30.06.1997

ZEITGESCHICHTEHarter Staat, Schleyers Not

Das RAF- und Mogadischu-Drama „Todesspiel“ hat die Deutschen beunruhigt. Von Klaus Bölling
Bölling, 68, lebt in Berlin und war zur Zeit der Schleyer-Entführung (1977) Sprecher der Regierung Schmidt.
Vielleicht hat Heinrich Breloer seinem Film über den "deutschen Herbst" auch deshalb einen so knalligen Titel gegeben, weil er weiß, daß die fernsehenden Deutschen ohne einen voyeuristischen Kitzel schwer am Bildschirm zu halten sind. Darum also "Todesspiel". Das hat mir anfangs eher mißfallen, denn die melodramatische Überschrift zu seinem "Zweiteiler" könnte suggerieren, daß wir, nämlich die Akteure auf der Seite des Staates, vom Bundeskanzler Schmidt bis herunter zum Regierungssprecher, mit dem Leben von Hanns Martin Schleyer gespielt haben, eine Partie Roulette, bei der man auf Schwarz setzt und Haltung bewahrt, wenn Rouge gewinnt.
Die im kleinen und im großen Krisenstab handelnden, zeitweilig aber nur theoretisierenden und debattierenden Personen reagieren auch 20 Jahre nach der Schleyer-Krise noch sehr empfindlich. Nicht nur Helmut Schmidt, den Breloer als Oberleutnant des Zweiten Weltkriegs apostrophiert. Der atmet schwer und pausiert eine kleine Ewigkeit, ehe er den unsichtbaren, gleichsam aus dem Hinterhalt fragenden Breloer zurechtweist. Staatsräson, sagt Helmut Schmidt, das sei nun gewiß das falsche Wort, um die Motivlage der Regierenden zu beschreiben. Wirklich?
In bald einem Dutzend Radiointerviews bin ich während der letzten Tage gefragt worden, ob wir damals den Tod des Arbeitgeberpräsidenten insgeheim nicht doch in Kauf genommen hätten oder, kaltschnäuzig geredet, ob für die Verantwortlichen der Mann im "Volksgefängnis" der RAF "zur Disposition" gestanden habe.
Da wäre Breloers Titel ja treffend. Denn erst in seinem Film wird der Passionsweg des Hanns Martin Schleyer so realistisch, wenn auch vielleicht nicht ganz und gar authentisch nachgezeichnet. Nicht ganz authentisch, weil sich der Autor wesentlich auf die Schilderungen des Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock verlassen mußte.
Authentisch jedenfalls ist, daß Schleyers seelische Qualen durch die in vielen Büchern über den Terrorismus beschriebene "Chemie" zwischen der Geisel und seinen Bewachern kaum gelindert worden sind. So werden viele unter den fünf Millionen Zuschauern die verzweifelte Lage Schleyers auf sich selber projiziert und gedacht haben, daß ein humaner Staat, um das Ziel zu erreichen, die Geisel lebend zu befreien, das andere Ziel, die Gefangenen in Stuttgart-Stammheim nicht freizulassen, hätte preisgeben sollen.
Schon gar nach der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut", wo es um das Leben von 91 Geiseln ging, als auch Schleyers Ehefrau neue Hoffnung faßte. Es war ja noch nicht vergessen, daß der Staat den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz aus seinem "Volksgefängnis" erlöst und eine Gruppe von Terroristen hatte entweichen lassen. Gegen den Willen des damaligen Kanzlers, der den eindringlichen Plädoyers des CDU-Parteivorsitzenden Helmut Kohl und des damaligen Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz für die Rettung des beiden Männern befreundeten Lorenz nach langem Widerstreben nachgegeben hatte. Warum also diesmal die Unerbittlichkeit der Staatsautorität?
Nun haben, wie ich zu wissen meine, sehr viele Zuschauer die Antworten von Schmidt als ehrlich und auch bewegend empfunden. Jedenfalls zeigte sich Helmut Schmidt, der sich so manches Mal selber als Staatsschauspieler ironisierte, durchaus nicht hartherzig und ließ Breloers Millionenpublikum spüren, daß ihn das Geschehen vor 20 Jahren auch heute noch belastet. Wie denn auch nicht?
Also doch ein Sieg der Staatsräson über die "compassion", wie Willy Brandt die demokratische Regierungen und die Regierenden zierende Politik angewandter Menschlichkeit beschrieben hatte? Da will ich mich, ganz unautorisiert, noch einmal zum Interpreten des zweiten SPD-Kanzlers machen. Schmidt, der seit der Hamburger Flutkatastrophe in dem Ruf stand, seine Lieblingslosung heiße "Alles hört auf mein Kommando", ist ein grimmer Feind allen wilhelminischen Gehabes. Er hat die Abscheu vor deutschem Protzentum oft genug zu Protokoll gegeben. Die seit langen Jahren modische Verehrung kleiner intellektueller Zirkel für den Staatsrechtler Carl Schmitt und andere heimliche Bewunderer des starken, in Wahrheit doch des totalen Staates ist dem Hamburger stets suspekt gewesen.
Aus Breloers Film wird vielen Zuschauern haften bleiben, daß der Autor darauf hinweist, daß im "Großen Krisenstab" mindestens vier Männer am Beratungstisch saßen, die Offiziere der Wehrmacht gewesen sind: die Oberleutnants Schmidt und Strauß, der Leutnant Zimmermann und "das Hirn" der Rasterfahndung, Horst Herold. Kann es nicht sein, daß diese wichtigsten Figuren, obwohl sie der Rote Armee Fraktion die von deren Aktivisten reklamierte Qualität einer "kriegführenden Partei" absprachen, selber in militärischen Kategorien dachten, harte Männer mit Fronterfahrung, die jedes Nachgeben als Feigheit empfunden hätten?
Einer aus dem "Großen Krisenstab", ein Zivilist, hat sich von Breloer nicht überreden lassen, vor die Kamera zu treten. Man wird ihm nicht vorhalten können, daß er sich gedrückt hat. Helmut Kohl, wenngleich Sensibilität nicht zu den besonders auffälligen seiner Eigenschaften gehört, wird, so will ich mutmaßen, auf andere Weise als Schmidt mit dem Thema des "deutschen Herbstes" immer wieder beschäftigt, vielleicht auch okkupiert geblieben sein.
Nur er hatte eine engere menschliche Beziehung zu Schleyer, nannte ihn, damals und später, einen guten Freund. Also hat er, da fühle ich mich sicher, während der Beratungen im Kanzleramt kaum andere Empfindungen verspürt als zwei Jahre vorher nach der Entführung von Lorenz.
Es ist ja auch so gewesen, wie Breloer es nur andeutet, daß Schleyer, ausweislich seines von Eberhard von Brauchitsch weitergeleiteten Tonband-Briefes an Helmut Kohl, den von ihm als verläßlichen Freund eingeschätzten Oppositionsführer als den einzigen einflußreichen Anwalt für seine Freilassung gesehen hat. Schleyer sagt in diesem Brief, daß er nicht bereit sei, "lautlos aus diesem Leben abzutreten, um die Fehler der Regierung, der sie tragenden Parteien und die Unzulänglichkeit des von ihnen hochgejubelten BKA-Chefs zu decken". Er schließt mit der Wendung: "In alter und vertrauensvoller Verbundenheit".
Es ist verständlich, daß der heutige Kanzler einen ihn ganz sicher immer noch schwer belastenden Gewissenskonflikt nicht vor einem großen Publikum ausbreiten mochte. Man kann es, auch wenn man die Motive für die Verweigerung Kohls würdigt, bedauerlich finden, daß dessen Rolle in Breloers Film ausgespart bleibt. Deshalb nämlich, weil ja auch er die Strategie des kriegserfahrenen Regierungschefs für zwingend gehalten hat. Es muß Kohl, vermute ich, auch nach 20 Jahren noch die Frage umtreiben, warum er sich bei Lorenz dem Kanzler Schmidt in den Weg gestellt, aber bei Schleyer nicht ein Veto gegen die harte Linie eingelegt hat.
Mir ist von Zuschauern vorgehalten worden, ich hätte in dem Film von meinen Zweifeln gesprochen, ob wir das Leben von Schleyer riskieren dürften. Damit habe ich nicht eine besondere, anderen überlegene Empfindsamkeit vorzeigen wollen. Solche Skrupel haben Schmidt und andere, gerade auch Kohl, immer wieder gedrückt.
Warum haben so viele Zuschauer schon nach dem ersten Teil des Films, erst recht nach dem zweiten, berichtet, sie hätten eine schlechte Nacht verbracht oder hätten noch lange im Freundes- oder Familienkreis über Breloers Stück heftig geredet? Vermutlich doch deshalb, weil sie eben diese Frage erregt hat, ob der Staat, wie es Schmidt damals als Ziel der Regierung niedergeschrieben hat, hart bleiben müsse, um nicht seine "Handlungsfähigkeit und das Vertrauen in ihn im In- und Ausland zu gefährden". War das, jenseits aller präventionspolitischen Überlegungen, eine hinlängliche moralische Rechtfertigung?
Breloer hat sein Publikum so geführt, daß wohl die große Mehrheit von der Richtigkeit des Handelns der Regierung überzeugt wurde. Aus dem Kreis der seine große Könnerschaft respektierenden Freunde hat er, wenngleich milde, die Frage hören müssen, ob sein "Todesspiel" nicht etwas zu "staatserhaltend" geraten sei. Das kann ich nicht finden. Es ist wahr, sein Film wird über weite Passagen von Schmidt dominiert. Dem aber werden auch solche Zuschauer, die ihn nicht leiden mögen, schwer absprechen können, daß seine Auskünfte an Breloer nicht die eines schneidigen Troupiers sind.
Schmidt hat damals auch beweisen wollen, daß Sozialdemokraten nicht anders und nicht schlechter als die Konservativen fähig sind, den Staat gegen seine erklärten und unversöhnlichen Feinde zu verteidigen. Vielleicht haben wir in jenen schwer lastenden Tagen dazu geneigt, die RAF zu dämonisieren. Breloer hat sie in seinem Film entdämonisiert und die schießwütigen Täter der "zweiten Generation" jeder Revolutionsromantik entkleidet. Silke Maier-Witt, die RAF-"Aussteigerin", hörte man im "Todesspiel" sagen, was die Immer-noch-Sympathisanten der RAF zornig stimmen wird: Die Ideologie, die geistige Ausrüstung der RAF-Mitglieder in der Nachfolge von Ulrike Meinhof war erschreckend einfältig und platt.
Der Film hat einige Millionen Deutsche beunruhigt, heftig sogar. Das mitdenkende Publikum hat verstanden, daß, wie in der attischen Tragödie, die handelnden Personen - dazu verpflichtet, die Gemeinschaft aller Bürger vor dem "rationalen Mordtrieb" (der Historiker Joseph Rovan) einer terroristischen Vereinigung zu schützen - auf ihre Weise in die Schuld verstrickt sind.
Es war eben eine Art Krieg, nicht grundsätzlich verschieden vom "rationalen Mordtrieb", der die IRA oder die ETA, die Hisb Allah oder die algerischen Fundamentalisten beherrscht. Mag wohl sein, daß sich die Gefangenen in Stammheim, hätte die Bundesregierung sie freigelassen, neuer terroristischer Aktivitäten enthalten hätten. Das wäre noch lange nicht das Ende des "bewaffneten Kampfes" der RAF gewesen. Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe konnten der "zweiten Generation" nicht Weisungen geben.
Die jüngeren Genossen waren auch nach dem Selbstmord der drei nicht zum Innehalten, geschweige denn zur Umkehr bereit. Die Blutspur der RAF endete ja nicht mit dem Mord an Schleyer. Erst im November 1992 ließ die RAF in einer Erklärung des Terroristen Karl-Heinz Dellwo wissen: "Keiner von uns wird nach seiner Freilassung zum bewaffneten Kampf zurückkehren." Daran muß erinnert werden, weil Breloers jüngere Zuschauer vielleicht glauben, das Ende des Films markiere auch das Ende des RAF-Terrorismus. Mehr als ein Jahrzehnt mußte vergehen, ehe die RAF-Frau Silke Maier-Witt, die im Film so bieder, fast gutherzig erscheint, öffentlich äußerte: "Durch Unmenschlichkeit ist Menschlichkeit nicht zu erreichen. Aus meiner heutigen Sicht ist und war es nicht zu rechtfertigen, daß sich die Gruppe anmaßte, über Leben und Tod zu entscheiden." Das hätte sie Breloer ruhig noch einmal ins Mikrofon sagen sollen.
* Klaus Bölling, Bundeskanzler Helmut Schmidt, Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski.
Von Klaus Bölling

DER SPIEGEL 27/1997
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