nämlich auch einen Ballon-Versuch mit Menschen gegeben. Dabei sei leider etwas schiefgegangen. Fulghams Kopf sei derart angeschwollen, daß die Augen nur noch aus Schlitzen in einem grotesk aufgeblasenen Gesicht schauten und die Stirn bandagiert werden mußte. Der Offizier wurde von einer Eskorte ins Krankenhaus gebracht - wobei er möglicherweise Farmer erschreckt haben könnte.
Selbst Fotos und Filme von angeblichen fliegenden Untertassen präsentiert die Luftwaffe im neuen Report. Denn mit ihren Spezialballons leisteten die Militärs in den sechziger und siebziger Jahren rund um Roswell der Raumfahrtagentur Nasa Amtshilfe. Hoch über den Wolken warfen sie Ufo-ähnliche Prototypen von Weltraumkapseln wie dem Marslander "Viking" ab, woraufhin die schon mal hilflos zischelnd auf die Erde taumelten.
Daß die Luftwaffe ausgerechnet jetzt mit ihrem schnöden Bericht herausrückte, macht sie zum potentiellen Spielverderber. Denn in dieser Woche soll in Roswell zum 50. Jahrestag des angeblichen Absturzes das Woodstock der Ufologen steigen. 100 000 Menschen haben sich zu Vorträgen und Ufo-Seifenkistenrennen angesagt, kündigen die Veranstalter an, die auch Alien-Nachbildungen im lokalen Museum präsentieren.
Die meisten Ufo-Pilger, glauben Experten, werden sich von den neuen Behauptungen der Air Force nicht bekehren lassen. Roswell "ist für viele eine Religion geworden", meint der ehemalige Luftwaffen-Oberst Richard Weaver, Autor des ersten Roswell-Reports, "und eine Religion wird alles überstehen".
* 1972 auf dem Raketen-Versuchsgelände White Sands.
Von Höges und

DER SPIEGEL 27/1997
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